31. Dezember (Altjahrabend)

Gedenke alles des Weges, durch den dich der Herr, dein Gott, geleitet hat diese Jahre in der Wüste, auf daß er dich demütigte und versuchte, daß kund würde, was in deinem Herzen wäre. 

(5. Mose 8, 2)

Auf dem leisen Fittich der eilenden Zeit sind wir alle bis zu diesem letzten Tag im Jahr getragen; unvermerkt glitt die Zeit dahin, und eben so unvermerkt gleiten wir dem letzten Augenblick unseres Lebens entgegen; alle sind wir ein ganzes Jahr älter, alle haben wir ein ganzes Jahr weniger zu leben. Christus ist derselbe, das ist sein Ruhm. Seid ihr zwar älter, aber sonst noch dieselben wie ehedem, so ist das eure Schande und Unglück. Wahrlich, wahrlich, es sei denn, dass Jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nichts gilt vor Gott als eine neue Kreatur. Richtet euch danach! Machet euch ein neues Herz und einen neuen Geist, wenn ihr das könnet, und ihr meint ja, ihr könnet es! Sonst sehet zu, daß ihr’s von Christo geschenkt bekommt. Er ist noch derselbe, der schon so Vielen ein neues Herz gegeben hat. Wollet ihr aber nicht zu ihm kommen, so werdet ihr sterben.

Das Jahr ist beinahe dahin. Wie steht’s um euch, die ihr glaubet, ihr seid wahre Christen? Seid ihr in der Zeit gewachsen? Aber nicht nur im Reich der Natur, sondern auch im Reich der Gnade? Oder seid ihr noch eben so verworren in euern Begriffen, eben so ungewiß in euern Tritten und strauchelnd mit euren Füßen, eben so unstet in euerm Glauben und so geteilt zwischen Christo und euch selbst und andern Dingen, wie sonst, so ist das schimpflich, daß ihr so lange jungen Kindern gleicht. Werdet fest, ihr Wankelmütigen (Jak. 4,8), und tut feste Tritte mit euern Füßen; höret auf, Gefallen an euch selbst zu haben, euch selbst zu rechtfertigen, und wisset, daß in Christo ein rechtschaffenes Wesen ist.
Gott ist es, der uns befestiget in Christo, und der Mann wird nicht ruhen, bis er sein Werk vollendet hat. Wohl Allen, die ihm trauen!

Ihr Tage, fliegt, ach, fliegt nur immer fort,
Ich halt‘ euch nicht, verdoppelt euer Eilen,
Mich lüstet nicht, in Mesech zu verweilen,
Nur bald von hier, und dann geschwinde dort.

Wehe mir, dass ich mich in Mesech aufhalte, daß ich wohne bei den Zelten Kedars!  (Psalm 120, 5)

Aus: Tägliches Manna für Pilger durch die Wüste. Schatzkästlein aus Gottfried Daniel Krummachers Predigten. Neu herausgegeben von J. Haarbeck, Pastor in Elberfeld, im November 1899 (Verlag der Buchhandlung des Erziehungsvereins, Neukirchen, Kreis Mörs)