Das kirchliche Leben Berlins vor hundert Jahren

Es war um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine Zeit gekommen, wie  G o e t h e  sie treffend geschildert hat, wo der halbwegs Gebildete, weil er sich in seinem eigenen Kreise ein Urteil zutrauen konnte, sich nun auch für berechtigt hielt, seinen gesunden Menschenverstand an alle Gebiete des Wissens und des Lebens zu legen. Der englische und französische Deismus hatten diese Zeit angebahnt. Deutsche Professoren, wie Semler und Michaelis, hatten auf dem Gebiete der neu- und der alttestamentlichen Schriftauslegung ihre Hand dazu geboten.  E d e l m a n n,  welcher im Jahre 1767 hier in Berlin starb, hatte die Vernunft als die einzige Regel der Wahrheit erklärt. Der berüchtigte Dr. Bahrdt hatte durch seine leichtfertigen Schriften, die wegen ihrer gewandten und einschmeichelnden Darstellungsweise in das Volk drangen, die Heilslehren der christlichen Kirche in frivoler Weise angegriffen und verspottet. Die sogenannten Wolfenbüttler Fragmente, welche Lessing in den Jahren 1774-78 herausgab, hatten Christum zwar als einen Heroen der Vernunft gepriesen, die Apostel aber als Männer von menschlichen Irrtümern und Absichten dargestellt, die nach ihres Meisters Tode zu dessen Verehrung und Vergötterung ein Glaubenssystem erdachten und aufrichteten, welches ganz nach den jüdischen Meinungen von ihrem Messias eingerichtet war. Und durch seinen „Nathan der Weise“ hatte derselbe  L e s s i n g,  dessen hundertjährigen Todestag wir am 15. Februar 1881 feierten, „den Theologen“, wie er selbst an seinen Bruder schreibt, „einen ärgeren Possen spielen wollen, als mit zehn Fragmenten“, und den Aufklärern einen wohlfeilen Triumph bereitet.

Aber nicht bloß durch Schriften, sondern auch durch geheime* Verbindungen suchte man dem Zeitgeiste Bahn zu machen. Der Professor Weishaupt in Ingolstadt gründete 1776 den sogenannten Illuminaten-Orden, dessen ausgesprochener Zweck es war, eine Religion der Vernunft herzustellen und das positive Christentum zu verdrängen. Dieser Orden gewann Männer von bedeutendem Range und Ansehen für seine Verbindung, und zählte zur Zeit seiner Blüte mehr als 2000 Mitglieder. Dr. Bahrdt, unseligen Andenkens, stiftete die sogenannte Deutsche Union mit den selben Zwecken und Grundsätzen. Mit Ausnahme der Fürsten, welche man für das neue Licht, das in dieser Gesellschaft der Welt aufgegangen war, noch nicht für empfänglich hielt, sollten alle Klassen und Stände der Menschen darin Aufnahme finden, vor allen aber die Günstlinge der Fürsten und die Postmeister.

Durch alle diese und ähnliche Bestrebungen, die hier nicht näher geschildert werden können, war dem Unglauben und Halbglauben der Boden bereitet. Der Glaube an die biblischen Heilswahrheiten fing in den weitesten Kreisen zu wanken an. Aufklärung oder, wie es in den Edikten des Kaisers Joseph II. und in einzelnen Erlassen des preußischen Staatsministers von Zedlig hieß: „Aufheiterung“, wurde die allgemeine Losung des Zeitalters. Unsere Stadt Berlin aber wurde so recht der Herd derselben. Und die Regierung Friedrichs des Großen hat sehr viel dazu beigetragen, daß diese Aufklärung ganz besonders in dieser unserer Stadt ihre Triumphe feierte.

[….]

* (lat.: occultus)

Quelle:

Berliner Bilder aus alter und neuer Zeit. Sieben Vorträge von W. Biethe, Prediger an der Parochialkirche zu Berlin. Hauptverein für christliche Erbauungsschriften, Klosterstraße 67, Berlin 1886. (S. 119f., Digitalisat)


Eingestellt am 7. Juli 2024