Johannes 14, 23

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.

Der Apostel Judas (nicht der Iskariot) fragte den Heiland: Herr, was ist es, was ist denn geschehen, was ist denn vorgefallen – daß du dich uns willst offenbaren und nicht der Welt? Der Heiland antwortete ihm: Wer mich liebet, dem werde ich mich offenbaren, dem wird sich auch mein Vater offenbaren, in dem werden wir beide Wohnung machen. Deswegen, will er sagen, geschiehet es, deswegen offenbare ich mich euch, weil ihr mich liebet; die Welt aber liebet mich nicht, sie hasset mich vielmehr und verachtet mein Wort – darum offenbare ich mich ihr auch nicht; die Welt liebet nur das Ihre, von mir will sie wenig oder nichts.

Der Herr will kein geteiltes Herz von uns, er will ein ganzes Herz; er will ein Herz, das alles andere für Kot und Schaden achtet, um ihn zu erlangen; er will ein Herz, dessen ganzes Sehnen und Streben dahin geht, in ihm erfunden zu werden, das der Welt und ihrer vergänglichen Lust den Abschied gegeben hat; er will Leute, welchen es Ernst ist mit ihm; solchen allein kann, solchen allein will, solchen allein wird er sich offenbaren. Saget selbst, liebe Mitchristen, kann denn der Herr Jesus bei einer Seele einkehren, die angefüllt ist und ihre Lust hat an Dingen, die ihm ein Greuel sind? Wo die Augenlust, die Fleischeslust, das hoffärtige Wesen herrscht, kann da Derjenige, welcher diese unsere sündlichen Lüste durch Schmerzen ohne Zahl und mit der Vergießung seines Blutes gebüßet hat, sein Werk haben? O, das kann er nicht; Er, der uns verboten hat, unsere Perlen vor die Schweine zu werfen, wird die seinigen ihnen nicht selber preisgeben; das wird nimmermehr geschehen. Wer die Werke der Finsternis liebt und ausübt, wie kann bei dem der, welcher das Licht selber ist, Wohnung machen? Wer seinen Bruder hasset, wie kann bei dem der, welcher die Liebe ist, einkehren? Wessen Aug’ voll Ehebruchs ist, sollte sich diesem der Heilige offenbaren können? Wo Heuchelei und Falschheit und Schalkheit im Herzen wohnt, da kann der Geist der Wahrheit nicht zugleich wohnen. Und das braucht nicht so grob zuzugehen: Denn es gibt auch eine feine Weltliebe. O, es kommt zuletzt auf eines hinaus, ob wir mit einem Faden oder mit einer eisernen Kette an die Welt angebunden sind: Denn wer seine Kette zerreißen lassen will, dem wird sie zerrissen, und wer das Band des Fadens beibehalten will, der bleibt eben gebunden, ja, der Faden kann zuletzt zu einer unzerreißlichen Kette werden. Lasset uns doch den Herrn bitten, daß er uns von allem, allem ganz losmache, nicht also, daß wir aus der Welt hinausgingen, sondern daß unser Herz durch keines, auch nicht das geringste Band mit der Welt und ihrer Lust mehr zusammenhänge und dem Heilande, der sich ganz für uns aufgeopfert hat, auch ganz zum Opfer und Eigentum werde!

Entbinde mich, mein Gott, von allen meinen Banden,
und was mich noch subtil im Fleisch gefangen hält!
Ist das nicht schon genug, wenn eines nur vorhanden,
das mich noch binden kann in dieser Sündenwelt?
Soll ich gebunden sein, so binde deine Treu,
mein armes Herz, auf daß ich dein Gebund’ner sei!

(Ludwig Hofacker)

Nehmt alles zusammen, den ganzen Reichtum eures Verlangens, die ganze Ernstlichkeit eures Opfers, die ganze Wirklichkeit eures Lebens und sprecht: Bleibe bei mir! Alles, was in dieses Gebet gelegt ist, ist dem Vater im Himmel angenehm und erhört. Wo er merkt, daß er einer Seele etwas wert geworden ist, da kehrt er ein und mit ihm sein Sohn und all die Seinen, die er heimgebracht hat. Wenn du mit gutem Gewissen sagen kannst, Himmel und Erde sind mir nichts, aber du bist mir ein Etwas, dann bleibt er. Sobald ihr am Morgen sagt: Du bist mir das Größte meines Lebens, und am Abend: Du bist mir das Bleibende im Enteilen, sobald kommt er zu euch.

(Hermann Bezzel)