Was ist evangelisch? – Erste Predigt

von Gottfried Daniel Krummacher

Am vorigen Mittwoch Abend wurde es jährig, als vor 310 Jahren, jener tief gedemütigte, noch schüchterne und furchtsame Augustinermönch Martin Luther, Doktor und Professor der Theologie in Wittenberg, jene berühmten 95 Thesen oder Sätze an die Türe der dortigen Schloßkirche befestigte, die eine Wirkung nach sich zogen, die damals und noch jetzt niemand zu berechnen imstande ist.

Der erste dieser Sätze lautete so: Wenn unser Meister und Herr Jesus Christus spricht: Tut Buße, so will er, daß unser ganzes Leben auf Erden eine beständige Buße sein soll, und in mehreren anderen wurde gefragt, ob und inwiefern der Papst die Menschen davon entbinden könne? Luther behauptete in diesen Sätzen noch nichts, denn er war selbst ungewiß, er wußte es selbst nicht. Aber er forderte damit alle Gelehrten auf, mit ihm über diese Sätze zu disputieren, ob und inwiefern sie Wahrheit enthielten oder nicht. Seine Herausforderung blieb nicht unbeantwortet. Zuerst trat ein höchst ungeschickter Magister des päpstlichen Palastes wider ihn auf, der Luther durch seine scheinbare Widerlegung nur bewies, wieviel Gründe dieser für sich habe. Förmlich ließ sich darauf ein sehr gelehrter Doktor der Theologie in Leipzig in eine öffentliche Disputation vor Notar und Zeugen mit ihm ein, wobei Luther sich nur vorbehielt, daß bloß Aussprüche der heiligen Schrift entscheiden müßten, und das ganze diente nur dazu, die Parteien noch mehr zu entzweien. Was Gott durch Luther wirkte, steht lebendig vor unsern Augen da und ist unaussprechlich viel mehr, als sich bei den ersten Anfängen irgend hätte erwarten lassen.

Es würde nur Aberwitz sein, wenn man sich auf Vermutungen einlassen wollte, was wohl aus der Christenheit geworden sein möchte, wenn ein Mann wie Luther gar nicht, oder nicht so grell und scharf aufgetreten wäre, es lag so im göttlichen Ratschluß. Indessen würde man sich sehr irren, wenn man glaubte, mit dem Sturz des Papsttums, der doch nur teilweise stattfand, sei überhaupt allem Übel gesteuert worden. Die Reformatoren selbst sind von fleischlichem Eifer nicht freizusprechen, und ihre Nachfolger noch weniger. Des Aberglaubens wurde weniger, ob aber des wahren Glaubens mehr? ist eine andere Frage. Die Erkenntnis nahm zu, aber die Heiligung hielt damit keineswegs gleichen Schritt. Man gehorchte dem Papst nicht mehr, aber durchgängig Gott eben so wenig. Man bestritt die römischen Irrtümer und vergaß häufig des Roms im eigenen Herzen. Man pochte viel auf die Bibel und befolgte wenig.

In unsern Tagen sieht’s teils betrübt und kläglich um Lehre und Leben aus, teils bedenklich, teils erfreulich und Hoffnungen der schönsten Art erregend. Kläglich, denn viele Protestanten achten jetzt die Bibel samt dem Papst nicht, sich selbst weise dünkend und der Schrift Meister; bedenklich, denn es regen sich allerhand Geister und Kräfte; erfreulich und Hoffnungen erregend wegen des vielen Guten, das sich unverkennbar mit erneuter Kraft und Lebendigkeit äußert.

Unverkennbar regt sich eine religiöse Gärung, deren Bewegung ziemlich allgemein wahrgenommen wird. Wir ergreifen diesmal das auf so vieler Lippen schwebende Wort, evangelisch, und werfen die Frage auf: Was ist denn eigentlich evangelisch? mit deren Beantwortung sich in Erwartung des göttlichen Beistandes unsere Andacht in diesen Morgenstunden beschäftigen soll.

Du aber tue das Werk eines evangelischen Predigers.
2. Tim. 4, 5

Das Wort oder die Bezeichnung evangelisch schwebt in diesen Tagen auf vieler Lippen. Man will von oben herab, von seiten der hohen und höchsten Staatsbehörden, daß die Gemeinen die bisher geführten Partei-Namen lutherisch und reformiert fahren lassen, und sie gegen den gemeinschaftlichen Namen evangelisch vertauschen, daß sie das wenigstens in dem preußischen Staate tun, wobei man andere Partei-Namen, als den der Mennoniten bis jetzt, vielleicht wegen der geringen Anzahl derer die ihn führen, unbeachtet läßt. Den gemeinsamen Namen der Lutheraner und Reformierten, da man sie Protestanten nennt, wünscht die Staatsbehörde vorzugsweise beseitigt, weil er nur etwas historisches und polemisches, d.h. einen förmlichen Widerspruch bezeichne, den die Freunde der Reinigung der christlichen Lehre von menschlichen Zusätzen und Irrtümern im Jahre 1529 gegen einen Reichsschluß in Speyer einlegten, worin unter andern festgesetzt wurde, daß fortan niemand die römische Religion verlassen und überhaupt alles wie bisher verbleiben sollte, bis die Bischöfe es anders beschließen möchten.

Diesen Widerspruch, diese Protestation unterzeichneten 6 Fürsten und 14 Reichsstädte, die daher den Namen der Protestierenden oder Protestanten bekamen, der die Lutheraner und Reformierten gemeinschaftlich bezeichnete. Der Name lutherisch wie calvinisch sollte eine Beschimpfung sein, die sich jene aber gefallen ließen, sich jedoch durchgängig Evangelische nannten, nicht nur im Gegensatz gegen die römische Kirche, sondern auch gegen die unserige, die den Namen calvinisch stets abgelehnt hat, obschon sie so wenig Ursache gehabt hätte, sich dieses Namens zu schämen, als die lutherische des ihrigen. Allerdings sind dies Parteinamen, die zugleich eine Verschiedenheit in einigen Lehrpunkten bezeichnen, und die keineswegs gleichgültig ist. Ohne grade die Beseitigung dieser Lehrverschiedenheit zu fordern, ohne eine gegenseitige augenblickliche Verständigung über dieselbe zu verlangen, noch weniger aber den Übertritt der einen Partei zu der andern zu begehren, wird die Verzichtleistung auf diese Namen gewünscht. Es wird gewünscht, daß sich die protestantische Christenheit zu einer evangelischen konstituiere und sich so nenne, daß sie der Union, der Vereinigung beitrete, und diesen Beitritt durch Annahme des Unions-Ritus beim heiligen Abendmahl beurkunde.

Ich bin nicht gesonnen, über den Wert oder Unwert dieser Union jetzt zu reden, nicht gesonnen, ihre Schwierigkeiten und Erfordernisse auseinander zu setzen, oder die dabei zu nehmenden Rücksichten bemerklich zu machen, sondern ich wollte, ohne das genannte zu beachten, bloß die Frage aufwerfen:

Was heißt evangelisch?

– um sie nach Vermögen zu beantworten und zwar sowohl insofern dies eine Sache, als insofern es Personen betrifft, und habe zu dem Ende meinen Text gewählt.

Die Sache ist so wichtig und lehrreich, daß ich sehr wünsche, sie zweckmäßig auseinander setzen zu können nach ihrer zweifachen Seite, nämlich als Gegensatz und als feststellend, um auch in dieser Beziehung das Werk eines evangelischen Predigers zu tun, wie der Apostel den Timotheus ermahnt.

Das Wort evangelisch bezeichnet nicht eine besondere Sekte oder Religionspartei, mögen auch die Lutheraner sich damit ausschließlich oder vorzugsweise haben schmücken wollen. Die Sache, welche mit diesem Worte vorgestellt wird, bildet einen Gegensatz erstlich gegen alle Menschenlehre und -weisheit. Die heutige Welt muß nicht glauben, als ob’s ihr vorbehalten geblieben sei, weise zu sein. Lange vor uns, ja lange vor der christlichen Zeitrechnung gab es Weltweise, deren Namen noch in hohem Ansehen stehen, von denen man noch lernt, die man noch studiert. Griechenland war reich an diesen Weltweisen und rühmte sich der Weisheit, sodaß Paulus die Griechen als solche schildert, die nach Weisheit fragen. Er kannte ihre Dichter, sollte er nicht auch ihre Philosophie gekannt haben, die schon unter seiner Nation viel Eingang fand? Aber welch’ einen Gegensatz stellt dieser evangelische Prediger gegen diese Weisheit und ihre Quelle, die Vernunft, auf! Philosophie, du leerer Betrug sind ihm nach Kolosser 2, 8 gleich bedeutende Wörter. Ihre Wirkung beschreibt er sehr tiefsinnig als beraubend, ihre Beschaffenheit als dem Element der Welt und hergebrachten Menschenlehre entsprechend, ihren Zweck als nicht nach Christo, und also von ihm ableitend. Deswegen warnt er sie im 4. Vers, sich nicht durch vernünftige Reden betrügen zu lassen. Wie viele Stellen gleichen Inhalts könnten wir, wenn es not täte, anführen, um zu beweisen, daß nur dasjenige den Namen evangelisch verdient, was alle menschlichen Lehren in Beziehung auf der Seelen Seligkeit durchaus zurückweist, sie mögen alt oder neu sein. Ist die Christenheit dazu geneigt und will sie sich in diesem Stück als eine evangelische erweisen, so haben wir Ursache, uns Glück zu wünschen. Aber das Gegenteil liegt nur allzu deutlich am Tage, und die Warnung gegen Menschenweisheit ist noch sehr dringend nötig.

Das Evangelium tritt ferner sehr entschieden allem Selbstvertrauen sowohl auf eigene Kräfte als Werke entgegen. Paulus sagt im vorhergehenden Kapitel, es würden gräuliche Zeiten kommen, und indem er nun ein ganzes Register böser Eigenschaften aufzählt, fängt er damit an, daß er sagt, es würden Menschen sein, die von sich selbst halten. So wie man außer dem Evangelio alles aus der eigenen Kraft des Menschen, die man ihm andichtet, herleitet und darauf bauet, so erklärt man innerhalb desselben diejenigen für Selbstbetrogene, die sich für etwas halten, und will, daß man sein eigen Leben verlieren und glauben solle, daß, wie man durch den uns mächtig machenden Christus alles vermöge, so könne man ohne ihn nichts tun. Die Welt ruft: Glaube an deine Kraft; das Evangelium dagegen schreit: Glaube an den Herrn Jesum; jene: Halte dich für etwas bedeutendes; dieses: Halte dich für nichts, ja gar für etwas im bösen Sinne sehr bedeutendes, jene schreit: Du kannst viel, du kannst alles, was du sollst; dieses: Du bist von Natur aus ganz und gar untüchtig zu einigem Guten und geneigt zu allem Bösen, es sei denn, daß du durch den Geist Gottes von neuem geboren werdest. So vertraut auch der natürliche Mensch auf seine Werke. Dies hat er getan, jenes hat er nicht verübt, dies ist das Geld, wofür er sich die Seligkeit zu kaufen gedenkt, jede Anmerkung dagegen reizt seinen Zorn. Das Evangelium tritt auch dagegen aufs nachdrücklichste auf, wenn es z.B. sagt: Wer nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht spricht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, dagegen, die mit des Gesetzes Werk umgehen, sind verflucht.

Wir wollen diese Parallele nicht verlängern, da schon aus diesem wenigen erhellet, daß, soviel der Himmel höher ist als die Erde, so viel sind seine Gedanken höher als die unsrigen. Glück wünschen müßten wir uns, wenn es wirklich dahin gekommen wäre, daß die protestantische Kirche sich dadurch als eine evangelische darzustellen im Begriff wäre, daß sie allem absagte, was sie tat, um Christo nachzufolgen, daß, wie in unserm Taufformular steht, alles Vertrauen auf ihr eigen Vermögen, Weisheit und Gerechtigkeit aus ihrem Herzen genommen würde, und sie von ganzem Herzen bekennte, daß in keinem andern Heil auch kein anderer Name den Menschen gegeben wäre, darin sie könnten selig werden als Jesus. Dann möchten sie sich mit Recht evangelisch nennen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Laßt uns weiter gehen! Das Evangelium steht drittens im Gegensatz gegen einen bloß äußerlichen Gottesdienst, wie er entweder in der römischen Kirche etabliert und im Schwange ist, oder auch unter uns stattfindet. Unter uns zeigt er sich in dem toten Glauben und für wahr halten mancher Lehren ohne Einfluß auf Gesinnung und Handels [= Handlungs-] weise, wie sie die Teufel auch glauben und doch Teufel bleiben, in einem noch aus bloßer Gewohnheit fortgesetzten Kirchenbesuch ohne Heilsbegierde, in einem gedanken- und andachtslosen Hersagen oder Herlesen von Gebetsformeln, wiewohl auch dieser äußerliche Gottesdienst aus sehr bedauernswerten Ursachen je mehr und mehr wegfällt, ohne daß etwas besseres, wohl aber schlimmeres an die Stelle tritt.

Übrigens nennt die Schrift alles dasjenige Heuchelei, was ein Mensch aus einer Art von Zwang, mit Unlust, ohne innere Übereinstimmung seines Willens, nicht mit Freude und Lust, aus Furcht der Strafe, aus Hoffnung des Lohns übt und dabei sich selbst, seinen Vorteil und seine Ehre zu seinem Zweck macht, möchte er sich’s dabei noch so sauer werden lassen. Gäbe jemand alle seine Habe den Armen und ließe seinen Leib brennen und hätte die Liebe nicht, es wäre ihm kein nütze. Doch hat die geringste Tat der Liebe einen unvergleichlichen Wert. Gott ist ein Geist, ihm muß man im Geist und in der Wahrheit dienen. Gott ist die Liebe, er will geliebet sein mit fröhlichem Herzen. Gern will er lieben, wie es Hosea 14 heißt, und gern sollen wir ihm dienen, wie ohne Furcht, so ohne Lohn. Will er doch selber seiner Diener sehr großer Lohn sein. Das wäre also ein evangelischer Gottesdienst, der so aus lauterer, brünstiger, herzlicher Lust und Liebe herfließt und sich in der Ausübung aller großen oder kleinen, aller bedeutenden oder unbedeutenden Pflichten und Werke in den verschiedenen Lebensverhältnissen erweiset. Was wäre denn mehr zu wünschen, als daß in solchem Sinne alle Lutheraner und Reformierte samt den Katholiken und Nichtchristen evangelisch würden.

Das Evangelium sieht ferner viertens allem eiteln Weltwesen entgegen. Christus sagt von den evangelischen Christen: Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Das Evangelium hindert keinerlei Nützliches und Gutes in der Welt, keine Kunst oder Gewerbe, keine Schiffahrt noch Handel, sondern fördert’s eher. Es paßt sich zu jeder Regierungsform, zu jedem Klima und zu jeder Lebensart, zu Grönland wie Japan; für jeden Stand, Beruf, Geschäft und Alter. David ist König, Prophet, Dichter und Harfenist, Daniel Minister, Lukas ein Arzt, Petrus ein Fischer, Paulus ein Gelehrter und ein Teppichweber, Lydia handelt mit Purpur, Simon ist ein Gerber, Thode eine Magd, Onesimus ein Knecht. Aber ein ganzer Staat, der aus lauter Evangelischen bestände, sollte doch wohl eben keine glänzende, sondern wohl eher eine armselige Weltfigur machen. Notleidende würde es darin nicht geben, wie dann freilich ein Evangelischer nirgend Not leidet, auch keine Rechtshändel, keine Gefängnisse, aber ohne Zweifel auch vieles andere nicht, was die Welt am höchsten schätzt, kein Luxus, wenig von den sogenannten schönen Künsten, keine Schauspielhäuser, wenig Paläste, wenig Reichtum und keine Armut, sonst die feinsten Sitten, die zarteste Höflichkeit, die freundlichste Teilnahme, die aufrichtigste Dienstfertigkeit, die unbezweifelteste Zuverlässigkeit, kein Gedanke von Falschheit und Übermut, kein Gedanke irgend einer Übeltat, das wäre so einiges von demjenigen, was man in einem wirklich und ganz evangelischen Staate antreffen würde. Gewiß würde es vielen nicht anstehen, und sie keineswegs wünschen, daß ein solches evangelisches Wesen durchbräche; die Umwälzung wäre gar zu seltsam. Nun, es ist auch vor der Hand nicht zu erwarten. In dem einzelnen Menschen aber bringt das Evangelium diese selige Umwälzung hervor und macht, daß er ausgeht, sich absondert und sich von der Welt unbefleckt bewahret, und diese alle werden von ganzem Herzen begehren, das neue Jerusalem, die heilige Stadt von Gott aus dem Himmel herabfahren zu sehen, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne, wie sie nun schon achtzehnhundert Jahre beten: Dein Reich komme, und fragen: Wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? (Apg. 1). Möchte so alles evangelisch werden!

Das Evangelium bildet fünftens einen Gegensatz gegen alle Sünde. Unter dem Gesetz herrscht sie, unter der Gnade kann sie es nicht mehr, sondern wird beherrscht, zerschmissen, zertreten. Es ist eine große Gottlosigkeit oder eine große Blindheit, oder beides zugleich, wenn das Evangelium beschuldigt wird, es mache sorglose und verruchte, oder auch nur in gottseligem Leben und guten Werken träge, gleichgültige Leute, die viel vom Evangelium schwätzen und wenig üben. Nein, das Evangelium erweiset sich als eine Kraft Gottes, selig und heilig zu machen alle, die daran glauben. Es widersetzt sich auf die nachdrücklichste Weise allem ungöttlichen Wesen und weltlichen Lüsten und macht Leute, die züchtig, gottselig und gerecht in dieser Welt leben. Es tut dies nicht so sehr darum, weil die Sünde verboten ist, weil sie verdammt; sondern es bewirkt dadurch, weil es in den Menschen einen Sinn und Samen legt, der nicht sündigt und nicht sündigen kann, indem es mit Christo vereinigt und eben dadurch heiligt, so daß es unmöglich ist und der Natur der Sache zuwider läuft, daß derjenige so Christo durch den wahren Glauben eingepflanzt ist, nicht Frucht der Dankbarkeit bringen sollte. Von einer ganz vollkommenen Heiligkeit ist die Rede nicht. Wir fehlen alle noch mannigfaltig. Es ist nur ein geringer Anfang, doch also, daß die Evangelischen anheben, nicht allein nach etlichen, sondern nach allen Geboten Gottes zu leben. Das Evangelium bahnt dazu den Weg also, daß seine Gebote ihnen nicht schwer werden, sondern ein sanftes Joch und eine leichte Last. Wollte Gott, daß sich alle Welt in dieser Art als eine evangelische konstituierte, daß sie einen natürlichen Widerwillen gegen alles Sündliche faßte, und ein natürliches Hinneigen zu Gott und allem Göttlichem, dann würde man kein sonderliches Gewicht legen weder auf die Ablegung noch Beibehaltung gewisser Namen, und sich nicht bloß evangelisch oder christlich nennen, sondern sich also erweisen, und keinen Namen ohne die Sache führen wollen. Aber, wie weit sind wir noch von diesem Ziele entfernt, und wie ekelhaft ist es, den Namen von einer Sache zu führen, die nicht da ist, reformiert, verändert zu heißen und deformiert, entstaltet und unverändert zu sein! Gott erlöse uns von diesem Übel!

Besonders bildet das Evangelium sechstens auf mehrfache Weise einen Gegensatz gegen das Gesetz, dem das Evangelium in mehr als einem Betracht gegenüber steht oder entgegen ist. Zuerst ist dies der Fall in Absicht des Zeremonialgesetzes, durchs Evangelium ward dies aufgehoben. Der Tempeldienst, die Sakramente des Alten Testaments, der Unterschied der Tage, Personen, Örter, Zeiten und Speisen fiel weg samt demjenigen, was ihnen anklebt. Die Heiden, welche gläubig wurden, waren durchaus nicht dazu verpflichtet, so wie durchaus keine Zeremonien eingeführt, wenn gleich, wie sich übrigens von selbst versteht, eine gewisse Ordnung bei den gottseligen Versammlungen empfohlen, die in einem gemeinschaftlichen Gesang und Gebet, in einer längeren oder kürzeren Rede von einem Vorsteher der Gemeine oder von mehreren nacheinander, in Darreichung christlicher Almosen und in Bedienung des heiligen Abendmahls bestanden. Den Gläubigen aus den Juden blieb es, so lange der Tempel stand, nachgelassen, manche oder auch alle jüdische Gebräuche, wenn sie sich nicht darüber wegsetzen konnten, beizubehalten, wenn sie es nur nicht für etwas zum Seligwerden Nötiges hielten, und von niemand forderten, es wie sie zu machen. So ließ auch Luther manche Gebräuche der römischen Kirche um der Schwachen willen fortbestehen, die unsere Kirche, woran sie freilich besser tat, rein wegschaffte, und die Einfalt des öffentlichen Gottesdienstes einführte, die noch bei uns stattfindet und sich dem Gottesdienste des apostolischen Zeitalters anschließt. Auf jeden Fall erlaubt das Evangelium nicht einigen Wert darauf zu legen, denn weil es das Wesen des Guten hat, bekümmert es sich um den Schatten nicht und hängt nicht, wie Moses, eine Decke vor. Eher schafft es Zeremonien ab, als daß es welche einführte, was ein Zurückschreiten sein würde, da man wachsen soll in Gnade und Erkenntnis.

Demnächst steht das Evangelium auch dem Sittengesetz mehrfach gegenüber und entgegen. Es verträgt sich nicht mit dem sogenannten Moralpredigen. Unter Moralpredigen verstehen wir keineswegs ausführliche und gründliche Anweisung zu einem gottseligen pflichtmäßigen Verhalten in allen Lebensverhältnissen. Unser Katechismus tut dies ziemlich ausführlich in seiner letzten Abteilung, und das ist sehr hoch zu schätzen. Wer das als unevangelisch tadelte, bewiese damit, daß er selbst unevangelisch sei. Es ist dem Evangelio so wenig als unserm Bekenntnis zuwider, Vorträge zu halten, die lediglich von den Pflichten des Menschen handeln, und es ist keineswegs notwendig, stets ausdrücklich und namentlich die eigentliche Lehre von Christo beizufügen, wie ihr dies auch in unserm Katechismus, wenn er die zehn Gebote Gottes abhandelt, nicht findet. Es ist eben so nötig als nützlich, die göttlichen Forderungen genau und bestimmt aus- und darzulegen, wenn es gleich wahr ist, daß dies nicht heiße Evangelium zu predigen.

Dies meinen wir also nicht, wenn wir sagen, das Moralpredigen vertrage sich mit dem Evangelio nicht, sondern dann verstehen wir darunter jene seichte Halbheit, wo von Pflichten geredet wird, ohne sie scharf, genau, in ihrem ganzen Umfang, und in ihrer unerläßlichen Notwendigkeit darzustellen, von Pflichten, die mehr Neben- als Hauptsachen angehen, wobei das göttliche Gesetz und Wort nicht zum Grunde gelegt, und nicht angewiesen wird, welcher unvermeidlichen Strafen sich alle diejenigen schuldig machen, welche nicht nur etliche, sondern die nicht alle Gebote vollkommen erfüllen. Von dieser Genauigkeit, von dieser Strenge, von diesem weiten Umfang des göttlichen Gesetzes aber wollen sie nicht wissen. So leitet ihre Moral nicht zu Christo, sondern von ihm ab, macht nicht demütig, sondern aufgeblasen, leitet zum Unglauben an Christum, und zum Vertrauen auf sich selbst, nährt und befördert die eigene Gerechtigkeit und die Feindschaft gegen das Evangelium. Sie erlaubt gar vieles, was nicht erlaubt ist, und maßt sich an, eine gewisse Rechtschaffenheit, die noch nicht viel weiter reicht, als daß sie vor der Verfolgung der weltlichen Obrigkeit sichert, als den gewissen Weg zur Seligkeit zu preisen. Sie ist weit entfernt, die tiefe Verderbnis der menschlichen Natur, die Notwendigkeit des Opfers Christi und der Wirkungen des Heiligen Geistes in Hervorbringung der Buße, der Wiedergeburt und des Glaubens anzuerkennen, und ist also nichts anders als ein sich christlich nennendes Heidentum. Gott bewahre uns, daß dasselbe nicht noch weiter um sich greife! Solcher Moral ist das Evangelium durchaus feind und entgegen, und ein Evangelischer verabscheut sie aufs lebhafteste. Sie ist weder kalt noch warm, weder Gesetz noch Evangelium und um so gefährlicher, je weniger sie es zu sein scheint.

Das Evangelium ist nicht weniger entgegen der sogenannten Antinomie, d.h. der Lehrmeinung, welche vom Gesetz nichts wissen will. Sie bleiben bei einem Teil der Wahrheit stehen, ohne den andern Teil, der wesentlich dazu gehört, anzuerkennen. Sie heben die Ausdrücke der Schrift hervor, wo gelehrt wird, Christus sei des Gesetzes Ende, das Gesetz sei kein nütze, richte nur Zorn an, sei die Kraft der Sünde und von Christo von uns erfüllet, so daß uns nun, so wir anders glauben, seine Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit geschenkt und zugerechnet werde. Dies ist wahr. Aber eben so wahr ist es, daß das Gesetz gut ist, so man sein recht gebrauchet, daß es ein Spiegel ist, in welchem wir die Gestalt unserer Geburt anschauen, ein Zuchtmeister, der uns zu Christo leiten soll, aber auch eine Regel, wonach wir in Christi Kraft unser Leben und Verhalten richten sollen, dessen Geist aus uns Menschen machen will, die in seinen Geboten wandeln, seine Rechte halten und darnach tun, der sein Gesetz in ihr Herz gibt und in ihren Sinn schreibt.

Menschen, die dies nicht anerkennen, Menschen, welche von keinen Geboten, von keiner Warnung, keinem Tadel, keiner Ermahnung wissen und hören mögen, beweisen damit, daß sie das Evangelium schlecht verstehen, dessen sie sich rühmen, und daß es keineswegs bei ihnen ins Leben getreten ist, sonst würden sie sich mit Freuden mit dem demütigsten und lieblichsten Sinne lehren, ermahnen, tadeln, befehlen lassen, wohl wissend, daß Christus, reich über alle die ihn anrufen, uns fertig machen kann zu jeglichem guten Werk und in uns schaffen, was vor ihm wohlgefällig ist zu tun seinen Willen.

Es bedarf kaum einer Erwähnung, daß das Evangelium aller Gesetzlosigkeit zum höchsten widerspricht. Es verlangt schon in weltlichen Dingen die treueste Untertänigkeit gegen die weltliche Obrigkeit, wie viel mehr in allen Stücken eine gesetzliche und willige Unterwürfigkeit gegen den König aller Könige in allen seinen Satzungen, Geboten und Rechten. Wer sich dazu nicht anschicken will, der wird verurteilt, ein Knecht aller Knechte, ein Sklave des Teufels zu sein, ein Mitgenosse der bösen Geister, ein Gefangener der Sünde und ein Knecht seiner eigenen bösen Neigungen und Begierden, durch das Evangelium aber wird der Mensch frei von der Sünde, zugleich aber ein Knecht der Gerechtigkeit, übergibt sich selbst Gott und seine Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden.

Hier wollen wir abbrechen. Dasjenige, was wir noch über diesen Gegenstand zu sagen haben, gedenken wir nächstens nachzunehmen. Doch wird das Gesagte schon hinreichen, uns zu belehren, ob wir wirklich evangelische Leute sind oder es noch werden müssen. Das letztere ist der Fall. Die meisten unter euch müssen noch unter das Gesetz, müssen noch auf eine schmerzhafte, ihre Sorglosigkeit und ihr falsches Christentum zerstörende, ihr Herz, zerknirschende Weise ihr Elend erkennen lernen, und so fürs Evangelium zubereitet werden.

Lernt das erkennen! Werdet elend! Traget Leide! Werdet bekümmert, damit ihr so die Traurigen zu Zion werdet, zu denen man freundlich reden, denen Schmuck zu Asche, Freudenöl für Traurigkeit, und schöne Kleider für einen geängsteten Geist werden sollen!

Amen.

Quelle: Glaubensstimme – Ein Archiv christlicher Texte aus 2 Jahrtausenden