Wilhelm Busch: Gesetzliche oder evangelische Heiligung?

GESETZLICHE ODER EVANGELISCHE HEILIGUNG?

Kürzlich hatte ich eine Bibelwoche in Ostfriesland. Da besprachen wir ein Stück aus dem 2. Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat. Über dieser Bibelbetrachtung wurde es uns überwältigend groß, daß Paulus sagt: „Wir sind durch das Evangelium berufen zum herrlichen Eigentum unseres Herrn Jesu Christi“.

Ja, das ist der Stand, in den wir versetzt werden, wenn wir „Buße tun von toten Werken“ und uns von Herzen dem Herrn Jesus Christus anvertrauen, der für uns an das Kreuz geschlagen wurde.

Nun kommt alles darauf an, daß unser ganzes Leben ausweist: Wir sind herrliches Eigentum Jesu Christi. Ein ungläubiger Weltmensch wird aber immer über die Kinder Gottes spotten und sagen: „Nun ja, daß Ihr ein Eigentum Jesu Christi seid, wollen wir nicht bestreiten. Aber — herrlich?! Wir sehen nicht viel Herrlichkeit an Euch.“

Mit diesem Spott haben die Ungläubigen recht. Ich habe noch keinen gläubigen Christen gesehen, der von sich behauptet hätte, er sei herrlich. Wie ist denn das Wort von dem „herrlichen Eigentum“ zu verstehen? Die Herrlichkeit der Kinder Gottes besteht darin, daß sie im Glauben die Gerechtigkeit, die Jesus ihnen am Kreuz erworben hat, angezogen haben. Wenn sie sich außerhalb dieser Gerechtigkeit betrachten, sehen sie an sich nur Sünde und Niederlagen. Aber im Glauben haben sie die Gerechtigkeit Jesu angezogen. Ja, Paulus sagt sogar, daß sie den Herrn Jesus Christus angezogen haben. Und darin besteht ihre Herrlichkeit.

Es wird im Leben der Kinder Gottes immer nach dem Vers von Woltersdorf gehen:

Wenn ich mich selbst betrachte,
so wird mir angst und weh;
wenn ich auf Jesum achte,
so steig ich in die Höh‘,
so freut sich mein erlöster Geist,
der durch das Blut des Lammes
erlöst und selig heißt.

Diese Erkenntnis könnte uns nun aber leicht dazu verführen, daß wir es mit dem Sündigen leicht nehmen. Wenn doch alles Gnade ist, und wenn wir doch nicht vollkommen werden können, dann — so sagt unser Herz — können wir ja schließlich bleiben, wie wir sind. Die Gnade wird doch alles zudecken.

Da ist es gut, daß die Gläubigen den Heiligen Geist bekommen. Dieser Heilige Geist schweigt nicht zu unseren schlechten Gewohnheiten, zu unseren Sünden und Launen. Dieser Heilige Geist will uns immer mehr nach dem Bilde Jesu Christi gestalten. Darum straft Er unser verkehrtes Wesen und will in uns Früchte der Gerechtigkeit hervorbringen.

Es kommt bei den Gläubigen sehr viel darauf an, daß sie sich recht vom Heiligen Geist in die Zucht nehmen lassen. So kommt es zur Heiligung unseres Lebens. Wie wichtig diese Heiligung ist, geht uns auf an dem Wort Hebräer 12,14: „Jaget nach dem Frieden gegen jedermann und der Heiligung, ohne welche wird niemand den Herrn sehen.“

Nun gibt es gerade über die Heiligung unter gläubigen Christen viel Mißverständnisse und auch viel Selbstquälerei. Es ist sehr wichtig, daß Christen unterscheiden lernen zwischen gesetzlicher und glaubensmäßiger Heiligung.

Wir wollen uns bei dieser Überlegung leiten lassen von dem, was die Bibel Epheser 4, 22—32 sagt.

1. Gesetzliche Heiligung verlangt Früchte von einem dürren Baum

Evangelische Heiligung zielt auf Erneuerung des Herzens. Man kann einem unbekehrten Menschen natürlich erklären: Dies darfst Du nicht tun, und das mußt Du tun, und jenes nicht . . . Und weil der Natur das gesetzliche Wesen liegt, ist ein Mensch gern geneigt, all solche Ratschläge anzunehmen. Und wenn er sie angenommen hat, meint er, er sei ein Christ geworden!

Aber dabei hat er doch nur den Schein eines gottseligen Wesens…

Evangelische Heiligung geht immer aufs Zentrum: „Leget den alten Menschen ab . . . Ziehet den neuen Menschen an.“ Wie kann denn das geschehen? Doch nur so, daß ich mich täglich unter Jesu Kreuz stelle und im Glauben spreche: „Herr Jesus, das Todesurteil, das Dich getroffen hat, gilt mir. Ich erkenne dieses Todesurteil an. Und ich erkenne Gottes Urteil über mich selbst damit an.“ Und dann gehe ich im Geist zum auferstandenen Heiland und sage zu Ihm: „Herr Jesus, Du bist auferstanden. Ich halte Dich im Glauben fest und will es immer festhalten, daß Du mir auferstanden bist, daß Deine Auferstehung meine Auferstehung ist.“

So ist evangelische Heiligung ein Leben mit dem Sohne Gottes, der an Meiner Statt gestorben und auferstanden ist. Nicht von außen nach innen geht die Heiligung. Sie geht vielmehr ins Zentrum und strahlt nach außen aus.

2. Gesetzliche Heiligung ist negativ – Evangelische Heiligung ist positiv

Es ist typisch für alle Vertreter der gesetzlichen Heiligung, daß sie eigentlich immer negativ reden. Sie sagen einem jungen Christen:

„Dies darfst Du nicht tun, und jenes darfst Du nicht anfassen, und vor dem mußt Du Dich hüten . . . “ Sie bauen einen Zaun von lauter Verboten und Warnungen. Und der arme Mensch, der innerhalb dieses Zaunes leben muß, wird am Ende entweder ein Heuchler, oder er verzweifelt ganz und gar. Dies letztere ist dann allerdings ein guter und heilsamer Weg; denn auf ihm findet man hin zu dem Kreuz Jesu, in dem wir begnadigt werden. Wie kann so ein verzweifeltes Herz schließlich froh werden an dem Sünderheiland, der dort am Kreuz für uns bezahlt hat!

Nun ist es natürlich so: Wenn ein Mensch sich bekehrt zum Herrn Jesus, dann wird er eine Menge Dinge dahinten lassen. Der verlorene Sohn ließ seine Schweine und seine Freunde dahinten, als er nach Hause ging. Als der Zöllner Matthäus aufstand und Jesus folgte, blieb sein Zollhäuschen mit allem unrechten Gut dahinten. Aber es ist typisch für die evangelische Heiligung, daß sie das Ablegen, das Negative, das Brechen mit der Sünde nur als einen Teil der Heiligung ansieht. Wichtiger ist das Positive: das neue Leben, die Früchte der Gerechtigkeit.

In meiner Jugendarbeit mache ich das meinen jungen Freunden oft so klar: Da ist ein verwildertes Grundstück, auf dem jemand gern einen Schrebergarten anlegen möchte. Mit großem Eifer reißt er nun alle Unkrautpflanzen heraus, bis sich nicht ein Hälmchen mehr regt. Hat er nun einen Garten? Nein, er hat höchstens einen Fußballplatz. Jetzt kommt erst die Hauptsache. Er muß umgraben, es werden Blumen gepflanzt und fruchtbare Bäume und Stachelbeeren und Gemüse. So ist es mit der evangelischen Heiligung. Wir wollten uns ja über die evangelische Heiligung belehren lassen vom 4. Kapitel des Epheserbriefs. Da wird das ganz deutlich.

„So leget nun ab von euch nach dem vorigen Wandel den alten Menschen . . .“

Das ist aber nur die negative Seite. Die Bibel fährt gleich fort:

„. . . und ziehet den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist.“

Das finden wir auch in den folgenden einzelnen Ermahnungen:
„Darum leget die Lüge ab . . .“
Dies allein ist zu wenig. Darum fährt die Bibel fort:
„. . . und redet die Wahrheit“

Die Bibel bleibt bei all diesen Ermahnungen nie beim Negativen stehen wie die gesetzliche Heiligung, sondern sie zielt auf das neue Leben.

Es heißt: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr . . .“

Selbstverständlich kann ein Christ nicht mit den Unehrlichkeiten weitermachen, die einem Weltmenschen selbstverständlich sind. Daß er aber damit bricht, ist der Bibel zu wenig. Darum fährt sie fort:
„. . . sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben dem Dürftigen.“

Das betrifft auch unser Reden.
„Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen . . .“
Ein gläubig gewordener Christ kann nicht mehr an dem schmutzigen und leeren Geschwätz der Welt Freude haben. Aber er kann sich nun nicht einfach zurückziehen und den stummen Fisch spielen. Evangelische Heiligung ist positiv. Darum geht es so weiter:
„. . . sondern was nützlich zur Besserung ist, wo es not tut, daß es holdselig sei zu hören.“

Ja, bis zum Schluß dieser Betrachtung des Paulus wird es uns deutlich gemacht, daß evangelische Heiligung nicht nur ein Ablegen des alten Menschen, sondern ein Anziehen des neuen Menschen ist.

„Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch samt aller Bosheit.. .“

Davon weiß jeder Jesusjünger zu reden, wie er gegen sein Temperament und gegen Zornausbrüche und Verbitterung zu kämpfen hat. Aber wenn er all das besiegt hätte, dann wäre er doch immer noch ein unfruchtbarer Baum. Der Heilige Geist will aber Früchte der Gerechtigkeit in unserem Leben wirken. Darum geht dies Wort so weiter:
„. . . Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer Bdem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo.“

Es gibt ein Wort im Galaterbrief, das am allerdeutlichsten zeigt, wie evangelische Heiligung aussieht. Es spricht nämlich sehr deutlich davon, daß evangelische Heiligung positiv ist, daß sie auf Früchte der Gerechtigkeit zielt. Und diese Stelle sagt vor allem, daß diese Früchte nicht aus unserem Eigenen hervorgehen können, sondern Wirkungen des Heiligen Geistes sind. Erfahrene Bibelleser werden wissen, welche Stelle ich meine. Es ist Galater 5, 22:

„Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“

3. Gesetzliche Heiligung lebt in der Menschenfurcht

Evangelische Heiligung fürchtet nur, den Heiligen Geist zu betrüben Ja, das ist vielleicht das hervorstechendste Kennzeichen der gesetzlichen Heiligung, daß am Ende Menschengebote und Menschenfurcht die Gemeinde beherrschen. Da ist in irgendeinem christlichen Kreis ein einflußreicher Bruder. Der bestimmt, was man darf und was man nicht darf. Manch einer hätte wohl die Freiheit, sein Leben anders zu gestalten.
Aber man fürchtet sich, von einflußreichen Brüdern als unbekehrt verschrien zu werden. Und so unterwirft man sich dem Gesetz.

Ich habe gläubige Christen gekannt, die in den Ferien anders lebten als zu Hause, wo sie unter der Beobachtung ihrer Brüder und Schwestern standen. Besonders schlimm ist das, wenn eine gesetzliche Frau in solch einem Gemeinschaftskreis die bestimmende Rolle spielt.

Ich glaube, daß gerade dieser Punkt es ist, der so häufig zu Katastrophen in gläubigen Familien führt. Die Kinder verzichten auf vieles, was ihre Schulkameraden mitmachen dürfen — nicht aus Liebe zu ihren Eltern und auch nicht aus der inneren Überzeugung, daß das schädlich sei, sondern einfach aus Furcht.

Wenn die Kinder dann älter werden, dann empfinden sie den Geist im Elternhaus als einen unerträglichen Zwang und brechen mit allem.

Ganz anders steht es mit der evangelischen Heiligung. Da fürchtet man sich nicht vor Menschen. Man hat eine ganz andere Furcht gelernt, nämlich die Furcht, den Heiligen Geist zu betrüben. Paulus schreibt in unserm Abschnitt:

„.. . und betrübet nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt
seid auf den Tag der Erlösung‘

Ich erinnere mich an einen Bibelkurs in Männedorf. Da erhob sich inder Aussprache ein alter Landwirt aus dem Wallis und sagte mit unerhörter Eindringlichkeit in seinem Schweizer Deutsch: „Wisset, der Heilig Geischt ischt so öbbis Zarts“ (Der Heilige Geist ist etwas sehr Zartes). Dann sprach er davon, wie schrecklich das ist, wenn ein gläubiger Christ den Heiligen Geist betrübt, weil er sich mit Dingen einläßt, die Gott nicht gefallen. Da geht der Heilige Geist ganz still hinweg. Und so ein Christ kommt dann in große innere Dunkelheit.

Er kann nicht mehr recht glauben. Die Vergebung der Sünden wird ihm zweifelhaft. Er hat keine Lust zum Gebet. Die Bibel langweilt ihn. Das ist ein schlimmer Zustand.

Es gibt keinen gläubigen Christen, der das nicht je und dann erfahren mußte. Und weil er diese Dunkelheit fürchten lernt, lernt er es immer mehr, auf die Regungen des Heiligen Geistes zu achten und gehorsam
zu werden.

4. Gesetzliche Heiligung macht kalte Pharisäer – Evangelische Heiligung macht sonnige Jesusjünger

Die Urbilder aller gesetzlichen Heiligung sind die Pharisäer im Neuen Testament. Das waren Leute, die sich mit dem Gesetz rechtschaffen quälten. Aber welche Kälte strömt von diesen Leuten aus ! Da ist nichts
zu sehen von den lieblichen Früchten der Gerechtigkeit: „Liebe, Freude, Friede, Geduld . . .“ Wieviel solcher eiskalten Pharisäer gibt es doch unter den Christen!

Und nun stehen vor meiner Seele Bilder von gläubigen Christenmenschen auf, die in der evangelischen Heiligung standen. Das waren Leute, bei denen es auch Weltmenschen warm ums Herz wurde; denn diese Leute der evangelischen Heiligung sind sehr demütige Menschen.

Sie haben tief die Verlorenheit ihres eigenen Herzens erkannt und wissen, wie sehr sie des Blutes Jesu zur Vergebung bedürfen. Weil Gott ihnen viel vergeben hat durch Jesus, darum können sie auch viel
vergeben. Und weil Gott viel Geduld mit ihnen gehabt hat, können sie auch viel Geduld mit andern haben. Weil der Herr Jesus der Mittelpunkt ihres Lebens geworden ist, möchten sie die Stimme des guten
Hirten weitergeben und nicht irgendein Gesetz. Mein Großvater Johannes Kullen in Hülben, ein Dorfschulmeister und zugleich ein priesterlicher Mann, steht mir jetzt vor Augen. Der sagte einmal einem
gesetzlichen Bruder: „Wenn der Frühling kommt, braucht man nicht mehr in den Wald zu gehen, um mit einem Stock die alten Blätter von den Bäumen zu schlagen. Die fallen von selber ab, wenn die neuen
Blätter kommen. Genauso geht es im Glaubensleben. Wenn ein Mensch sich wirklich zum Herrn Jesus bekehrt und Ihn nun von ganzem Herzen lieb hat, dann wird sein altes Wesen immer mehr in den Tod gegeben werden, weil das neue Leben mächtig wird/‘

Von solch einem sonnigen Christenstand spricht Paulus in unserem Abschnitt:

„Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo“

Quelle: Wilhelm Busch – Verkündigung im Angriff. Gesammelte Aufsätze über Jugendarbeit, Kirche, Theologie und Pietismus. Herausgegeben von Hans Währisch. Aussaat Verlag, Wuppertal 1968 [Digitalisat bei sermon-online.de]