Joel (Stockmeyer)

Von
Dr. Immanuel Stockmeyer, Pfarrer zu St. Martin.

Joel gehört zu denjenigen Propheten, auf welche sich das neue Testament ausdrücklich und namentlich beruft, um nachzuweisen, wie durch Jesum Christum das erfüllt und zur Thatsache geworden ist, was die Propheten des alten Bundes vorherverkündiget haben; – wenn es auch aus dem Buche Joel nur eine Stelle ist, welche in dieser Weise in Betracht kommt.

Alljährlich, wenn wir an unserm christlichen Pfingstfest die Geschichte von der Ausgießung des heil. Geistes über das versammelte Häuflein der Jünger und Jüngerinnen vernehmen – wie die wunderbaren Aeußerungen dieser Kraft aus der Höhe von der zusammengeströmten Menge festfeiernder Juden theils in rathlosem Erstaunen nicht verstanden, theils in leichtfertigem Spott missdeutet werden: so sehen wir auch den Apostel Petrus auftreten und im Namen der kleinen Gemeinde das Wort ergreifen.

Die authentische Erklärung aber, die er nun giebt über das Wunder des Tages, gründet sich auf eine Weissagung Joels: „Diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet” – sprach der Apostel – “sintemal es ist die dritte Stunde am Tage; sondern das ist es, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist“  (Apg. 2, 15.16). Und nun führt der Apostel aus unserm Propheten die allbekannten Worte an, welche eine Ausgießung des Geistes Gottes über alles Fleisch in Aussicht stellen, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn, der Tag des Endgerichts. Schon allein diese Worte sichern dem Buche Joel für die Christenheit aller Zeiten eine so hohe Bedeutung, daß ein denkendes Gemüth sich veranlaßt fühlen muß, zu fragen:

Aus welcher Zeit stammt wohl diese Weissagung? Wer ist der Mann, der sie ausgesprochen hat? In welchem Zusammenhang steht sie mit den übrigen Offenbarungen, die ihm geworden sind? Welche Tragweite hat sie auf seinem Standpunkt und in seinem Munde?

Auf diese Fragen will nun gegenwärtiger Vortrag eine Antwort versuchen, muß aber um so mehr im Voraus um Ihre Nachsicht bitten, da die Ansichten der Ausleger über wenige Propheten soweit auseinander gehen, als eben über diesen; weshalb, wer die Erforschung des alten Testamentes nicht in besonderm Sinne sein Fach nennen darf, nicht ohne große Schüchternheit an die Lösung obbezeichneter Aufgabe wird treten können.

Bisher sind Ihnen in den diesjährigen Vorträgen prophetische Gestalten vorgeführt worden, von deren Person und Wirksamkeit uns die heilige Schrift ein inhaltsreiches und lebensvolles Bild entwirft, während wir – die Psalmen Davids abgerechnet – keine schriftlichen Denkmale aus ihrer eigenen Feder besitzen. Beim Propheten Joel befinden wir uns gerade im umgekehrten Fall. Ganz abgesehen von der höhern Würde, die diesem Buch als einem Theil der heiligen Schrift eignet, und von der Nahrung, die es als Wort Gottes dem religiösen Bedürfniß bietet, haben wir hier, nur schon ganz menschlich betrachtet, ein schriftstellerisches Meisterwerk vor uns, dem wegen seiner dichterischen Vorzüge nach Inhalt und Form eine sehr hohe Stellung in der Literatur gebührt und auch von den verschiedensten Auslegern bereitwillig eingeräumt wird. Ich erlaube mir, Ihnen hierüber das Urtheil nur Eines neuern, nichttheologischen Erklärers mitzutheilen:

„Wenn Jesaja alle Propheten überragt durch königliche Würde und großartigen Gedankenreichthum; wenn Amos einzig dasteht durch den tiefen, klaren Ernst, womit er seine Zeit überschaut, droht, warnt und das Heiligste der Menschennatur entfaltet, – so übertrifft Joel sie Alle durch die glücklichste Vereinigung von ächter Begeisterung und dichterischem Talente, durch die lebendigste Phantasie und eine wahrhaft geniale, wunderbare Leichtigkeit in seinen Schilderungen. Nachdem er im höchsten lyrischen Schwung uns mitten in das Elend des Landes versetzt hat, wird seine Darstellung im zweiten Theil mehr ruhig, ernst, großartig und gehaltvoll. Dazu ist ihm eine seltene Feinheit des Rhythmus und der Sprache eigen. Nicht wie bei Hosea gleicht seine Sprache dem Strome, der sich über Felsen ergießend bricht, sie wallt nicht stürmisch oder majestätisch schwer, wie bei Jesaja, – mit dem scheinbar geringsten Aufwande weiß er Alles klar und bestimmt auszudrücken. Da ist nirgends etwas Gesuchtes, und doch ist jeder Ausdruck gewählt, blühend und schön. Hier erkennt man zugleich die ächte Genialität, deren Schöpfungen nie die Mühe der Arbeit durchschimmern lassen, sondern überall sich leicht und wie von selbst geworden darstellen.“ –

Dies eine Charakteristik Joels des Schriftstellers. Ueber den Menschen fehlen uns alle directen Nachrichten. Die Überschrift seines Buches sagt uns nur, daß er der Sohn eines uns völlig unbekannten Pethuel war. Alles Weitere muß indirect erschlossen werden aus Spuren, welche im Buche selbst zu suchen sind. Diese sind nun aber auch ziemlich ergiebig. Die Stelle Joel 4, 16 wird offenbar von Amos 1, 2 benutzt, um seine eigne Rede daran anzuknüpfen. Nun hat Amos geweissagt, als in Juda Usias, in Israel Jerobeam der Zweite regierte. Joel aber, weil von Amos gekannt, ist älter als dieser. Aber um wie viel ist er älter? Wir suchen weiter und finden unter den feindlichen Heidenvölkern, denen Joel für ihre an Israel verübten Grausamkeiten Gottes Strafe verkündigt, auch die Edomiter (4, 19). Diese sind aber bereits vom König Amazia (2. Kön. 14, 7; 2. Chron. 21, 11f. ) bestraft und ihre Hauptstadt Petra unterworfen worden. Unter Joram, dem Sohne Josaphats, aber waren sie von Juda abgefallen und hatten, wie Joel 4, 19 zu verstehen giebt, bei diesem Anlaß die unter ihnen wohnenden Juden grausam erwürgt. Unter Joram hatte auch der Raubzug der Philister nach Jerusalem stattgefunden, dessen Joel erwähnt (4, 4). 1) Zwischen diese Ereignisse also und den Sieg Amazias fällt die Wirksamkeit Joels.

Zur Zeit Jorams aber, oder seines Sohnes Ahasjah, oder seiner Wittwe Athalja, die sich 6 Jahre lang auf dem Thron behauptete, kann Joel nicht geweissagt haben, denn damals herrschte der Baalsdienst in Juda, wovon in unserm Buche keine Spur zu finden. Ebenso aber auch nicht mehr in der spätern Zeit des Königs Joas, denn auch da riß der Götzendienst wieder ein. Auch fällt in diese Zeit ein Raubzug der Syrer nach Jerusalem, während doch Joel der Syrer noch keine Erwähnung thut. So muß also Joels Wirksamkeit in die frühere Regierungsperiode des Königs Joas gesetzt werden (etwa um die Jahre 870 oder 860 v. Chr. ), und dies stimmt denn auch mit dem Bilde, das wir aus unserm Buch von den Zuständen Judas und Jerusalems gewinnen, sehr wohl zusammen.

Josaphat, der sonst so fromme und treffliche Regent, hatte den unseligen Mißgriff begangen, seinem Sohne Jorain die Tochter des – uns bereits in einem frühern Vortrag geschilderten Königs Ahab – die Athalja, zum Weibe zu geben. Dadurch hatte er sein eigenes Haus in einen verhängnißvollen Zusammenhang mit dem Geschlechte des götzendienerischen Nachbars gebracht. Die Regierung seines Sohnes Joram war durch Athaljas Einfluß abgöttisch und unglücklich. Als nun das Strafgericht über Ahabs Haus hereinbrach, wurde auch das Haus Davids in schauderhafter Weise darein verflochten. Als Jehu das Haus Ahabs ausrottete, schonte er auch des Königs Ahasja von Juda, des Sohnes Jorams und der Athalja und seiner 42 Brüder nicht, die sämmtlich nach Jesreel zum Besuch ihrer Anverwandten gekommen waren. Athalja aber, als sie dies erfuhr, mordete ihre sämmtlichen Großsöhne und bemächtigte sich der Regierung in Jerusalem. Nur Joas, der jüngste, erst etwa einjährige Prinz wurde durch Joseba, des getödteten Königs Ahasja Schwester, die an den Priester Jojada vermählt war, gerettet und sechs Jahre lang im Tempel versteckt gehalten. Als er sieben Jahre alt war, veranstaltete Jojada eine bewaffnete Erhebung des Volks, die Leviten an der Spitze, wobei Athalja getödtet und Joas unter allgemeinem Jubel zum König ausgerufen wurde.

Nun begann eine bessere Zeit. Der Baalsdienst ward ausgerottet, der theils vernachlässigte, theils sogar zu Gunsten Baals beraubte Tempel Jehovahs mit seinen Gottesdiensten ward wiederhergestellt, und Joas that was recht war und dem Herrn wohlgefiel, so lange sein Oheim Jojada lebte. Solch einen geordneten Zustand setzt unser Buch voraus. Die Ermahnung zur Buße stellt nicht auf besondere Sündengräuel ab, wie etwa gerade auf Götzendienst; das Volk wird ermahnt, sich von Herzen zum Herrn zu kehren, die Herzen zu zerreißen, nicht die Kleider; ganz, wie es nach einer von Oben herab angeordneten und durchgeführten Reformation Bedürfniß zu sein pflegt. Daß des Königs in unserm Buche nirgends gedacht wird, desto mehr dagegen der Priesterstand hervortritt, was sonst wohl auffallen könnte, erklärt sich nun aus der Stellung, welche der Priester Jojada seinem jugendlichen Neffen gegenüber eingenommen hat. Auf eine verhältnißmäßig gute Zeit, wie diese, weist auch das hin, daß der Prophet mit seiner Aufforderung zur Buße keinerlei Widerstand, sondern bei Priesterschaft und Volk bereitwilliges Gehör findet. Dies nämlich läßt sich aus unserm Buche selbst deutlich ersehen, indem dies schriftstellerische Denkmal Joels uns in den Stand setzt, auf das persönliche Auftreten des Propheten, dessen Veranlassung sowohl als Erfolg zurückzuschließen.

Demnach gestaltet sich das Verhältniß so: wiederholte Züge von Heuschrecken hatten das Land verwüstet, während zu gleicher Zeit regenlose Dürre nicht nur dem Ertrag der Gewächse empfindlichen Abbruch that, sondern eben auch die Vermehrung der Heuschreckenschwärme begünstigte. Der Prophet, in diesem Landesunglück eine göttliche Heimsuchung erkennend, rief das Volk zur Bekehrung und forderte die Priesterschaft auf, einen allgemeinen Buß- und Fasttag zu veranstalten.

Holzschnitt aus der Nürnberger Chronik (230v)
Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff / Public domain

Das Bußfest wurde begangen und durch göttliche Offenbarung ermächtiget, weissagte nun der Prophet Befreiung von der Heuschreckenplage und eine Zeit solcher Fruchtbarkeit, daß der erlittene Schaden dadurch reichlich ersetzt werden solle. Bei diesem Anlaß aber eröffnet ihm der Geist der Weissagung noch weitere Blicke in die Zukunft des im Volk Israel repräsentirten göttlichen Reiches: Begabung des ganzen Volks mit dem Geiste Gottes; Rettung am großen Gerichtstag, der über die Feinde Jehovahs gehalten wird; ewige Glückseligkeit im vollendeten Gottesreiche. Was nun der Prophet in den Tagen des Unglücks mündlich zu seinem Volke sprach, das hat er später schriftlich in ein Buch verfaßt mit einer Abrundung und Vollendung der Form und des Ausdrucks, wie sie nur der schriftlichen Darstellung eigen ist. Dabei ist natürlich, besonders was die zweite Hälfte betrifft, nicht mehr auszumitteln, wie Vieles von dem, was jetzt als Ganzes vor uns liegt, auch schon in der mündlichen Rede seine Stelle fand.

Nachdem wir so den richtigen Standpunkt für das Verständniß zu gewinnen gesucht, können wir an die Betrachtung des Buches selber gehen.

1) 2. Chronika 21, 16

Das erste Kapitel

1. Dies ist das Wort des HERRN,
das geschehen ist zu Joel,
dem Sohn Pethuels.
2. Höret dies, ihr Greise
Und merket auf, all ihr Bewohner des Landes!
Ist Solches geschehen in euern Tagen,
Oder in den Tagen eurer Väter?
3. Davon erzählet euern Söhnen,
Und eure Söhne ihren Söhnen
Und die dem künftigen Geschlecht!
4. Den Rest des Nagers verzehrte der Schwärmer,
Den Rest des Schwärmers verzehrte der Hüpfer,
Den Rest des Hüpfers verzehrte der Fresser.
5. Erwacht, ihr Berauschten und weinet!
Wehklagt ihr Weintrinker alle
Ueber den Most
Daß er vertilgt ist aus euerm Munde!
6. Denn ein Volk stieg herauf über mein Land,
Mächtig und zahllos;
Seine Zähne sind Löwenzähne
Und der Löwin Gebiß hat es. 2)
7. Es hat verödet meinen Weinstock
Und meinen Feigenbaum zerknickt.
Ihn ab- und abgeschält und hingestreckt;
Weiß sind geworden seine Ranken.
8. Wehklage gleich der Jungfrau
Trauergekleidet ob des Gemahls ihrer Jugend!
9. Vertilgt ist Frucht und Trankopfer aus Jehovahs Haus;
Es trauern die Priester, die Diener Jehovahs.
10. Verwüstet ist das Feld; es trauert der Boden;
Ja, verwüstet ist das Getreide, verschwunden der Most, verdorrt das Oel.
11. Erbleichet, ihr Ackerleute! jammert ihr Winzer –
Um Waizen und Gerste, daß untergieng des Feldes Ernte.
12. Der Weinstock ist vergangen
Und der Feigenbaum verwelkt,
Granat-, auch Palm- und Apfelbäume,
Alle Bäume des Feldes sind verdorrt;
Ja hingeschwunden ist die Freude aus den Menschenkindern
Umgürtet euch und klagt, ihr Priester!
Jammert, ihr Diener des Altars!
Kommt, weilt in Trauerkleidern,
Ihr Diener meines Gottes,
Weil entzogen ist Frucht und Trankopfer euers Gottes Hause.
14. Heiligt ein Fasten! Ruft aus eine Feier!
Versammelt die Greise, die Landsbewohner Alle
Im Haus Jehovahs, euers Gottes
Und flehet laut zu Jehovah:
15. „O weh des Tags! denn nah ist Jehovahs Tag
Und wie Uebermacht vom Allmächtigen kommts!
16. Ist nicht die Speise weggetilgt vor unsern Augen?
Vom Hause unseres Gottes Freud und Jubel?
17. Verdorrt sind die Körner unter ihren Schollen:
Verödet die Vorrathshäuser; zerstört die Scheuern;
Ja, verschwunden das Getreide.
18. Wie seufzen die Thiere!
Irren voll Angst die Heerden der Rinder,
Weil keine Weide für sie ist;
Selbst die Schafheerden büßen!
19. Zu dir, o Jehovah, rufe ich!
Denn Feuer fraß die Au’n der Trift, Und Flamme versengte des Feldes Bäume all.
20. Auch die Thiere des Feldes schmachten auf zu dir;
Denn ausgedorrt sind die Wasserbäche,
Und Feuer fraß die Auen der Trift.

2) D. h. das an sich kleine Insect wird durch seine Menge und Gefräßigkeit an verderblicher Wirkung dem gefürchtetsten Raubthier gleich.

Dies das Gebet, welches der Prophet den Priestern für die zu veranstaltende Feier in den Mund legt. Aber noch dringender muß die Aufforderung zur Buße wiederholt werden, denn auch die Noth gestaltet sich immer dringender. Neue Heuschreckenschwärme drohen neue Verwüstung. Die Plage scheint epidemisch geworden zu sein. Gab sich in dem bereits erlittenen Unglück schon kund, daß Gott sich aufgemacht habe zum Gericht über sein Volk, so scheint es nun durch die erneute Plage zum Aeußersten kommen zu müssen. Die heranziehenden Schwärme, vor denen her Jehovah donnert, sind das Kriegsheer des Herrn, durch welches er das Urtheil des großen Gerichtstages vollziehen läßt. Es folgt nun eine Schilderung des Heuschreckenzuges, welche um ihrer dichterischen Anschaulichkeit und Lebendigkeit willen Gegenstand allgemeiner Bewunderung ist und deren einzelne Züge in den Berichten älterer und neuerer Reisebeschreiber die überraschendste Bestätigung finden. Credner in seiner Erklärung des Joel hat solche Berichte mit großem Fleiß zusammengestellt; ich erlaube mir, so viel zum Verständniß der prophetischen Schilderung nothwendig sein dürfte, in Kürze hier mitzutheilen.

Die Menge der Heuschrecken kann solchermaßen anwachsen, daß sie im buchstäblichen Sinn, als große Wolken die Sonne verfinstern. „Einer der Schwärme, welche 1747 in Siebenbürgen einfielen, dauerte 4 Stunden, war etliche 100 Klafter [1 Klafter entspricht ~180 m] breit und noch viel höher, und die Heuschrecken flogen so gedrängt, daß man die Sonne nicht sah und selbst Menschen nicht, auf die Entfernung von nur 20 Schritt.“

Das Getöse, welches der fliegende Schwarm verursacht, wird von den Reisenden durch verschiedenerlei Vergleichungen zu bezeichnen gesucht: „Schon 100 Schritt, ehe ich ihn erreichte, hörte ich das Rauschen von dem schwirrenden Flug, welches immermehr zunahm; und endlich, als ich mich mitten darunter befand, ohne Uebertreibung dem Rauschen eines Mühlrades gleich kam.“ (Lichtenstein, Reisen im südlichen Afrika). „Sie machten im Fliegen ein solch Gerassel und Geschnurr, als wenn ein starker Wind durch die Bäume gehet.“ (Neuhoff). „Der dichte Schwarm machte ein Getös, wie das Rauschen eines Stroms.“ (Forbes bei Rosenmüller).

Die jüngere Generation, welche die vierte Häutung noch nicht durchgemacht hat und deren Flügel noch nicht entfaltet find, bewerkstelligt ihre Reisen zu Fuß. „Dabei,” sagt Shaw, “halten sie ihre Ordnung, wie die Soldaten. So wie sie fortrücken, übersteigen sie jeden Baum und jede Mauer, die ihnen in den Weg kommt.“ – Bar-Hebräus im Chronicon Syriacum: „Die jungen Heuschrecken stiegen über die Mauern und Wände und drangen durch Fenster und Thüren in die Häuser; und wenn sie von der Südseite in das Haus gekommen waren, so giengen sie auf der Nordseite wieder hinaus.“ – Morier bei Rosenmüller: „Sie schienen in regelmäßigen Treffen zu ziehen, kamen in die innersten Gemächer der Häuser, fanden sich in jedem Winkel, staken in unsern Kleidern und verdarben unsre Speisen.“ – Recht mitten in einen solchen Ueberfall hinein versetzt uns Beauplan: „Im Jahre 1646 gerieth ich über ihre unglaubliche Menge bei Nowogorod in Verwunderung. Sie waren dort den Frühling über ausgebreitet. Ein Theil konnte nicht fliegen und bedeckte das Feld. Die Luft war von den übrigen so angefüllt, daß ich vor Dunkelheit in meinem Zimmer nicht ohne Licht essen konnte. Alle Häuser waren von Heuschrecken voll, sogar Ställe, Scheunen und Keller. Ich suchte sie vergeblich durch Pulver- und Schwefelrauch zu vertreiben. Sobald die Thür geöffnet wurde, strömten ganze Schwärme herein und verursachten eine unerträgliche Plage, indem sie den Leuten gerade ins Gesicht flogen. Man konnte kaum den Mund öffnen, ohne daß sie sich dahinein drängten. Sie setzten sich auf das Essen und waren stets vor dem Messer, wenn man seine Bissen zerschnitt u. s. w.“ – Ueber die Verwüstung endlich, welcher dieser Feind anrichtet, stehe hier nur folgende Stelle aus Forbes: „Alle Hoffnungen des Landmannes verschwinden. Seine Felder, die er beim Aufgang der Sonne üppig mit Früchten bedeckt sah, sind vor Abends eine Wüste. Die Erzeugnisse seiner Gärten und Obstpflanzungen werden vernichtet; denn wo diese zerstörenden Schwärme lagern, da bleibt kein Blatt auf den Bäumen, kein Grashalm auf den Waiden, keine Aehre auf den Kornfeldern; alles zeigt den Anblick der traurigsten Verwüstung.“ „Nicht genug aber”, fährt Credner – verschiedene Notizen zusammenstellend – fort, “daß die Heuschrecken die saftigen Gewächse des Pflanzenreiches, das Gras der Wiesen, die Saaten und Kräuter der Felder, die Blätter, Früchte und jungen Triebe der Bäume und Weinreben verzehren: Ihre gewaltige Gefräßigkeit läßt sie selbst die saftige Rinde der holzartigen Gewächse benagen, so daß nichts als die weißen, abgeschälten Zweige übrig bleibt, ja man sah sie sogar Holz, Stroh und alte Rohrdächer verschlingen. “

Und nun die Worte des Propheten selbst:

Kapitel 2, 1-11:

1. Blast die Posaune auf Zion!
Macht Lärm auf meinem heiligen Berge!
Erzittern mögen alle Bewohner des Landes;
Denn es kommt der Tag Jehovahs,
Ja – er ist nahe!
2. Ein Tag der Finsterniß und Düsterheit,
Ein nebeldichter, wolkentrüber Tag;
Wie Morgendunkel hingebreitet auf den Bergen.
Ein Volk zahlreich und stark,
Desgleichen seit der Urzeit nicht gewesen,
Und nach ihm nimmermehr erscheinen wird.
3. Vor ihm her frißt Feuer,
Und Flamme sengt hinter ihm her.
Wie der Garten Eden war vor ihm das Land,
Und nach ihm ist es eine öde Wüste,
Und nichts kann ihm entfliehn.
4. Sein Aussehn ist den Pferden gleich;
Wie Rosse, so rennen sie.
5. Gleich dem Gerassel der Kriegeswagen
Springen sie über die Gipfel der Berge;
So wie des Feuers Flamme, Stoppeln fressend, prasselt;
So wie ein stark, kriegsgerüstet Volk.
6. Vor ihm erbeben die Völker;
Gluthröthe sammelt jedes Angesicht.
7. Wie Helden rennen sie daher,
Besteigen die Mauer wie Kriegsmänner;
Und ein Jeder in seinem Wege gehen sie
Und beugen nicht von ihren Pfaden ab.
8. Und einer den andern drängen sie nicht; Ein Jeder in seinem Steige gehen sie
Und durch den Wurfspieß fallen sie ohne [den Zug] abzubrechen.
9. In die Stadt laufen sie,
Berennen die Mauer, besteigen die Häuser,
Kommen durch die Fenster wie ein Dieb.
10. Vor ihnen bebt die Erde, wankt der Himmel,
Sonne und Mond verdüstern sich
Und Sterne ziehen ihre Strahlen ein.
11. Und Jehovah donnert vor seiner Macht her,
Denn sehr groß ist sein Heer;
Ja, gewaltig seines Worts Vollführer;
Ja, groß ist und sehr furchtbar, Jehovahs Tag
Und wer wird ihn ertragen können?

Doch, so drohend auch die Aussichten sind, noch ist Hoffnung, daß der Herr sein Urtheil wende, wenn das Volk sich von Herzen zu ihm bekehrt. Nur noch stärker dringt der Prophet auf die Bußfeier, an welcher sich aber auch das ganze Volk, vom Greis bis zum Kind herab, betheiligen soll. Ja, auch die Neuvermählten sollen sich ihrem Glück entreißen und den Büßenden anschließen. So

Kapitel 2, 12-17:

12. Doch, auch jetzt noch, spricht Jehovah,
Kehret um zu mir mit euerm ganzen Herzen,
Mit Fasten, Weinen und mit Trauerklage.
13. Und zerreißet euer Herz und nicht eure Kleider
Und kehret um zu Jehovah, euerm Gott.
Denn gnädig ist er und voll Erbarmen,
Langmüthig, reich an Huld
Und läßt des Uebels sich gereuen.
14. Wer weiß – er kehrt noch um und läßt sichs reuen
Und läßt dann Segen hinter sich
Speis- und Trankopfer für Jehovah, euern Gott.
15. Blast die Posaune auf Zion!
Heiligt ein Fasten!
Ruft aus eine Feier!
16. Bringt zusammen das Volk,
Heiligt eine Versammlung,
Vereinigt die Greise,
Bringt zusammen die Kinder und Säuglinge!
Es gehe der Bräutigam aus seiner Kammer
Und die Braut aus ihrem Gemach!
17. Zwischen der Vorhalle und dem Altar
Sollen weinen die Priester, die Diener Jehovahs
Und sprechen:
Erbarme dich, Jehovah, deines Volkes
Und gieb dein Erbe nicht der Schmach hin,
Daß zum Sprüchwort es machen die Heiden!
Warum soll man sagen unter den Völkern:
Wo ist denn ihr Gott?

Soweit reicht die erste Hälfte unseres Buchs. Die zweite wird eingeleitet durch den 18. Vers, welcher in streng erzählender Form den glücklichen Erfolg des Bußfestes meldet, welches wir uns demnach als wirklich nach des Propheten Aufforderung gestiert zu denken haben:

18. Da erglühte Jehovahs Eifer für sein Land
Und er schonte seines Volkes.

Nunmehr folgt die Verkündigung Jehovahs, was er in seiner Gnade an seinem Volk zu thun beschlossen habe. Und zwar zuvörderst in Kap. 2, 19 – 27, was er wolle in nächster Zukunft an ihm thun: Abwendung der Landplage und Erneuerung der Fruchtbarkeit durch reichlichen Regenguß. Solche Offenbarung göttlichen Rathschlusses ist dem Propheten geworden, als Antwort Gottes auf die Buße und Gebete seines Volkes. Und gewiß hat er wenigstens diesen ersten Theil der Verheißung dem Volke auch schon mündlich verkündigt, vielleicht noch am Bußfeste oder doch bald nachher. Als er aber späterhin sein Buch zu einem Ganzen verfaßte, da war dieser erste Theil der Verheißung, betreffend Entfernung der Heuschrecken und Wiederherstellung des Wohlstandes, bereits in Erfüllung gegangen, daher hier die Rede von V. 21-24, wo der Prophet selbst das Wort ergreift, in die erzählende Form übergeht, während dagegen der Inhalt von Kap. 3 und 4 einer fernern Zukunft angehört.

Also zuvörderst die verheißene Rettung aus der gegenwärtigen Noth;

Kapitel 2, 19-27:

19. Und es erwiederte Jehovah und sprach zu seinem Volk:
„Siehe, ich sende euch das Getreide, den Most und das Oel
Und ihr werdet satt davon werden
Und will euch nicht mehr preisgeben zur Schmach unter den Heiden.
20. Und den Verderber will ich entfernen von euch
Und ihn treiben in ein wüstes, ödes Land,
Seinen Vortrab hin zum todten Meer,
Seinen Nachtrab hin zum Mittelmeer
Und es steigt dann auf sein Gestank
Und aufsteigen soll sein Faulgeruch –
Denn groß hat er gethan. “ –
21. Fürchte nicht, o Land!
Frohlocke und freue dich,
Denn Großes hat Jehovah gethan.
22. Fürchtet nicht, ihr Thiere des Feldes!
Denn es grünen die Auen der Trift,
Denn der Baum trägt seine Frucht,
Der Feigenbaum und Weinstock geben ihre Kraft.
23. Und ihr, Söhne Zions, frohlocket und freut euch über Jehovah, euern Gott,
Denn er gab euch den Lehrer zur Gerechtigkeit,3)
Sandte herab für euch in Güssen Frühregen und Spatregen zum Anfang.
24. So füllen sich dann die Tennen mit Korn,
Strömen über die Kufen von Most und von Oel.

Jehovah spricht wieder:

25. „Und euch ersetzen werde ich die Jahre,
Welche verzehrte der Schwärmer, der Hüpfer, der Fresser und der Nager,
Mein Heer, das große, das ich unter euch gesandt.
26. Und essen werdet ihr, essen und satt werden;
Und werdet preisen den Namen Jehovahs, euers Gottes,
Der zum Verwundern an euch gethan
Und nicht zu Schanden wird mein Volk auf ewig.
27. So werdet ihr erkennen, daß inmitten Israels ich bin;
Und daß ich, Jehovah, euer Gott und Keiner sonst;
Und nicht zu Schanden wird mein Volk auf ewig. “

Mit Kap. 3 nimmt die Offenbarung des göttlichen Rathschlusses einen höhern Flug und nimmt größere Dimensionen an. Frühregen und Spatregen, hatte es geheißen, sandte euch der Herr zum Anfang, als erstes Zeichen eurer Begnadigung. Bei diesem Anfang will er aber nicht stehen bleiben. Er will Alles thun an seinem Volk, was nöthig ist, damit es in Wahrheit Gottes Volk, sein heiliges Eigenthumsvolk und für den Genuß vollkommener und ewiger Glückseligkeit in Gottes Reich zubereitet werde. Deshalb will er nach diesem, d. i. nachdem er über das dürstende Land den Regen ausgegossen, dann auch seinen Geist ausgießen nicht wie bisher nur über einzelne Propheten, sondern über das ganze Volk ohne Unterschied des Geschlechts, des Alters, des Standes; dieß wird specificiert durch die verschiedenen Erweisungen, in welchen der Geist Gottes in den Propheten sich kund zu geben pflegte: Gabe der Weissagung; prophetischer Traum; prophetische Vision.

Ein Gerichtstag Jehovahs, wie er jetzt in der schweren Heimsuchung des Landes bereits sich anzukündigen schien, aber durch des Volkes Buße und des Herrn Gnade noch abgewendet worden, ein Gerichtstag, groß und furchtbar, wird allerdings erscheinen; doch nicht ohne warnende Vorzeichen, wie in Egypten der Herr dem letzten Gericht warnende Vorboten vorausgehen ließ, als das Wasser im Egypterland blutroth wurde und ein Gewitter mit Hagel zur Erde herniederblitzte und dampfte, wie auch eben jetzt solche Zeichen am Himmel erschienen, als die Menge der Heuschrecken Sonne, Mond und Sterne verfinsterte. Wenn aber dieser Tag kommt, so wird das Volk des Herrn auf Zion und in Jerusalem eine sichere Zufluchtsstätte finden und wer den Namen des Herrn wird anrufen, der wird gerettet werden. Dieß der Zusammenhang, in welchem innerhalb unsers Buches diejenige Stelle steht, welche unsre Aufmerksamkeit am meisten in Anspruch nimmt,

Kapitel 3, 1 – 5:

1. Und geschehen wird es nach diesem:
Ich werde ausgießen meinen Geist auf alles Fleisch;
Und weissagen werden dann eure Söhne und eure Töchter;
Eure Greise werden Träume haben;
Eure Jünglinge werden Gesichte schauen.
2. Und auch auf die Knechte und auf die Mägde werde ich in jenen Tagen ausgießen meinen Geist.
3. Und ich werde Zeichen geben am Himmel und auf Erden:
Blut und Feuer und Rauchdampf;
4. Die Sonne wird sich verkehren in Finsterniß
Und der Mond in Blut,
Bevor der Tag Jehovahs kommt,
Der große und furchtbare,
5. Und dann: jeder der den Namen Jehovahs anruft, wird gerettet,
Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem wird eine Zuflucht sein,
Wie Jehovah gesprochen hat,
Und unter den Entronnenen ist – wen Jehovah ruft.

Das vierte Kapitel endlich schildert den Gerichtstag selbst. Wie Gott jetzt die Heuschreckenschwärme vertilgt hat, so wird er dereinst auch die feindlichen Völker vernichten. Jehovah wird die Völker entbieten ins Thal Josaphat. Ein Name, bei welchem die sprachliche Bedeutung jedenfalls die Hauptsache ist, und nicht die geographische. Der Name bedeutet: Jehovah richtet. Angespielt mag sein auf die Benennung des Kidronthales zwischen Jerusalem und dem Oelberg, welches das Thal Josaphats hieß. Der Prophet scheint sagen zu wollen: der Ort, wo Jehovah alle Völker zum Gericht versammelt, der wird recht ein Thal Josaphat, ein Thal des Gottesgerichts (Gott richtet) heißen können. Da wird Gott strafen alle an seinem Volk verübten Frevel; wird sie strafen an den Philistern, welche unter Joram Jerusalem und den Tempel geplündert und viele Gefangene fortgeschleppt, unter ihnen auch einen Theil der königlichen Familie; an den Phöniziern von Tyrus und Sidon, wahrscheinlich, weil sie bei dieser und andern Gelegenheiten die schadenfrohen Sclavenmäkler gemacht; an Egypten, vornämlich wegen des Raubzugs unter Sesak zu Rehabeams Zeit; an Edom wegen des früher erwähnten Abfalls und der Ermordung der unter ihnen wohnenden Juden.

Ins Thal Josaphat also entbietet Gott die Heiden. Die werden kommen, in der Meinung, wider Gottes Volk und Stadt zu streiten; dahin entbietet er auch sein Volk und seine Helden. Dann wird das große Gericht seinen Verlauf nehmen. Leget an die Sichel, spricht dann Gott zu seinen Helden, denn reif ist die Ernte. Kommet, tretet, denn voll ist die Kelter, es fließen über die Kufen, denn viel ist ihrer Uebelthat! Nachher wird Gott unter seinem Volke wohnen; ein Strom von seinem Hause ausgehend wird in seinem Lande wässern auch das dürrste Thal, während die feindseligen Länder, auch das wasserreichste, zur dürren Wüste werden.

Die Zeit erlaubt uns noch, nun auch noch das vierte Kapitel selbst, das in majestätischer Kraft und wunderbarer Schönheit der Darstellung die Krone des Buches bildet, miteinander zu lesen:

Das vierte Kapitel

(meist nach der Übersetzung von Ernst Meier):

1. Denn siehe, in jenen Tagen und in jener Zeit,
Wo ich wenden werde Juda’s und Jerusalems Gefangenschaft,
2. Da werd’ ich versammeln alle Völker
Und hinab sie führen zum Thal Josaphat
Und rechten mit ihnen dort um mein Volk und mein Erbe Israel,
Das sie zerstreut haben unter die Völker
Und haben mein Land vertheilt.
3. Und haben geworfen über mein Volk das Loos
Und gaben den Knaben um die Buhldirne
Und das Mägdlein haben sie verkauft um Wein und vertrunken.
4. Aber auch – was seid ihr gegen mich, Tyrus und Sidon
Und all’ ihr Marken Philistäas?
5. Wie? eine That wollt ihr mir vergelten?
Oder wollt ihr selbst mir etwas thun?
Schnell eilends wend’ ich eure That auf euer Haupt!
6. Die ihr mein Silber und mein Gold genommen.
Und meine besten Kostbarkeiten fortgeführt zu euern Tempeln
Und Juda’s und Jerusalems Söhne verkauft habt den Söhnen der Jonier,
Um sie zu entfernen von ihrer Grenze.
7. Siehe, erwecken werd’ ich sie von da, wohin ihr sie verkauft
Und wende eure That auf euer Haupt.
8. Und verkaufe eure Söhne und Töchter in die Hand der Söhne Juda’s
Und die verkaufen sie dann den Sabäern, einem fernen Volk,
Denn Jehovah hat es geredet.
9. Rufet dies aus unter den Völkern!
Heiliget einen Krieg!
Erwacht, ihr Helden!
Dicht gedrängt steiget herauf all’ihr Männer des Kriegs!
10. Eure Hacken schmiedet zu Schwertern um
Und zu Lanzen eure Winzermesser!
Der Schwächliche sage: ein Held bin ich!
11. Eilet und kommt all’ ihr Völker ringsum und versammelt euch!
Dahin entsende Jehovah deine Helden!
12. Regen mögen sich und heranziehen die Völker zum Thal Josaphat!
Denn dort werd’ ich sitzen zu richten alle Völker ringsum!
13. Leget an die Sichel, denn reif ist die Ernte!
Kommet, stampfet! denn voll ist die Kelter,
Es strömen über die Kufen
Denn viel ist ihrer Uebelthat!
14. Getümmel! Getümmel im Thal der Entscheidung!
Denn nah ist Jehovahs Tag im Thal der Entscheidung! 15. Sonne und Mond sind geschwärzt
Und Sterne haben eingezogen ihren Glanz!
16. Und Jehovah donnert aus Zion
Und aus Jerusalem giebt er seinen Schall!
Daß erzittern Himmel und Erde;
Da ist Jehovah ein Hort seinem Volk und eine Burg den Söhnen Israels.
17. Und so erkennet ihr dann, daß ich Jehovah euer Gott bin
Thronend auf Zion, meinem heiligen Berge.
Und Jerusalem wird ein Heiligthum geworden sein
Und Fremde durchziehen sie nicht mehr.
18. Dann werden jenes Tags träufeln die Berge von Most
Und die Hügel werden strömen von Milch
Und alle Bäche Juda’s Wasser führen.
Und eine Quelle geht aus vom Hause Jehovahs
Und tränket das Thal der Dornbäume.
19. Egypten wird zur Wüste werden
Und Edom zur wüsten Einöde
Wegen des Frevels an Juda’s Söhnen,
Daß sie vergossen schuldlos Blut in ihrem Land.
20. Doch Juda – ewig wird es wohnen
Und Jerusalem auf Geschlecht und Geschlecht.
Ihr Blut, das ich nicht rächte, will ich rächen
Und Jehovah thronet auf Zion!

Wir verwenden die uns noch übrigen Minuten, um eine Beantwortung der schon Eingangs angekündigten Frage zu versuchen: Welche Tragweite hat Joels Weissagung auf dem Standpunkte des Propheten selbst und wie verhält sich dieselbe zu dem Antheil, welchen wir Christen an dieser Weissagung – vornämlich der des dritten Kapitels – für uns in Anspruch nehmen?

Wenn wir an die Betrachtung alttestamentlicher Weissagungen gehen, so dürfen wir erstlich nie vergessen, daß der Geist Gottes diese Offenbarungen an Israeliten ertheilt hat, an Glieder der alttestamentlichen Gemeinde und im Anschluß an die ganze Institution des alten Bundes. Deshalb erscheint hier auch der ewige Kern neutestamentlicher Wahrheit meistens noch in alttestamentlicher Hülle. Zweitens dürfen wir nicht übersehen, daß der Geist Gottes selbst in seinen Offenbarungen einen stufenweisen Fortschritt eingehalten hat, so daß wir, was bei dem spätern Propheten klar hervortritt, deßwegen nicht auch schon bei dem frühern erwarten dürfen, sondern immer bestimmter und reicher gestalten sich im Lauf der Jahrhunderte vor dem prophetischen Blick die Momente der Zukunft, insonderheit der messianischen. So steht denn auch Joel vor uns als rechter Israelit im besten Sinne des Wortes und als Israelit sehr früher Zeit, aus der Mitte des neunten Jahrhunderts vor Christo. Noch ist zu seiner Zeit der Priesterstand nicht entartet und der Gottesdienst im Tempel nicht zur todten Ceremonie herabgesunken, so daß er als Prophet dawider zeugen müßte, etwa wie Jesajas thut in seinem ersten Kapitel: Was soll mir die Menge eurer Opfer? bringet nicht mehr Speisopfer so vergeblich! :c. :c. Zu Joels Zeit hat der Tempelcultus noch ganz die hohe Würde, die er als vorbildliche Anstalt hat haben sollen. Und es ist ein rührender Zug von der Frömmigkeit unsers Propheten, wie sehr ihm diese „schönen Gottesdienste Jehovahs“ am Herzen liegen, wie er bei seiner Wehklage über die Verwüstung des Landes immer wieder als auf einen besondern Gegenstand des Schmerzes darauf zurückkommt, daß nunmehr Speis- und Trankopfer entzogen sei dem Hause des Herrn! Ihm ist noch nicht, wie dem um mehr denn ein Jahrhundert späteren Jesajas, die furchtbare Enthüllung geworden, daß das Volk als Ganzes dem Gericht anheimfallen und nur ein Rest sich bekehren und gerettet werden wird. Zu seiner Zeit und auf seine Mahnung hin hat das ganze Volk sich bußfertig zum Herrn gewandt und der Herr hat sich erbarmt und die Plage von ihm genommen; so darf denn er auch das in Aussicht stehende große Heil noch für das ganze Volk erhoffen.

Damit hängt denn auch das Bild zusammen, zu welchem sich ihm die Anschauung des künftigen Gerichtstages gestaltet. Nachdem Gott auf die Buße seines Volkes hin das Gericht von ihm abgewendet hat, kann dieser Tag für das Volk Gottes nur ein Tag der Errettung sein. Es ist der Tag, da das Volk Gottes zum siegreichen, letzten, für immer entscheidenden Streit gegen die Feinde aufgerufen wird. Wie es jetzt geheißen hat: heiliget ein Fasten! Ruft aus eine Feier! so wird es dann heißen: Ruft dieß aus – nämlich die Kriegserklärung – zu den Heiden! Heiligt den Krieg! Erwacht ihr Helden! Dicht gedrängt steiget herauf all ihr Männer des Kriegs! Eure Hacken schmiedet zu Schwertern um und zu Lanzen eure Winzermesser! – Noch sind es nicht die großen Weltmächte, Assur oder Babel, welche die feindselige Heidenwelt repräsentieren, sondern die Völker sind es, welche eben zu Joels Zeit sich bereits an Juda vergriffen hatten: die Philister und Phönizier, die Egypter und Edomiter. Einen Fortschritt in der Weissagung, eine Ergänzung des Zukunftsbildes, finden wir ein Jahrhundert später bei Jesaja und Micha. Denen war bereits geoffenbart, daß die Zeit kommen werde, da würden die Völker sich gegenseitig auffordern: „Kommt, laßt uns zum Berg Jehovahs steigen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Pfaden. “ Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und Jehovahs Wort von Jerusalem. Und der Erfolg solcher Bekehrung wird eine Zeit des Friedens sein. Sie werden ihre Schwerter zu Hacken und ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden. Nicht erheben wird Volk gegen Volk das Schwert; nicht werden sie lernen mehr den Krieg.

Nach dem Allem kann es uns auch nicht mehr befremden, wenn Joel auch die Verheißung von der Ausgießung des Geistes Gottes noch nicht allgemein an die Menschheit, sondern an das Volk Israel richtet. Zwar heißt es Anfangs wohl „ auf alles Fleisch“; aber daß Joel damit nicht den Unterschied zwischen Israel und den Heiden, sondern den zwischen dem Prophetenstand und dem übrigen Volk aufheben will, zeigt sich sogleich im Folgenden, wo überall das Volk angeredet wird: eure Söhne, eure Töchter, eure Aeltesten, eure Jünglinge. Der Sinn der Weissagung ist der: der Geist Gottes soll ein Gemeingut des ganzen Volkes Gottes werden. Dabei dürfen wir jedoch nicht übersehen, wie auch Joel die Gränze nicht so äußerlich zieht, daß ein Jeder schon um der leiblichen Abstammung willen in dem Volk Gottes inbegriffen und jeder Heide schlechterdings ausgeschlossen wäre. Denn gleich nachher, wo von der Errettung am Tage des Gerichts die Rede ist, heißt es: jeder der den Namen Jehovahs anruft, wird gerettet werden. Folglich, wer ihn nicht anruft, wird nicht errettet werden und wäre er auch dem Volk Israel entstammt; und wer ihn anruft, wird gerettet, und wäre er heidnischer Abkunft. Auf Zion wird eine Zufluchtsstätte sein – sollte die jedem verschlossen bleiben, auch dem, der sie sucht, nur weil er Heide ist? Der Prophet selbst schließt diesen Abschnitt mit den bedeutsamen Worten: und unter den Entronnenen wird sein, wen Jehovah ruft. Schwerlich meint Joel auch hiemit das Volk Israel. Denn dies ist ja längst berufen und der Geist Jehovahs darüber ausgegossen. Der Prophet scheint vielmehr andeuten zu wollen: auch unter den andern Völkern würden solche sein, welche Jehovah herbeirufen werde zum Heile Zions. So hat offenbar der Apostel Petrus diese Worte Joels verstanden, wenn er am Pfingsttag zur versammelten Menge spricht: euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und derer die ferne sind, so viele der Herr unser Gott herzurufen wird. Unter diesen letztern kann er nicht wohl die in fernen Ländern wohnenden Juden verstehen, denn die jüdische Diaspora war am Pfingsttag unter den Anwesenden reichlich genug vertreten und ist bereits in dem: ihr und eure Kinder, mitbegriffen; sondern es sind die Heiden gemeint, welche Gott berufen werde.

Auch der Apostel Paulus führt die Worte Joel 3, 5 in gleichem Sinne an, wenn er (Rom. 10, 12) zuerst ausspricht: es ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche, es ist aller zumal Ein Herr, reich über Alle, die ihn anrufen, und dann (V. 13) fortfährt: denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.

Demnach, wenn auch erst in dämmernder Ahnung, doch auch schon bei Joel die prophetische Andeutung, daß das Volk Gottes auch Glieder aus den Heiden zählen wird. Viel umfassender und bestimmter erkennen wir nun freilich dieß Verhältniß, wir, die wir in der Zeit der Erfüllung leben. Der Unterschied zwischen Jude und Nicht-Jude ist aufgehoben, seit Jesus Christus erschienen ist und hat – wie Paulus sagt – aus beiden Eines gemacht und den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, auf daß er aus Zweien Einen neuen Menschen in Ihm selber schaffte. Nunmehr gehört zum Volke Gottes, wer in Christo Jesu ist und was Joel dem Volke Gottes verheißt, sofern wir Christen sind, gehört es uns.

Solcher Weise den Begriff des Volkes Gottes in das Neutestamentliche übersetzt, können wir nun auch nur mit Bewunderung wahrnehmen, wie richtig die Perspective ist, in welcher Joel die wesentlichsten Momente der fernsten Zukunft geschaut hat. Ausgießung des Geistes Gottes über sein ganzes Volk; dann warnende Zeichen, vorläufige Gerichte, vorbereitende Wehen und dann erst der furchtbare große Tag des Herrn, der für immer entscheidet. Das Volk Gottes eine streitende Gemeinde – freilich das neutestamentliche streitend mit dem Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes – und der große Tag des Herrn für sie ein Tag der Erlösung. Ganz dieselbe Perspective, in welcher Christus selbst die Zukunft darstellt, wenn er seinen Jüngern die begehrte Auskunft giebt über das was kommen soll.

Was aber aus den Worten unsers Propheten doch am meisten zu unserm Herzen spricht, ist der große Mittelpunkt seiner Weissagung, die Zusage: daß der Geist des Herrn Gemeingut werden soll für sein ganzes Volk. Diese Verheißung wollen wir uns immer aufs neue zueignen und uns freuen, wie wir im neunten Kapitel des Jesajas ein prophetisches Weihnachtslied besitzen, so aus Joels Mund ein prophetisches Pfingstlied zu vernehmen.

Immanuel Stockmeyer: Vorträge über die Propheten. Gehalten auf Veranstaltung eines christlichen Vereins Vor Zuhörern aus allen Ständen. Bahnmaier’s Verlag, Basel 1862

Aus: Glaubensstimme – Ein Archiv christlicher Texte aus 2 Jahrtausenden