Sonntag Estomihi

Predigttext: Lukas 18, 31-42

Unser Text redet von dem Weg zur Herrlichkeit, nicht zur Seligkeit, und zwar sehen wir

1. daß er durch Leiden führt
2. daß ihn nur Wenige verstehen
3. daß uns Jesus Christus allein Licht geben kann

Die Jünger gingen gern mit nach Jerusalem. Sie glaubten, jetzt gebe es wahrscheinlich ein Friedensreich, jetzt würde es aufgerichtet und sie erhielten ihre hohen Stellen in demselben. Auch im Friedensreich wird’s noch Beamte geben, die sind freilich anders als die im Weltreich. Zu einem Friedensreich gehören auch friedliche Leute, die waren damals noch nicht vorhanden, und sind’s heute noch nicht. So lange noch so viel Streit und Händel unter den Menschen sind, so lange ist noch kein Friedensreich da, wenn auch äußerlich Friede ist.

Nach Jerusalem geht’s  h i n a u f ,  auch nach dem obern Jerusalem. Wer dahin kommen will, muß sein Herz von der Erdscholle los machen, seinen irdischen Sinn nach oben richten.  Sursum corda, sagten die Alten, d.h. “die Herzen aufwärts”.

“Des Menschen Sohn”, sagt der Herr zu seinen Jüngern, “wird überantwortet werden den Heiden.” Das sind Leute, die von Gott los sind, hart, grausam. Solche hat’s auch unter den Christen. Wo keine Gottesfurcht ist, da ist – in der Regel wenigstens – Rohheit und Grausamkeit. Wie ist man im 30jährigen Krieg verfahren? “Und er wird verspottet werden”, u.s.w.

Das Alles mußte ihm aus einem zweifachen Grund widerfahren. Um unsertwillen: wir hätten verdient, verspottet, geschmäht und angespieen zu werden. Wenn wir uns betrachten in unsern oft so abscheulichen Sünden, da müssen wir sagen: ‘Ja, du bist anspeiungswert’.  Sodann um seinetwillen: Der Weg zur Herrlichkeit führt durch Leiden. Warum? Nur der kann im Himmel eine hohe Stelle einnehmen, der hier ganz gehorsam, ganz demütig, voller Sanftmut und Liebe geworden ist.

Bei Christus war das letztere wohl der Fall, aber es mußte sich bewähren. Er hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Mußte nicht Christus Solches leiden, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen? Weil er die höchste Herrlichkeit einnehmen sollte, darum mußte er auch die schwersten Leiden auf sich nehmen. Es ist ein Unterschied zwischen einem warmen und einem glühenden Ofen. Christus mußte ganz durchglüht werden. Darum sagt er auch: “Nun ist des Menschen Sohn verkläret”. Nach der Kreuzesschule kam die Auferstehung, der Eingang zur Herrlichkeit. Auch die Jünger sollen sich’s merken. Auf die Bitte der Mutter der Kinder Zebedäi antwortete der Herr: “Könnet ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?”

Mancher könnte sagen: Ich will lieber Nichts von der Herrlichkeit, ich hab genug, wenn ich selig werde. Das hängt von der Verordnung Gottes ab. Es kommt Keiner zur Herrlichkeit, als wen Gott dazu verordnet. Die Märtyrer sind von Gott verordnet.

Dabei hängt übrigens doch noch viel vom Menschen ab. Er kann sich der Verordnung widersetzen. Es kann Einer schon als Kind in der Wiege zu einem Fach bestimmt werden, er kann aber, wenn er sich dafür ausbilden lassen soll sagen: Ich mag nicht. Kreuz und Leiden können verschiedene Wirkungen haben. Viele, die nichts in sich haben, die dem heiligen Geist widerstehen, werden durch Kreuz zornig, bös, neidisch, ungeduldig, murren wider Gott, knirschen gegen ihn. Andere werden geduldiger, sanfter.

Sie aber, V. 34, vernahmen der keins. So geht’s auch manchmal in der Kirche bei der Predigt. Oft kommt’s daher, weil nur die Füße und der Kopf in die Kirche kommen und das Herz draußen bleibt. Die Jünger waren zwar schon im Reich Gottes, aber den Weg zur Herrlichkeit verstanden sie doch noch nicht. Dazu gehört also schon viel. Den Weg zur Seligkeit wußten sie, aber nicht den zur Herrlichkeit; den Weg in’s Haus, aber nicht die Stiege in den höhern Stock. Der natürliche Mensch versteht gar nichts, er versteht nicht einmal den Weg zur Seligkeit, geschweige den zur Herrlichkeit.

Wenn ich bei euch herumfragen würde: Welches ist der Weg in den Himmel?, so würden gewiß die Meisten sagen: Man muß brav und rechtschaffen sein, man muß in seine Kirche zur Beicht’ und zum Abendmahl gehen und gute Werke tun. Das ist grundverkehrt. Was muß man denn tun? Ich sage Nichts, gar nichts! Umsonst sollt ihr selig werden! Das lautet freilich kurios, aber es ist so. Der Himmel ist ein Erbe. Was muß ein Kind tun, um zu erben? Antwort: Nichts! Das Erbe ist sein, es braucht keinen Strohhalm dafür aufzuheben.

Arbeitet’s aber jetzt nichts? Allerdings arbeitet es – aber nicht um das Erbe zu verdienen, denn das ist ihm gewiß, weil es Kind ist. Sind wir Kinder, sagt der Apostel, so sind wir auch Erben. Das Kind arbeitet aus Liebe zu den Eltern, die ihm schon so viel Gutes erwiesen haben und noch erweisen werden. Ein Kind Gottes hat schon viel Liebe erfahren durch das Kreuz Jesu Christi – mir ist Barmherzigkeit widerfahren – und es steht ihm noch viel Gnade in bestimmter Aussicht: das ewige Leben. Auch das hat es schon teils im Vorschmack, teils ganz im Glauben, noch nicht im wirklichen Besitz, aber im Glauben.

Ein Knecht arbeitet auch, aber nicht aus Liebe, sondern aus Zwang und um den Lohn. Er mag auch einen Knechtslohn empfangen, es gibt auch Taglöhner im Himmel. Nun fragt es sich: Erben alle Menschen? Antwort: nein, nur die Kinder. Wie werde ich ein Kind? Antwort: Durch Gott, durch sein Wort, welches durch den heiligen Geist in’s Herz hinein kommt. Wann weiß ich aber, daß das in mir vorgegangen ist? Das spürt Jeder in seinem Innern. Er ist voll Angst und Unruhe. Die Sünden liegen wie Berge auf dem Menschen. Jetzt meint er, es sei aus, er hält sich für verloren. Schon jetzt ist er eigentlich Erbe. Es geht selten Einer verloren, wenn einmal durch Gottes Wort und Geist ein Werk Gottes im Innern vorgegangen, eine rechte Unruhe und Angst über die Sünden vorhanden ist. Wie aber wird das Kind geboren? Durch die Wirkung der Gnade durch den Glauben.

Der Heiland ist für meine Sünden gestorben, er ist mein Heiland Das ist kein äußerlicher Glaube. Der hölzerne Christus da macht’s nicht, der lebendige Christus nicht der im Kopf der ist nicht besser als der hölzerne, sondern der im Herzen. Wir gehen weiter. Ein Blinder sitzt am Weg, wo Christus vorbeikommt. Der sitzt auch nicht von ungefähr da. Er war so recht das Abbild der Jünger. Von Natur sind alle Menschen blind. Der natürliche Mensch versteht nichts, er weiß keinen Weg in den Himmel, er sieht sich nicht und sieht Gott nicht, er läßt Gott einen guten Mann sein. Er glaubt’s nicht, wie blind und verkehrt er ist.

Besonders wenn Einer gebildet ist, jetzt meint er, er sei’s. Da heißt’s: Ich weiß, was ich zu tun habe. Es kann Einer noch so geschet sein, und in göttlichen Dingen ist er ganz dumm und blind. Da heißt’s oft: je gelehrter, desto verkehrter. Die Pharisäer fragten den Herrn: Sind wir auch blind? Der Herr antwortete: Wenn ihr nur blind wäret, d.h. einsehen würdet, wie blind ihr seid, wenn’s nur einmal so weit bei euch wäre! Der Mensch weiß nicht, in welcher Dummheit er steckt. In der Stadt heißt’s: Das ist für die dummen Bauern, und die Bauern wollen auch gescheit sein. Die sagen: Das weiß ich Alles schon lang, was mir der Pfarrer sagen will. Wie ist man namentlich in der Jugend so blind, man läuft in den Tag hinein und rennt fort seinem Verderben entgegen bis man an den Toren des Todes und der Ewigkeit steht. Da heißt’s: Wo die Andern hinkommen, werd ich auch hinkommen. Zur Zeit der Unwissenheit hat Gott Nachsicht.

Wie aber, wenn man gedingt ist in Gottes Weinberg, wenn man fortwährend das Wort Gottes hört,  in seinem Innern Ja und Amen dazu sagen muß und doch nichts davon will? Was dann? Der Blinde forschte nach. Seine Blindheit war ihm eben recht verleidet. So sollten auch wir nicht gleichgültig sein gegen das, was in der Welt und namentlich in der Kirche im Reich Gottes vorgeht. Wenn wir von großen Bewegungen im Reich Gottes u. dgl. hören, sollten wir auch fragen: Was ist das? Was hat das zu bedeuten? Wenn man sich um nichts kümmert, bleibt man blind und tot. Jesus geht vorüber. Wohlgemerkt: Wenn er vorübergeht muß man die Zeit benutzen. Zachäus stieg eilend vom Baum herab. Paulus besprach sich nicht mit Fleisch und Blut. Er griff rasch zu. Wenn das Wort des Herrn lebendig gepredigt wird und an dich herankommt, so geht Jesus vorüber.

Darum versäume nicht die Zeit der Gnade der Heimsuchung. Heute, so du die Stimme deines Gottes hörest, verhärte dein Herz nicht. Luther sagt: Der Wagen des Evangeliums geht durch die Länder, wer aufsitzt, kommt mit. Der Blinde benützt den Augenblick und ruft: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Er will nur Erbarmen, nur Gnade, kein Verdienst. So müssen auch wir beten: Erbarme dich meiner Seele, reiße sie heraus aus dem Tod. Ach laß mich nicht verloren gehen! Anders geht’s nicht. Es gilt, Tag und Nacht zu beten. Im Schlaf kommt’s nicht, wir müssen darum bitten.

Die Welt droht, spottet: Willst du auch so ein Betbruder werden, den Heiligen die Füße abbeten? Der Blinde läßt sich nicht zurückhalten. Er bittet: Herr daß ich sehen möge! Er will keine Ehre, keinen Reichtum, nichts als: Mach mich wieder sehend! So auch wir.

Meine Blindheit ist mir verleidet,
ach reiß mich nur aus meiner Finsternis,
nichts als selig möcht ich werden.

Das einzige Wort “Sei sehend” genügt. Es liegt zuletzt Alles am Glauben: Der Blinde, nunmehr sehend Gewordene folgte Jesu nach. Er ließ sich jetzt nicht wegbringen von seinem Heiland, hielt sich an ihn in seinem Wandel, in seinem Leben. Und alles Volk lobte Gott. Alles was zum Licht gebracht ist, wird sich zuletzt zu einem großen Loblied Gottes vereinigen. Der Schluß von Allem wird Lob Gottes sein. Wer ernstlich betet, wird den Herrn sehen und seine Seele wird genesen.

Amen.

Aloys Henhöfer, Predigten