Johannes 11, 44: Gebundene Heilige

Jesus spricht zu ihnen „Löset ihn auf und lasset ihn gehen“
(Joh. 11, 44 LUT)

Auferweckt hat der Heiland den Lazarus allein, dazu brauchte er keine Menschen als Helfer. Wie die schwankende Gestalt, gebunden mit Grabtüchern an Händen und Füßen, im Eingang der Grabeshöhle erscheint, gibt der Herr den Umstehenden den Befehl: „Löset ihn auf und lasset ihn gehen!“

Ähnliches beobachten wir heute noch: Auferweckt aus geistlichem Tod hat der Herr manchen, aber er ist noch gebunden mit Grabtüchern mangelhafter Erkenntnis oder mancherlei Irrtum, ja sogar fehlerhafter Lebensführung. Und so kann es nicht bleiben: es ist um des Frischerweckten willen notwendig, daß er frei von jenen Banden lerne, gewisse Tritte zu tun; aber es ist auch um der Welt willen nötig, denn das Leben der Christen ist die Bibel der Welt.

Wer sind Heilige im Sinne des Neuen Testamentes? Nicht sündlose, vollkommene Engel, sondern arme, ans sinnliche noch gefesselte Menschen, die etwas Großes erlebt haben: Sie sind durch die Bekehrung in die „Blutgrenze“ gekommen; sie wissen etwas zu sagen von Vergebung, Frieden und Kraft. Dabei sind sie innerlich für Jesus und seinen Dienst bestimmt, wenngleich noch Schwachheiten und Fehler vorkommen. Jetzt wird es wichtig, daß die rechte Seelsorge sich ihrer annimmt, ihnen die Grabtücher des Sündenstandes abnimmt. Dazu gehört freilich viel Vorsicht, Weisheit, Demut, vorbereitende Fürbitte, wenn man die Fesseln der Heiligen lösen will.

Mir sind in meiner Erfahrung drei Kategorien von gebundenen Heiligen begegnet. Bei allen dreien setze ich voraus, daß sie die Bekehrung wirklich erlebt haben.

Die ersten könnte man die Vorschnellen oder Oberflächlichen nennen. Sie jauchzen über die erfahrene Hilfe von oben und können eine Weile fröhlich im neuen Licht ihre Straße ziehen. So furchtbar ernst ist ihnen der Bruch mit dem alten Wesen nicht vorgekommen; daß es geschrieben steht: „Schaffet eure Seligkeit mit Furcht und Zittern!“ scheint für sie nicht zu gelten. Und es können ganze Gebiete voll Unrecht sein, in denen sie wandeln. Im Geldpunkt, in der Sinnlichkeit, in liebloser Nachrede unterscheiden sie sich kaum von der Welt. Es wird besondere Vollmacht, Liebe und Demut nötig sein, wenn man ihnen die selbstverständlichen Forderungen der neuen christlichen Sittlichkeit klar macht. Außer Vorurteilen und bestimmten offenbaren Sünden gibt es nervöse Verirrungen verschiedener Art, und die Nerven werden nie bekehrt. Wie oft sieht man es, daß jemand aus Nervosität jähzornig, lieblos, ungerecht wird und will dabei doch ein bekehrter Christ sein. Alles, was an unserer Lebensführung und Gestaltung die Heiligkeit des Evangeliums nicht verträgt, muß sich richten lassen und muß als unrecht erkannt werden.

Dann kann man den vollen Trost des Evangeliums anwenden. „Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde abgestorben seid.“ Wenn einer von euch die Versuchung zu irgend einer Sünde auf sich zukommen sieht, muß er mit Gebet sich gleichsam auf dem Absatz umdrehen, und es braucht kein Fall einzutreten. Jesus ist kein Sündendiener und will uns von jeder klar erkannten Sünde frei machen. Es gibt noch Einflüsse des Bösen genug, aber herrschen darf keine bewußte, klar erkannte Sünde über uns. „Lasset die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe.“ Es gibt eine Siegeskraft Christi, die wir beanspruchen müssen.

Es gibt zweitens eine Kategorie, auf die das bisher Gesagte nicht ganz paßt. Sie haben in der ersten Zeit nach der Bekehrung energisch gekämpft und glänzend gesiegt. Aber allmählich sank die Begeisterung, und Gewohnheit, Routine, religiöse Phrase haben dafür gesorgt, daß das Kämpfen nachließ. Man richtete sich so ein, daß es weniger Zusammenstöße mit der Welt gab. Geistliche Trümmerstätten! Man ist aus der ersten Liebe gefallen; erst wurde man gleichgültig, dann gab man Bibellesen und Gebet allmählich auf und zuletzt wurde man abtrünnig. Solche müssen erst zu einer lebhaften Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres Verkehrs mit Jesus geweckt werden. Dann zweifeln sie, ob noch Gnade für sie da sei. Sag es ihnen: Jesus würde sie nicht aufgeweckt haben zur Buße, wenn er sie schon aufgegeben hätte. Er hat Gaben empfangen für die Abtrünnigen. Mach ihnen Mut, noch einmal zur Quelle zurückzugehen und frisch anzufangen. Vielleicht wird nach der ganzen Erfahrung von Abfall und Wiederaufnahme die Herrlichkeit des zweiten Hauses größer sein als die des ersten war.

Die dritte Kategorie: Gottes Kind und doch nicht frei. Es können Leute sein, die seit Jahren einer gläubigen Gemeinschaft angehören, vielleicht sogar in führender Stellung, und dabei sind sie doch an irgend einem Punkt in ihrem sittlichen Leben heimlich gebunden. Während sie mit großer Schärfe andere richten, sagt ihnen ihr Gewissen: Du selbst hast ja in dir ein todbringendes Gewächs. Sie erkennen ihren Schaden und beten dagegen, aber nicht immer werden sie gehört. Es kann ein alter Temperamentsfehler sein oder eine geheime Unsittlichkeit, Liebe zu Geld, übergroße Empfindlichkeit im Punkt irdischer Ehre oder irgend etwas, was mit ihrer großen Nervosität zusammenhängt. Sie haben jahrelang darüber gebetet und wurden nicht erhört. Ist das nicht furchtbar? Was soll man ihnen sagen? Ist das ein Mittel, sie in der Demut zu bewahren, daß sie sich nicht überheben im Urteil über andere? Oder ich habe auch beobachtet, daß der Herr jemand an einer Stelle fallen läßt, weil an einer anderen Stelle noch nicht Buße getan ist. Wie oft haben alte, erfahrene Christen in meiner Sprechstunde mit solchem Bekenntnis vor mir gesessen und bitterlich geweint. Manchen durfte ich, nachdem wir zusammen gebetet, mit dem Trost entlassen:

„Ich danke dir, daß dein Versühnen
Mir tägliche Vergebung schenkt,
Und daß dir auch die Blumen grünen,
Die voller Scham ihr Haupt gesenkt.“

Hat der Hirte das Schäflein nicht mehr lieb, wenn es zu eigenem scharfen Schmerz immer wieder stolpert und hinfällt? Wird er es nicht doch aufheben und mit doppelter Liebe trösten? Wer unter uns ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf solche gebundenen Heiligen. Es ist so im letzten Grunde zwischen ihnen und den besten unter uns nur ein gradueller Unterschied. Sagt ihnen, daß Jesus sie liebt hat und selig machen will. Wir wollen sie auch lieb haben, für sie beten und ihnen helfen, loszukommen von der letzten Fessel, oder sie ihnen tragen helfen, bis ihnen die Last abgenommen wird.

„Habt Mitleid mit den Gebundenen.“

Samuel Keller (1856-1924)

Quelle: Glaubensstimme – Ein Archiv christlicher Texte aus 2 Jahrtausenden