Jesus Christus gab sich uns

Christus hat uns ein Vorbild gelassen, daß wir nachfolgen sollen seinen Fußstapfen. (1. Petrus 2, 21)

1) Jesus Christus gab sich uns
selbst zum Vorbild alles Tuns.
Sein Wort stellet ihn uns dar,
ich soll sein, wie Jesus war.

2) Sein Verleugnen lehrt mich klein,
Seine Demut niedrig sein.
Seine Sanftmut, stete Huld,
Sein Gehorsam, die Geduld.

3) Wie Er ohne Haß geliebt,
Stets getröstet, nie betrübt,
Und auch Feinden Gut’s getan
Weist Er mich zu Gleichem an.

4) Wenn Er Gottes Willen tat,
Wenn Er stets zum Vater bat,
Wenn Er nichts als Wahrheit sprach,
Heißt das: folge du mir nach.

5) Wenn Er allzeit standhaft blieb,
Nur das Wort vom Reiche trieb,
So bezeugt Er mir dabei,
Daß mir das ein Beispiel sei.

6) Wenn Er mäßig aß und trank,
Und es heiligte mit Dank,
Spricht mir sein Exempel zu:
Wie Er lebte, lebe du.

7) Lieber Meister, lehr michs nun!
ohne dich kann ich nichts tun;
Unter deines Geistes Zucht
bringt mein Glaube solche Frucht.

8) Viele folgen ihrem Sinn;
aber Herr, wo soll ich hin?
Du bist Christus, Gottes Sohn;
wer dir folgt; hat großen Lohn!

9) Gabst Du nach vollbrachtem Lauf
Deinen Geist mit Beten auf,
Gib auch, daß durch Deine Treu
Mein End’ wie Dein Ende sei.

Liedtext: Philipp Friedrich Hiller (1699-1769)
Melodie: Frankfurt/Main 1659, Halle 1704; bei Johann Georg Stötzel, 1744
Andere Melodie: Klosterneuburg, um 1000; Martin Luther, 1524

Philipp Fr. Hiller (1699-1769)

Geschichte(n) zum Lied “Jesus Christus gab sich uns”

Von Philipp Friedrich Hiller, Pfarrer in Steinheim bei Heidenheim (1699-1769) gedichtet und erstmals erschienen in dessen “Geistliches Liederkästlein”, zweiter Theil, Stuttgart 1767. Das Lied ist eine seiner kleinen Oden über biblische Sprüche, welche oft wahre Kleinodien sind. Der Spruch, um den es sich hier handelt, ist 1. Petri 2, 21. Christus hat uns ein Vorbild gelassen, daß wir nachfolgen sollen seinen Fußstapfen, und Hiller bemerkt dazu:

Der Weltsinn macht alle, auch närrische Moden nach, und alle Sünden; ein Christ sieht auf seinen Herrn.

Es ist in schlichten Worten und ungekünstelter Form ein liebliches Seitenstück zu dem schwungvolleren “Heiligster Jesu, Heilgungsquelle”. Das Ganze wird in ein helles Licht gesetzt durch folgende Erzählung:

Eine kleine Gesellschaft christlicher Freunde saß, wie die Basler Sammlungen 1797 berichten, eines Tags beisammen und führte ein ernstes Gespräch über den Ausspruch Jesu “Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach”. Es ist doch fürwahr eine mächtige Aufgabe, welche Hiller in Vers 1 kurz beschreibt:

Jesus Christus gab sich uns
selbst zum Vorbild alles Tuns.
Sein Wort stellet ihn uns dar,
ich soll sein, wie Jesus war.

Je mehr man vollends ins Einzelne eingeht, wie es Hillers Verse 2-6 beschreiben, desto höher steigt die Arbeit. Die Freunde mögen wohl auch etwas Ähnliches in ihrem Gespräche ausgedrückt haben. Siehe, da fängt eins der Kinder des Hauses, ein sechsjähriges Töchterchen, mitten im Spiel aus freiem Trieb und unvermutet an zu sagen, Vers 7:

Lieber Meister, lehr michs nun!
ohne dich kann ich nichts tun;
Unter deines Geistes Zucht
bringt mein Glaube solche Frucht.

Es hatte oft schon in dieser Weise auch sonst Verse gesagt und wiederholt, aber dieser Vers machte nun auf alle Anwesenden einen gewaltigen Eindruck. Mußte ihnen ein Kind den Weg sagen, auf welchem sie auch die schwersten Aufgaben in der Nachfolge Jesu übernehmen dürften, so hielten sie sich versichert, der Herr werde sie durch seinen Geist darin stärken und kräftigen. Es ward ihnen aber auch zugleich zu einem neuen Antrieb, ihre Kinder frühzeitig zum Wort Gottes anzuhalten und mit den Liedern der Kirche bekannt zu machen. In einer Welt, wo Hillers Vers 8 seine Arwendung findet,

Viele folgen ihrem Sinn;
aber Herr, wo soll ich hin?
Du bist Christus, Gottes Sohn;
wer dir folgt; hat großen Lohn!

weiß man doch nicht, wie und wo der heilige Geist solche Schätze des Gedächtnisses zu ihrem und Anderer ewigen Heile gebrauchen kann. Und siehe, ein Jahr darnach legte sich jenes Töchterlein aufs Totenbette, und die vielen gelernten Sprüche und Verse waren ihm ein großer Trost. Es ist denn auch selig entschlafen, nachdem es den letzten Vers öfters gebetet hatte:

Gabst du nach vollbrachtem Lauf
deinen Geist mit Beten auf,
Gib auch, daß durch deine Treu
mein End’ wie dein Ende sei.

Melodie: “Nun komm, der Heiden Heiland”

a a g c h a h a
1524 nach der alten geistlichen Weise von Veni redemptor gentium oder ““Gott sei Dank durch alle Welt”
f a b c c d e f
im Freylinghausenschen Gesangbuch, 1704.

Quelle: Die Kernlieder unserer Kirche im Schmuck ihrer Geschichte, S. 455. Begründet in erster und zweiter Auflage von † Eduard Emil Koch. Umgearbeitet und vermehrt in dritter Auflage von Richard Lauxmann, Diakonus an der Stiftskirche in Stuttgart (Stuttgart, 1876)