10. Das Leuchten seines Angesichtes. (4. Mose 6, 25)

Der Herr lasse Sein Angesicht leuchten über dir.
4. Mose 6, 25.

Es ist eine ewige und über alle Maaße wichtige Herrlichkeit (2. Cor. 4, 17), welche uns im ewigen Leben verheißen ist und zu Theil wird. Aber auch schon in diesem Leben sind es große Gaben, welche die Barmherzigkeit Gottes uns zuwendet. So groß ist die Liebe
Gottes, daß sie uns an Christo zu Theil werden läßt die Erlösung durch Sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden und die Kindschaft durch eben denselben Herrn Jesum Christum, Eph. 1, 7 und 5. Es ist eine überschwängliche Größe und Kraft Gottes an uns, Eph. 1, 19. Das alles aber kann sich Niemand nehmen, es werde ihm denn vom Himmel gegeben, Joh. 3, 27.

Wenn Du, o Jesu, Dein Angesicht leuchten lässest, so öffnet sich der Himmel über uns und wir empfangen Gottes große Gaben.

Auf jenem Berge leuchtete Dein Angesicht wie die Sonne, Matth. 17. Die Jünger aber fielen auf ihr Angesicht und erschraken. Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie Niemand als Dich allein, Jesu, mein Heiland. Solche Macht liegt in dem Leuchten Deines Angesichtes, daß man darüber erschrickt bis in den Grund seines Herzens. Matth. 17, 6. Und kann Niemand die Furcht stillen, als Du allein, der Du wahrhaftiger Gott bist. So groß ist unsere Furcht und so kräftig und süß ist das Leuchten Deines Angesichtes, Jesu, Du Sehnsucht und Freude all der Deinen. Wahrlich, Dein Name heißt Wunderbar und Kraft, Jes. 9, 6.

Und wunderbar und kraftvoll dringt es in Deiner Jünger Seelen, wenn Du Dein Angesicht über ihnen leuchten lässest. Jene Stadt, welche der heilige Johannes sah und von welcher er schrieb zum Troste aller erdenmüden Seelen, bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie ihr leuchten, denn Jesu Angesicht leuchtet darin, Offenb. 21, 23. Sonne und Mond sind nur dunkle Flecken vor der Klarheit Deines Angesichtes. Wo Dein Angesicht leuchtet, ist keine Nacht mehr, Offenb. 21, 25.

Welch ein Segen ist mir darum verheißen in den Worten: der Herr lasse Sein Angesicht leuchten über dir! Welch eine große Bitte steht im Psalm geschrieben: laß uns leuchten Dein Angesicht, so genesen wir! Ps. 80, 4. Du sagst aber Selbst, kein Mensch wird leben, der Mich siehet, 2 Mose 33, 20. Gewiß kommt Schrecken und Sterben über mich durch das Licht Deines Angesichtes. Denn von Deinem Angesichte leuchtet mir die Wahrheit. Was ich nie sah, sehe ich in diesem Lichte, daß ich jener Mensch bin, der den Balken im
Auge trägt (Luk. 6), jener Knecht, der zehntausend Pfund schuldig ist. Wie arm, wie elend, wie zerrissen, wie stumm vor Entsetzen stehe ich da unter dem Leuchten Deines Angesichtes! O ich Kind des Irrthums – ich liebte, was ich hassen sollte und floh, was ich suchen sollte; ich sah Staub und Rauch – nämlich Ehre und Wohlleben – für Schätze an und achtete Dich nicht, Du ewige hochgelobte Schönheit. Ja, Herr, wer Dich sieht, der stirbt, wie Du zu Mose sprichst.

Aber er genest auch, wie Assaph dreimal spricht, Ps. 80, 4. 8. 20. Es ist ja Dein Angesicht, Jesu, Du wahrhaftiger Heiland! Dein Angesicht leuchtet, wie Du Selber bist. Und dies ist das kündlich große Geheimniß, daß Du wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch bist ohne Vater und ohne Mutter – als Mensch ohne Vater und als Gott ohne Mutter, ohne Anfang der Tage und ohne Ende des Lebens, Ebr. 7, 3. Dein Angesicht, der Du in der Krippe liegst, laß mir leuchten, so bin ich genesen. Das ist Dein Angesicht, welches
Du tief zur Erde neigtest in Gethsemane, das am Kreuze, da aller Welt Sünde auf Dir lag, in den Tod sank und danach schön und siegreich am Ostermorgen hervorbrach. Sie sind Alle genesen, die Dein Angesicht sahen und genesen noch jetzt, wenn Du Dein Angesicht
leuchten lässest. So tief ist kein Jammer, so bitter keine Sorge, so finster keine Nacht, so ängstlich keine Angst, so heimlich kein Kummer, so stark keine Macht des Fleisches, daß ich nicht genesen sollte in dem Lichte Deines Angesichtes. Jesu, Du Freund meiner Seele,
laß mir Dein Angesicht leuchten, so kann ich niedrig und hoch, arm und reich, unbekannt und bekannt sein, sterben und leben, wie es Dein heiliger Wille über mich ist; so werde ich mit Jakob sprechen: Ich habe genug (1. Mose 45, 28) und mit demselben Erzvater von Dir
und zu Dir lobsingend rufen: Du bist es, 1. Mose 49, 8. Leuchtet mir Dein Angesicht, so freut sich mein Geist und ich grüne und blühe, der ich sonst eine Wüste bin. Dein Angesicht leuchte mir, wenn ich Dein Wort höre und zu Dir rufe und meine Lippen Dich im Brod und Wein empfangen. Dein Angesicht leuchte mir, wenn meine Augen brechen und ich vor Dir stehen werde am großen Tage der Auferstehung.

Jesu Nam‘, du Perl der Seelen,
O wie köstlich bist Du mir!
O Dein Name, Deine Treue
Ewig meine Seel erfreue.

Quelle:

Stille halbe Stunden. Von Th. Schmalenbach. Gütersloh, Druck und Verlag von C. Bertelsmann. 1877.
Bayerische Staatsbibliothek, urn:nbn:debvb:12-bsb11354794-3
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