Römer 7, 14-25. Römer 8, 1-2

Andächtige in Christo. Ich habe euch in unserm letzten Gottesdienst ein Stück aus einem Selbstbekenntnis des Apostel Paulus vorgelegt, welches uns einen tiefen Blick in sein Herz tun ließ und zugleich in unser eigenes; wir haben nur den Anfang desselben vernommen. Wir blickten in die alte Zeit des Apostels hinein, ehe das Licht auf dem Wege nach Damaskus ihn zu Boden geworfen und ihn mit dem Samen des neuen Menschen aufstehen ließ: wir wollen heute noch weiter die Geschichte jenes alten Menschen betrachten und einen kurzen Blick in die seines neuen Menschen tun, um zu erkennen, wie groß die Veränderung sei, die mit einem Menschen vorgeht, der aus einem alten Menschen ein neuer in Christo wird.

Der Text des 7. Kapitels an die Römer lautet vom 14. Verse an weiter bis zum 1. und 2. Verse des 8. Kapitels:

Röm. 7, 14-25:

„Denn wir wissen, daß das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich. So ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut sei. So tue ich nun dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht: sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, das ich nicht will, so tue Ich dasselbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, daß mir das Böse anhangt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz, nach dem inwendigen Menschen; ich sehe aber ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte, und nimmt mich gefangen in der Sünden Gesetz, welches ist in meinen Gliedern. Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Ich danke Gott, durch Jesum Christ, unsern Herrn. So diene ich nun mit dem Gemüte dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.“

Röm. 8, 1. 2:

So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Warum wir eines Erlösers bedürfen, haben wir gefragt, der Text unserer letzten Andacht gab uns die Antwort: weil das Gesetz, das uns nur verkündigt, was Gott von uns fordert und was er dem Uebertreter droht, so wenig vom Zorne Gottes erlösen kann, daß es desselben nur mehr macht. Wir fragen nach der Ursache hievon und erhalten von unserm heutigen Texte die Antwort: weil außer Christo der Mensch in seinem eigenen Herzen unter einem fremden Herrn geknechtet ist, der ihm seinen Dienst mit dem Tode belohnt und weil nur in Christo Freiheit und Leben ist.

Wer nicht in Christo ist, der ist in seinem eigenen Hause nicht frei, sondern unter einem fremden Herrn geknechtet, der ihm seinen Dienst mit dem Tode belohnt. Seht, wie uns dies der Apostel in seinem heutigen Texte zeigt.

Als der Apostel noch nicht in Christo war, da war er ein Mensch, der in Wahrheit mehr von sich rühmen konnte, als mancher von uns. Er sagt von sich Gal. am ersten, daß er im Eifer um das väterliche Gesetz viele seinesgleichen unter seinen Jugendgenossen übertraf, und Philipper am dritten, daß er „unsträflich gewesen nach der Gerechtigkeit im Gesetz“. Vor Menschen Augen hat er sich also keine Vorwürfe zu machen brauchen. Wie viele von uns können das sagen? Und doch war Saul damals ein starblinder Mann mit dicken Schuppen vor seinen Augen, denn wie er spricht „damals lebte ich, als aber das Gebot, laß dich nicht gelüsten an mich herantrat, da ging’s mit mir in den Tod“. Er hat also die Lust in seinem Herzen noch nicht beachtet, darum hat er sich noch so wohl fühlen können, ohne den Fluch des Gesetzes zu empfinden; erst, als das eine Gebot „Laß dich nicht gelüsten“ lebendig vor ihm wurde, da sind zugleich alle zehn Gebote vor ihm lebendig geworden und jedes hatte mit eigener Zunge ihm zugerufen: Du bist ein Uebertreter, du bist des Todes schuldig! Als das erste Gebot zu ihm sprach: „Du sollst keine andern Götter haben neben mir“, und als das nach seiner Auslegung bloß hieß, „du sollst keine andern Götter haben aus Holz und aus Stein“, da war er vor dem Gebote lebendig geblieben: als das ihm aber zurief: „Du sollst mich lieben, fürchten und verehren als dein höchstes Gut und keine anderen Götter neben mir in deinem Herzen haben“, da starb er den Tod des Uebertreters. Als das zweite Gebot: „Du sollst Gottes Namen nicht mißbrauchen“ ihm nichts sagte, als „Du sollst nicht fluchen und schwören“, da blieb er strack und lebendig vor dem Gebote, als das aber ihm zurief: „Du sollst Gott auch in den tiefsten Nöten danken, ihn lieben und verehren, und – ob dir alles wider Wunsch und Willen ginge – doch wider ihn in deinem Herzen nicht murren und widerreden,“ da starb er vor dem Gebote den Tod des Uebertreters. Du sollst nicht töten. als das für ihn bloß hieß: „Deine Faust soll nicht totschlagen“, da blieb er strack und aufrecht, als das ihm aber zurief: „Dein ganzer Mensch soll den Bruder nicht töten, ihm nicht neiden und Übles gönnen, auch dem größten Feinde nicht,“ da starb er den Tod des Uebertreters. Laß dich nicht gelüsten, das mußt du zuerst erkennen, dann wirst du es erst inne, daß jenes erste Gebot: „Du sollst keine andern Götter haben neben mir“ alle andern treibt, wie Dr. Luther das gar wohl verstanden hat, der bei allen andern Geboten das „Was heißt das?“ beginnt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben“. Nun hat es auch Paulus erst recht verstanden, was abermals Luther spricht, daß gute Werke noch keinen guten Mann machen, aber ein guter Mann macht gute Werke. Nun ist es ihm nicht mehr bloß angekommen auf den Leib seiner guten Werke, sondern auf die Seele darin.

Seht nun, was ihm damit erst ist klar geworden. Damit ist ihm erst klar geworden, daß der Mensch in seinem eigenen Hause nicht frei ist, sondern einem fremden Herrn dient, der seinen Dienst ihm mit dem Tode lohnt. Von einem, der als Jüngling schon seine Altersgenossen im Eifer für das väterliche Gesetz übertraf, der vor Menschenaugen unsträflich war nach der Gerechtigkeit des Gesetzes, werden wir nicht anders erwarten, als daß ihm das Gesetz seines Gottes hoch und teuer gewesen ist. Wie manchmal mag er dem Psalmisten nachgesprochen haben: „Deine Rechte sind köstlicher als viel Gold und viel feines Gold, sie sind süßer denn Honig und Honigseim“; damals nämlich dünkte er sich dem Gesetze gegenüber ein gemachter Mann und versah sich zu demselben nur alles Lobes und Guten. Gerade so, wie es unter uns so viele geht, welche die sittlichen Vorschriften des Herrn so hoch rühmen, ohne daran zu denken, daß dasselbe Wort ihr Richter sein wird. Bis dahin hatte Paulus gemeint, daß der Fluch des Gesetzes seinen Stachel gegen keine andern kehre, als gegen die Diebe, Mörder und Ehebrecher, nachdem aber das „Laß dich nicht gelüsten“ den Stachel wider sein Gewissen gekehrt, da wird er’s erst inne, daß der Fluch des Gesetzes ihn ebenso gut trifft, als die groben Sünder. Da ist ihm aufgegangen, was er hier schreibt: „Das Gesetz ist geistlich, es ist aus dem Geiste Gottes gegeben und fordert wider den Geist Gottes in meinem Herzen, ich aber bin fleischlich in den Begierden meines Herzens“. Nun vergeht ihm aller Honiggeschmack am Gesetze Gottes, und er findet lauter Grimm und Bitterkeit darin.

Nun muß er erfahren, daß er nach dem inwendigen Menschen wohl noch eine Lust an Gottes Gesetz hat, aber daß auf dem Wege vom Willen zur Tat der inwendige Mensch zum Gefangenen gemacht wird durch das Gesetz in seinen Gliedern: „Ich sehe aber ein Gesetz in meinen Gliedern, das nimmt mich gefangen unter der Sünde Gesetz; Wollen habe ich wohl, aber das Vollbringen finde ich nicht“. Das hat er vorher noch nicht erkannt, als ihm die bloße äußere Tat genug war auch ohne lebendige Seele, jetzt aber muß er es erfahren, daß der inwendige Mensch wohl das Recht behält, daß aber die Sünde über ihn die Macht hat. „So tue nun eigentlich“, spricht er, „nicht ich das Böse, sondern die Sünde, die in mir wohnt.“ – „Die Sünde, die in mir wohnt,“ spricht er. Er sagt nicht, daß sie zu seinem ursprünglichen Wesen gehört. Als ein Eindringling ist sie in seine Natur gekommen und hat sich festgesetzt und den ursprünglichen Herrn des Hauses zum Knecht gemacht, denn, spricht er: „Ich bin verkauft unter die Sünde“ – von Natur bin ich ihr Knecht nicht, aber ich bin in ihre Knechtschaft geraten. Denn ich weiß ja nicht was ich tue – das ist’s, woran man den Knecht erkennt: kommt meine böse Stunde über mich, so wird das Licht der Erkenntniß mir im Nu ausgeblasen, denn die Sünde hascht ihre Beute im Dunkeln. Ihr habt noch nicht den Tod erfahren, der in solchen Kämpfen liegt, weil es euch mit dem Willen Gottes noch gar nicht ernst geworden ist. Wenn aber solche Menschen wie Paulus, die wirklich ihrem Gotte dienen möchten, denen das Gesetz Gottes süß gewesen und süß geblieben, obwohl sie bereits zu der Erkenntniß gekommen, daß es den Stachel wider sie kehrt – wenn die erfahren müssen: „Was ich will, das tue ich nicht, sondern, was ich hasse, das tue ich“ – das ist ein Sündenschmerz!

Als es nun dahin mit ihm gekommen, da bricht er auch in den Ausruf aus „Ich elender Mensch, wer will mich erlösen vom Leibe dieses Todes“, d. h. von diesem Leibe, in dem ich einen solchen Tod mit mir herumtrage. Tod spricht er und meint damit vieles zugleich, denn welch großer Umfang, den in der Schrift die Begriffe Leben und Tod haben! Er meint damit zuerst die sittliche Fäulnis der sündlichen Lust, vor der ihm nun ein Grauen angekommen ist, er meint damit zum andern die Todeskälte gegen seinen Gott, die er in seinem Herzen empfinden muß, weiter die Todeskämpfe des Lebens, das wider den geistlichen Tod sich wehrt und ihm doch unterliegen muß, endlich ein solches Gericht des Todes, bei dem er empfindet, dem Fluch des Gesetzes verfallen zu sein. – Wer wird mich davon erlösen? ruft er aus, er blickt gleichsam auf der ganzen Welt umher, wer dazu mächtig sei. Soll ich euch sagen, was der vermögen muß, der dazu mächtig ist? Es muß zu allererst ein solcher sein, der die Knechtschaft unter der Schuld der Sünde von dir nehme und die Kindschaft Gottes dir schenken kann aus Gnaden, denn ohne Freiheit des Gewissens gibt es kein Besserwerden. Es muß ferner ein solcher sein, der die Knechtschaft unter die Lust der Sünde von dir nehmen kann, denn so lange das nicht geschieht, hört ja deine Knechtschaft nicht auf. Es muß ein solcher sein, der deine Knechtschaft unter der Furcht des Gerichtes Gottes von dir nimmt und das Leben an die Stelle setzt, der das Werk, das er in der Zeit angefangen, in der Ewigkeit an dir vollendet. Wer ist nun dazu mächtig? Der, welchem Paulus, noch ehe er die Schilderung seines alten Zustandes vollendet hat, einen Ausbruch des Dankes darzubringen sich gedrungen fühlt: „Ich danke Gott durch meinen Herrn Jesum Christum.“

Ihr habt angeschaut, wie außer Christo nur Knechtschaft und Tod, kommt. Schauet, wie in Christo Freiheit und Leben. „Wer wird mich erlösen, vom Leibe dieses Todes“ – hat er damit nur die Last eines Lebens, das der Tod war, mit dem Tode selbst vertauschen wollen? Aber wird man denn den Tod der Knechtschaft unter die Sünde durch das Sterben los? Hier standst du noch vor dem Gericht und zittertest, dort trittst du in das Gericht und mußt gar verzagen: das ist der einzige Gewinn, den dir das bloße Sterben bringen kann. Nein, den dreifachen Tod, den du in deinen Gebeinen getragen, so lange Christus dich nicht erlöst hat, den nimmst du mit, den Tod der Schuld, den Tod der Lust, den Tod des Gerichtes. – Sagt es uns Paulus nicht selbst in unserm Texte, daß er jene Freiheit, nach der er geseufzt, auch schon in diesem Leben gefunden? „Der Geist, der lebendig macht in Christo Jesu“, ruft er ja am Anfange des neuen Kapitels aus, „hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“. Hier laßt mich einen Augenblick stehen bleiben. O könnte ich euch schwankenden, ringenden, kämpfenden Geistern nur das tief in’s Herz drücken: es gibt einen Geist, der lebendig macht in Christo Jesu, der die Menschen schon hier frei machen kann vom Gesetz der Sünde und des Todes.

Es gibt eine Veränderung, kraft deren der unwiedergeborne Sünder, welcher sagen muß „Was ich will, das tue ich nicht“ mit dem wiedergeborenen Paulus rufen kann: „Ich vermag Alles durch den, der mich mächtig macht.“ – Glaubet ihr dies? Derselbe Mann, der bis zum Verzagen gekämpft hat mit dem Gesetz in seinen Gliedern als Knecht der Sünde und des Todes – hier in den ersten Worten des neuen Kapitels steht er vor euch als ein Gefreiter Jesu Christi und als der Gewährsmann, daß es von diesen Banden eine Erlösung gibt schon in diesem Leben. – Wollt ihr sehen, wie die Bande, eines nach dem andern gefallen sind? Das erste Frohlocken ist dies, daß nun „Nichts Verdammliches ist an denen, die in Christo Jesu sind“. Nichts Verdammliches mehr? O dessen, das verdammen könnte, genug, aber nichts mehr, das wirklich verdammt die, welche in Christo sind, und in denen also auch Christus ist, denn Christus hat uns erlöst vom Fluch des Gesetzes, da er ein Fluch ward für uns, und was sein ist, das ist dein. Der Freiheit vom Banne des Gewissens gilt also sein erstes Frohlocken. Der Freiheit vom Gesetz der Sünde durch den Geist, der lebendig macht in Christo Jesu das zweite, und der Freiheit vom Gesetze des Todes das dritte, denn das, Geliebte in Christo, ist die göttliche Ordnung in der Befreiung der Kinder Gottes. Das erste, was uns abgenommen werden muß, ist der Bann des Gewissens, das andere ist die Todesherrschaft des alten Menschen. An die Stelle der Knechtschaft muß die Kindschaft treten, wie der Lebenstau auf die matte Pflanze muß das Wort auf die Seele niedertauen: mein Sohn, meine Tochter, dir sind deine Sünden vergeben. Als es noch hieß: das ist geistlich, ich aber bin fleischlich, da mußte es auch heißen: Ich bin verkauft unter die Sünde. Ist aber dieser Geist, der lebendig macht in Christo Jesu über dich gekommen, nun ist nicht bloß das Gesetz geistlich, sondern du selbst bist es geworden und – „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Darum konnte nun auch der Apostel gleich am Anfange sprechen: „So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ Wer davon Erfahrung hat, der ist kein Saulus mehr, sondern ein Paulus, der ist ein wiedergeborner Mensch.

Herr, auch unter denen, die hier versammelt sind, wird mancher sein, der noch nicht weiter gekommen ist, als bis zu dem verlangenden Ausruf „Wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes!“ Gib zuerst den gewissen Glauben, daß eine solche Erlösung unseres Herzens nicht erst da zu erwarten ist, wo es nicht mehr schlägt, daß auch hier schon eine Gnadenzeit kommen kann, wo die erlöste Seele ausruft: „Das Gesetz des Geistes, der da lebendig, macht in Christo Jesu hat mich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes!“ Hilf, daß alle, die nach dieser Freiheit verlangen, ihrer wirklich teilhaftig werden. Da aber kein anderer Weg dazu ist, als daß wir erst unter dein Gesetz uns beugen und im Geiste den Tod des Uebertreters sterben, so zerschlage erst diese harten Herzen, wecke das Gefühl der Uebertretung und des Todes, in dem wir stehen und so führe uns hin zur seligen Freiheit der Kinder Gottes.

Amen.

Quelle: Tholuck, August: Glaubens-, Gewissens- und Gelegenheitspredigten
(Glaubensstimme – Die Archive der Väter)