Predigt Am elften Sonntag nach Trinitatis, 1847 (Claus Harms)

Predigttext: Lukas 19, 1-10

Gesangbuch: 493, V. 1-6:
Es ist das Heil uns kommen her [Es kommt das Heil allein von Gott]:

1) Es ist das Heil uns kommen her,
von Gnad‘ und lauter Güte,
die Werke helfen nimmermehr,
sie mögen nicht behüten,
der Glaub‘ sieht Jesum Christum an,
der hat g’nug für uns all‘ getan,
er ist der Mittler worden.

2) Was Gott im G’setz geboten hat,
da man es nicht konnt‘ halten,
erhob sich Zorn und große Not
vor Gott so mannigfalten;
vom Fleisch wollt‘ nicht heraus der Geist,
vom G’setz erfordert allermeist,
es war mit uns verloren.

3) Doch mußt‘ das G’setz erfüllet sein,
sonst wär’n wir all‘ verdorben;
d’rum schickt‘ Gott seinen Sohn herein,
der selber Mensch ist worden:
das ganze G’setz hat er erfüllt,
damit sein’s Vaters Zorn gestillt,
der über uns ging alle.

4) Und wenn es nun erfüllet ist
durch den, der es konnt‘ halten,
so lerne jetzt ein frommer Christ
des Glaubens recht‘ Gestalte.
Nicht mehr denn: Lieber Herre mein,
dein Tod wird mir das Leben sein,
du hast für mich bezahlet!

5) Daran ich keinen Zweifel trag‘,
dein Wort kann nicht betrügen.
Nun sagst du, daß kein Mensch verzag‘,
das wirst du nimmer lügen:
Wer glaubt an mich und wird getauft,
demselben ist der Himm’l erkauft,
daß er nicht werd‘ verloren.

6) Er ist gerecht vor Gott allein,
der diesen Glauben fasset;
der Glaub‘ gibt aus von ihm den Schein,
so er die Werk nicht lässet;
mit Gott der Glaub‘ ist wohl daran,
dem Nächsten wird die Lieb‘ Gut’s tun,
bist du aus Gott geboren.

Wollet, was ihr zum Teil auch ohne Erinnerung tun würdet, diesen Gesang in einer späteren Tagesstunde bis zu Ende lesen. Daß wir ihn ganz singen, läßt seine Länge nicht zu, am wenigsten heute, da Einige von uns gerufen sind zu einem anderen Gottesdienst nach diesen Vormittag. Es ist seit jeher viel gehalten auf diesen Gesang, und mit Recht; denn er ist ein Glaubensbekenntnis unserer lutherischen Kirche, einer Predigt gleich, die einen Text hat, und dieser Text ist der Spruch Röm. 3, 28: So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Jene mit unserem Singen gehaltene ist aber hier bei dem sechsten Verse, weil derselbe sich an unseren heutigen Text anschließt, an dessen letztes Wort, das Christus spricht und von sich: Des Menschen Sohn ist kommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.

Die letzten gesungenen Worte heißen: Wer an mich glaubt und ist getauft, dem ist die Seligkeit erkauft, der nur geht nicht verloren.

Der nur, nur? Was geschieht denn Allen, die nicht glauben? Ein Prediger zur Reformationszeit, Speratus, hat den Gesang gemacht, den Mann kennen Wenige, bekannt aber ist Jesus Christus, und bekannt ist, wer dieser ist, derselbige hat nicht anders gesprochen und hat nicht bloß das schon angeführte Wort, sondern vielmal ganz so gesprochen; unsere Kinder lernen es schon im Katechismus – daß ich nur dies noch dazu gebe: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Fleisch und Blut beben vor solchem Worte zurück, Herz und Verstand kehren sich um, dahinan nicht könnend; sie müssen aber dahinan, schlechterdings, wenn Etwas, das aus seinem Munde gegangen, wahr bleiben soll, und wenn er selbst, ein über die Erde Gegangener und darnach zur Rechten Gottes Sitzender, bleiben soll. Darum, ob’s auch wahr sei und ob sich’s also verhalte, wie er gesagt hat, das ist keine Frage, darf’s nicht sein; es finden nur die zwei Fragen Statt, die eine, die wir es vorigen Sonntag haben sein lassen: Wie kommt der Mensch zu Christo? Was muß sich finden, was muß geschehen seinerseits? und haben nach Anleitung und Maßgabe des Textes geantwortet: Ein Begehren, ein Bemühen, ein Gehorchen, ein Aufnehmen, ein Geben und Wiedergeben. Die andre Frage, auf die wir heute antworten wollen, heißt: Wie kommt Christus zu dem Menschen? Hört verlesen diesen Text, Luk. 19, 1-10:

Und er zog hinein und ging durch Jericho. Und siehe, da war ein Mann, genannt Zachäus, der war ein Oberster der Zöllner und war reich, und begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre, und konnte nicht vor dem Volk; denn er war klein von Person. Und er lief vorhin, und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf daß er ihn sähe; denn allda sollte er durchkommen. Und als Jesus kam an dieselbige Stätte, sah er auf, und ward seiner gewahr, und sprach zu ihm: Zachäus, steig’ eilend hernieder; denn ich muß heute zu deinem Hause einkehren. Und er stieg eilend hernieder, und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie Alle, daß er bei einem Sünder einkehrte. Zachäus aber trat dar, und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und so ich Jemanden betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, sintemal er auch Abrahams Sohn ist. Denn des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist.

Hat uns das vorige Mal der Text die Antwort gegeben, tut er’s auch heute. Heute die Frage so gestellt:

Wie kommt Christus zu dem Menschen?

Christus kommt nach dem Ort,
siehet und ruft den Menschen,
ladet sich ein bei ihm,
verkündigt ihm und seinem Hause Heil;
er gedenket’s auch, wes Sohn Jemand ist.

Vorbemerkt, meine Lieben, werde dies, was auch in der letzten Predigt vorbemerkt worden: Es soll nicht gesagt sein, daß der Heiland nur auf diesen Wegen und diesen Weisen zu dem Menschen komme. Nein, er hat viele Wege, viele Weisen. Bei Pauli Bekehrung z. B. ging’s anders zu. Diese aber sind nach dem Texte genannt, und mit Fleiß sind auch die Ausdrücke des Textes beibehalten, was den Zuhörern gewiß auch ganz genehm sein wird. Und noch Eins laßt mich als noch vor der Tür der Predigt sagen, dies: Ich kenne kein Christentum und lasse keins dafür gelten, bei dessen Entstehung in dem Menschen es nicht in solcher Weise zugeht, wo kein Verhältnis wie zwischen Mann und Mann eingetreten ist zwischen Christo und dem Gläubigen, d. h. Christ Gewordenen. Die ihr heute vor dem Worte sitzet, wie verschieden auch, das muß eure Ähnlichkeit und eure Gemeinschaft unter einander sein, sein oder werden, wenn ihr mit Wahrheit Alle wollet Christen geheißen werden.

1.

Christus kommt nach dem Ort, da jemand wohnt. So kam er, ging er durch Jericho, da Zachäus war. Freilich, der Mensch soll auch hingehn, da Christus ist, im Begehren nach Christum, gleichwie der Genannte; meistens ist das Christwerden eine Begegnung, der Mensch und Christus begegnen sich – habet dazu den Bibelausdruck, wie er im Gesang 419 gekommen ist: Begegnen deinem Gott – allein es gehet auch wohl zu, wie Jesaja 65 steht: Ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchen, und zu den Heiden, die meinen Namen anrufen, sag’ ich: Hier bin ich, hier bin ich.

Ja, so geht’s auch bei dem Kommen des Herrn zu unter uns. Er ist eben so wahr noch auf der Erde, als er es je und je gewesen, und nach seiner Barmherzigkeit läßt er kein Land, keine Stadt, kein Dorf, kein Haus unbetreten. Wir reden von solchen Ländern, da das Christentum die Landesreligion ist, sprech’ ich, da Christus Feuer und Herd hat. Ja, seinen Herd, d. i. seinen Altar, auf welchen die Gläubigen ihr Bekenntnis legen, opfern, er aber zündet mit seiner Liebe das Opfer an; da mittelst der Taufe, die sein Gebot ist, er wie ein Kleid angezogen wird, da man singen hört: Liebster Jesu, wir sind hier, Dich und dein Wort anzuhören, zu Pfingsten und außer dem Pfingstfest: Komm, heil’ger Geist: daß wir nicht Meister suchen mehr, Denn Jesum Christ mit rechtem Glauben; dies nennen wir und befassen Alles, was Christentum heißt, darunter und sagen dann: Wo dieses ist, daselbst ist Christus, und wo ein solches Wort sich findet, nach dem Ort ist er gekommen und an dem Ort ist er eben so wahr, wie nach dem Text in Jericho. Kieler Gemeinde, Kieler Stadt und Land, du hast bei dir, in dir den Herrn. Ich will in seinem Gerichte dir gegenüber stehn, sage von mir, was du willst, während ich hier unter dir steh’, und sage von mir in jenem Gerichte, was du willst, eins fürchte ich nicht, nämlich daß du sagen werdest: „Der Prediger hat uns Christum verschwiegen, und was er von Christo sprach, Richter, das warst du nicht“. Dagegen, Gemeinde, in vielen deiner Mitglieder hast du mich an jenem Tage zu fürchten, daß ich mit seinem Worte sage: Ihr habet nicht gewollt.

2.

Weiter geht die Rede, nach Thema und Text, zur Antwort auf die Frage, wie Christus zu dem Menschen komme, und spricht zweitens so: Er sieht und ruft den Menschen. Das ist noch ein Anderes, als davon eben gesprochen ward. Hier handelt es sich um das Geheimnis des Evangeliums, um die Tiefen der Erwählung. Wir unterscheiden die Erwählung zwiefach.

Die eine ist die geglaubte Erwählung; Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, 1. Tim. 2; und er hat uns nicht gesetzt zum Zorn, sondern die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesum Christum, 1. Thess. 5. Das glaubt jeder lutherische Christ. Die andere Erwählung ist die gewußte, zu verstehen, daß etwas vorgegangen ist zwischen Christo und der Seele, irgend was, das eine Ähnlichkeit mit Sehen und Hören hat, gleichwie im Text hier, da Zachäus sich angesehen sah und gerufen hörte. Eben das geschieht aber zwischen Christo und der Seele jedes gläubig werdenden Menschen. Nennt’s keine Schwärmerei, sich dermaßen mit und in Christo zu wissen. Wenn das Schwärmerei ist, so muß das Christentum selbst Schwärmerei sein; denn ich habe noch mein Lebtag keinen Christen kennen gelernt, noch von einem gelesen oder gehört, der nicht hätte ein Zeugnis hierüber zu geben gehabt.

Was mein’ ich? Man nennt’s: Angefaßt werden, eine innere Nötigung spüren, sich wie in eine andre Welt versetzt sehen, ergriffen, erschüttert werden in seinem inwendigen Menschen und nicht wohl anders können, als zufallen und sich hingeben dem, von welchem eine innere Stimme feierlich und heilig zeugt: Christus ist es, siehe, er kommt zu dir. Es versteht sich, daß dies irgendwann und irgendwo müsse vorgegangen sein.

Christen, ob ihr von dieser andern Erwählung etwas wisset, von diesem Angeblicktwerden, Gerufenwerden? Zachäe und wie Jemand heißt, Saul, Saul, Nathanael! Letzterer sprach, Joh. 1: Woher kennest du mich? und Saulus fragte: Wer bist du? Jes. 43: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Tiefer noch in die Sache hinein führt uns, was Offb. 2 von dem neuen Namen steht, was sich auch im Gesang 859, V. 5 findet: O, dann ist ihr schon gegeben ihr neuer Nam’ und ewig’s Leben. Wird’s auch zu tief? Ich habe es nicht so tief gemacht, Christus hat das getan. Ich bezeuge bloß, daß er so zu dem Menschen kommt.

3.

Und drittens, sich bei ihm einladet. Er lud sich bei Zachäus ein: Ich muß heute zu deinem Hause einkehren. Lassen wir die Rede sich auf dieses Wort als auf einen Wagen setzen also: Ich muß. Einige hier erinnern sich wohl, daß vorigen Winter eine ganze Zeit hindurch, die Fastenzeit und Ostern noch mit, das Müssen uns die Predigt gegeben habe. Hier ist wieder ein Muß. Das ist seine Liebe, die es nicht zuließ, dich und mich unangeblickt, unangeredet zu lassen; zumal er auch ein Begehren seiner bei uns wußte und unser Bemüh’n um ihn sah, da brach sein Herz gegen uns, und er mußte sich unsrer annehmen. Das ist gesprochen, wie vorigen Sonntag gesungen ist aus 495: O, solltest du sein Herz nur sehn, wie das sich nach den Sündern sehnet! und wie wir in der Passionszeit aus 259 singen: Unaussprechlich dürstet dich nach der Seligkeit der Sünder. Die Zeile vorher heißt: Solches ist zu hoch für mich. Eben fragt’ ich: Wird’s auch zu tief? Hier wird gesagt: Es ist zu hoch für mich. Lassen wir jenes zu tief und dieses zu hoch sein. Andre wollen, was seicht ist und was flach ist, wir nehmen dies und sagen: Die Tiefe deckt sich immer mehr vor uns auf, das Hohe kommt immer mehr zu uns herab, wenn wir nur Augen für jenes und Raum für dieses bei uns haben. Ich muß heute zu deinem Hause einkehren. So ladet sich Christus bei uns ein. Er kommt in unser Herz. Dem Zachäus kam er auch näher, als in dessen Haus. Das ist der Ort, da er sein will. Es soll die Sache nicht auf der Straße zu Jericho abgemacht werden und vor den Leuten der Stadt. Die Sache ist wichtig und ist geheim. Hast du Zeit? Zu andern Dingen hast du sie. Hast du bei dir einen Raum für ihn? Zwar bist du besetzt, aber heiße hinaustreten, was mit ihm zugleich in deinem Herzen nicht sein kann, heiße auch deine liebsten Freunde ausziehn, hinausgehen, wenn er kommt; und wenn du es nicht über sie oder über dich selbst vermagst, dann sage: O Jesu, dich will ich am allerliebsten bei mir haben! Aber komme und wirf hinaus, was dir und deiner Sache mit mir hinderlich ist. Petrus verstand die Sache nicht zu der Zeit, noch nicht, als er sprach: Gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch; er hätte sagen sollen: komme näher zu mir heran, ich bin ein sündiger Mensch. Heute will er einkehren. O ihr Lieben, achten wir auf das „heute!“ Er möchte morgen nicht wiederkommen, und gar nicht wiederkommen! Denn es steht doch wahrlich bei ihm, wann er mit seiner Einkehr uns beglücken will und seine Liebe ist gerechtfertigt vollkommen, wenn er Einmal uns die Zeit bestimmt hat. Der Stadt Jerusalem rückt er es auf und weissagt ihr Verderben. Darum – es ist das bekannte Evangelium des letzten Sonntags, das auch seine Predigt hier am Freitag gehabt hat – darum, spricht er, daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist. Wir lassen uns warnen. Zuhörer, laßt euch warnen!

4.

Wie kommt Christus zu dem Menschen? Ja, als ein Gast, und der sich selbst einladet, während er allerdings zuweilen Jemanden ihm nachgehen, nachschreien lasset: Herr, erbarme dich meiner! Aber wohin er kommt, da ist er nicht bloß ein Gast, welcher nimmt, sondern ein Wirt ebenfalls, welcher gibt. Was gibt er hier? Nennen wir frei ein Doppeltes, obschon nur Eines als eine Gabe, die er gibt, erscheint: die Verkündigung des Heils, in dem Worte: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.

Ich meine, was der Zöllner zu dem Herrn sagt: Die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen; und so ich Jemanden betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder – welches Wort er gleichsam als Speis’ und Trank Christo auf den Tisch setzet: o, das hat Christus selbst ihm gleichsam in die Hand gegeben, also daß Zachäus es nur aufträgt. Ja, ihr Lieben, meinen wir nicht, die Buße sei unser eignes Werk; es ist unser eigen Werk gar nichts außer der Sünde, die ist unser eigen, mit dem Teufel etwa in Gemeinschaft, doch die Buße, zumal die auf Jesu Anblick, Anruf und Einkehr schnell hervortretende und die Sache fest anfassende, wie hier Zachäus Hand anfaßte, wahrlich, die ist gegebene Gabe, sie ebensowohl wie die Vergebung und das Heil mit ihr, in ihr. Letztere wird hier gegeben. Christus Wort ist wie eine Absolutionsformel, da er spricht: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Die Juden murrten, daß er bei einem Sünder einkehrte, wir möchten sie fragen: Wißt ihr denn, bei wem er sonst jemals eingekehrt sei? Er hat ja bei Keinem etwas zu tun, außer sie die Beichte zu lehren und daß sie darnach die Absolution, die Heilsverkündigung hören. Sein Heil, welches ist das? Alle Beschreibung fehlt hier, da ist auch kein Wort, keine Silbe, die uns sagt: Das ist das Heil. Oder doch? Ja, doch, der ganze letzte Vers besagt’s: Des Menschen Sohn ist kommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist. Zachäus war verloren, der wurde gesucht und gefunden; noch einmal: Zachäus war verloren, er wurde selig gesprochen und selig gemacht, beides in Einem. Ihr kennt wohl zum Teil die Gesangzeile ans 438: Sprich nur Ein Wort, so werd’ ich leben; Wie selig werd’ ich, wenn ich’s hör, Sprich: deine Sünd’ ist dir vergeben. Seht, da ist beides in Einem, und das nennen wir das Heil, mit welchem Jesus kommt, überall, dahin er kommt.

Ja, meine lieben Christen, so kommt er, und zu wem er so nicht kommt, nicht gekommen ist, wisse derselbe, daß Christus zu ihm noch gar nicht gekommen ist, oder wenn auch gekommen, doch eingekehrt noch niemals. Das ist eine harte Rede. Ich nenne sie auch keine weiche, sanfte. Will Jemand ob derselben weggehn, mag er’s tun, nach Joh. 6 gesprochen; doch rat’ ich, bitt’ ich, ermahne ich: bleibet, denn wie es dort heißt, Worte des ewigen Lebens sind diese, nicht bei mir selbst aufgegriffen, nein, von einem Zweige dieses Baums eben für euch gepflückte und euch vorgesetzte. Die sie nehmen, bei denselbigen kehrt der Herr ein.

5.

Ich möchte ein Nachsehen haben, wie ich’s manchmal haben möchte, wo das Wort bleibet, heute, wo die ganze Predigt bleibet. Ob Christus wohl in, mit und unter diesem Worte sacramentlich bei euch einkehret? Wir sollen noch einige Schritte weiter gehen und zwar an den Rand, an den hohen Rand eines Abgrundes, angegeben schon so: Christus gedenkt’s auch, wes Sohn Jemand ist. Er spricht im Texte von Zachäus: sintemal er Abrahams Sohn ist. Der war Zachäus, sein Name ist ein hebräischer, und Christus sagt’s.

Ob so etwas sich auch in unsre Zeiten hereinziehe? Ich meine, daß Kinder um einer Mutter, um eines Vaters willen Gläubige werden und einst Selige? Das wird geseh’n: Gläubige Eltern haben gläubige Kinder, ungläubige Eltern haben ungläubige Kinder. Doch auch wird’s geseh’n: Ungläubige Eltern haben gläubige Kinder, und gläubige Eltern haben ungläubige Kinder. Damit sähen wir denn, daß doch eigentlich gar kein Band dieser Art von Eltern auf Kinder sich hinüber zöge. Lassen sich Alle fragen, die hier sind, insonderheit aber seien Eltern gefragt: Könnt ihr diese Vorstellung vertragen, diese, daß um euretwillen, die ihr doch das Siegel eurer Erwählung zur Seligkeit tragt und vor den Herrn kommt im Kleide seiner Gerechtigkeit, daß um eurer Gebete, Seufzen, Tränen willen der Erbarmer nichts täte, um euer Kind zu suchen und selig zu machen, daß es nicht verloren gehe? – könnt ihr, frag’ ich, diese Vorstellung vertragen? Das könnt ihr nicht, deshalb lasset ihr nicht ab, für euer Kind zu bitten – wer der unglückliche Vater, die unglückliche Mutter ist, ein Kind, ein erwachsenes Kind im Unglauben zu wissen, läßt nimmer ab, zu bitten, vor dem Herrn zu liegen mit Flehen, mit starkem Geschrei und Tränen – wie einst auch Jesus vor Gott lag in den Tagen seines Fleisches, Hebr. 5:

Hilf meinem Kinde, rett’ es vor seinem zeitlichen und ewigen Verderben! Das sollt’ umsonst sein? Sind Moniken hier, die einen Augustinus haben in Unglauben noch und Sünden: ich will jener Bischof sein, welcher ihr zusprach: Sei getrost, ein Sohn, um den so viel gebetet wird, kann nicht verloren gehn. So sprech’ ich aber aus Grund unsres Textes: Sintemal er Abrahams Sohn ist. Wie aber, für wen keine Mutter betet, kein Vater? der geht verloren? für ein Kind ungläubiger und vor dem Herrn stummer Eltern, wenn das in Unglauben und auf dessen Wege gerät, ist keine Rettung zu erwerben? Das ist der Rand des Abgrunds, davon ich sagte und sage jetzt: Die es nicht vertragen hinabzusehen, sehen die nach oben, und Alle, die ihrer selbst wegen in Sorgen gehn und in Zweifeln, ob sie selig werden, weil ihnen das Christentum fehlete; und wir Alle miteinander, stellen wir uns auf den Rand des Textes, stehend auf welchem wir können nach oben blicken und sprechen: Da bist du, o Menschensohn, und trägst alle Dinge; der du tust fortwährend, wozu du einst gekommen bist, du wirst kommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, Abrahams Söhne und wessen Söhne; wir halten dir dein eigenes Wort vor, rette, mach’ selig, höre nicht auf zu suchen, daß du selig machst, alle Getauften sind doch von dir Erkaufte – und Bezahlte; nimm, was dein ist und laß es in keines Andern Hand, sprich: Es soll geschehen! Lasse es dir vom Munde wegnehmen, indem wir sprechen, aussprechen: Amen.

Pastor Claus Harms (1778-1855)