Die letzten Züge

Wenn nun der Tod kommt, so tue ihm also: Stelle dich, als trätest du in ein Schifflein und führest darin über ein großes ungestümes Meer in ein schönes Land, da alles lebt von großer Freude und Herrlichkeit.

Der Tod mit seinen höllischen Anfechtungen, die ängstliche und schwermütige Betrachtung der vielfältigen begangenen Sünden, der Zorn Gottes, die schreckliche Gewalt des Teufels — sind allzusammen wie das große Meer, welches von grausamen Sturmwinden, Wellen und Wasserwegen allenthalben brauset und wütet. Das Evangelium aber von unserer Seligkeit, Vergebung der Sünden und Erlösung vom Tode, samt den Artikeln unseres christlichen Glaubens — ist das Schiff, darin wir mit freudigem unerschrockenen Bekenntnis treten und getrost wagen müssen, darin in dem Namen Gottes über das große tote Meer zu fahren, bis wir die Küste des himmlischen Vaterlandes erreichen.

Nun scheinet zwar für unsere Vernunft das Meer sehr weit und schrecklich, das Schifflein dagegen sehr schwach, klein und gering. Aber gleichwie einer, der über den Rhein oder über die Donau will, nicht ansieht den breiten Wasserstrom, sondern verläßt sich aufs Schiff, wenn es schon klein und gering ist, und traut dem Schiffsmann, daß er ihn glücklich hinüberbringen werde: also sollst du, lieber Christ, auch nicht ansehen, wie gewaltig das tote Meer ist und wie es allenthalben brauset, sondern verlaß‘ dich auf das Schifflein des göttlichen Wortes und der evangelischen Verheißungen, darin Christus, der Schiffspatron, selbst gegenwärtig ist und spricht:

„Fürchte dich nicht, denn Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein, Denn so du durchs Wasser gehest, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen“ (Jes. 43, 1. 2).

Und hierbei kannst du merken, woher es kommt, daß so viel tausend Menschen verloren werden und, wenn sie sterben, nicht zum ewigen Leben eindringen, sondern im toten Meer ersaufen und in den Abgrund der Hölle hinunterfahren. Denn die Juden, Türken und Heiden, wie auch die Werkheiligen unter den Christen, verlassen das Schifflein und wollen mit guten Werken hinüberschwimmen. Sakramentierer, Arianer*) und dergleichen Flattergeister tun wie vorwitzige Leute, die im kleinen Nachen sich nicht wollen setzen, wenn das Wasser wütet und tobet, sondern stehen auf stolzen hohen Füßen ihrer Vernunft, wackeln und schaukeln mit allerlei Glossen so lange, bis sie den Schwindel bekommen und plumpen danach über Bord mitten in das Wasser. Desgleichen tun auch alle Sterbenden, welche in den letzten Todeszügen nicht auf die evangelischen Trostsprüche merken, sondern allein die Menge ihrer Sünden, die schrecklichen Strahlen des göttlichen Zorns, die Gewalt des Teufels, die Macht des Todes und die grausame Höllenangst betrachten und damit elendiglich hinfahren. Diese alle verlassen Gottes Wort als das rechte Schifflein, und bekümmern sich um das ungestüme Meer außer dem Evangelio so lange, bis sie darin ersaufen und untergehen.

* Leugner der wahren Gottheit Christi, wie auch die Rationalisten der neueren Zeit. Arius, ihr Heerführer, war ein Presbyter oder Pfarrer zu Alexandrien, der seine Irrlehre klüglich auch durch Lieder zu verbreiten suchte. Als er nach seiner Verbannung feierlich zu Constantinopel in die Kirchengemeinschaft wieder aufgenommen werden sollte, starb er plötzlich mitten im Zuge vom kaiserl. Palast zur Apostelkirche, indem er zu Boden stürzte und zerbarst. Es war im Jahre 336.

Darum siehe dich wohl vor, du lieber Christ, und sonderlich, wenn du in den letzten Zügen mit dem Tode ringst, daß du ja nicht außer dem Evangelio in schwermütige Spekulationen, Gedanken und Grübeleien dich vertiefest. Es werden zwar die Anfechtungen nicht ausbleiben. Die begangenen Sünden, Laster und Untugenden, wie auch das Bild des göttlichen Zorns, des Gesetzes Fluch, des Todes Gestalt, des Teufels Gewalt und der Hölle Marter wachen dann erst auf, und mögen vielleicht allerlei traurige Einfälle dazu schlagen, wie: ob ich auch wohl erwählt sein mag zum ewigen Leben? Ach wie viel tausend Menschen werden verdammt und gehen verloren! ob ich auch wohl darunter gehöre? Und dergleichen mehr.

Aber hier ergreife eilends die evangelischen Trostsprüche: Also hat Gott die Welt geliebt… — oder die Artikel des christlichen Glaubens. Darein vermumme, verstecke und verhülle dich mit starkem Nachdenken, nicht anders denn, als schlügest du einen Haufen Tücher mitten im Schifflein um dich, über dich und unter dich, wider allerlei Sturmwinde des Meers und wider das ungestüme Heulen, Brausen und Wüten des Ungewitters. Und lege dich, in diese Tücher fest eingewickelt, nieder, damit du es nicht hörest. Stehe beileibe nicht im Schifflein auf den Füßen deiner menschlichen Vernunft, und gaffe nicht weit hinaus nach den tiefen Wasserwegen und Wellen, die sich rings um dich her sehen lassen, sondern — noch einmal — setze dich oder lege dich mitten in das Schiff, verschließ dich mitten in das Wort und laß nichts denn Christi Geburt, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt in deinem Herzen wallen.

Was tut der Mensch, wenn er aus seiner Mutter Leibe in diese Welt geboren wird? Wahrlich, wenn er seiner Vernunft gebrauchen könnte und ihm nachdächte, wie es möglich wäre, daß er durch die kleine enge Thür zur Welt hinein dringen sollte, so würde er sich zu Tode kümmern und nicht lebendig zur Welt kommen. Da ist aber kein Vorwitz, keine Sorge und keine Furcht, sondern eitel kindliche Einfalt; und das Mte Leben, welches er im Mutterleibe empfangen hat, höret nicht auf und läßt nicht ab, bis es in die Welt kommt und seine Vollkommenheit daselbst erlangt. Also mußt du auch zum Kinde werden, so du willst in das Reich Gottes kommen, und mit traurigen Todesgedanken dich unverworren lassen, Glaube nur fest dem Evangelio und laß diesen Glauben dein einiges Leben sein. Dies Leben ezerziere, übe und treibe fort mit unablässiger Betrachtung des theuren Verdienstes JEsu Christi, bis du durch die schmale Pforte des zeitlichen Todes zum ewigen Leben hinein gedrungen bist.

Auch siehe, was Christus für ein sehr treuer und freundlicher Herzog des Lebens. Er ist selbst in seinem Wort bei uns gegenwärtig. Und gleich als ein Schiffsmann, der jemand von seinem Volk im Nachen stehen und vor den Wellen und Fluten des ungestümen Wassers jämmerlich wanken, zittern nud zusammenschauern sähe, demselbigen eilend würde zurufen: hörest du, Freund? setze dich lieber, setze dich, lege dich mitten in das Schiff und fürchte dich nicht! laß mich nur sorgen, ich will dich wohl überführen, daß du nicht ersaufen noch untergehen sollst — also tut unser himmlischer Schiffspatron JEsus Christus auch. Er ruft uns zu: wir sollen nur seinem Worte glauben, so werden wir nicht sterben, sondern durch den Tod zum Leben eindringen.

„Wahrlich, wahrlich, spricht er, Ich sage euch: wer Mein Wort hört, und glaubt Dem, Der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben, und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen“ (Joh. 5, 24).

Darum entschlage dich aller Einreden, die dir vom Tode, von den Sünden, vom Teufel, vom Gesetz und von der Hölle begegnen, und laß nur den Sohn Gottes mit seinem vergossenen Blut und ausgestandener Höllenangst für dich antworten. Tue als ein Mensch, der unten im Schiff sitzet und lässet die Winde, die Wasserwegen und großen Fluten wüten und toben wie sie wollen. Er läßt den Schiffs-Capitain sorgen, sitzet unterdessen, singt und ist wohl zufrieden. Also halt du dich auch in dem Schifflein des Evangelii und deines christlichen Glaubens, traue deinem Heilande, dem allmächtigen Steuermann, und mitten in den Todeszügen laß in deinem Herzen und wo möglich auch aus deiner Zunge schweben und klingen die fröhlichen Christnachtslieder und Ostergesänge: Vom Himmel hoch da komm ich her — In dulci jubilo — Gelobet seist du, JEsu Christ — Christ lag in Todesbanden — und andere. – Das sänftiget ein nothleidendes Herz über die Maßen. O wohl dem Volk, das so jauchzen kann!

Gleichen Rat gibt auch Dr. Luther, wie zu sehen in einer Auslegung des 23. Psalms vom Jahre 1530. «Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück«. Aus diesem Verse, sagt er, werden wir sehr fein unterrichtet, mit welchem Gemüt, Sinn und Gedanken man sich in den Tod wagen und geben soll. Nämlich also, daß man auf nichts überall denke, denn nur auf den Herrn Christum. Denn so lautet der Vers: Denn Du bist bei mir, das ist: an Dich gedenke ich, und tue Alles aus Zuversicht und Glauben auf Dich, und sinne also auf nichts Anderes. Wohl denen, so alsdann die Augen gar zuhun und nicht begehren zu sehen den Ort, da sie hinfahren sollen, sondern erwägen sich mit vollem Vertrauen und Gedanken auf Christum mitten in der Finsterniß des Todes. Dieselbigen sterben in dem HErrn.“

Desgleichen sagt Luther (über das 14. Kap., des Johannes): „Wenn es dahin kommt, daß man in ein ander Leben treten und aus diesem scheiden soll, so mußt du entweder diesen Weg allein ergreifen, oder ewig verloren gehen. Denn Ich, spricht Er, bin der Weg, darauf man zum Vater kommt, und sonst keiner. Ich bin die Wahrheit und das Leben, und sonst keiner. Da mußt du hin, daß du dich an diesen Mann haltest, und fest bei dem Glauben und Bekenntnis bleibest. Und immer dieselben geübet im Leiden nnd Sterben, und gesagt: Ich weiß keine andere Hülfe noch Rat, kein Heil noch Trost, keinen Weg noch Steg, denn allein meinen Herrn Christum, der für mich gelitten, gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren. Da bleibe ich bei und gehe hindurch, ob auch eitel Teufel, Tod und Hölle unter und vor mir wären. Denn das ist ja der rechte Weg und Brücke, fester und gewisser denn kein eisernes noch steinernes Gebäu, und müßten eher Himmel und Erde brechen, denn dieses sollte fehlen und trügen.“

Und abermal über den Spruch Ioh. 8, 51: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: so Jemand Mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich: Sterben müssen wir und den Tod leiden; aber dies ist ein Wunder, daß, wer sich an Gottes Wort hält, soll den Tod nicht fühlen, sondern gleich in einem Schlaf dahinfahren, und soll nun nicht mehr heißen: ich sterbe, sondern: ich muß schlafen. Aber wer sich außer dem Worte finden läßt, der muß mit Ängsten sterben, und ewig verderben und verdammt sein, da hilft nichts vor. Darum das Beste ist: gar nicht disputieret, sondern gesprochen, mit ganzem Herzen: ich glaube an JEsum Christum, Gottes Sohn — mehr weiß ich nicht, will auch nicht mehr wissen.“

Und (über das 23. Kap. Jeremiä: von Christi Reich): „Siehe nun, was ein Christ für Reichtum hat, der da nimmer mehr sterben kann. Denn er hat Christum Selbst. Was will nun der Tod oder die Sünde einem Christen in Todesnöthen anhaben? Nichts. Der Tod wird ein Gelächter für ihn. Auch fragt er nach der Sünde nichts. Denn weder Sünde noch Tod, weder Teufel noch Hölle kann etwas aufbringen wider Christum, den ein Jeder bei sich hat. Wenn nun der Tod an einen gläubigen Christen kommt, so spricht der Christ: Lieber Tod, seid willkommen! ihr kommt zur guten Stund. Was bringt ihr Guts? Was suchet ihr hier? Lieber, weißt du auch, wen ich bei mir hab? Christus ist meine Gerechtigkeit! Komm her und nimm sie nur! Wenn du sie mir nimmst, so will ich dir folgen. Du wirst es aber wohl lassen. — Also trotzen die Christen dem Tode, und sprechen mit St. Paulo (1. Kor. 15): Tod wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Und wie er weiter Philipp. 1. sagt: Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. Sterbe ich, so hab ich Gewinn; denn ich komme desto eher zum Leben. Da siehst du, was der Tod bei den Christen ausrichtet. Er ist nur ihr Gewinn. Sie verlieren nichts durch ihn. Er aber beißet sich an ihnen zu Tode.“ —

(Philipp Nicolai)