Jesaja 57, 14.15

Machet Bahn, machet Bahn, räumet den Weg, hebet die Anstöße aus dem Wege meines Volkes. Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnet, des Name heilig ist: der ich in der Höhe und im Heiligtume wohne, und bei denen, so zerschlagenen und demütigen Geistes sind.
Jesaja 57, 14.15

Betrachtung zum 1. Juni

Ist der heilige Geist in der christlichen Gemeinde, oder bedürfen wir eine neue Ausgießung desselben, ein neues Pfingsten? Das ist eine wichtige Frage, die bekanntlich verschieden beantwortet wird. Der Herr Jesus gibt die richtige, entscheidende Antwort. Er sagt in Joh. 14, 16: ich will den Vater bitten und er soll euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich . In diesen Worten liegt für uns ein großer Trost; denn wir dürfen dieselben so fassen: der heilige Geist soll ewiglich nicht von der Kirche Jesu Christi weichen.  Sehen wir die heutige Kirche an, wie sie ist, so finden wir einen großen Teil ihrer Glieder tot in Übertretung und Sünden. In der Lehre ist zuchtlose Verwirrung; die Gläubigen sind vielfach getrennt und lieblos, darum schwach; der Feind hat eine erschreckende Macht in der Kirche gewonnen und das Gefühl: unsere Geistesausrüstung ist der heutigen Macht der Finsternis nicht gewachsen, ist allgemein. Letztere Erkenntnis ist richtig.

Wir haben den heiligen Geist betrübt durch unsere Untreue und Sünden; wir hindern ihn, sich zu offenbaren als Geist der Kraft. Darum ruft der hohe und erhabene Gott uns zu: machet Bahn, machet Bahn, räumet die Anstöße aus dem Wege meines Volkes. Diese Worte gelten jedem einzelnen Christen; jeder Einzelne muß sich unter die Gesamtschuld der Kirche beugen und Buße tun. Jeder Einzelne muß sich von aller erkannten Sünde reinigen lassen, der Lieblosigkeit und Zertrennung den Abschied geben, sich voll und ganz unter die Autorität des Wortes Gottes beugen und diese Autorität in der Kirche wieder herstellen helfen, damit der heilige Geist Bahn bekommt, wieder voll und mächtig zu wirken. Er, vor dem die Cherubim und Seraphim ihr Angesicht verhüllen, wenn sie ihr Heilig, heilig, heilig rufen, wohnt nur bei denen, die zerschlagenen und gedemütigten Geistes sind.

Beugen wir uns und halten wir fest: der heilige Geist ist da, aber die Sünden der
Kirche hindern ihn, sich zu offenbaren, wie er möchte und wie wir es bedürfen. Es
kann und wird nicht besser werden, bis wir die Anstöße wegräumen, die ihm im
Wege stehen.

Herr unser Gott! Wir Alle haben gesündigt und Deinen heiligen Geist betrübt. Bringe Dein Volk zur wahren Erkenntnis seiner Schuld, damit Bahn gemacht werde Deinem Geist.  Amen.

Elias Schrenk
(1831-1913)

Quelle: Suchet in der Schrift. Tägliche Betrachtungen für das ganze Jahr mit Anhang, S. 153. Von E. Schrenk. 2. Auflage, 32. bis 36. Tausend. Kassel. Druck und Verlag von Ernst Röttger, 1892.