Was ich in dieser Feierstunde (Zeller)

Was ich in dieser Feierstunde
In Dank und Wonne still durchbebt,
In meines Geistes tiefstem Grunde
Als selge Offenbarung lebt,
Es ist zu groß, es ganz zu sagen
Und geht mir über Sinn und Muth:
Denn unter Zittern unter Zagen
Erhielt mir Gott mein liebstes Gut.

Mein Himmel stand in rothen Flammen
Und Blite zuckten durch die Nacht,
Ich schrak und sank erschöpft zusammen,
Bezwungen von des Jammers Macht.
Erschüttert tief von Furcht und Grauen,
Von grassen Bildern rings umlegt,
Wie wenn das Raubthier seine Klauen
In eines Wandrers Seite schlägt.

O selger Strahl von lichter Höhe,
O Glanz voll ewger Herrlichkeit,
In meines Herzens tiefstes Wehe
Das Zeichen einer bessern Zeit!
Erbarmen, ruft es laut, erbarmen
Will sich der Herr des Lebens dein,
Sie soll in ihres Schöpfers Armen
Geborgen und gerettet sein.

Der Gütige und stets Getreue
Zerbricht nicht das geknickte Rohr,
Verglimmen will das Licht, aufs Neue
Facht ers zur Flamme hell empor;
Er wird es gnädig auch vollenden,
Ich harre sein in Zuversicht,
Er reichet uns mit Vaterhänden
Was uns an Leib und Seel gebricht.

Lobsingen will ich, ja lobsingen
Dem Retter all mein Leben lang;
Zum Himmel soll mein Lied sich schwingen,
Zum Himmel meines Lebens Gang;
In stiller Demut will ich wandeln,
Gedenkend an mein großes Leid;
In Glauben, Lieben, Hoffen, Handeln
Ihm freudig dienen allezeit.

Ich seh dein ganzes Liebeleben
Vor mir im hellen Sonnenglanz;
Ich seh dich mit der Myrthe schweben
Seh dich in unsrer Kinder Kranz;
Wer zählt am Himmel alle Sterne,
Der stillen Freuden dichten Zug,
Seit Gottes Engel aus der Ferne
Zu mir dein trautes Lieben trug?

Wohlauf mein Herz und laß das Zagen,
Denk an den Retter in der Noth,
Laß deine Seufzer, deine Klagen,
Denk an das selige Gebot:
„Seid froh in Hoffnung, duldet stille,
Wie hoch die Fluth der Trübsal geht;
Sprecht, es gescheh sein heilger Wille
Und haltet treu an dem Gebet!

(Albert Zeller)

Quelle: Lieder des Leids. Von Albert Zeller. Fünfte, stark vermehrte Auflage, S. 2ff. Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1865 [Digitalisat]

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.
(Römer 12, 12)

Eingestellt am 22. November 2021