Fürbitte für ein fehlbares Kind (Lavater)

Ach! tiefgebeugt erscheinen
Wir, Herr, vor dir und weynen
Empor zu deiner Vater-Huld:
Trag mit dem Fehlenden Geduld!

Gieb, Vater, seine Sünden
Ihm lebhaft zu empfinden!
Gieb seinem Herzen Schaam und Reu
Und Abscheu vor der Heucheley!

Sprich laut in dem Gewissen!
Laß reine Thränen fließen,
Und schreckt ihn, Richter, dein Gericht,
So schenk’ ihm wieder Zuversicht!

Und hast du ihm vergeben,
So hilf ihm, heilig leben!
Gieb ihm zur Tugend neuen Muth
Und seegn’ ihn, wenn er Gutes thut!

Bewahre, Vater, alle!
Wer steht, daß er nicht falle,
Der wach und beth und halte sich
An Gott! Und Gott spricht: Hie bin ich!

Wie elend sind die Sünder!
Wie seelig Gottes Kinder!
Ach! laß von aller Sünde rein
Uns, Vater, deine Kinder seyn!

Johann Kaspar Lavater (1741-1801)

Quelle: Johann Kaspar Lavater: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Dr. Ernst Staehelin, Band 3, Zürich: Zwingli-Verlag, 1943.

Verweis: http://www.zeno.org/nid/20005242053

Schriftstellen:

Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. (Matth. 26, 41)

Solches alles widerfuhr jenen zum Vorbilde; es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf welche das Ende der Welt gekommen ist. Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle. (1. Kor. 10, 11.12)

Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und läßt, der wird Barmherzigkeit erlangen. Wohl dem, der sich allewege fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, wird in Unglück fallen. (Sprüche 28, 13.14)