Johann Christoph Blumhardt (1805-1880)

Johann Christoph Blumhardt (* 16. Juli 1805 in Stuttgart; † 25. Februar 1880 in Boll) war ein Pfarrer der württembergischen Erweckungsbewegung, evangelischer Theologe und Kirchenlieddichter.

Leben

Kindheit und Jugend

Geboren 1805 in Stuttgart als Sohn eines Bäckers und Holzmessers, wuchs Johann Christoph Blumhardt in ärmlichen Verhältnissen auf. Er ist ein Neffe zweiten Grades des Stuttgarter Theologen Christian Gottlieb Blumhardt [1]. Seine Kindheit war durch das christliche Elternhaus und durch die lebendige Reich-Gottes-Erwartung in den Kreisen des schwäbischen Pietismus geprägt. Als begabter Schüler des Stuttgarter Gymnasiums erhielt er Beihilfe; die Unterrichtsgebühren wurden ihm erlassen.

Studium der Theologie

1820 – nach einer zweiten Aufnahmeprüfung, dem „Landexamen“ – wurde er Stipendiat des Evangelisch-theologischen Seminars in Schöntal. Während seines Theologiestudiums in Tübingen lernte er u. a. Eduard Mörike kennen, der ebenfalls als Student im Evangelischen Stift wohnte und zu dem sich eine innige Freundschaft entwickelte.

Der Weg zum Pfarrer

Nach gut bestandenem 1. Theologischem Examen trat Blumhardt 1829 sein erstes Vikariat in Dürrmenz (bei Mühlacker) an. 1830 wurde er als Missionslehrer nach Basel berufen. Nach sieben Jahren verließ er Basel, um als Pfarrgehilfe nach Iptingen zu gehen.

Pfarrer in Möttlingen

Blumhardtkirche in Möttlingen. Bild: Samuel Friedrich Klein / CC BY-SA 4.0

Im Juli 1838 wurde er zum Pfarrer in Möttlingen (bei Bad Liebenzell) ernannt. Hier heiratete er Doris Köllner, eine Tochter seines Missionsfreundes Karl Köllner. 1842 wurde ihr Sohn, der spätere Theologe Christoph Friedrich Blumhardt, geboren.

Gottliebin Dittus (1815-1872), eine junge Frau aus der Gemeinde, litt an einer unerklärlichen Krankheit: sie wurde von Krämpfen geplagt, fremde Stimmen redeten aus ihr. Zwei Jahre lang – 1842 und 1843 – begleitete er diese Frau seelsorgerlich, indem er sie immer wieder an Gottes Verheißungen erinnerte und mit ihr betete. An Weihnachten 1843 endete ihr Leiden, das Blumhardt später in einem Krankheitsbericht an das kirchliche Konsistorium als „Geisterkampf“ bezeichnet. Der laute Ruf der Geheilten „Jesus ist Sieger“ wird zum Losungswort Johann Christoph Blumhardts.

Die Buß- und Erweckungsbewegung

Diese Heilung löste eine Buß- und Erweckungsbewegung aus. Am 8. Januar 1844 kamen vier Gläubige aus der Gemeinde, die beichten wollten. Am 27. Januar waren es 16, am 30. Januar 35, dann 67, 156, 246 Personen, schließlich fast das ganze Dorf. Auch Auswärtige strömten nun nach Möttlingen zu Blumhardts Gottesdiensten. An einem Pfingstfest zählte man 2.000 Abreisende. In der folgenden Zeit wurde von weiteren Heilungen berichtet, zuerst in Blumhardts Familie, dann in der Gemeinde und bei den Besuchern. Die liberale Presse verhöhnte die Ereignisse als Betrug und Wundergläubigkeit. Das Konsistorium der kirchlichen Oberbehörde verbot ihm daraufhin, die Heilung körperlicher Krankheiten mit der Seelsorge zu vermischen.

Blumhardt gelangte zur Gewißheit, daß das Kommen des Reiches Gottes nahe bevorstünde, und daß es vorher noch eine „zweite Ausgießung des Heiligen Geistes“ geben werde. Diese Überzeugung beflügelte ihn zu sozialem Handeln. Nach dem Vorbild von Pfarrer Oberlin aus dem Steintal im Elsaß eröffnete er 1844 einen Kindergarten und setzte die geheilte Gottliebin Dittus als erste Kindergärtnerin ein. In den Hungerjahren und den Zeiten großer Armut richtete er zusammen mit seiner Frau eine Suppenküche ein und gründete einen Wohltätigkeitsverein mit einer „Viehleihkasse“.

Seelsorge in Bad Boll

1852 zog Blumhardt mit seiner Familie nach Bad Boll, dem Königlich Württembergischen Bad für die Oberen Stände. Mit finanzieller Unterstützung der Freunde kaufte er dort das Kurhaus, wo er ein Heilungs- und Seelsorgezentrum gründete. Das Zentrum zog – dank Blumhardts Charisma – Gäste aus ganz Europa an und nahm Gäste aus allen gesellschaftlichen Schichten auf. Er leitete es bis zu seinem Tod 1880 [2]. Nach seinem Tod führte sein Sohn Christoph Blumhardt das Werk des Vaters weiter.

Kurhaus in Bad Boll, Haupteingang (Bild: Bonjour35 / Liz. CC BY-SA 4.0

Werke

  • Sammlung älterer, meist unbekannter Choräle und Melodieen zu Kirchenliedern, vierstimmig gesetzt und zunächst für den Gebrauch des neuen württembergischen Gesangbuchs herausgegeben von Christoph Blumhardt, Pfarrer in Möttlingen bei Calw. Erste Abtheilung (Nr. 1–100, Melodieen zu drei- bis sechszeiligen Liedern). Stuttgart, Verlag der J. F. Steinkopf’schen Buchhandlung. 1843.
  • Bibellieder oder in singbare Reime gebrachte Stellen der Heiligen Schrift nebst einigen Fest- und Missionsliedern, von Joh. Christoph Blumhardt, weiland Pfarrer in Bad Boll. Zum Gebrauch in Bad Boll neu herausgegeben von Christoph Blumhardt. Zweite verbesserte Auflage. Im Selbstverlag des Herausgebers. Stuttgart. Druck von Chr. Scheufele. 1884.
  • Der Lobgesang der Maria. Ein Wechselgesang für Soli (zwei Frauenstimmen), Chor und Orgel (Harmonium) von Joh. Christoph Blumhardt. Neudietendorf in Thüringen: Friedrich Jansa 1921.
  • Gesammelte Werke. Schriften, Verkündigung, Briefe, 14 Bände. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht:
Reihe 1. Schriften. Herausgegeben von Gerhard Schäfer.
Band 1. Der Kampf in Möttlingen. Texte. Unter Mitarbeit von Paul Ernst herausgegeben von Gerhard Schäfer. Mit einer Einleitung “Zur Heilungsgeschichte der Gottliebin Dittus” von Theodor Bovet. 1979.
Band 2. Der Kampf in Möttlingen. Anmerkungen. Unter Mitarbeit von Dieter Ising und Paul Ernst. 1979.
Reihe 2. Verkündigung. In Verbindung mit Peter Beyerhaus, Rudolf Bohren, Martin Schmidt und Manfred Seitz herausgegeben von Joachim Scharfenberg und Paul Ernst.
Band 1–4. Blätter aus Bad Boll. Faksimileausgabe mit einem Vorwort und erläuterndem Anhang herausgegeben von Paul Ernst. 1968–1970.
Band 5. Blätter aus Bad Boll. Erläuternder Anhang von Paul Ernst. 1974.
Reihe 3. Briefe. Herausgegeben von Dieter Ising.
Band 1. Frühe Briefe bis 1838. Texte. 1993.
Band 2. Frühe Briefe bis 1838. Anmerkungen. 1993.
Band 3. Möttlinger Briefe 1838–1852. Texte. 1997.
Band 4. Möttlinger Briefe 1838–1852. Anmerkungen. 1997
Band 5. Bad Boller Briefe 1852–1880. Texte. 1999.
Band 6. Bad Boller Briefe 1852–1880. Anmerkungen. 1999.
Band 7. Briefe; Verzeichnisse und Register zu Band 1–6. 2001.
  • Ausgewählte Schriften. Band 1: Schriftauslegung, Band 2: Verkündigung, Band 3: Seelsorge – Glaubensfragen, Briefe, Gebete, Lieder. Herausgegeben von Wolfgang J. Bittner. Neufeld, Metzingen/Gießen 1991; Schwarzenfeld 2006, ISBN 3-937896-41-4.
  • Sieg über die Hölle. Die Krankheits- und Heilungsgeschichte der Gottliebin Dittus in Möttlingen. Herausgegeben von Katja Wolff. Edition Tempelbibliothek, 2005, ISBN 3-930730-33-2. [Onlinetext]
  • Handbüchlein der Weltgeschichte für Schulen und Familien, 7., verbesserte Auflage, Verlag der Vereinsbuchhandlung, Calw 1877 [Digitalisat]
  • Verteidigungsschrift gegen Herrn Dr. de Valenti, [Landgut] zur Hoffnung bei Bern, von [Johann] Christoph Blumhardt, Pfarrer in Möttlingen. Druck und Verlag der B. G. Kurtz’schen Buchhandlung, Reutlingen 1850. [Auszug]

Einzelnachweise

  1. Bernd Moeller, Bruno Jahn: Deutsche Biographische Enzyklopädie der Theologie und der Kirchen (DBETh). Walter de Gruyter, 2011 (S. 149)
  2. Gerhard Ruhbach; Ulrich Scheffbuch: Blumhardt, Christoph Friedrich Blumhardt (1842–1919). In: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Hrsg. Helmut Burkhardt; Uwe Swarat, Bd. 1. Wuppertal : R. Brockhaus Verlag 1992, ISBN 3-417-24641-5, S. 285.
  3. Otto Funcke: In der Schmiede Gottes. Brunnen Verlag, Gießen/Basel 1938, S. 161.
  4. Otto Funcke: In der Schmiede Gottes. Brunnen Verlag, Gießen/Basel 1938, S. 91.
  5. Jonathan Schilling: Ottilie Wildermuth und der Pietismus. Glaube und Frömmigkeit in Leben und Werk einer Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts. In: »Blätter für württembergische Kirchengeschichte«, 117 (2017), S. 181–213, hier: S. 193–195.
Quelle: Seite „Johann Christoph Blumhardt“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 9. August 2020, 13:08 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Christoph_Blumhardt&oldid=202627566 (Abgerufen: 11. September 2020, 11:54 UTC)

Weitere Quellen

Friedrich Wilhelm Bautz: Blumhardt, Johann Christoph, Theologe; in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Band I (1990) Spalten 634-635 (externer Link: Archivfassung vom 19.03.2009 im Web Archive)

[Johann] Christoph Blumhardt, Pfarrer in Möttlingen: Verteidigungsschrift gegen Herrn Dr. de Valenti, [Landgut] zur Hoffnung bei Bern. Druck und Verlag der B. G. Kurtz’schen Buchhandlung, Reutlingen 1850. [Digitalisat]

Alo Münch: Joh. Chr. Blumhardt – Ein Zeuge der Wirklichkeit Gottes. Aus der Sammlung Zeugen des gegenwärtigen Gottes – Band 3. Brunnen Verlag, Gießen 1961 [Digitalisat als pdf]

Blumhardts Charakterisierung aus diesem Buch:

JOHANN CHRISTOPH BLUMHARDT (1805-1880) ist einer der großen Zeugen der Wirklichkeit Gottes und seines Reiches. Wer in den Bannkreis dieses Mannes tritt, der merkt früher oder später, daß er in eine geistige Atmosphäre kommt, in der nach an­deren Werten geurteilt, mit anderen Maßstäben ge­messen, mit anderen Kräften gerechnet wird, als es in der Welt sonst üblich ist. Blumhardt lebte in der Welt Gottes, d. h. des Unbegreiflichen, aus dem Glauben an diesen Gott und aus der Erfahrung seiner Wirklichkeit, d. h. aber in der Welt des Wun­ders. Keine Brücke führt aus der Welt des natür­lichen, an das Irdische verhafteten Menschen in diese Welt des Übernatürlichen als einzig und allein der kindlich fromme Glaube. So kann Blumhardt auch nur von den Gläubigen erfaßt und einiger­maßen verstanden werden. Wer zu Johann Chri­stoph Blumhardt kommt, der kommt nicht so sehr zu dem Menschen, der diesen Namen trug, als viel­mehr zu dem gekreuzigten und auferstandenen und als solcher mitten unter uns lebenden Herrn und Heiland Jesus Christus selbst, der durch diesen schlichten und bescheidenen, aber ihm ganz erge­benen Knecht Gottes zu uns gesprochen hat und über seinen Tod hinaus unter uns wirkt.

Els Nannen: Johann Christoph Blumhardt (1805–1880) – Vorbild und Autorität für die Okkultseelsorge? Veröffentlicht am 6. Juli 2015 aus Bibel und Gemeinde 108, Band 2-3 (2008) [Artikel online]

Die Autorin stellt Fragen wie diese: Was war Blumhardts dogmatischer Ansatz, der ihm seine Erfahrungen ermöglichte? Wie ist bei ihm das Verhältnis des (objektiven) Wortes Gottes zu seinen (subjektiven) Erfahrungen mit Dämonen? Ist Befreiungsseelsorge an verstorbenen Gotteskindern, die angeblich „noch an Satan gebunden“ sind, biblisch belegbar und sogar geboten? Sind Aussagen eines Dämons, z. B. der bekannte Ausruf „Jesus ist Sieger“, Gottes Mittel zur Erweckung und Bekehrung oder zur Glaubensstärkung von Gotteskindern? Wie kommt es, daß trotz offensichtlich fraglicher Methoden und Lehren bei Blumhardt kaum eine gründliche kritische Auseinandersetzung mit Blumhardts Kampf stattgefunden hat?

Lieder

Daß Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht

Sei still zu Gott

Auslegungen und Betrachtungen

Matthäus 17, 21: Über die Heilung der Dämonischen

Bekehre, o Gott! und wehre!

Predigt am Sonntag nach dem Neujahrsfest

Links und Verweise

Homepage der Blumhardt-Gesellschaft