Aus Tholucks Artikel über Wolfgang Franz

Auch eine solche sächsische Kirchensäule nun wie Höppfner lehrt in einer Predigt über Jesaja 1: „Wer den innerlichen Gottesdienst (wahre Buße, rechten Glauben, wahrhafte Besserung des Lebens) nicht in Acht nimmt, dem hilft der äußerliche nicht, wenn er gleich täglich Predigt hört, alle Betstunden besucht, das heilige Sakrament zum öftern gebraucht, auch oft und viel betet, so hilft doch alles nicht, wenn nicht das Herz gebessert wird durch Buße, Glauben und Liebe.”

Desto weniger kann eine, bei Ausbruch der Spenerschen Streitigkeiten oft benutzte, energische Apostrophe von Franz in demselben Sinne befremden, wiewohl an Feuer und Nachdruck kein anderes Zeugnis der damaligen Universitätstheologen ihr gleichkommt. Mit Arndtischem energischem Eifer tritt er nämlich gegen “gewisse” — wie er hier vorsichtig hinzusetzt — teils menschendienerische, teils träge Diener des göttlichen Worts auf, in einem Anhange zu der zehnten Disputation de bonis operibus in den dispp. in Aug. conf. art. posteriores:

„Hier, müssen wir uns an einige Diener der lutherischen Kirche wenden, durch deren Nachlässigkeit und Unwissenheit alle übrigen Kirchendiener sich nachsagen lassen müssen, daß sie nicht genug die guten Werke treiben. Es kann ja nicht geleugnet werden, daß es nicht wenige gibt, die ihres Amtes trefflich gewartet zu haben meinen, wenn sie ihren Zuhörern nur den seligmachenden Glauben an das Verdienst unseres Herrn Jesu Christi — wiewohl eigentlich nur den bloßen Wortlaut ohne alle Erklärung der wahren Natur des Glaubens — einprägen. Durch diese ihre Lehre werden nun viele epikuräisch Gesinnte [Genußsüchtige] nur zum Lippendienst gebracht, so daß viele, welche weder den Text des Vaterunsers noch das apostolische Glaubensbekenntnis verstehen, doch vom Glauben, vom Lippenglauben, so fertig sprechen können, wie Paulus selbst nicht, wenn er gegenwärtig wäre, daher es auch solche unter den Zuhörern gibt, die, nachdem sie das ganze Jahr über mit Hurerei, Diebstahl und andern Sünden sich befleckt, am Ende des Jahres einen Tag auswählen, um das Abendmahl zu genießen, und auch von diesem Tage gehören nicht einmal alle Stunden Christo an, sondern nur die, wo sie ihre Sünde heuchlerischer Weise dem Geistlichen beichten und das Abendmahl nehmen. Ja, aus jenen Predigten haben sie sich die Meinung gebildet, daß wenn sie sogar einen Mord um den andern begehen, ja wenn sie selbst im Augenblicke stürben und nur jenen Lippenglauben zu denken angefangen, daß sie alles im Ueberfluß haben, was zu ihrem Heile nötig ist.

Ihr treuen, aufrichtigen und im Eifer Christi brennenden Diener des Worts, werdet ihr leugnen daß dies wahr gesprochen ist?… Man schärfe also den Spruch Jak. 2, 18 ein: „Zeige mir deinen Glauben aus deinen Werken.” Man treibe das Wort des frommen Johann Huß: nisi opera videam extra, non creda fidem esse intra. Gute Seelenhirten sollen dem Urteil Hieronymus Wellers folgen in der ep. nuncupatoria an Albert Herzog von Mecklenburg:

„Ich wünsche, daß die Prediger mehr Eifer bewähren, die Sicheren zu erinnern und zu strafen, als die Betrübten zu trösten. Denn immer gehört der größte Teil der Zuhörer zu den Sicheren und Weltlichen, deren aber, die vom Gefühl der Sünde, des Zorns Gottes, den Schrecken der Hölle und des Todes gequält werden, ist immer nur ein kleiner Haufe.”

Quelle: Tholuck, Geist der Wittenberger Theologen, 1852

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