Morgenklänge aus Gottes Wort – Gebrauchsanweisung

Du erhältst hier, geneigter Leser, ein Andachtsbuch, das, um dem Vorwurfe der Einseitigkeit zu entgehen, nicht bloß Eignes und Selbsterfahrnes, sondern zugleich eine liebliche Blumenlese des Kräftigsten und Erhebendsten Dir darbietet, was in den bedeutendsten ascetischen Schriftstellern aller Jahrhunderte der christlichen Kirch, in den Schriften eines Augustinus, Anselm, Gerson, Suso, Bernhard, Thomas a Kempis, Luther, Joh. Arndt, H. Müller, Herberger, Scriver, Fenelon, Newton, der Neuern nicht zu gedenken, niedergelegt ist. Du schauest somit gleichsam in ein großes Panorama heiliger Gedanken, Gefühle, Betrachtungen und Gebete hinein, und es wehet Dich der frische Lebensgeist christlicher Kämpfe und Siege, Andachten und Psalmen aus den verschiedensten Ländern der Erde an, Was Hunderte, was Tausende auf die mannichfachste Weise erquickt und gestärkt hat, in den buntesten Lagen ihres Lebens und aus reichen und tiefen Erfahrungen geboren ist, das möchte auch Dich in stillen Morgenstunden erheben und weihen zu Deinen von Gott Dir gegebenen Tagewerke und zu den unbekannten Schicksalen, welche die kommenden Stunden enthüllen werden, und gewiß teilt sich Dir nur ein Teil des Segens und der Erbauung mit, welchen der Verfasser bei der Sammlung und Ausarbeitung dieser Blätter gehabt. Du wirst das Büchlein nicht ohne Befriedigung aus der Hand legen. Es führt den Titel „Morgenklänge aus Gottes Wort“, und möchte Dir ein Gottesgruß sein an jedem Morgen, den Gott Dir sendet, und Deine Seele laben mit Himmelsnahrung, ehe Dein Leib die Speise der Erde genießt. Es ist nach dem Kirchenjahre geordnet und schließt sich, um immer zeitgemäß zu sein, an die jedesmal vorherrschende Stimmung der Sonn- und Festtage an. Darum beginnt es nicht mit dem ersten Januar wie das bürgerliche Jahr, sondern schon mit dem ersten December als dem Anfang der heiligen Adventszeit. Darum zerfällt es nach dem Kirchenjahre in zwei große Hälften: in einen festlichen und festlosen Teil, und der Festteil in einen unbeweglichen und beweglichen Abschnitt. Beim Gebrauch des Andachtebuches wolle Folgendes beobachten: Fange ihn mit dem ersten Adventssonntage an, aber wenn der 24. December naht, welcher in verschiedenen Jahren auf verschiedene Tage der Woche fällt, dann überschlage die etwa noch vorhandenen Betrachtungen und gehe sofort zu der Betrachtung des 24. December über. Nachher gibt das Datum bis zum 6. Januar Dir die täglichen Andachten in die Hand. Dann aber kommt es darauf an, auf welchen Wochentag der 6. Januar fällt, um danach die Betrachtungen der Epiphaniaswoche zu bestimmen.

Mit dem ersten Sonntage nach Epiphanias tritt wieder die regelmäßige Ordnung ein und geht fort bis der Sonntag Septuagesimä kommt, welcher sie wiederum aufnimmt und dann fortgehen läßt bis zum Ende des Kirchenjahres. Es ist also zu achten auf den 24. December, den ersten Sonntag nach Epiphanias und den Sonntag Septuagesimä. Durch diese Beobachtung wird bei Dir niemals ein Widerspruch eintreten zwischen Deiner Morgenandacht und der kirchlichen Stimmung, vielmehr wird Dir beim Gebrauch dieses Buches an jedem Sonntage sonntäglich an jedem Festtage Festlich zu Muthe sein und Dein Zusammenleben mit den Einrichtungen der Kirche Dein Verständniß ihrer großen Gedanken und Gefühle immer inniger und gesegneter werden. Eine höhere Welt wird sich Dir aufschließen, der sich Deine äußere irdische Tages- und Lebensordnung gern unterordnet und eine Macht sich Dir offenbaren, die in ihrer Wirkung den Ursprung aus dem Himmel und der Ewigkeit nicht verleugnen kann. Namentlich wird in den Tagen der Krankheit und des Alters, wo Du das Gotteshaus nicht mehr besuchen kannst, auf diese Weise dies Andachtsbuch Dir einen willkommenen Ersatz der Kirche und ihrer Feiertage gewähren. Dabei wird überdies auch keine andere Rücksicht zu kurz kommen, denn willst Du eine Betrachtung an einem bestimmten, Dir teuren Tage lesen, so hast Du nur im Kalender nachzusehen, auf welchen Wochentag und nach welchem Sonntag er fällt und alsbald ist die Betrachtung gegeben. Ja, Du gewinnst dadurch den Vorteil, daß Du in jedem Jahre für den gedachten Tag eine andere Betrachtung vorfindest und dadurch der Gebrauch dieses Buches immer neu bleibt. Die Betrachtungen in der Passions- und Osterzeit knüpfen an einen größern historischen Bibelabschnitt an, den Du zuvor aus Deiner Bibel lesen wollest. Nun gehe in Gottes Namen an das fromme Werk. Der Herr bekenne sich zu Deiner stillen geistlichen Uebung und mache Dir das Büchlein zu einem Bächlein voll lebendigen Wassers!

Quelle:

Morgenklänge aus Gottes Wort: Ein Erbauungsbuch auf alle Tage im Jahre, von D. Friedrich Arndt, Prediger an der Parochialkirche zu Berlin. erster Theil. Dreizehnte Auflage. Leipzig 1871: J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung [Digitalisat]