2. Thessalonicher 2, 3

Laßt euch von niemand verführen in keinerlei Weise; denn er kommt nicht, es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens.

Vor siebenzig oder achtzig Jahren hat das Unwesen in unserer Kirche angefangen. Wo vorher Aberglaube war, da ist jetzt der Unglaube. Die stolzen Weisen dieser Welt, die vor lauter Klugheit immer tiefer in die Narrheit fallen, haben in eigener Weisheit, in Hochmut und unerträglicher Selbstüberhebung dem Vernunftgott, den sie aufgerichtet haben, dem Baal unserer Tage, Altäre genug gebaut, und ihm – ich darf es ja wohl sagen, weil es ein altestamentlicher Ausdruck ist – nachgehuret. An einem Pfeiler der Wahrheit um den andern haben sie gerüttelt und gedacht: Gelingt es uns, die Pfeiler und Säulen umzustürzen, so wird schon das ganze Gebäude nachfallen; und das haben sie auch frei ausgesprochen und in manches Buch geschrieben; es wird, hieß es, bald die Zeit kommen, wo das alte Gebäude, der alte Wahn zusammenstürzt (sie meinten aber den alten Glauben, daß Christus, Gottes Sohn, uns mit seinem Blut erkauft habe); das Licht der Vernunft ist nun aufgegangen, der Aberglaube muß fort, denn bei den neueren Forschritten kann das alte Gemäuer nicht mehr bestehen. –

Die Toren! Sie wußten nicht, daß dieses scheinbar alte Gebäude aus Felsen gehauen und auf einen ewigen Felsen gegründet ist. Darum war es ihr Losungswort: »Lasset uns zerreißen seine Bande und von uns werfen seine Seile! Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche! « (Ps. 2, 3, Luk. 19, 14) –

Und diese neuen Baalspriester haben es auch weit gebracht; sie haben nicht nur unter den höheren Ständen, die sich von jeher zum Unglauben mehr neigten, sondern auch unter dem Volk manchen Grundstein der Wahrheit umgeworfen, so daß viele unschlüssig wurden und nicht mehr wußten, ob Baal oder Jehova Gott sei; denn sie wußten ihrer schlechten, faulen Sache ein feines Gewand anzuziehen, daß jedermann meinen sollte, das sei recht und wahr, das seien die Leute, welche unserer Zeit die Fackel wieder aufs neue aufgesteckt haben. Ja, es kam so weit, und ist noch vielfach der Fall, daß man sich schämt, den hohen Namen Jesus auszusprechen, daß eher alles als dieser Name in den sogenannten gebildeten Gesellschaften gehört wird und daß die Kinder Gottes seufzen mußten und sich zerstreuen unter dem Druck des Zeitgeistes. Auch wissen wir, wie unter solchen Grundsätzen die sittliche Finsternis, das weltliche, wollüstige, freche und eigennützige Wesen dieser Zeit gewachsen ist.

Das Gold, durchs Feuer siebenmal
bewährt, wird lauter funden,
an Gottes Wort man warten soll
desgleichen alle Stunden.
Es will durchs Kreuz bewähret sein,
da wird erkannt sein’ Kraft und Schein
und leucht’t stark in die Lande.

Das wollst du, Gott, bewahren rein
vor diesem arg’n Geschlechte,
und laß uns dir befohlen sein,
daß sich’s in uns nicht flechte.
Der gottlos’ Hauf’ umher sich find’t,
wo diese losen Leute sind
in deinem Volk erhaben.

Andacht: Ludwig Hofacker
Liedverse: Martin Luther Ach Gott, vom Himmel sieh darein

Weblinks und Verweise:

Ludwig Hofacker über die “neue Theologie”

Ludwig Hofacker: Erbauungs- und Gebetsbuch für alle Tage, nebst einem Anhang von besonderen Gebeten. Aus den hinterlassenen Handschriften und aus den Predigten des seligen Verfassers. Herausgegeben von G. Klett, Pfarrer in Barmen. 6. Auflage 1898, Druck und Verlag von J. F. Steinkopf. Neu bearbeitet und herausgegeben von Thomas Karker. (Download im pdf-Format, Link zu sermon-online.de)