VIII. Predigt über Evangelium Johannis Cap. 3, 18-21 (Hermann Friedrich Kohlbrügge)

Wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der haßt das Licht, und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden, denn sie sind in Gott getan. (Johannes 3, 18-21)

Wir haben in dieser Morgenstunde höchst wichtige Worte zu behandeln: Worte, die geräuschlos dahergehen, aber über das ewige Wohl oder Wehe eines Menschen entschieden haben. Worte sind’s, die bleiben, und es ist gegen sie nichts auszurichten. Alle Macht menschlicher Ueberlegung, aller Menschen Klugheit und Eigengerechtigkeit wirft sie nicht um, macht sie nicht lautlos. Gesprochen sind sie, und wir haben uns unter dieselben zu beugen oder wir sind verloren. Alles Fleisch muß vor diesen Worten schweigen, und alles sich Auflehnen gegen dieselben geschieht nur zum ewigen Seelenschaden dessen, der es tat. Alle Selbstentschuldigung, alle Selbstrechtfertigung und Selbstheiligung, alles Gesuch der Erlösung durch Werke ist dabei uns allen aus den Händen geschlagen. Dem Teufel, dem Tode, der Herrschaft der Sünde und allem Fleische mit allen seinen Geschichten ist dabei das Gericht angesagt. Vor diesen Worten kann keine Bestrebung menschlichen Willens, kein Werk menschlicher Frömmigkeit, keine Tugend, wie sie auch füttere, bestehen. Einmal gesprochen durch den Mund der Wahrheit werden sie hineingeworfen in alle Gewissen, so daß der Mensch das schönste Werk seines Tuns, den festesten Verlaß seines Werks, er mag wollen oder nicht, selbst zerbrechen muß, wenn er vor Gott kommen wird; und er muß die ewige Wahrheit dieser Worte anerkennen, bestätigen, ihr huldigen, auch dann, wenn er noch eine Lüge in seiner Hand hat. –

Teure Worte sind’s dem, der nichts, nichts mehr ist, als ein großer Sünder, und nichts weiter hat, als Sünden. Teure Worte sind’s dem, der keinen Namen mehr hat, der ihn erretten kann, und der in seiner Verlorenheit den Namen vernommen hat, der allein gilt im Himmel, auf Erden und in der Hölle; denn ihm sagen sie, daß er glauben darf, daß er zu einem Namen die Zuflucht nehmen darf, der die Schuld einer ganzen Welt austilgt. Teure Worte sind’s dem, der erfährt, daß es hienieden alles Finsternis ist, und er schmachtet in diesem Kerker nach Licht, nach Trost, denn sie sagen ihm, daß das Licht für ihn aufgegangen, daß der Tag seiner Befreiung gekommen ist, daß er zu dem Lichte hinzutreten darf, daß er Leben in diesem Lichte haben wird, daß das Licht ihn erlöst von Banden und von Kerker.

So werden wir Worte behandeln, welche die mächtigste Predigt des Glaubens in sich fassen, welche uns sagen, was der wahrhaftige und untrügliche Grund guter Werke ist, und wie man zur Heiligung gelangt, nicht zur Fleisches-Heiligung, sondern zu der Heiligung, welche des Heiligen Geistes ist. Der Herr gebe uns Gnade, daß wir seine Worte zu Herzen nehmen; denn wir sollen ihn nicht allein als Hohenpriester hoch rühmen, sondern auch als König, sondern auch und ganz besonders als Propheten, denn nachdem er als Hohepriester alles hat dargestellt, soll er uns auch als König regieren, soll er uns auch als Prophet bei der Hand fassen und leiten, sollen wir horchen nach seiner Lehre, und ihm gehorsam sein, er soll es uns sagen, welches der Weg zur Seligkeit ist, er es uns sagen, wann wir nicht verdammt sind. An ihm haben wir einen zuverlässigen Lehrer. Er allein kann uns such den Himmel auftun; – darum sollen wir an seinen gnädigen Lippen hangen bleiben, und hören was er sagt, und uns selbst und unser Benehmen auf sein Wort werfen, auf daß wir nicht verführt seien durch unser Herz, durch die sichtbaren Dinge und unsichtbaren Mächte. Wer sich unter sein Wort beugt und sich daran hält, kann nicht betrogen auskommen. Darum widmet seinen Worten alle eure Herzensandacht.

Text: Evangel. Johannis Cap. 3, Verse 18b-21.

Meine Geliebten! Die Worte unseres Herrn behaupten den Glauben an seinen Namen. Sie sagen es aus, worin das Gericht besteht, das auf allen Eigengerechten ruht, und rechtfertigen Gott in seinem Zorn und in seiner Strafe über die Ungläubigen. Sie schildern aller Unwiedergebornen Treiben. Sie machen dem Aufrichtigen Mut, daß es ihm gelingen wird. Betrachten und erwägen wir jede dieser Wahrheiten einzeln.

I.

Der Herr hatte vorangehen lassen: „Wer an ihn, d. i. an den Sohn Gottes, glaubt, wird nicht gerichtet“. Darauf läßt er nun folgen: „Wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes“. Ist das nun nicht eine Behauptung des Glaubens an seinen Namen? Der Herr hatte dem Nicodemo den ganzen Rat der Seligkeit vorgehalten. Er hatte ihm das Leben vorgestellt, sollte ihm nicht auch der Tod nun vorgehalten werden? Dürfen wir dabei gleichgültig bleiben, wenn der Herr uns den klaren Weg zur Seligkeit darlegt, wenn er uns in so vielen Worten ewiger Liebe es vorhält, worin für uns das ewige Leben liegt? Also Leben und Tod hält Christus vor. Warum? Wähle, heißt es zu dem Menschen. Auch der Tod soll dem Menschen vorgehalten sein, auf daß er aufgeschreckt werde aus seinem harten Schlaf, aus seinem Starrsinn, aus seinem Hinken auf zwei Gedanken, aus seinem Grübeln, und er sich dem ergebe, der zu seiner Rettung die Hand hat ausgestreckt. Nicodemus sollte wissen, daß er nicht Worte, sondern Sachen, sondern ewige Wahrheiten vernommen hatte. Das Gericht über dem Menschen schläft nicht, der Zorn Gottes ist über ihn wach; denn das Gesetz ist und wird durch den Menschen geschändet, es will aber gehandhabt, getan, gehalten, verherrlicht sein. Gott muß wieder zu seinem Recht gekommen sein, es hat an ihm nicht gefehlt, er gab das Beste was er hatte, er gab seinen eingebornen Sohn. Dieser hat Gotte die Gerechtigkeit wieder gebracht, das Gesetz erfüllt, Alles was unsrer Seligkeit im Wege steht, überwunden, den heiligen Geist erworben. Mit allem Fleisch dagegen und mit seinem Rühmen hat es ein Ende. Tot ist der Mensch in Sünden und Ungerechtigkeit. Er kann sich selbst nicht helfen, mit allem Werk des Gesetzes nicht. Es bleibt ihm nichts anderes übrig um dem Tode zu entkommen, als daß er sich mit Leib und Seele dem Sohne Gottes anvertraue zu seiner Rechtfertigung und Heiligung, zur Vergebung seiner Sünden und zur vollkommenen Erlösung von seinen Sünden. Nur so will Gott ihm gewogen sein, nur so alle seine Missetat gnädiglich bedecken. Allerwärts ist der Tod. In allen unsren Werken steckt der Tod. Wo ist das Leben, wo nicht lediglich in dem Sohne Gottes? Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn hat, erhält von ihm Alles, alles, was zur Gottseligkeit, was zu einem vor Gott heiligen und untadeligen Wandel Not tut. Er allein wirkt alles Gute, alles Gott Wohlgefällige in einem Menschen. – Aber ihn hat man nur im Glauben. Da will er Einem Alles sein, wo Einer sich ihm für Alles anvertraut, anvertraut so wie er ist. Die Augen des Herrn sehen nach dem Glauben. Das ist aber der Glaube, welchen der Herr will, daß wir Nichts für uns zurückbehalten; so wenig wir eine einzige Sünde für uns zurückbehalten dürfen, so wenig dürfen wir ein einziges Werk zurückbehalten. Er will uns ganz haben mit unsren Sünden, er will es ganz allein für uns und in uns darstellen durch seine Salbung, was dem Gesetze gemäß ist. Wer einen solchen Glauben nicht will, der glaubt nicht, wie er sich auch behaupten will, daß er im Glauben stehe. Wer einen solchen Glauben nicht will, der braucht nicht zu denken, daß er durch das „Tue das“ sich wider das Gericht wird verwahren können. Sein Gericht ist schon da.

Sein Unglaube richtet und verdammt ihn. Warum? Er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Er hat noch einen andern Namen unter dem Himmel, durch welchen er will selig werden. Er hat allerlei fromme Namen, dazu seinen eignen frommen Namen, die sollen ihm helfen. Es ist ihm nicht genug, daß Gott seinen eingebornen Sohn gegeben, daß Gott mit solcher Hingabe seine Liebe zu einem toten Hunde bewiesen hat. Dieser Name ist ihm nicht genug, ihn zu erretten von seinen Sünden. Er hat Heiligen-Bilder, die er auch anruft. Er will wohl ein Sünder sein, aber nicht ein Sünder, wie das Gesetz ihn schildert. Er meint mit der Gnade auch etwas schaffen und wirken zu können, ja zu müssen. Mit der Gnade will er sich selbst zu einem Christus heranbilden, aus sich einen polierten Christen machen. Sein Name liegt in der Zukunft, er will ein Christ werden, ein bewährter Gläubiger, ja ein Heiliger. Er ist nicht untergegangen mit seinem eignen Namen, er kann noch wirken, darum hat der Name „eingeborner Sohn Gottes“ für ihn zu seiner Seligkeit keinen ausreichenden Wert, es liegt für ihn in demselben nicht Verlaß genug, er hat nach und bei diesem Namen noch etwas Apartes für Gott auszuwirken nach der Sittenlehre und Philosophie des Fleisches, um dem Gericht zu entgehen; – aber der Herr sagt, daß ein solcher bereits gerichtet ist.

Gott schläft nicht bis an den Gerichtstag. In dem Himmel ist das Gericht schon über einen gehalten. Gott sieht’s wohl im voraus, was der Mensch wird getan haben. Dort oben heißt es: Hat er geglaubt an den Namen Jesu? Und ist die Antwort: Ja, alsbald folgt es: So ist er selig.

Wir wissen also aus den Worten des Herrn, was wir zu tun haben, um selig gesprochen zu sein dort oben. Wir haben zu glauben an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Nichts mehr, nichts anderes, aber auch nichts weniger. So braucht denn der Mensch sein Gericht nicht abzuwarten, sondern er ist bereits gerichtet, er sei auch wer er sei, der nicht glaubt, und ist bereits verdammt jede Lehre, welche den Glauben nicht allein will gelten lassen, sondern eine Zuthat dazu bildet menschlichen Werks, und ist dagegen selig gesprochen derjenige, welcher lediglich glaubt.

Weil der Herr so den Glauben an seinen Namen behauptet, so weiß denn auch der Angefochtene woran sich zu halten, nämlich an den Glauben an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Was thut’s, ob Teufel, Herz und Welt ihm sagen, du bist verdammt wenn du nichts hast als den Glauben allein; – verdammen kann der Herr nur allein und der sagt: Der ist verdammt, der nicht glaubt, und wer glaubt, wird nicht verdammt. Zwar wird der Angefochtene vom Glauben zurückgehalten; er schreit indeß – Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben, und möchte nichts so sehr wünschen, als daß er sich gänzlich für alles dem Namen des Herrn anvertrauen möchte. Der Herr macht ihm hier dazu Muth, daß er auf sein Wort es wage, daß er den Namen Jesus anrufe und ausrufe gegen Hölle, Sünde, Tod und Welt; daß er sich zu diesem Namen ausstrecke und sich darauf werfe, auch daran hangen bleibe ohne Werk des Gesetzes; – mag ihn darüber was da will verdammen, der Herr, der spricht ihn selig. Wer sich lediglich auf den Namen verläßt, den der Vater geheiliget und gegeben hat zu unserer Zuflucht und Seligkeit, den Namen, gegen welchen die ganze Hölle nichts vermag, wird wohl erfahren, daß obgleich bei ihm nichts zu wachsen scheint, er dennoch ein grünender Baum ist, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht gibt zu seiner Zeit, und seine Blätter fallen nicht ab.

II.

Wie des Herrn Worte den Glauben an seinen Namen behaupten, so sagen sie uns auch, worin das Gericht besteht, das auf allen Eigengerechten ruht, und rechtfertigen Gott in seinem Zorn und in seiner Strafe über die Ungläubigen. – So spricht der Herr: „Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsterniß mehr denn das Licht, denn ihre Werke waren böse“. Gottes Zorn wird von dem Himmel offenbar über alle, so die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten. Böse sind alle Werke der Eigengerechtigkeit, welchen schönen Schein sie auch haben mögen. Alle hochgepriesene Werke der Tugend, alle Weisheit, alle Werke des Fleisches, wie löblich sie auch in mancher Beziehung für dieses Leben sein mögen, sie sind böse in den heiligen Augen Gottes, denn ihre Wurzel ist der Tod, ihre Wurzel ist Selbstbehauptung, ist Eigenliebe, ist ein Bestreben, es Gott mit Werken abzugewinnen, ist lediglich ein Widerstreben wider die Gnade, ist eine Verleugnung Christi, aller seiner Wohlthaten und aller wahrhaftigen Gerechtigkeit, in welche allein der Heilige Geist leitet; darum hat solches alles auch gar keine ewig bleibende Frucht in sich, weil der Fluch Gottes darauf ruht. In solchen bösen Werken, welche Glaube heißen sollen, und es ist lauter Unglaube und wenn es drum geht nichts anderes als das Thun dessen, was der Teufel will und die Welt; – welche Liebe heißen sollen, und es ist lauter Wurzel des Todtschlags da; – Keuschheit, und es ist allerlei Hurerei; – Eintracht und Friede, und es ist lauter Unruhe, Zwist und Zwiespalt; in solchen Werken, durch welche man in den Himmel bringen will, und gebiert damit lauter Kinder der Hölle; in solchen Werken, welche die gröbsten Uebertretungen des Buchstabens des Gesetzes, zu geschweigen seiner geistlichen Bedeutung, in ihrem Gefolge haben, – lebt alles, was nicht wiedergeboren ist, und weiß nicht, will auch nicht wissen, daß es darin lebt. Nun ist aber das Licht in die Welt gekommen, das Licht Christus, welcher selbst gesagt: Ich bin das Licht der Welt. Was predigt dieses Licht allererst? Ihr Menschen seid alle Finsterniß, ihr lebt in der Finsterniß und was ihr treibt und thut, ist alles miteinander Werk der Finsterniß. Ohne mich und außer mir ist kein Licht. Wer aber mir folgt, wird in der Finsterniß nicht wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben.

Denn Gott hat uns Menschen nicht in der Finsterniß wollen sitzen lassen, er hat uns ein Licht angesteckt Heller als die Sonne. Christus ist unter uns gekommen und hat mit seiner alleinseligmachenden Lehre, mit seiner Predigt von der Gerechtigkeit des Glaubens alle Eigengerechtigkeit der Menschen gestraft, gestraft als Sünde und Rebellion wider Gott, dagegen hat er die Gerechtigkeit vorgehalten, welche in ihm ist jedem Glaubenden. Wo Christus kommt, müssen die Götzen fallen, wird die Sünde, daß man sich selbst emporschwingen will, gestraft. Wo Christus kommt, wird alles offenbar, selbst der verborgenste Schlupfwinkel des Herzens. Was bis dahin gut hieß, war übertüncht, war verstellt. Was aber erheuchelt wurde, was tugendhaft, was fromm, was gottselig hieß, was aber vor Gott keinen Werth hatte, alles was der Mensch treibt und thut, wird wo Christus kommt, nach seinem wahren Namen genannt, wird böse geheißen, – und gut heißt das allein, was Christus selbst wirkt und darstellt durch seinen Geist. Da heißt es zu dem Frömmsten, zu dem Besten: du bist böse und dein Werk ist böse, und du kannst nichts thun, auch nichts wollen als was böse ist, du mußt wiedergeboren sein, – du hast lediglich zu glauben an meinen Namen, – Ich bin allein deine Gerechtigkeit, alles Werk überlasse mir. Aus allem deinem Werk kommt doch nur Ehebruch, Dieberei, falsches Zeugniß, Ungehorsam, Abgötterei und lauter sonstige Greuel, – ziehe aber mich an, so wie du bist, und du hast an mir Leben, Werk, Gerechtigkeit, Heiligkeit, an mir das Gesetz in seiner ganzen Erfüllung und ist für dich keine Verdammung, wenn du an mich glaubst. Da lieben nun die Menschen eine Zeit lang ein solches Licht, laufen ihm nach, preisen es hoch bis auf einen gewissen Punkt – oder sie verwerfen es auch auf der Stelle. Die angebetete schöne Tugend soll doch nicht so ganz verworfen werden; nicht so ganz nackt soll der Mensch ausgekleidet sein; nicht soll alles Verdienst und jegliches Werk nichts gelten. Es soll dem Menschen doch etwas Leben in der Hand bleiben – und die armen Menschen, nachdem sie das Licht gesehen, meinen Licht des Lebens in sich selbst zu haben, wollen nicht wissen, daß das Licht für sie da ist, weil sie finster sind, sie meinen es schon lange zu haben. Sie verstehen das nicht, daß das Licht es allein thut, daß es allein der Menschen Leben ist, sie wollen ihre Werke nicht als böse schelten lassen, ihre Werke sollen gerecht sein. Sie wollen das Wort nicht allein gelten lassen, wollen auch was sein neben dem Wort; wollen ihre Hurerei Keuschheit, ihre Dieberei Ehrlichkeit, ihre Gleißnerei Frömmigkeit geheißen haben, ihr Trotzen muß köstlich Ding sein und ihr Frevel wohlgethan heißen, – und da führen sie nun durch ihr Widersprechen selbst das Gericht über sich herbei, daß sie das Licht verwerfen und von sich stoßen und die Finsterniß vorziehen mit aller Macht der Brunst der Hölle, welche die Selbstverführung in das Herz hineingießt. Das ist das Gericht. Da hat doch Gott das Seine gethan, er wird rein bleiben in seinem Richten. Er hat das Licht kommen lassen. Er braucht nicht mehr über die Werke der Menschen einen Richterspruch abzugeben, die Menschen haben in ihrer Liebe zur Finsterniß, die sie dem Lichte vorgezogen, es selbst herausgestellt, daß ihre Werke böse waren. Sollen wir etwas zur Anwendung hinzusetzen? Wo Christus kommt, geht’s scharf her. Vor der Predigt der Gerechtigkeit des Glaubens bleibt nichts stehen. Wozu das? Dazu, auf daß der Mensch selig werde, auf daß er alles Vertrauen auf das „Thue das“ drangebe. Da soll man aber nicht Werk auf Werk setzen, in der Meinung, so wird doch am Ende Christus mich gut heißen müssen. Da soll man sich nicht aufs Ausbessern legen, sondern getrost alle seine Gerechtigkeit und alles „Thue das“ fahren lassen. Denn nur Christus will unsere Seligkeit, wir aber wollen unser Verderben. Deckt Christus Sünden auf, ja stets mehr und mehr Sünden auf, läßt er auch das Beste, das Gute von uns nicht stehen, worauf wir fußten, so sollen wir nicht denken: jetzt ist es mit meiner Seligkeit aus, sollen nicht hoffnungslos werden, vielmehr uns beugen unter seine Bestrafung, auch das schönste Gefäß von unserer Hände Arbeit durch seine Hand ruhig zerbrechen lassen und es also halten: Mein gerechter Prophet Christus schlägt mich auf’s Haupt, das thut er, auf daß ich selig werde in ihm, auf daß ich Gerechtigkeit habe in ihm, auf daß ich aller guten Werke voll sei in ihm, auf daß ich in jeder Hinsicht aus mir selbst ausgegangen und lediglich in ihm erfunden sei vor Gott. Wer es so hält, wird die Finsterniß dem Lichte der Seligkeit nicht vorziehen, wenn er sich auch anzuklagen hat, daß er sie manchmal für eine Zeit dem Lichte vorgezogen und auch annoch manchmal vorzieht. Wo das Bekenntniß ist: Ich habe gesündiget, vernimmt man auch alsbald: Deine Sünden sind dir vergeben. Und wer aus Gott geboren ist, wird allemal der Finsterniß das Licht vorziehen, denn er kann es in der Finsterniß nicht aushalten. Alles was Leben hat, seufzet nach Licht und Luft, und der Geber des Lichts, der auch des Geistes die Fülle hat, wird solches seufzende Leben nicht tödten, noch zulassen, daß es erstickt werde.

III.

Wie ist dagegen aller Unwiedergebornen und Eigengerechten Treiben? Der Herr schildert es in folgenden Worten: „Wer Arges tut, der hasset das Licht – und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden“. – Worauf ist der Unwiedergeborne und Eigengerechte aus? Was betreibt er? Er tut Arges, sagt der Herr. Er ist auf das aus, was nichts nutzt, auf Werke ist er immerdar aus, wovon Gott nichts weiß, welche Gott auch nicht befohlen hat, wovon Gott vielmehr sagt: wer fordert sie von deinen Händen? Er sucht nie etwas Dauerhaftes, nie was in die Ewigkeit mit hinübergeht. Unsteten Herzens, ist er unstet in allem seinem Benehmen, in allen seinen Werken. Wird er bestraft, so hält er sich steif, oder er verurteilt selbst mit seinem Mund, woran er in seinem Herzen den Himmel hängt und was er auch ebenso schnell wieder zusammenrafft, als es ihm aus den Händen geschlagen wurde. Es geht ihm, wie er meint, darum daß er selig werde, es geht ihm aber und ging ihm nie darum, gerecht zu sein vor Gott und gerecht mit seinem Nächsten. Seine Seele dürstet nicht nach dem lebendigen Gott. Er weiß nichts von einem Vorsatz des Herzens, sich selbst für Leib und Seele dem Herrn anzuvertrauen zu seiner Rechtfertigung, Heiligung und vollkommenen Erlösung. Er möchte aber nicht gerne verdammt werden, darum soll Christus auch sein Hoherpriester sein, aber ja nicht sein Prophet und König. Wird ihm das eine Werk aus den Händen genommen, alsbald hat er wieder ein anderes. Aber wirken muß er, er ist auch seiner selbst Herr und kann wirken, was und wann er nur will, wiewohl er auch sagen wird, daß er nichts könne, und behaupten, er stütze sich nicht auf Werke. Er spricht von Seligkeit, von Glauben, von Christo, von der Wiedergeburt, und er will daneben huren, sausen, stehlen, geizen, keinem das Seine geben, Christus und Belial vereinigen. Den einen Augenblick ist er in dem Himmel, den andern Augenblick in der Welt. Der Himmel soll etwas von ihm haben und die Welt auch etwas. Gegen einen jeden streng, ist er gegen sich selbst nachsichtig, und nachgiebig. Um Folgerechtigkeit in seinen Aeußerungen und seinem Benehmen geht es ihm gar nicht. Er borgt von dem Lichte und von der Wahrheit so viel als er zu brauchen meint, um seine verkehrten Geschichten damit zu bedecken. Er weiß nichts davon, sich selbst in allen Stücken zu verdammen, er hat immerdar etwas, um sich zu rechtfertigen, ja er meint die ‚ganze Schrift für sich zu haben, um seine Wege und Werke gut zu heißen. Ein solcher haßt das Licht. Er hat auch ein Licht, was er für das wahrhaftige hält, das liebt er allerdings. Aber das wahrhaftige Licht, welches ihm seine Sünden aufdeckt, haßt er in seinem Herzen, und wenn er anders kann, auch mit der That. So haßte Kam seinen Bruder Abel, der König Ahab den Propheten Micha, Joab den König David. So wurden Luther und Calvin von Päpsten und Mönchen gehaßt, und so wird alles was unwiedergeboren ist, was eigengerecht ist, nicht aufhören zu hassen von Herzen die Lehre Christi, die Lehre von der freien Gnade, von der Rechtfertigung durch Glauben allein. Es will immerdar einen Zusatz von Werken haben, um durch Werke mit Hülfe des Glaubens selig zu werden, darum verachtet es das Licht und setzt sich darüber hinweg. Was also Arges thut, was in Werken steckt, ist der Gnade nicht bedürftig, es wirft Gott seine Güte und Barmherzigkeit in’s Angesicht, geht daran vorbei und kommt nicht zu dem Lichte; es kommt nicht zu Christo, nicht zu der wahrhaftigen Bekehrung, denn es liebt die Sünde, die Welt, den eitlen vergänglichen Genuß des Irdischen, den Bauch, die Ehre bei Menschen, es will auch nicht abstehen von allerlei Leidenschaft, worin es verflochten ist, und will nichts wissen vom Loslassen dessen, was nicht taugt, vom Abhauen der Glieder, die da ärgern. Es will einen Christus für das Fleisch, aber nicht für das Herz, damit das Herz durch ihn gereiniget sei. Kommt einer nun zu dem wahrhaftigen Licht, so wird das alles aufgedeckt, so muß man davon ab; weil man aber nicht davon ab will, will man seine Werke auch nicht strafen lassen; und weil diese würden gestraft werden, wenn man zu dem Lichte käme, so scheut und flieht man das Licht, um ja nicht beunruhigt zu werden, um zu bleiben wer man ist, und thun zu mögen, was man will. Denn man will in der Ungerechtigkeit bleiben, seine Ungerechtigkeit nicht strafen lassen und dennoch gerecht gesprochen sein. Weil aber das Licht predigt: wer den Namen Christum nennt, der habe abgestanden von aller Ungerechtigkeit, so schließt man das Licht vor sich ab und bleibt lieber in der Finsterniß.

Wie aber Adam vor dem Lichte floh, auf daß seine Werke nicht möchten gestraft werden, und wie die Kinder nicht gerne ihren Eltern zu Gesicht kommen, wenn sie ungehorsam gewesen sind, so sieht freilich ein jeder Mensch nicht gerne das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden, und so scheut denn auch der Wiedergeborne selbst manchmal das Licht, denn auch er steht nicht gerne entblößt von allen seinen Werken da, – aber das Licht hassen kann der Wiedergeborne nicht, vielmehr es ist Wahrheit bei ihm in seiner Seele, daß er nach dem Lichte verlangt, daß es alle Finsterniß vertreibe. Er wirft alles dem Herrn zu Füßen und spricht: Prüfe du mich, o Gott, und siehe, wie ich es vor dir meine, mache du mich, wie du willst daß ich sein soll.

IV.

Daß es solchen gelingt, während den Eigengerechten nichts gelingt, bezeugt der Herr indem er spricht: „Wer aber die Wahrheit thut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden, denn sie sind in Gott gethan“. – Es geht Ein Zug durch das Leben aller die selig werden: – sie thun die Wahrheit. Sie fragen sich Wohl hundert Mal, ob auch eine Lüge in ihrer Hand ist, und werden wohl tausend Mal darüber verlegen, daß sie die Wahrheit nicht thun. Sie gehen getreu mit sich selbst um und handeln ohne Falsch. Selbst vor ihrer Bekehrung können sie nicht sündigen wie die, welche nicht selig werden. Sie fühlen Bestrafung und das Herz muß zu Gott hin. Es ist in ihnen ein Seufzen und eine Zerknirschung, ein Heimweh nach der Seligkeit, welches wie auch zurückgedrängt, immerdar wieder aufkommt. Sie schmecken bereits etwas vom Himmel, selbst bevor sie Gott noch kennen. Sie sind eigengerecht und vertiefen sich in allerlei Werk des Fleisches, nicht um sich zu erretten, sondern weil sie meinen Gott darin zu finden. Es geht ihnen um den Herrn und um ihn allein. Haben sie den Herrn gefunden, alsbald ist es ihnen um so bänger zu Muthe, ob ihr Werk auch in Wahrheit ist. Sie lassen sich von der Welt, dem Teufel und ihrem eignen Herzen vielmal in die Enge treiben, darum weil sie Wahrheit wollen. Sie müssen beständig befestiget werden von der Hand ihres Gottes, getröstet, versiegelt von seinem Geiste. Sie verklagen sich stets vor Gott und verdammen sich selbst mit allen ihren Werken, und nur ihr Gott, der Gott aller Seligkeit, soll gerechtfertiget sein. Eins wollen sie: Worte der Seligkeit; Einen suchen sie: Christum den Gekreuzigten; Eine Gerechtigkeit begehren sie: die Gerechtigkeit auf Glauben. Um Heiligkeit geht’s ihnen, und haben sie Jesum gefunden, ihre Heiligkeit, so lassen sie sich wohl tausend Male durch die Hölle jagen, aus Furcht daß sie die wahre Heiligkeit nicht gefunden haben. Gottes erwähltes Geschlecht ist kein lügnerisches Geschlecht; sie kommen an den Tag mit allen ihren Sünden, mit aller ihrer Untreue, sie wollen wohl wissen welche Sünder sie sind, – aber die Gnade, die Barmherzigkeit Gottes müssen sie gefunden haben. Wahrheit muß es alles sein, worauf sie stehen und gehen. Sie müssen gute Werke haben und nicht schlechte Werke. Darum suchen sie Christum, als Hohenpriester – ja, aber er soll sie auch lehren und regieren. Sie suchen und bleiben am suchen, bis sie gefunden haben – nicht ihre Gerechtigkeit, sondern ihn, der sie allein erretten kann. Es ist an ihnen alles verdreht und verkehrt, aber das Herz, aber alle die Wände des Herzens schmachten nach Gott, nach seinem Leben, nach seinem Trost, nach seiner Gerechtigkeit, nach der Hülfe seines Angesichtes, nach seiner Seligkeit. Ihr Weg muß der gebahnte Weg sein, der geradeste Weg zum Herzen Gottes, der Weg in eurem Blute, das sie gerecht macht, das sie reiniget von allen ihren Sünden; jeden anderen Weg hassen sie alsbald, wenn sie auch für eine Weile darauf mitgehen. Manchen vergeblichen Gang machen sie, manchen verkehrten Weg schlagen sie ein, manche saure Arbeit wird von ihnen unternommen, aber es geschieht alles von Herzen, daß nur das Herz erfüllet sei von dem lebendigen Gott, und der Durst gestillt nach seinem Namen. Wo Gott ihnen ihre verkehrten Wege und Sünden aufdeckt, da verdammen sie solche mit wahrhaftigem Herzen. So ist alles bei ihnen Herzenssache, und selbst dieses, daß sie ihr eigen Herz als ein heimtückisches Ding verdammen, ist bei ihnen Herzenssache, und das ist ihre Aufrichtigkeit, daß sie keine Aufrichtigkeit in sich finden können. Um so mehr dürstet es sie nach dem Gott der Wahrheit. So sind sie Menschen nach dem Herzen Gottes selbst da bereits, wo sie vom Evangelio noch nichts Rechtes wissen, den König Israels noch nicht mit ihren Augen gesehen und noch keine rechte Ruhe gefunden haben. Sündigen können sie, wie die Weltkinder es nicht können, aber sie können daran nicht beharren. Wo Leben ist, – man sei gefallen, man muß wieder aufstehen, und es ist alsbald ein Schreien, ein Seufzen aus der Tiefe, aus der Not der Seele, bis der Herr wieder gekommen und gesagt: „Ich bin dein Heil“. All ihr eigengerechtes Werk, wenn sie es auch später verwerfen müssen, kommt bei ihnen aus einem andern Grund als bei den Unwiedergebornen. Was Lüge in der Hand hat, sucht eigne Ehre. Was die Wahrheit tut, sucht nicht sich selbst, sondern Gott, sondern Christum, sondern Gnade und Barmherzigkeit. Und da liege nun das ganze Ding auch anfangs verkehrt, wo es einem um Wahrheit geht, kommt wohl alles zurecht. Da geht es, wie es dem Hauptmann Cornelio nach Apostelgeschichte Capitel 18. erging. Er war gottselig und gottesfürchtig samt seinem ganzen Hause. Er gab dem Volke viele Almosen und betete immer zu Gott. Und ob er viel Almosen gab und viel betete zu Gott, so wußte er doch nicht, was er tun sollte. Er tat aber die Wahrheit. Es ging ihm um den Willen Gottes, um Erlösung von seinen Sünden, um Ruhe der Seele, um Frieden mit Gott. Kann er nicht zu dem Lichte? Sind seine Werke nicht offenbar geworden, daß sie in Gott getan waren? Warum war er gottselig und gottesfürchtig? Warum gab er dem Volke Almosen, warum betete er immer? Hätte er Werk gesucht, eigne Gerechtigkeit, er hätte gesagt: „ich tue, was ich tun muß, was will Gott mehr; ich bin gottselig und gottesfürchtig, wer wird mir die Seligkeit absprechen?“ Nein, er suchte nicht Werk, er suchte die Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt, er war mit dem Gesetz nicht auf dem Reinen, seine Sünden waren ihm im Wege. Er suchte einen Bürgen für seine Seele. Er suchte den Mann, dem er sich zu seiner Rechtfertigung und Erlösung anvertrauen möchte, und so kam er zu dem Lichte. Und seine Werke wurden offenbar, daß sie in Gott getan waren. Denn ein Engel Gottes ging zu ihm hinein um die neunte Stunde und sprach zu ihm: „Dein Gebet und deine Almosen sind hinaufgekommen in das Gedächtnis vor Gott; und nun sende Männer gen Joppe, und laß fordern Simon mit dem Zunamen Petrus, der wird dir sagen was du tun sollst“. Und was vernahm dieser Cornelius nun von dem Manne Petrus? Was sollte er tun? – Von diesem Jesu, sprach der Apostel, zeugen alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

Meine Geliebten! Meine Predigten über den Nicodemus sind beendigt. Der Herr, der solche hehre Worte zu Nicodemo geredet, lebt annoch zur Rechten des Vaters. Seine Worte sind geblieben, haben gewirkt und werden wirken, so lange noch eine Seele entweder getröstet oder versiegelt oder zurecht gebracht werden soll. Geht es einem um Wahrheit, so werfe er getrost all das Seine weg und sich selbst weg und seinen eignen Namen, und er frage darnach nicht, ob er gesündiget oder wohlgetan habe mit allem vorigen Werk, sondern er glaube lediglich. Da wird ihn die Wahrheit frei gemacht haben, und es wird wohl offenbar werden, daß sein Tun und Weg, wie auch bestritten von allen Mächten der Hölle, in Gott gelegt und in Gott getan ist. Gott wird ihm die heimliche Weisheit bekannt machen, und diese Weisheit ist Christus und die Entsündigung in seinem Blute. Darin wird man allein schneeweiß und heilig um und um, und es wird der wohl der Wiedergeburt teilhaftig sein, der von Herzen spricht: „Er soll wachsen und ich minder werden“; Er ist mein Gott und mein Alles; – nichts für mich, alles für ihn, daß nur sein Name gelobt sei! Amen. 

Quelle: Glaubensstimme – Predigten von Hermann Friedrich Kohlbrügge