Römer 13, 12

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen: so lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes.

Was der Apostel mit „den Werken der Finsternis“ meint, sehen wir aus dem folgenden Vers, in welchem er etliche derselben herzählt, wie z. B. Fressen, Saufen, Unzucht, Hader usw. Und daß er solche Sünden „Werke der Finsternis“ nennt, bedeutet nicht nur, daß man bei ihrer Ausübung das natürliche Licht scheut, sondern es bedeutet eigentlich, daß solche Werke der geistlichen Finsternis und der Gottlosigkeit angehören, unter welchen man frei in allen Sünden und Lastern lebt.

Was wir aber besonders beachten müssen, ist, daß der Apostel solches den Gläubigen sagt. Wir lernen daraus, daß diese von Sünden nicht ganz frei sind; wenn sie auch nicht wie die Welt mutwillig und ohne Buße über die Sünde in derselben leben können, so können sie doch angesteckt und in den Zeiten der Schläfrigkeit und der schweren Versuchungen mehr oder weniger von den Lüsten gefangen werden, wie es die Geschichte vieler Heiliger beweist. Daraus lernen wir erstens, nicht sogleich zu verzweifeln, noch uns selbst oder andere Christen zu verdammen, wenn etwas Derartiges geschieht. Wenn wir uns noch in der Buße und im Glauben an unseren Heiland halten und Seine Gnade sowohl zur Vergebung als auch zur Erlösung suchen, dann waltet die Gnade doch noch über uns. Das haben wir unserem Herrn Christus zu verdanken, der uns eine vollkommene Gnade für wirkliche Sünden erwarb.

Zweitens müssen wir aber auch die eigentliche Ermahnung des Apostels hier beachten, daß wir nämlich die Werke der Finsternis ablegen sollen. Wir müssen danach trachten, sie um dieser Gnade willen gänzlich „abzulegen“. Der Apostel sagt nicht: „Laßt uns sie nur fühlen und erkennen“, sondern er sagt: „Laßt uns sie ablegen.“ Denn das ist der rechte Prüfstein, der einen wahren Christen von einem falschen unterscheidet. Während der erste über seine Sünde herzlich erschrickt und, um sie loszuwerden, die ganze Gnade Gottes und alle Gnadenmittel sucht, schließt der letztere einen geheimen Bund mit ihr und gedenkt sie zu behalten. Er entschuldigt sie in seinem Herzen, wenn er sie zuweilen auch mit dem Mund bekennt. Zwar kann auch der Gläubige in den Zeiten der Sichtung Gott vergessen und gleichsam gänzlich vom Geist verlassen sein, was wir bei Petrus finden, als er seinen Herrn dreimal verleugnete. Aber ebenso wie Petrus gleich darauf „hinausging und bitterlich weinte“, so ist auch jeder wahre Christ seinem Geist nach der eigenen Sünde aufs tiefste gram.

Wie aber geht es nun eigentlich zu, die Werke der Finsternis abzulegen? Einige können wir sofort ablegen. Dann müssen wir uns freuen und nicht von Schwachheit reden, sondern die Gnade Gottes preisen. Andere Sünden bleiben dagegen unsere Zuchtruten für lange Zeiten, vielleicht für das ganze Leben, sonst würden wir wirklich sündenfrei; denn nichts Geringeres suchen wir dem Geist nach, der keine einzige Sünde zuläßt. Und wenn wir die uns anklebenden Sünden bekämpfen, so daß sie nicht – wie bei der Welt – die Herrschaft gewinnen, dann geschieht das nicht mit unserer eigenen Kraft, sondern nur durch die Zuflucht zur „Macht der Stärke Gottes“, die allemal für uns bereit ist!

… und anlegen die Waffen des Lichts. „Die Waffen des Lichts“ sind das „den Werken der Finsternis“ Entgegengesetzte. Diese bestanden in Sünden und Lastern, die Waffen des Lichts dagegen bestehen in der Reinheit, Nüchternheit und Wachsamkeit des Sinnes und des Lebenswandels sowie vor allem im Glauben, in der Liebe und der Hoffnung, womit wir gegen die Versuchungen des Fleisches, gegen die Verführungen der Welt und des Teufels kämpfen. Während der Apostel vorher von den „Werken der Finsternis“ geredet hat, spricht er jetzt nicht von den „Werken des Lichts“, sondern nennt sie „Waffen des Lichts“. Damit hat er gezeigt, dass hier Streit und Kampf entstehen werden. Hier bedürfen wir der Waffen, um jederzeit im Glauben, in der Gottesfurcht und in der Gottseligkeit verbleiben zu können. Das Leben der Christen wird nicht ein leichtes, ruhiges Leben wie das derjenigen sein, „die des Nachts schlafen“, sondern es wird oft ein harter, langer, gefährlicher Streit sein, wenn es um das eigentliche Leben zu kämpfen oder aber zu sterben und alles zu verlieren gilt. – In einem Krieg ist weder Ruhe noch Sicherheit, sondern beständige Unruhe, Lebensgefahr und Furcht. Da muss man beständig wachen und zu neuen Kämpfen gerüstet sein. Bald werden der Glaube und das Gewissen angefallen, so daß wir in Gefahr sind, „uns wiederum in das knechtische Joch fangen zu lassen“, bald wird der äußere Lebenswandel angefallen, wenn der Teufel uns in Sünde und Schande stürzen will, bald wiederum die Liebe, wenn wir nahe daran sind, im Haß und in der Feindschaft zu verbleiben usw.

Gegen alle solche Anfälle müssen wir mit den Waffen des Lichts ausgerüstet sein. Hier kann der Kampf oft so hart und so gefährlich werden, daß wir nahe am Verzweifeln sind, so daß wir nur durch „große Wunder“ des allmächtigen, getreuen Herrn errettet werden. Darum sagt auch der Apostel Petrus, daß „der Gerechte kaum erhalten wird“. Das Wort und die Erfahrung bezeugen, daß kein Christ ohne Furcht und Kampf glücklich durch dieses Feindesland gekommen ist. – Bin ich ohne Furcht, dann bin ich in Gefahr. Sich inmitten der beständig andrängenden Feinde ohne Gefahr zu sehen, das ist Betrug. Entweder werde ich in der Furcht und im Kampfe sein und dann durch die Allmacht Gottes errettet werden, oder ich werde sicher und sorglos sein und dann verlorengehen. Darum hat Jesus auch so treu ermahnt: „Wachet und betet!“ – „Was Ich aber euch sage, das sage Ich allen: Wachet!

Carl Olof Rosenius (1816-1868)