Ökumene: Unitatis redintegratio

Dekret über den Ökumenismus, Punkt 11

Unitatis redintegratio (UR) heißt, nach seinem Incipit*, das Dekret über den Ökumenismus [1], welches vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert, mit 2.137 zu 11 Stimmen beschlossen und am 21. November 1964 von Papst Paul VI. promulgiert** wurde.

*  Incipit: die ersten Worte eines Dokuments
** promulgiert: durch Veröffentlichung in Kraft gesetzt

Im  2. Kapitel, das den Titel „Die praktische Verwirklichung des Ökumenismus“ trägt, heißt es unter Punkt 11:

„Die Art und Weise der Formulierung des katholischen Glaubens darf keinerlei Hindernis bilden für den Dialog mit den Brüdern. Die gesamte Lehre muß klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.

Zugleich muß aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann. Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen. Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, daß es eine Rangordnung oder „Hierarchie“ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens. So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“

[Hervorhebungen vom webmaster]

Hiermit ist vom Konzil festgelegt: Die „Reinheit der katholischen Lehre“ darf im ökumenischen Dialog keinen Schaden leiden! Das Gespräch muß also geführt werden „in Treue zur Lehre der Kirche“ und „mit Wahrheitsliebe“. Erleichtert soll es werden, und zwar durch verfeinerte Formulierungen, nämlich eine „tiefere und richtigere Ausdrucksweise“ – also unter Beibehaltung ihres ursprünglichen Sinnes!

Nach dem Selbstverständnis der katholischen Kirche besitzt sie allein „die Fülle der Offenbarung“ (nach Papst Paul VI.); somit kann die erklärte Absicht der katholischen Kirche im ökumenischen Dialog nur sein, die „getrennten Brüder“ zur „Reinheit der katholischen Lehre“ zurückzuführen. Unter dem Bischof von Rom soll einst die Einheit wiederhergestellt werden, festgelegt ebenfalls vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium über die Kirche [2]:

Der Papst, der Bischof von Rom und Nachfolger des hl. Petrus, ist „das immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit sowohl von Bischöfen als auch von Gläubigen“
LUMEN GENTIUM, 23

Daß die evangelische Seite diese deutliche Sprache Roms nicht verstehen will (oder nicht mehr kann), zeigt der folgende Auszug aus der bereits 1973 veröffentlichten, Schrift „Wege der Kirchen zueinander“, für deren Inhalt der damalige Präses der westfälischen Kirche, Dr. h.c. Hans Thimme (1909-2006) und der mit der Schönstatt-Bewegung verbundene, damalige katholische Bischof von Münster und Konzilsvater Heinrich Tenhumberg (1915-1979) verantwortlich zeichneten. In dieser Veröffentlichung heißt es unter anderem:

„In all diesen [gemeint sind die ökumenischen] Vorgängen glauben wir in Dankbarkeit und Ehrfurcht den Willen des Geistes Gottes unter uns erkennen zu dürfen, dem wir Raum zu geben haben. An uns ist es, dem Geist Gottes nicht entgegenzuwirken, sondern unser Verhalten seinem Walten unterzuordnen.“ [3]

Die Rechtfertigung durch Gnade allein (Sola gratia) und durch den Glauben allein (Sola fide) waren die großen Prinzipien Martin Luthers. Von Seiten der Evangelischen wurde mit Entschiedenheit auf die große Kluft zwischen der apostolischen Urkirche und der Papalkirche hingewiesen, wohingegen die Katholiken die Identität beider behaupteten. Später freilich gaben andere römische Gelehrte (denen die Unhaltbarkeit dieser Theologie einleuchtete) zu, daß der Katholizismus in der apostolischen Kirche „nur dem Keime nach“ vorhanden gewesen sei, und sich erst im Laufe der Zeiten daraus entwickelt habe. Aber auch mit dieser Theorie ließen sich tausend Irrtümer und Mißbräuche in die Kirche einschmuggeln [6]. Eine Pflanze keimt aus ihrem Samen empor und trägt die entsprechenden Früchte (Matth. 7, 16).

Jene evangelisch-reformatorischen Prinzipien gab der Lutherische Weltbund im Jahre 1999 auf der Basis eines „ökumenischen Dialogs“ mit der katholischen Kirche auf [5]. Würden die protestantischen Kirchen unverbrüchlich an der Lehre der Bibel und den reformatorischen Bekenntnissen festhalten, so wären solche Entwicklungen, die inzwischen weit fortgeschritten sind und selbst weite Kreise der Evangelikalen erreicht haben, nicht möglich sein. Leider sind auch viele von ihnen inwischen vom „ökumenischen Geist“ umnebelt [7, 8, 9, 10].

Doch durch Gottes Gnade finden auch heute noch viele Menschen, ja sogar katholische Priester, aus dieser Umgarnung der katholischen Kirche heraus zur evangelischen Freiheit [4, 5, 13].

Seiner Zeit voraus und fast schon prophetisch erkannte Philip Mauro (1859-1952) die Rolle Roms im Hinblick auf den endzeitlichen Heilsuniversalismus:

„Rom allein besitzt die weltumpannende Organisation, die für die Rolle, welche die letzte Religion auf dem ‚Höhepunkt der Kultur‘ zu spielen hat, erforderlich ist. Nichts in der Welt kann und könnte je mit dieser Organisation verglichen werden; und es braucht kaum gesagt zu werden, daß, selbst wenn Raum in der Welt vorhanden wäre für ein rivalisierendes, die geistige Beherrschung der Welt erstrebendes System, Hunderte von Jahren nötig wären für seine völlige Erreichung des von ihm ins Auge gefaßten Zieles. Aber Rom, das als einziges allein religiöses System der Welt die Herrschaft über die Gewissen der Menschen auszuüben sucht, und das dieses als ein von Gott verliehenes Recht beansprucht, hat keinen Nebenbuhler und wird niemals einen solchen haben.

Daher werden wir kaum fehlgehen in der Annahme, daß die Römische Kirche mit ihrem unverrückbaren Ziele, ihrer unentwegten Geltendmachung einer göttlichen Beglaubigung und ihrer großartigen Organisation den End-Universalismus verkörpern wird und, durch die Anmaßung einer geistigen Oberaufsicht (die für kurze Zeit geduldet werden wird), den kommenden Völkerbund beherrschen wird“ (Philip Mauro, [11], zit. in [12])

Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! (1. Joh. 4, 1)

Was Menschenkraft und -witz anfäh’t,
soll uns billig nicht schrecken;
er sitzet an der höchsten Stätt‘,
der wird ihr’n Rat aufdecken.
Wenn sie’s auf Klügste greifen an,
so geht doch Gott ein and’re Bahn;
es steht in seinen Händen.

(Justus Jonas)

Quellen und Literaturhinweise

[1] DEKRET UNITATIS REDINTEGRATIO ÜBER DEN ÖKUMENISMUS (Deutsche Fassung, html, externer Link zu vatican.va)

[2] DOGMATISCHE KONSTITUTION LUMEN GENTIUM ÜBER DIE KIRCHE (Deutsche Fassung, html, externer Link zu vatican.va)

[3] Bauer, Helmut: Liebe, Einheit, Frieden – um jeden Preis? Verlag und Schriftenmission der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, Wuppertal 1980 (ISBN 3-87857-166-6)

[4] Bennett, Richard/ Buckingham, Martin (Hrsg.): Von Rom zu Christus – Katholische Priester finden die Wahrheit. Zeugnisse zum Download / Ex-Priester-Blog (CLKV)

[5] Bennett, Richard (ehem. katholischer Priester): Die Anstrengungen Roms, die Reformation zunichte zu machen (Artikel bei apologia.info). Originaltitel: Catholic Eneavors To Overturn The Reformation (englischsprachig, Vortrag vom 14.09.2018)

[6] Geschichte der Reformation in England, von J. H. Merle d’Aubigné. Zweite Auflage, S. 504. Elberfeld, Verlag von R. L. Friderichs, 1863. [Digitalisat]

[7] Ryle, J. C.: Fünf Märtyrer – Treu bis in den Tod. CLV – Christliche Literaturverbreitung, 1. Auflage 1995 (ISBN 3-89397-352-4). Download als pdf

Ende des vorletzten Jahrhunderts hat der englische Bischof J.C. Ryle dieses Buch über das Leben und Sterben der fünf bekannten Reformatoren John Hooper, Rowland Taylor, Hugh Latimer, John Bradford und Nicholas Ridley geschrieben, die unter der »Blutigen Maria« (Bloody Mary) um ihres Glaubens willen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Tausende waren Augenzeugen, wie diese Männer für ihre Mörder beteten und mit einem Gebet auf den Lippen verbrannten. In unserer Zeit, wo die Evangelikalen vom Geist der Ökumene benebelt auf dem Weg zurück nach Rom sind, ist es wichtig, an diese Männer zu erinnern, deren Treue und Standfestigkeit unsere geistliche Armut und Harmlosigkeit bloßstellen.

[8] Gassmann, Lothar: Führende Evangelikale auf dem Weg nach Rom
Die erschütternde Offenheit führender Evangelikaler für die Ökumene.

Führende Evangelikale auf dem Weg nach Rom

[9] Gassmann, Lothar: Die Rolle des Katholizismus in der Endzeit. Download als pdf (externer Link zu sermon-online.de)

[10] Hunt, Dave: Die Frau und das Tier – Geschichte, Gegenwart und Zukunft
der römischen Kirche. CLV – Christliche Literaturverbreitung, 3. Auflage 2010 (ISBN 978-3-89397-244-9). Download als pdf

In diesem Buch porträtiert Dave Hunt die Frau auf dem Tier, ihren Einfluss auf weltweite Ereignisse und ihren Anteil beim Entstehen der zukünftigen Weltökumene und des antichristlichen Reiches.

[11] Mauro, Philip: Des Menschen Zahl. 1918.

[12] Schäble, Walter: Die glaubende Gemeinde in der Endzeit – Schlüsselfragen biblischer Prophetie. 277 S. Im Kommissionsverlag: Brunnen-Verlag GmbH, Gießen 1963 [Eintrag DNB Katalog]

[13] Peters, Benedikt: Das Evangelium des Römerbriefes oder der Römischen Kirche?

Siehe auch:

Literaturhinweise zur Ökumenischen Bewegung

Bibelverse zum Thema Verführung

Eingestellt am 15. November 2021 – Letzte Änderung am 16. Mai 2022