Philipp Nicolai (1556-1608)

Philipp Nicolai wurde am 10. August 1556 zu Mengeringhausen im Fürstentum Waldeck geboren. Sein Vater, Dieterich Nicolai, war ein vortrefflicher Prediger und Seelsorger. Er erzog seine Kinder, zu denen auch Jeremias Nicolai, der später in sein Predigtamt eintrat, gehörte, mit christlicher Sorgfalt; dabei hielt er streng auf wissenschaftliche Ausbildung. Philipp zeigte schon früh ausgezeichnete Anlagen des Geistes und Herzens. Nach dem Besuch verschiedener Schulen und der Universitäten Erfurt und Wittenberg kehrte er im 20. Jahr in seine Vaterstadt zurück und unterstützte seinen Vater eine Zeit lang im Predigtamt. Sodann lebte er einige Jahre mit seinem Bruder Jeremias in dem Kloster Volkhardinghausen tiefen Studien hingegeben, als deren Frucht seine commentariorum de rebus antiquis germanicarum gentium libri sex anzusehen sind. 1583 erhielt er einen Ruf zum Pfarrer im Kloster Herdeck, von wo er aber schon nach drei Jahren wegen seiner entschiedenen Bezeugung der evangelischen Lehre von den Papisten vertrieben ward. Hierauf wurde er nach Köln und schon im folgenden Jahre (1587) zum Pastor nach Nieder-Wildungen, 1588 aber zum Hofprediger nach Alt-Wildungen berufen. 1590 reiste er nach Marburg, um den theologischen Doctorgrad zu erwerben. Als aber Landgraf Wilhelm den Theologen verbot, mit der Promotion vorzugehen, bis Nicolai sein Buch „fundamenta fidei calvinianae“ widerrufen haben würde, reiste er ohne Promotion von Marburg ab und erhielt den Doctorgrad erst 1594 in Wittenberg durch Hunnius, der inzwischen von Marburg dahin versetzt war.

1596 wurde er Pfarrer zu Unna. Er übernahm das Amt trotz der Ueberzeugung, dass er den zahlreichen Calvinisten, mit denen die lutherische Bevölkerung vermischt war, so willkommen sein würde, „wie eine Sau im Judenhaus“. Da er von der Ansicht ausging, dass der Calvinismus einen unbarmherzigen, blutdürstigen Moloch verehre, Gott zum Urheber der Sünde mache und in seinem absoluten Determinismus, sowie in seiner Leugnung der communicatio idiomatum einen versteckten Muhamedanismus lehre, so glaubte er, nicht eifrig und heftig genug ihn bekämpfen zu müssen. In der 1597 erschienenen Schrift „Kurzer Bericht von der Calvinisten Gott und ihrer Religion“ erklärt Nicolai unumwunden, „dass die Calvinisten anstatt des lebendigen wahrhaftigen Gottes den Teufel ehren und anrufen“. In einer 1599 über die Ubiquität Christi herausgegebenen Schrift erläutert er im Gegensatz zu der calvinischen Behauptung, „dass das göttliche Wesen keiner Creatur mitgetheilt werden könne“, die Verbindung der göttlichen Natur Christi mit der menschlichen durch die Analogie der geistlichen Vereinigung mit Gott und folgert, dass, so gewiss den Gläubigen göttliche Werke zugeschrieben werden (Joh. 14, 12), auch die menschliche Natur Christi der göttlichen Wirksamkeit fähig gedacht werden müsse. Zugleich stritt er, besonders in seiner Historia des Reiches Christi (1598), gegen die römische Kirche, deren Oberhaupt er als den Antichristen brandmarkte.

Zwischen diese heißen Kampfesarbeiten tritt eine stille Tat der Andacht. Es war im Jahre 1597, als eine furchtbare Pest den Streitern in Unna einen Waffenstillstand gebot. Alle ernsten Gemüter wandten sich von den Hadersachen zum Gebet. In solchen Zeiten pflegt selbst die Seele des Scholastikers in das Eine fliehend, was Not ist, ihre Theologumena unbeachtet zu lassen. Damals schrieb Nicolai seinen „Freudenspiegel des ewigen Lebens“. „In solchem Jammer und Elend“ – so erzählt er selbst – „als es hie zu Unna in allen Gassen rumorte, und oftmals etliche Tage nach einander bis in die dreissig Todte nicht weit von meiner Wohnung auf dem Kirchhofe unter die Erde verscharrt worden, habe ich mit Todesgedanken mich immer schlagen müssen, und war mir nicht ein Mal zu Muthe wie dem Könige Hiskia, da er sprach: Nun muss ich nicht mehr sehen den Herrn, ja den Herrn im Lande der Lebendigen. Meine Zeit ist dahin und von mir aufgeräumt wie eines Hirten Hütte, und reisse mein Leben ab wie ein Weber (Jesaia 38). Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüthen die Stadt wie ein unvorhergesehener Platzregen und Ungewitter, liess kein Haus unbeschädigt, brach endlich auch zu meiner Wohnung herein, und gingen die Leute meistentheils mit verzagtem Gemüth und erschrockenem Herzen wie erstarret und halb todt daher, dass einer hätte mögen hierherziehen, was Moses schreibt mit nachfolgenden Worten: Der Herr wird dir ein bebend Herz geben und verschmachtete Augen und eine verdorrete Seele, dass dein Leben wird vor dir schweben. Nacht und Tag wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. Des Morgens wirst du sagen: Ach, dass ich den Abend erleben möchte! Des Abends wirst du sagen: Ach, dass ich den Morgen erleben möchte! vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird und vor Dem, was du mit deinen Augen sehen wirst. Zu Lübeck, Hamburg, Lüneburg, Hildesheim, Göttingen, desgleichen in Niederhessen und in der Grafschaft Waldeck, meinem lieben Vaterlande, zu Corbach, Wildungen und Mengeringshausen fehlte es auch nicht. Und was Einer an solchen Orten hin und wieder an bekannten Freunden hatte, davon hörte er fast Nichts, denn von ihren Krankheiten und tödtlichem Abschiede von diesem Leben, inmaassen denn auch mir eitel traurige Zeitung zu Ohren kam von etlichen meiner Schwestern, Blutsfreunden und Schwägern, die durch die Pest erwürget und hingerissen wurden, welches mir mein Bekümmerniss vermehrt und so viel weitläuftigen Anlass gab, all‘ mein Datum, Herz und Gedanken von der Welt abzuwenden. Da war mir nichts Süsseres, nichts Lieberes und nichts Angenehmeres, als die Betrachtung des hohen, edeln Artikels vom ewigen Leben durch Christi Blut erworben. Ich liess denselben Tags und Nachts in meinem Herzen walten und erforschte die Schrift, was sie hiervon zeugte, las auch des alten Lehrers St. Augustini liebliche Tractätlein, darin er dies hohe Geheimniss als ein Nüsslein aufbricht und den wundersüssen Kern herauslanget, brachte darauf meine Meditationes von Tage zu Tage in die Feder, befand mich, Gottlob, dabei sehr wohl, von Herzen getrost, fröhlich im Geist und wohl zu frieden, gab meinem Scripto den Namen Freudenspiegel und nahm für, denselben verfassten Freudenspiegel, da mich Gott von dieser Welt entfernen würde, als ein Zeugniss meines friedlichen, fröhlichen und christseligen Abschieds zu hinterlassen, oder aber, da er mich gesund sparte, an den notleidenden Christen, welchen er die Pest auch zu Hause senden würde, aus christlicher, schuldiger Liebe damit zu dienen und gleich als mit gegenwärtigem Trost beizuwohnen. Nun hat mich der gnädige, fromme Gott mitten unter den Sterbenden vor der grausamen Pest allergnädigst bewahrt und mein Leben über alle meine Gedanken und Hoffnung wunderbar gefristet, dass ich mit dem Propheten David zu ihm sagen kann: „Wie gross ist deine Güte, die du verborgen hast Denen, die dich fürchten!“ (Vorrede zum Freudenspiegel.)

Der Ruf Nicolai’s drang vorzüglich durch seine Schriften immer weiter, in’s Besondere auch nach Hamburg. Die Geschworenen der St. Katharinenkirche daselbst sandten in der Zeit einer Pfarrvakanz Deputierte nach Unna, die ihn predigen hörten, und wählten ihn auf deren Bericht am 14. April 1601 einstimmig zum Pastor. Auch in Hamburg setzte Nicolai seine Polemik gegen die Reformierten und Papisten energisch fort. Gegen jene schrieb er u. A. die „grundfeste und richtige Erklärung des streitigen Artikels von der Gegenwart unseres Seligmachers Jesu Christi nach beiden Naturen im Himmel und auf Erden (Hamburg 1604. 8.)“, worin er die Lehre von der Person Christi und seiner Ubiquität auf Grund und nach der Analogie des Verhältnisses Gottes zum Menschen entwickelt. Gottes Wesen – so lehrt Nicolai – ist die Liebe. „Auch die Eigenschaften Gottes sind Nichts als Formen seiner Liebe; selbst der Zorn Gottes ist Manifestation dieser Liebe, freilich nicht der geehrten, der geküssten, sondern der beleidigten Liebe, der erzürnten, verlassenen Liebe“. Aus Liebe hat Gott den Menschen nach dem Bilde seiner Liebe geschaffen. Indem dadurch der Mensch mit Gegenliebe ausgerüstet ist, wird er der wesentlichen Einwohnung Gottes teilhaftig; „denn wo solche gegenseitige Liebe Statt findet, da wohnt Gott mit seiner Liebe als in einem Tempel im Menschen und lässt dem Menschen hinwiederum in ihm seine Wohnung haben“. „Christi geistliche Wohnung in uns besteht darin, dass er seine Christen in dieser Welt, wenn sie ihn mit dem Glauben im Wort und heiligen Sakramenten ergriffen haben, kräftiglich besitzt und als wahrer Gott und wahrer Mensch in ihnen mit dem Vater und heiligen Geist wohnet, und sie dermassen regiert und beweget, dass sie mit Leib und Seele sein eigen sein und mit seiner Gerechtigkeit durch den Glauben geschmücket, wie auch mit dem Geist der himmlischen Kindschaft begabt, desgleichen ihrem himmlischen Bräutigam Jesu Christo ähnlich, verknüpft und verbunden, und nunmehr von ihm bewohnet, besessen, und mit einem neuen Leben angezündet, dem Teufel, der Welt, dem Fleisch und Blut absterben, tödten den alten Adam, streiten wider die Sünde, stellen und zeigen sich als Tempel Gottes, grünen, blühen und schlagen aus zu guten Werken, wandeln im neuen Gehorsam, nehmen ihr Kreuz geduldig auf sich, folgen Christo nach und stellen sich also, dass ihr Licht leuchte für den Menschen, zu Gottes Ehr‘ und Preis und zur Bekehrung vieler irrenden Seelen“. Wie die Gottlosen schon hier die Hölle in sich haben, so ist auch der Himmel schon hier inwendig in den Gläubigen. Der Uebergang aus diesem in jenes Leben ist für die Christenseele „nicht ein räumliches Aus- und Eingehen, sondern nur ein wunderliebliches, inwendiges Aufwachen der Seelen in Gott, der in ihr wohnt (auch die Welt nicht äusserlich, sondern in sich hat), ein Aufgehen der Gottesherrlichkeit, die sie verborgen in sich trägt“, während sie für die Gottlosen „das Aufschlagen der Höllenflammen ist, die allbereits in ihm brennen“. „Hast du Christum durch den Glauben, so hast du die Gegenwart des Reiches Gottes und des ewigen Lebens in dir, so besitzest du Denjenigen, der alle Creaturen in ihm selbsten gegenwärtig hat und die ganze Welt, sammt Allem, was darinnen ist; ja du kannst in Gott geistlich auch Dasjenige gegenwärtig haben, was räumlicher und leiblicher Weise von dir fern abgelegen ist“. Aus der Einwohnung Gottes im Menschen ergibt sich schon die Nichtigkeit der reformierten Lehre, dass das Endliche das Unendliche nicht fassen könne. Zugleich erläutert sich von daher die Allgegenwart Christi; denn „kann ein christlicher Mensch aus Grund, Effect und Wirkung seiner geistlichen Vereinigung mit Gott das Reich Gottes in sich haben, im Himmelreich durch den Glauben wandeln und das edle Reich in Gott, seinem allerhöchsten Schatz und allerwertesten Einwohner, besitzen, welches viel hundert tausend Mal mächtiger, prächtiger, reicher, schöner und herrlicher ist, denn irgend ein Königreich auf Erden und die ganze Welt sein kann; vermag Solches unio pneumatica, und schaffet Solches unsere christliche Verknüpfung mit dem Allmächtigen, da wir mit ihm Ein Geist sind: sollte es denn nicht viel tausend Mal leichter sein unserm Heiland Jesu Christo, dass er aus persönlicher Vereinigung beider Naturen (welche unermesslich höher ist, als die geistliche) nach dem Fleisch, in der Fülle Gottes und in dem Licht solcher Fülle Himmels und der Erden, Alles, was darin begriffen ist, übernatürlicher Weise gegenwärtig haben könnte? Können wir aus geistlicher Vereinigung unsern Wandel im Himmel haben, da wir noch räumlich und leiblich auf Erden pilgrimieren, sollte sein Fleisch denn nicht aus persönlicher Vereinigung viel leichter (ob es wohl leiblich und sichtbar nirgend als im Himmel ist), dennoch auch in dem unendlichen Licht, Thron und Stuhl der göttlichen Majestät und Herrlichkeit, auf dieser Welt unräumlicher und unbegreiflicher Weise allenthalben gegenwärtig und zugegen sein können?“ „Ja, es rühmen sich die Calvinisten selbst ihres geistlichen Wandels im Himmel, wenn sie das heilige Abendmahl halten und hienieden auf Erden leiblich zu Tische sitzen? Wirkt und bringt nun Dies zuwege unsere geistliche Vereinigung mit Gott, dass sie können zugleich auf eine Zeit leiblich in der Welt und geistlich daroben im Himmel sein, was fechten sie dann die streitige Ubiquität viel an und wollen nicht gestehen, dass Christus nach seiner Menschheit aus persönlicher Vereinigung beider Naturen unräumlicher weise bei uns auf Erden gegenwärtig sei und sichtbar und leiblich sein möge, und gleichwohl auch im Himmel sichtbar und leiblich bis hin zum jüngsten Tage bleibe? Hier frage ich abermal wie droben: Ist denn unio spiritualis mit ihrer Kraft und Wirkung mehr als unio personalis in Christo Jesu?“

Gegen die Papisten verfasste er sein unvollendet gebliebenes Werk De antichristo romano, worin er die Identität des Papstes und Antichrists auf Grund von siebenzehn Merkmalen nachzuweisen sucht. Erfreulicher und erbaulicher wirkte Nicolai durch seine Predigten. Besonders berühmt wurden diejenigen, welche er über die Briefe an die Römer und Thessalonicher, so wie über die Offenbarung Johannis hielt. Während der Erklärung der letztern nahmen seine Kräfte merklich ab. Er musste oft auf der Kanzel lange inne halten, verweigerte jedoch die ihm von seinem Amtsbruder angebotene Vertretung, bis ein hitziges Fieber ihn nötigte, das Lager zu suchen. Auf diesem erbauete er noch seine Kollegen und Freunde durch Geduld und wiederholtes Bekenntnis, bis er am 26. Oktober 1608 im Herrn entschlief.

Quelle: Die bedeutendsten Kanzelredner der lutherschen Kirche des Reformationszeitalters, in Biographien und einer Auswahl ihrer Predigten dargestellt von Wilhelm Beste, Pastor an der Hauptkirche zu Wolfenbüttel und ordentlichem Mitgliede der historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig
Leipzig, Verlag von Gustav Mayer, 1856

Entnommen aus:

Zeugen des lebendigen Gottes: Philipp Nicolai. In: zeugen-christi.de

Verweise:

Wikipedia (DE): Philipp Nicolai

Heidenreich, Ulrich: Wie schön leuchtet der Morgenstern. Philipp Nicolai und seine Lieder. Agentur des Rauhen Hauses, Hamburg 2006

Lieder:

Wake, awake, for Night is Flying

Wie schön leuchtet der Morgenstern