Die Offenbarung Jesu Christi (Richard Schmitz)

Fingerzeige zum Verständnis des letzten Buches der Bibel von Richard Schmitz, Essen.

1. Bedeutung des Buches

Das Buch der Offenbarung ist von Gottes Kindern sehr vernachlässigt und als ein „versiegeltes Buch“ scheu beiseite gesetzt worden. Gedankenlos nannte man es so. Wo steht denn geschrieben, dass es ein „versiegeltes“ Buch sei? Bevor Johannes seine Feder niederlegte, musste er auf Befehl des Engels, durch dessen Geschäfte ihm die Gesichte vermittelt wurden (Kap. 1, 1 und 22, 8 ff.), schreiben: „ Versiegele nicht die Worte der Weissagung dieses Buches.“ Und wir wagen es, dieses heilige Buch ein versiegeltes Buch zu nennen? Ein für alle Mal sollten wir aufhören, dieses heiliges Buch, das gleich an der Spitze „die Offenbarung Jesu Christi“ genannt wird, so gedankenlos zu bezeichnen! Es ist nicht versiegelt, sondern enthüllt; die Decken sind von ihm weggenommen. Wir schauen offen und frei in ewige Ratschlüsse unseres Gottes, die sich in wunderbarer Klarheit und Majestät unserem erstaunten Blicke auftun. Das bedeutet das Wort ἀποκάλυψις (apokalypsis), d.h. Offenbarung, Enthüllung (Kap. 1, 1 ), womit diesem Buche sein Ehrenplatz unter den heiligen Urkunden unseres Gottes angewiesen ist.

Wenn dieses Buch ganz hinten, zuletzt im teuren Bibelbuche, seine Stelle gefunden hat, so hat dies nur darin seine Bewandtnis, dass es nach der Zeitfolge die letzte Urkunde ist, die Gott durch seinen „Knecht Johannes“ in der Sammlung seines Wortes uns übermittelte. Dem Range nach ist die Offenbarung ebenbürtig allem Worte, das aus Gottes Munde gegangen ist und von „heiligen Menschen Gottes“ (2. Petri 1, 21) geschrieben ist. Ist es aber nicht geradezu ein Buch Jesu Christi selbst oder richtiger das Buch Jesu Christi, der in der Abschiedsstunde auf Erden sagte: „Ich habe euch noch viel zu sagen“ (Joh. 16, 12), der sich, nachdem er sich zur Rechten des Vaters gesetzt, beeilte, den Seinen in der Angst der Welt (Joh. 16, 33) zur Orientierung, zum Trost und zur Stärkung, wie auch zur Ermahnung wertvolle, ja notwendige Eröffnungen machte? Wir dürfen sie sein letztes Vermächtnis an die Seinen nennen, und wir wollen es in Ehren halten.

Eine besondere Empfehlung ist diesem Buche mitgegeben: „Selig ist, wer lieset und höret sie Worte der Weissagung“ (Kap.1, 3). Das kommt einer Verheißung gleich, die der lebensgierigen, segenerwartenden Beschäftigung mit diesem Buche mitgegeben ist. Freilich, nicht zum Vorwitz ist es uns gegeben. Diesem bleibt der Einblick in die Geheimnisse versagt; ihm öffnen sich nicht die Quellen der in dem Buche verschlossenen göttlichen Segenskräfte. Auch nicht wie Tagesneuigkeiten sollen diese Worte an uns herantreten, die unserem Geiste keine Sättigung geben und ihn gar verarmen. Sie sind gegeben, dass wir durch sie bereichert werden. Wir sollen durch sie etwas empfangen. Es soll durch sie uns ein Hauch der Ewigkeit mitteilen, der unseren Geist erneuert und der uns heraushebt aus dem stickigen Dunst armer Verhältnisse und aus dem verwirrenden Lärm des geräuschvollen Tageslebens hinein in das flutende Licht heller Gottesoffenbarung.

Bitter gerächt hat sich die Vernachlässigung der Beschäftigung mit dieser heiligen Urkunde. Der Kompass, der uns orientieren sollte auf dem Ozean des wechselvollen Weltgeschehens, lag unbeachtet beiseite. Zielsicher und getrost sollten wir vorwärts schauen, ob auch dunkle Wetterwolken drohend sich zusammenballen. Der Lobpreis Gottes sollte auf unseren Lippen sein, ob auch Leiden uns umringen, Entbehrung uns ein karges Brot darreicht und Weltherrlichkeit um uns her in Trümmer sinkt. Der Glaube sollte uns über die kleinen Dinge nichtigen Zeitlebens hinüberheben, und – sie drücken erlauchte Kinder des Allerhöchsten nieder. Warum? Wo liegt die Ursache? Ist nicht das „Zeugnis Jesu Christi“ (Kap.1, 2) zu sehr vergessen, erblasst?

Es ist gewiss, dass Satan dies Zeugnis Jesu Christi von seiner alles überwältigenden Machtherrlichkeit verhasst ist, das Buch, das – nachdem der Löwe überwunden,die Machtlosigkeit dieses überjährigen Welttyrannen auf allen Blättern kündet und seinen endlichen, ruhmlosen Untergang bezeugt, dessen, der nur in der Sphäre der Finsternis heimisch ist und in diesem ihm angewiesenen Kreise die ihm bestimmten Tage knirschend haust, während Gottes Lieblinge wohl – gleich ihrem Meister – unter seinen Streichen sterben, aber von ihm nicht überwältigt werden können. Denn das ist der Sinn und Inhalt des heiligen Buches. Der, der sich in ihm vorstellt als das A und O, den Anfang und das Ende, den Ersten und den Letzten, und dies ein und abermal wiederholt (Kap. 1, 8. 11. 17), der als Triumphator erklärt, dass er im Besitz der Schlüsselgewalt über Hölle und Tod (V. 18) sich befindet, führt das bis zum letzten herrlichen Austrage durch, wozu ihm als das „Lämmlein“ die Anwartschaft vom Vater überkommen ist. Darüber ein und abermal im Himmel Jauchzen und Jubelgesang! Kein Wunder, wenn Satan dies Buch der „Enthüllung“ mit tausenden von Decken verhüllt und es als ein „versiegeltes Buch“ so arg in Misskredit gebracht hat.

Eine unzählige Literatur hat sich über dies Buch hergemacht. Keinem anderen Buche der Schrift ist gleiche Ehre widerfahren. Gerade in neuerer Zeit haben Verständige und – Unverständige viel Papier und Tinte verbraucht. Ein Menschenleben ist zu kurz, alles zu lesen und zu verdauen. Bei vielem, was geschrieben, muss man schon einen gesunden Magen haben oder – gar keinen. Sollte das wunderbare Buch uns aber überliefert sein, um es nicht zu verstehen? Ist die Seligpreisung für die, die es „lesen und hören“, nur etlichen, wenigen besonders Auserwählten gegeben? Können es nur Theologen nicht bloß lesen, sondern es auch „hören“, was doch soviel heißt, als es nach seinem Sinn und Wahrheitsgehalt vernehmen und verstehen? Das wäre doch sicher gegen die Absicht Gottes, der das Buch mit den 7 An- oder Begleitschreiben den „Gemeinden“ gegeben hat. Dies zu sagen, wäre vermessen. Was Gott seiner Gemeinde gegeben hat, dass sie es „lese und höre“ (gleichviel ob man „lesen“ besser mit „vorlesen“ gibt; heute, wo dank der Buchdruckerkunst die Bibel für weniges Geld in aller Besitz ist, sind wir nicht mehr auf mühsam abgeschriebene Buchrollen angewiesen, die wir uns „vorlesen“ lassen (müssen) – das muss auch von jedem, der zur Gemeinde gehört, verstanden werden können. Was ist es aber, das dazu nötig ist? Es ist die Erleuchtung des Heiligen Geistes. Wo diese sich paart mit gesundem Denken unseres Geistes, muss es möglich sein, Einblicke in den wunderbaren Reichtum dieses Buches zu gewinnen, ohne über das schwere Rüstzeug sonstiger „Gelehrsamkeit“ zu verfügen. Hiermit ist es für das Verstehen göttlicher Dinge ohnehin nicht weit her. (1. Kor. 2, 14).

Aber sagen wir es gleich frei heraus, weshalb es am rechten „Verstehen“ dieses Buches so sehr fehlt: Der Schlüssel für das Prophetische Wort ist vielen abhanden gekommen. Er findet sich im Wort selbst, im ganzen Wort. Irdischen Interessen widmen wir, um sie zu bemeistern, ernsthafte Geistesarbeit. Nur dann stellen sie sich heraus. In Dingen der Schrift sind wir weniger eifrig, haben nicht das Beharrungsvermögen zu eindringendem Forschen, sind denk–träge. Drum fallen uns reife Früchte nicht in den Schoß. Die Schätze der Schrift wollen mit Fleiß gehoben werden (Sprüche 2, 1 ff.). In der Tiefe rauschen die lebensfrischen Quellen. Wir sind mit unserem Sinnen zu sehr gebannt in die Außenwelt. Was Johannes befähigte zum Empfang der wundersamen Gesichte, das ist’s, was uns zu ihrem Verständnis verhilft: er war im Geiste; er war eine intuitive (schauende) Persönlichkeit.

2. Sprache des Buches

Was das Verständnis der Offenbarung erschwert, ist der Umstand, dass sie durchweg in Zeichen gestellt ist. Es ist dies die Sprache, deren Gott sich von jeher bedient hat. Schon das erste Zukunftsprogramm, das Gott dem ABRAHAM für das Volk, das aus seinen Lenden kommen sollte, in 1. Mose 15 vor Augen führt, ist in ein eindrucksvolles Zeichen gestellt, dessen Deutung Gott selber gibt. Nachdem Raubvögel sich an die Stücke des Bundesopfers herangewagt, fährt er in einer Rauch- und Feuersäule selber mitten durch. So sollte der von Gott angenommene Same Abrahams im fremden Lande geplagt werden.

Als Gott den fliehenden Jakob, an dem die Verheißung haftete, trösten will, tut er dies in einem Zeichen, das in seiner Erinnerung unverwischbar bleiben sollte. In einem Traumgesicht sieht der einsame Emigrant zu seinen Häuptern eine Leiter, bis in den Himmel ragend, auf dessen obersten Sprossen Jehova selber steht. Eine Deutung war wohl nicht vonnöten, denn sie ward dem Hilflosen nicht gegeben. Es war ihm gewiss, dass diese Leiter Anfang und Ende einer Heilsentwicklung darstellen sollte, die sein Same für eine ganze Welt erfahren werde. Er nannte den Ort Bethel, Gottes Haus.

Als Gott seinen erstgeborenen Sohn aus Ägypten gerufen und feierlich das Volk als sein eigen erklärt hatte, beginnt Gott, ihm einen Anschauungsunterricht zu geben, der das Höchste, ja alles zum Gegenstand hatte, was in der Fülle der Zeit in Christo als das vollkommene, ewige Heil erscheinen sollte. Dieser einzigartige, die ganze Erlösung und Versöhnung, wie sie Gott selber nur erdenken konnte, den ganzen ewigen Heilsratschluss umspannende Anschauungsunterricht, war wieder in Zeichen gestellt, – in Zeichen, deren Deutung allen möglich war, deren Sinn sich für göttliche Dinge erschließen ließ. – Die ganze heilige Geschichte gestaltet sich zu Typen (Abbildern) auf den hin, der sagen konnte: „Suchet in der Schrift; sie ist es, die von mir zeuget.“ (Joh. 5, 39). Die Zeichensprache ist die Gottessprache.

In Zeichen redet Gott durch die Propheten. Jeremias schaut in seinem ersten Gesicht (Kap.1, 13) ein Zeichen, das gleich seinem besonderen Prophetenberuf, der ihm als Gerichtskündiger unsägliche Leiden eintragen sollte, kennzeichnet. Er sieht von Mitternacht her einen heißsiedenden Topf herankommen. Und zugleich erhält er die Deutung: es ist das schnell heraneilende feuerglühende Gericht, das von Babel her über Juda und Jerusalem im Anzug ist. – Hesekiel, Daniel und Sacharja, sie und andere Propheten begleiten das, was sie im Auftrag ihres Gottes künden, mit eindrucksvollen Zeichen, die ihre Botschaften augenscheinlich und eindrücklich machen sollten. Selbst im Neuen Testament ist dies noch Prophetenart; so sehen wir Apg. 21, 10ff. Agabus den Gürtel Pauli nehmen und damit seine Hände und Füße binden: „So werden dich zu Jerusalem die Juden binden und überantworten in der Heiden Hände.“

Ist es verwunderlich, dass auch das letzte prophetische Buch in Zeichen gestellt ist? Gottes Sprache ist die der Symbolik, der Sinnbilder. Er meistert diese seiner würdige Sprache. Er kennt das Wesen der Dinge; darum kann er in ihnen, in Bildern der Naturdinge, das sagen, was er sagen will. Er vertut sich dabei nicht, denn vor ihm stehen lichthell auch die geistigen Dinge, die er damit ausdrücken will. „Das Niedere wird zum Bild und Zeichen des Höheren, das Natürliche zum Darstellungsmittel des Geistigen. Die drei Reiche, Natur, Geschichte und Offenbarung, entsprechen im tiefsten Grunde einander“ (Auberlen). „Zuerst tritt der Typus (typos, der Schlag, der Eindruck, das Gepräge, das Modell) auf; dann das Symbol (symbolon, zusammenfassen), endlich die Allegorie (allegoria, vergleichen)“ (I. P. Lange). Der Grund, geistige Dinge in Bildern ausdrücken zu können, liegt in der Symbolischen Kraft der Natur, Geistiges in Sinnbildlichem darzustellen. Uns ist die großartige Symbolik der Natur allzu sehr verloren gegangen. Darum ist uns die Zeichensprache Gottes so unverständlich geworden.

Auch der Heiland kannte die eindrückliche Kraft der Gleichnisrede. Darum liebte er es, ihrer sich zu bedienen. Es war seine besondere Lehrart, Dinge der unsichtbaren Welt in Gleichnissen auszusprechen. Seinen Jünger waren sie verständlich. Und wo das Verständnis bei ihnen versagte, deutete er ihnen die Gleichnisrede. Zugleich bediente er sich ihrer zum Gericht für die, welche in ihrer sinnlichen Denkungsart kein Ohr für die himmlische Dinge hatten. Er sagte dies selber, indem er hinwies auf das Gericht der Verstockung, von dem schon Jesaias Kap. 6 redet: „Deswegen rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören“ (Luk. 8, 10 ff.). Der damit verbundene richterliche Zweck war, die Wahrheit vor der Entweihung durch die alles ins Arge verkehrende Verstockung zu verhüllen, um eine größere Verstockung zu verhüten.

Damit sind wir angelangt bei dem Grund, weshalb auch die Offenbarung in Zeichen gestellt ist. Nicht deswegen, damit Kindern Gottes das Buch unverständlich bleibe. Ihnen bleibt es das, als was es gleich zu Anfang, wie in einer Überschrift, bezeichnet ist: die Apokalypsis, Offenbarung, Enthüllung. Ihnen ist es kein versiegeltes Buch. Er hat ihnen verheißen, dass der Heilige Geist sie in alle Wahrheit leiten werde. Das will ich sagen, dass dieser uns die Zeichen dieses Buches deuten werde. Die Übertragung der Zeichen auf die Zeitumstände, in die sie fallen, ist selbstverständlich erst möglich, wenn diese den Zeichen entsprechenden Zeitumstände eingetreten sind. Das prophetische Wort ist die Leuchte, bis der „Tag“ anbricht. An ihm sollen wir die Zeitumstände prüfen. Das ist das, was wir können und zugleich das, was wir sollen. Nichts mehr und nichts weniger.

Vorwitz und ein vergebliches, kindliches Unterfangen ist es, sich an Hand dieses Buches daran zu geben, zukünftige Geschehnisse nach Tag und Stunde, nach Namen und Ort wie ein Wahrsager im voraus zu prophezeien. Davon müssen wir uns endlich frei machen. So etwas ist auch nicht vonnöten, auch geistlicher Menschen nicht würdig. Gerade die Fehlschläge eines Unterfangens, das uns nicht aufgetragen ist, hat vielen den Blick für die Bedeutung dieses Buches getrübt. Sie haben sich damit der herrlichen Kleinodien desselben beraubt, und die frischsprudelnde Quelle von Trost und Kraft wurde ihnen verschüttet. Aber das können wie: die Zeitumstände an den Bilderzeichen der Apokalypsa messen, uns orientieren an Hand der fehlerfreien Himmelskarte, darauf merken, wie der große Zeiger der Weltuhr weiter rückt.

Für die aber, die in bewusster Abkehr vom Licht die Finsternis erwählt und sich damit zur Erkenntnis der Wahrheit unfähig gemacht haben, sind die Zeichen zum Gericht gegeben, dass für die nun dieses Buch verhüllt bleibe. Die Verstockung ist für sie ein Anzeichen des gerechten Gerichtes Gottes, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben.

An sich ist die prophetische Zeichensprache eine Herablassung Gottes zu unserer geringen Fassungskraft. Sie gehört zur ursprünglichen Sprachform der Menschheit. Das älteste Kulturvolk, die Ägypter, bedienten sich der Schrift in Hieroglyphen, in bildlichen Gedankenzeichen. – Noch unsere Sprache wurzelt in bildliche Vorstellungen und Ausdrücken, die den Wortbildungen zugrunde liegen, wie auch das Kind die Buchstaben an ihm vertrauten Bildern gern sich einprägt. Nun macht es Gott mit uns gerade so, wenn er uns an Hand der Bibel in allbekannten, uns vertrauten Naturdingen geistige Begriffe beibringt. In der Bildsprache erst beginnt meist unsere Fasslichkeit. Gott kehrt in seiner Herablassung zu dem Gedankenausdruck im Anfange zurück, wenn er uns in der einfachen Form der naturbildlichen Hieroglyphenschrift die Offenbarung seiner großen Ratschlüsse übermittelt. Es gilt eben, mit dieser Form des Gedankenausdrucks wieder vertraut zu werden.

Jetzt wird jemand sagen: Gut, wenn die Offenbarung in Zeichen gesetzt, symbolisch geschrieben ist, dann ist sie gedeutet und verstanden, wenn die Symbolbilder erklärt, d. h. ihrer bildlichen form entkleidet und in die bildlose Wortsprache übertragen werden; ich lege mir – etwa in Art der Traumdeuterbücher – ein Wörterbuch mit Erklärung der Bildausdrücke an und das Hieroglyphenbuch, das in seiner Form längst nicht mehr passte, ist übersetzt! – Ja, lieber Freund, auf den Gedanken ist man längst gekommen. Diese Hilfsmittel sind schon alt. Einiges Verständnis ist dadurch auch gewonnen worden. Aber so ganz einfach ist die Sachen doch nicht.

In der Schrift wurden von jeher Naturdinge gern als Bilder für geistige Begriffe gebraucht; Eigenschaften jener Dinge wurden auf diese Begriffe übertragen. Man merkt dabei, dass eine sichere Meisterhand den Griffel geführt: Bilder und Begriffe decken sich. Wortbilder gibt es hier, die großen Gedankenreichtum bergen, denen nachzudenken Vergnügen bereitet und Gewinn einträgt. Viele dieser Wortbilder kehren immer wieder und gehören zum dauernden Bestand der Schriftsprache. In ihnen verkörpern sich Gottesgedanken, die aus dem durchsichtigen Bilde klar hervorleuchten und ihm fass- und greifbaren Ausdruck bekommen haben; Bild und Gedanken vertauschen sich. Manche dieser Wortbilder sind stereotyp, feststehend, zum eisernen Bestande geworden, zu Dauerformen, die immer wieder gebraucht und in immer gleicher Bedeutung verwendet werden. Es ist angebracht, sich mit dieser vom Heiligen Geist beliebten Bildsprache vertraut und ihre Übertragung in bildlose geistige Begriffe, die sie ausdrücken, zu eigen zu machen. Es gehört dies geradezu zum rechten Schriftverständnis, und der geistliche Mensch wird in dieser Gottessprache gar bald heimisch. Heimisch, weil diese Inventarstücke der göttlichen Kämmerei uns wert und vertraut werden.

Dass gerade auch die Offenbarung sich bereits bekannter Darstellungsmittel göttlicher Gedanken mit Vorliebe bedient, liegt nahe. Die Schrift in allen ihren Teilen ist ein organisches Ganzes. Alle heiligen Gottesmenschen haben geredet durch denselben einen Geist. Gas viele Wortbilder sind den alttestamentlichen Büchern entnommen. Ihre Deutung findet man schon dort, wo sie entnommen sind. Hier ist sie zu suchen; hier wird sie gefunden.

Die bewunderungswürdige Gestaltungskraft der Apokalypse greift aber über bekannte und vertraut gewordene Wortbilder allerdings weit hinaus. Es galt, viel Neues zu sagen; Neues, das zu enthüllen und zugleich zu verhüllen war, wie wir früher bereits gesehen haben. Es bleibt hier nicht bei den bloßen Typen, der einfachsten Bildform und dem schlichten Modell. Es treten zusammengesetzte Bildungen auf; denn es war nicht möglich verwickelte Erscheinungen der Endepoche, abschließende Entwicklungsreihen im Weltdrama dieses Zeitalters, in die einfache Form eines bloßen Typus hineinzuzwängen. Der Geschichtsverlauf weitet sich und wächst aus zur letzten Zusammenfassung und Offenbarung alles Geheimnisse, die bisher schlummerten und nur leise aber vereinzelt sich regten, soweit sie sich hervorwagen durften. Es tritt nun die Form der SYMBOLE, der zu Gesamtbildern einheitliche verknüpften Teile- Erscheinungen, auf. Aus einer Reihe von Typen werden Merkmale und Wesenseigenschaften zu einem zusammengesetzten Totalbild oder Symbol hergeliehen, um das auszudrücken, was ausgedrückt werden soll.

Das ist es, was wir unter Symbolik, d. h. der symbolischen Sprachform der Offenbarung verstehen. Naturgemäß sind diese Symbole nicht immer vorstellbar. Machen wir dies an paar Beispielen klar. – In dem Geschichtsbild der 5 Posaunen Kap. 9 sehen wir Heuschrecken zu einer Gestalt vereinigt mit zum Streit gerüsteten Rossen, Menschenantlitz, Weiberhaaren und Löwenzähnen. Vorstellbar ist diese Gestalt, verknüpft aus fünf verschieden gearteten Dingen sind Eigenschaften und Merkmale hergeliehen und hergenommen, um die eine Erscheinung, um die es sich handelt, in ihrer Wesens- und Wirkungsart zu kennzeichnen, nämlich: die ungeheure Menschen in dem Heuschreckenschwarm, die Schnelligkeit und brennende Ungeduld in den Streitrossen, die Intelligenz in dem Menschenantlitz, die Verführungsmacht in den Weiberhaaren und die lechzende Verderbergier in den Löwenzähnen. Alles dies vereinigt sich zu einem unbeschreiblichen Wesen. Und damit ist noch nicht alles gesagt; die Panzer, Stachel usw. haben auch noch etwas anzudeuten. Diese furchtbaren Wesen des ersten Wehe entsteigen dem Abgrund: dämonische Geistwesen, losgelassen auf die Menschheit! Noch sind sie gebunden an ihrem Ort; sie werden kommen! Sie werden sich stürzen auf alle, die nicht das Siegel Gottes an ihrer Stirn haben, die von ihm nicht erkannt sind. Man merkt, dass es nur möglich war, diese Dämonen von denen die gerichtsreifen Menschen „besessen“ werden, in der zusammengesetzten Bildform des Symbols, das die verschiedenen Einzelbestandteile in sich aufnimmt, darzustellen. – – –

Ein zweites Beispiel: In Kap. 13 erscheint das Gesichtbild des Tieres aus dem Meere. Hier ist die Schwierigkeit der Darstellung schon größer. Daniel hatte dies Tierwesen schon Kap. 7 geschaut und gesagt, dass es gräulich und schrecklich war. Erst Johannes sieht es in voller Wesensgestalt: gleich einem Pardel, die Füße als Bärenfüsse, der Mund wie ein Löwenmund. Wir sehen, dies Ungeheuer ist wieder nicht vorstellbar; es vereinigt in sich alle Tierformen der vorangegangenen drei Weltreiche, d. h. es verbindet in sich alle in diesen zutage getretenen Eigenschaften zu einer satanischen Einheit. der Mensch der Sünde steht leibhaftig vor uns, der alle Geheimnisse der Bosheit restlos enthüllt. Mit großer Sorgfalt und einer vorher nicht geübten Genauigkeit bemüht sich Johannes, dies Ungeheuer zu zeichnen, und es ist das erste Mal, dass er in Kap. 17 zu einer Deutung greifen muss! So verwickelt hier in den Häuptern, Hörnern usw. die Symbolik ist, so einfach legt sie sich auseinander, damit, wenn die Zeitumstände kommen und der Geschichtsverlauf dies Tier aus dem Meere auf den Plan hebt, dasselbe von allen Einsichtigen erkennbar wird.

Diese beiden Beispiele genügen, die bewunderungswürdige Gestaltungskraft der Symbolik zu zeigen, der von Gott selber erwählten Darstellungsform ewiger Ratschlüsse. Welche Fülle von Gottesgedanken in dem engen Rahmen symbolischer Gesichtsbilder! Viele Einzeltypen, einfache Modelle göttlicher Gedanken, verschmolzen zu einem Gesamtbilde! – Die durchgängige Bildform bleibt der einfache Typus. In ihm sind es meist allbekannte, von alters her vertraute Bilder wie Meer, Berg, Horn, Räucherwerk, Buhldirne usw. Ihre Deutung schimmert immer aus den Bildern hervor.

Nun begegnet uns aber eine neue Schwierigkeit. Einfach wäre es, allüberall das Buch der Offenbarung symbolisch zu deuten. Der aufmerksame Leser wird aber finden, dass gar vieles nicht symbolisch d. h. ohne Bild gesagt ist. oft wird das Bild verlassen und innerhalb desselben etwas gesagt, das bildlos ist. Was ist zu tun? Es bleibt vieles zum Nachsinnen übrig. Die Offenbarung ist den Knechten, eig. Leibeigenen, Angehörigen Gottes (Kap. 1,1) gegeben. Diese sind geistlich gerichtet und gewohnt, alle Dinge mit geistlichem Verstand, d. h. vom Heiligen Geist erleuchteten Verstand zu beurteilen. Ein mechanisches Verfahren, nach einer Schablone die Dinge zu messen, kennen sie nicht. Dies würde auch nicht zum rechten Verständnis führen. –

Wenn nun Ausleger alle Teile unterschiedslos symbolisch deuten, so begehen sie ebenso einen Fehler, als wenn andere glauben, dem buchstäblichen Sinn den Vorzug geben zu müssen? Zwei Beispiele mögen dies wieder erläutern. Etliche Ausleger fassen frischweg Babylon (Kap.17 u. 18 ) bildlos und sagen: Gemeint ist das geographische Babel am Euphrat! Sie sind dabei konsequent genug, diese Stadt wieder aus ihrem Schutt erstehen zu lassen und malen dies mit blühender Phantasie aus. Gewiss hat dies Verfahren der Vorzug der Einfachheit. Aber es ist mechanisch und dazu – gedankenlos. Denn sie hätten wissen müssen, dass Gott Jes. 13, 19 f. gesagt hat, dass Babel umgekehrt werden solle „wie Sodom und Gomorrha“. Dies heißt doch nichts anderes, als dass Babel durch ein Gottesgericht zum ewigen Exempel für immer, gerade so, wie Sodom und Gomorrha, verschwinden solle. Das Babylon der Offenbarung ist also anders zu deuten und zwar bildlich, wie aus dem Zusammenhang sich dies unschwer erkennen lässt.

Ein anderes Beispiel. In Kapitel 7 lesen wir, dass aus Israel 144 000 versiegelt werden. Die Stämme werden – unter Weglassung von Dan – einzeln aufgeführt. Die 144 000, die wir in Kapitel 14 auf dem Berg Zion sehen, sind augenscheinlich dieselben, wie in Kapitel 7. Ob die Zahl 144000 symbolisch oder buchstäblich zu fassen ist, ist zunächst ohne Belang. Wenn aber Ausleger „Geschlechter Israel“ (Kap. 7, 4) symbolisch deuten, so ist zu fragen, was hierzu berechtigt? Mit dem alten Irrtum, als ob die „Kirche“ die geradlinige Fortsetzung des Volkes „Israel“ sei, sollte man endlich aufräumen. Lange genug hat dieser Irrtum heillose Verwirrung angerichtet. Hier ist diese Gedankenkonstruktion auch textwidrig. In der übrigen Schrift hat sie ebenso keine Stütze. Sie steht ihr entgegen. Gott löst seine altverbrieften Verheißungen hier prompt ein! Davon sollen wir hier Notiz nehmen. Das Volk der Wahl kommt wieder an die Reihe, wenn die „Gemeinde“ fertig ist und die Vollzahl der Nationen eingegangen ist. (Röm. 9 und 11.) Wir haben kein Recht, die „Gemeinde“ da hinzutragen, wo ohne Bild „Israel“ steht, das leibhaftig existiert und bleiben wird, bis Gott seine in allen Schriften der Propheten des Alten Testamentes feierlich bezeugten Liebesgedanken mit ihm zum Austragen bringen wird.

Damit genug. Was lernen wir hieraus? Einmal, dass wir bei der Deutung nicht mechanisch, nicht nach einer zurechtgemachten Schablone verfahren sollen. Sodann, dass wir nicht der Mühe überhoben bleiben sollen, die Schrift durch die Schrift selber deuten. Sie verdient es, dass wir über alle ihre Worte sinnen Tag und Nacht. Sie legt sich selber aus. Gewiss: alles ist euer! Darum alles, auch alle menschlichen Hilfsmittel, sein in Ehren! Aber gelehrter Kram, abseits der Schrift, kann am wenigsten helfen. Nur im Lichte des Schriftganzen enthüllt sich das wunderbare Buch der Offenbarung, das uns als teures Vermächtnis unseres erhöhten Herrn in die Hände gelegt ist.

3. Betrachtungsweise des Buches

Die Offenbarung enthüllt Geschichte. Darüber besteht keine Meinungsverschiedenheit. Auch ist man darüber einig, dass dieser, In die Gottessprache der Symbole gestellte Geschichtsverlauf einen ernsten, gewaltigen Konflikt und Kampfaustrag zwischen Satansreich und Gottesreich offenbart. Die Offenbarung gleicht einem Riesengemälde, das im Ganzen, wie in den einzelnen Teilen, von einem einzigen Motiv und Gedanken beherrscht wird: dem Endkampf Satans und dem Endkampf Christi.

Schon in seinen Erdentagen – es waren gleichsam Abschiedsworte – hatte Jesus an stillem Ort, angesichts des stolzen Tempelbaues, den Jüngern eine ausführliche und in sich abgerundete Enthüllung dieser Geschichte gegeben, die hier noch einen engen Rahmen und geht über diesen hinaus. Er hält es für nötig, den Seinen eine Enthüllung zu geben, die den ganzen, gewaltigen Endkampf, wie er auf dieser Erde zwischen Licht und Finsternis ausgetragen wird, hin bis zur Vollendung in der ewigen Gottesstadt, umfasst. Anschauliche Einzelbilder sollen diesen Gottesratschluss klar zutage legen und ein Ganzes geben, das wiederum in sich abgerundet ist.

Schon die alttestamentliche Weissagung hatte vieles geredet von fernen, zukünftigen Dingen. Die Propheten hatten gar manches geschaut; Großes ward ihnen anvertraut. Was sie uns künden, erhält in der Offenbarung Jesu Christi selber seinen krönenden Abschluss. Alle Prophetie aber bildet ein organisches Ganzes und legt sich darum durch sich selber aus. Alle ihre Schriftteile ergänzen einander. Ein volles Licht strahlt nun in die Geschichte hinein. Sie hat für uns Sinn und Ordnung gefunden. Nicht sind wir mehr ohne Plan und Ziel. Wir schauen, wenn auch noch an dunklem Ort, taghell hinaus bis ans Ende der Wege Gottes.

Also unser Buch enthüllt Geschichte, worüber sich alle Ausleger einig sind, auch darüber, dass sie dem Kampf zwischen Gottes Reich und Satans Reich zum Gegenstande hat. Aber darin gehen sie auseinander, in welche Zeit sie fällt. Dies ist es aber, was wir zunächst wissen müssen, um einen Schlüssel zum Verständnis zu finden. Sehen wir uns die Betrachtungsweisen, welche das Buch gefunden, der Reihe nach an.

Wir begegnen zuerst der zeitgeschichtlichen Auffassung, die auch heute noch ihre Vertreter findet. Sie ist vor beinahe 200 Jahren von dem Theologen Semler aufgekommen, der auch der Begründer der unseligen Bibelkritik ist. Er bestreitet, dass überhaupt eine Enthüllung zukünftiger Dinge möglich sei. Da es die Interpretation der Schrift, ihre Eingebung durch den Heiligen Geist, leugnet, behauptet er konsequent, dass Johannes kein Wissen gehabt habe, das über seine Lebenszeit hinausreichte. Damit war seine Auffassung von diesem Buche festgelegt: sie enthalte lediglich die Zeitgeschichte des Verfassers Johannes selbst. Der ganze Chorus der Vernunftsgläubigen, Rationalisten genannt, atmete erleichtert auf, war für sie doch das Ansehen der Vernunft des klugen Menschen gerettet. Die zeitgeschichtliche Auffassung der Offenbarung fristet aber diesen Herren nur ein kümmerliches Dasein; denn die Zeitgeschichte von Johannes lässt sich so schwer in den gewaltigen Inhalt dieses Buches einfügen! Wenn selbst aber der schriftgläubige Schlatter auf die zeitgeschichtliche Auffassung hereingefallen ist, so muss er dies mit dem Zugeständnis büßen, dass allerdings Gottes Wege mit Rom und der von ihm beherrschten Völker „andere gewesen sind, als wie sie die Weissagung beschrieben hat“ ! Er ist ehrlich genug, zuzugestehen, dass die zeitgeschichtliche Auffassung mit der Weissagung des Buches nicht vereinbar ist.

Zur selben Zeit wie Semler hatte in Württemberg der gottinnige I. A. Bengel das Buch der Offenbarung zum Gegenstand des Forschens gemacht, und er wurde der Begründer einer Betrachtungsweise, die man kirchengeschichtliche genannt hat. Wie sein genialer Zeitgenosse Hamann, ging er von der Grundanschauung aus, dass das Wort Gottes die Weissagung für alle Zeiten enthalte. Die Offenbarung war ihm die magna carta (große Karte) der Geschichte der Kirche. Er bekannte aber, dass er seine historische Deutung dieses Buches „nicht als untrügliche Offenbarung ansehe, sondern als natürliches Ergebnis seines Forschens, das er bescheiden zur Prüfung vorlege“. Er bittet, sich nicht „allzu lange bei der harten Schale der Chronologie aufzuhalten, sondern um den Genuss des süßen Kerns sich zu bemühen“. Diese Chronologie in das Bildwerk der Offenbarung hineinzubringen, hat ihm freilich saure Arbeit gemacht, und nach ihm haben gar viele sich damit sehr abgemüht. Die Offenbarungsbilder wollen sich mit der Geschichte der Kirche einmal nicht decken. Aber die Geschichtsauffassung hat durch diese wertvollen Arbeiten eine Bereicherung und neue Ziele erhalten. Die Entwicklungsreihen in der Geschichte der Kirche laufen eben alle auf die Enddarstellung hin, wie wir sie in der Offenbarung vor uns haben. Schon Naturvorgänge zeigen, dass in der Blüte bereits die volle Frucht enthalten ist und dass im Keime schon die Entwicklung des späteren Gebildes ruht. Die Gesetzte der Naturwelt sind die der Geisteswelt. Schon Johannes kann in seinem ersten Briefe darauf hinweisen, dass schon viele Widerchristen aufgetreten seien. Es ist nicht zu verkennen, dass in der Geschichte der Kirche immerfort Erscheinungen aufgetreten sind, die als Vorausdarstellungen der in der Offenbarung vorausgesagten Dinge angesprochen werden können. Diese Vorausdarstellungen wiederholen sich, treten nur potenzierter, gleichsam multipliziert auf. Gerade dieser Umstand soll uns aber in der Wertung der Erscheinungen, gemessen an der Offenbarung vorsichtig und bescheiden machen. Wenn die letzten Geheimnisse der Bosheit sich herausstellen werden, so werden sie gewiss derart sein, dass sie Verständigen und Gotterleuchteten sich als das aufzeigen, was die Merkmale des Offenbarungsinhaltes unverkennbar an sich trägt. Einstweilen ist denn auch die kirchengeschichtliche Betrachtungsweise als verfehlt von allen ernsten Auslegern aufgegeben worden.

Vor 70 Jahren hat die Betrachtungsweise der Offenbarung durch den schweizerischen Theologen Auberlen eine neue Richtung erhalten, die man die reichsgeschichtliche nennt. Spuren dieser Auffassung finden sich schon etwas früher bei Gaußen, ebenfalls ein Schweizer Theologe. Sie hat namhafte Vertreten, wie v. Hofmann, Kliefoth u. a. , gefunden. Sie geht davon aus, dass in der Offenbarung lediglich Entwicklungsepochen des Reiches Gottes und zwar im Verhältnis und Gegensatz zum Weltreich dargestellt seien. Man sagt, das die Offenbarung weder Geschichte schlechthin, noch eine Kirchenchronik mit Reihen von Eigennamen und Jahreszahlen geben wolle, sondern nur Potenzen (Kräfte) und Wesensbeschaffenheiten, welche die Geschichte bestimmen. Hier merkt man einen bedeutenden Fortschritt in der Wertung des Offenbarungsbuches. Der innere Kern desselben ist zweifellos hier richtig herausgestellt. In hervorragendem Maße ist hiermit der Inhalt des Buches erfasst.

Aber, ist mit dieser Auffassung das, worauf das Buch abzielt, sein voller Inhalt, erschöpft? Stellt derselbe nur Wesensbeschaffenheiten von Gottesreich und Weltreich dar? Zeichnet die Offenbarung nur deren Entwicklungsepochen, will sie nur Merksteine setzten, welche die Übergänge in der Geschichte wirkenden Faktoren kennzeichnen? Oder aber will sie nicht auch zugleich Geschichte geben, die das gewaltige Ringen dieser Mächte miteinander vor Augen führen soll? Alle diese Fragen haben ernste Forscher in den letzten Jahrzehnten eindringend beschäftigt. Unter Beibehaltung aller Vorzüge, welche die reichsgeschichtliche Auffassung bietet, hat man diese ergänzt und weiter geführt in einer Betrachtungsweise, die man als die endgeschichtliche bezeichnet.

Diese geht davon aus, dass die Offenbarung den Endkampf zwischen Gottesreich und Weltreich vor Augen führe und in demselben die Wesensart derselben, wie sie sich in dieser letzten Phase der Geschichte dieser Zeitalters restlos enthüllt, herausstellen werde. Beide Mächte prallen nun zur letzten Entscheidung aufeinander. Mit dem Siege auf Golgatha hatte für Satan und dessen Herrschaft auf Erden die Stunde geschlagen. Es beginnt seine letzte Stunde. Der Tag des Heils, das Zeitalter des Heiligen Geistes, brachte die beiden Machtkörper unmittelbar aneinander heran, bis es nun aufs ganze geht. Dieser Schlusskampf mit seinen vernichtenden Schlägen, dass Ende der Jahrtausende langen Satansherrschaft auf Erden, das ist es, was nach der endgeschichtlichen Auffassung das Buch der Offenbarung darstellt.

Wenn wir uns zu der endgeschichtlichen Betrachtungsweise bekennen, so fragen wir: Mit welchem Grund tun wir dies? Wo nehmen wir die Berechtigung hierzu her? – Das Verständnis der Offenbarung erscheint gesichert, wenn der Standort, von dem aus wir die Geschichte dieses Buches anschauen und deuten, richtig gewählt ist.

Im allgemeinen glauben wir, die Berechtigung bereits dargetan zu haben. Wir haben gesehen, dass die gewaltigen Bewegungen und die ersten Gerichtsschläge, die Johannes schaut, anders nicht hinreichend zu erklären und unterzubringen sind. Und wenn dies der Fall ist, so ist uns damit der Schlüssel zum Verständnis in die Hände gelegt.

Wir wollen uns aber auch im Buche selbst umsehen, ob hier nicht selber deutliche Fingerzeige gegeben sind. Wir finden schon gleich im Anfang zwei Stellen, auf die wir unser Augenmerk einen Augenblick richten wollen.

Kapitel 1, 10 sagt Johannes: „ ich war im Geiste an des Herrn Tage.“ Legen wir zunächst den Nachdruck auf die Worte: „des Herrn Tag“. Allgemein sind die Ausleger mit diesen Worten schnell fertig geworden. Zu ihnen gehören namhafte Männer. Vielleicht deswegen ist deren Auslegung vielfach, ja durchweg ohne sorgfältige Prüfung von anderen als die zutreffende übernommen worden. Aber wenn irgendwo, so ist gerade bei der Offenbarung in der Auslegung große Sorgfalt vonnöten.

Was sagen nun die Ausleger? Wir lassen nur die Worte eines derselben folgen: „Es kann nur der Tag verstanden werden, der seine Beziehung zum Herrn hat. Da nun der Auferstehungstag Christi der Tag ist, von dem an der Herr in dem Leben steht, in welchem er sich jetzt befindet, so könnte man sagen, dass es sein Auferstehungs- oder Geburtstag zum neuen Leben, also ein Sonntag, gewesen sei, an welchem Johannes in Verzückung geriet.“ Aus den Schriften der Kirchenväter sucht dieser Ausleger, der sich wohl am ausdrücklichsten über diese Stelle ausspricht, zu erweisen, dass unter dem „Tag des Herrn“ der Sonntag zu verstehen sei. Aber er geht auch auf den Text selber ein. Er sagt: „Wollen die Worte „in des Herrn Tag“ so viel heißen, als in den jüngsten Tag, dann müsste es eis statt en heißen; sodann ist der Inhalt unseres Buches auch nicht auf den jüngsten Tag allein beschränkt.

Sehen wir uns diese Argumente näher an. Was jener Ausleger von den Verhältniswörtern eis und en und ihrer Anwendung sagt, dem können wir nicht beitreten. Johannes hatte guten Grund, nicht eis, sondern en (Luther übersetzt „an“) zu setzten. Das Verhältniswort eis steht von der Richtung auf etwas hin. Johannes aber braucht en, um auszudrücken, dass er nicht nur „auf den Tag des Herrn hin“ versetzt sei, sondern dass er im Geiste in oder an diesem Tag war,als erlebe er in wirklich. Übrigens passt das Argument nicht, dass Johannes das Wort eis hätte brauchen müssen, wenn er „den jüngsten Tag“ statt den Sonntag oder ersten Wochentag habe meinen wollen. Das von Johannes gewählte Wort en kann so gut in dem einen, wie in dem anderen Falle gebraucht werden. Vergl. Matth. 12, 2; 22; Joh. 4, 31; 11, 10; 1. Kor. 15, 52.

Nun kommt aber hinzu, dass im Neuen Testament in keiner einzigen Stelle der erste Tag der Woche( der Sonntag) des Herrn Tag genannt wird. Von vornherein wird aber auch an die Leistungs- und Aufnahmemöglichkeit eines sterblichen Menschen, wie es Johannes doch auch war, eine sehr große Zumutung gestellt, wenn wir die Entgegennahme so zahlreicher und zum Teil verwickelter Gesichtsreihen in einem astronomischen Tag von 24 Stunden einzwängen wollen. Was sollte auch Johannes veranlasst haben, für die gewaltige Ausführungen, die mitzuteilen er im Begriff ist, einen so nebensächlichen Umstand, dass dies gerade an einem Sonntage und nicht etwa an einem anderen Tage der Woche geschehen sei, so besonders hervorzuheben? Wäre dies nicht ungereimt? Dazu kommt, dass im Neuen Testament die Unterscheidung der Tage überdies als eine Schwäche behandelt wird, die dem Schattenwesen des Alten Testamentes anhaftet.

Erst neuerdings haben dann auch selbständige Ausleger den Mut gefunden, mit einer Auslegung, die sich an dem „ersten Wochentag“ festgebissen hatte, endlich zu brechen. Der „Tag des Herrn“ ist der Tag, wie er in der ganzen Schrift, insbesondere in den Propheten, ständig genannt wird: Der große Ehrentag des Herrn, wo er seine Ratschlüsse zur endlichen Darstellung und Vollendung bringen wird. Dieser Ehrentag des Herrn ist eben ein erweiterter Begriff, als der, den die Theologen mit ihrem „jüngsten Gericht“ geprägt haben. Der „Tag des Herrn“ beginnt mit dem Ende der Weltherrschaft Satans und umfasst die Herstellung aller Dinge, von denen die Propheten geredet haben. Wären die theologisch geschulten Ausleger der Offenbarung mehr in der Schrift heimisch gewesen, hätten sie die Schrift mehr aus der Schrift selber, als durch grammatische und andere Hilfsmittel, ausgelegt, so wären sie längst da wieder angelangt, wo in Wirklichkeit die Väter der ersten Jahrhunderte gestanden haben; denn diese haben bereits die Offenbarung endgeschichtlich gedeutet. Diese Betrachtungsweise ist zugleich die älteste und ursprünglichste.

In seiner stillen Weltabgeschiedenheit auf der einsamen Insel Patmos was Johannes befähigt worden, im Geiste in diesen großen Tag des Herrn versetzt zu werden. Er schaute die Dinge, die durch gewaltige Gerichtskatastrophen hindurch den ewigen Gottesplan mit dem Menschen durch den erhöhten Herrn zur endgültigen Ausführung bringen. Er schaute diese wunderbaren Dinge im Geiste. Dieser Zustand hat mit hypnotischen oder somnambulen Zuständen, in denen die eigene Geistestätigkeit lahmgelegt ist, nichts zu tun. Diese ist hier vielmehr aufs höchste gesteigert. Der Heilige Geist hatte von dem endlichen Gefäß des Johannes ganz Besitz genommen, um uns durch ihn das anzuvertrauen, was uns Trost und Aufmunterung, Mahnung und Stärkung für die Zeitläufe, in dem der große Kampf ausgetragen wird, geben kann, damit wir als Überwinder erfunden werden.

Noch eine zweite Stelle, die zu Anfang des Buches sich findet, ist uns als Fingerzeig gegeben, wie wir es zu deuten haben. Es ist dies der gleich im Kapitel 1, 7 gegebene Hinweis auf Worte der Propheten Daniel und Sacharja. Diese treten unvermittelt als Zeugen dafür auf, wo die Offenbarung mit ihren Gesichten einsetzten will. Ihre Weissagungen sollen wie in einem Programm, klar umgriffen, den Inhalt des Buches zusammenfassen und sie als eine Überschrift desselben, ihm voranstehen.

Zuerst: „Siehe er kommt in den Wolken.“ Damit wird auf Daniel 7, 13,14 hingewiesen, wo gesagt ist, dass Gott seinem Gesalbten die Weltherrschaft geben wird. Von oben her kommt der Menschensohn, – im Gegensatz zu den Tieren, die Daniel von unter her aus dem Meere (Völkermeere) aufsteigen sah. Der Ehrentag des Herrn, zu dem er gesalbt worden, ist gekommen. Damit ist der Standort für die Beurteilung der nachfolgenden Gesichte des Johannes gegeben.

Sodann wird das Prophetenwort Sach. 12,10 angeführt: „Es wird sehen jedes Auge, auch die, die ihn durchbohrten, und es werden wehklagen alle Stämme des Landes.“ Der Zeitpunkt ist nun da, wo das alte Volk der Wahl wieder an die Reihe kommt. Ganz Israel wird Buße erlangen, bekehrt werden und die ihm zugedachte Weltmission antreten. (Jes. 59, 20; Jer. 31, 33,34.) Die Vollzahl der Gemeinde ist eingegangen; sie ist am Ziel. (Röm. 11, 25ff.) Die Weltzeit der Nationen geht durch Gerichtskatastrophen zu Ende, die dem ewigen Königreich des Gesalbten, dessen Tag nun gekommen, Platz macht. Im Geiste ist Johannes in diesen Tag versetzt: Er schaut die Vorgänge, die zu dieser Neuordnung der Dinge führen, denn dazu dienen die großartigen Gesichte, die er sieht.

Johannes selbst sollte durch diese Gesichte auch orientiert, getröstet und gestärkt werden. Der Blutdurst Neros hatte dem grausamen Verfolgungswahn Domitians Platz gemacht. Die Stunde der Gemeinde schien geschlagen zu haben, und Johannes schmachtet in der Verbannung. Nun erscheint ihm Jesus in himmlischer Majestät, angetan mit Machtgewalt (Kap. 1, 12ff.) Er sieht, wie ihm die Besitzurkunde zu seinem Thronesrecht feierlich übergeben wird (Kap. 4 u. 5.) Zu Ende geht’s mit aller Weltherrlichkeit und Satansmacht (Kap. 6 – 20 ). Ein Neues entsteht vor seinen entzückten Augen (Kap. 21, 22). Gott ist groß und herrlich, und sein Reich hat er seinem Sohne gegeben.

Dieses ist der Inhalt des wunderbaren Buches. Darum ist vorangestellt das alte Gottesprogramm aus Daniel und Sacharja, das nun zur Ausführung gelangt. Die letzte Jahrwoche des vierten Weltreiches mit ihrem gewaltigen Gerichtsinhalt entrollt sich vor unseren Augen. Das ist die endgeschichtliche Betrachtungsweise der Offenbarung, dessen Verständnis sich nun in einfacher Weise darbietet.

Wir glauben, dargetan zu haben, dass die endgeschichtliche Betrachtungsweise der Offenbarung zwei gewichtige Gründe für sich hat, einmal negativ, weil jede andere sich als verfehlt erweist, sodann positiv, weil sie Schriftaussagen für sich hat. Nebenher lassen wir die reichsgeschichtliche Betrachtungsweise insoweit gelten, als eben in dem Buche die treibenden Mächte von Weltreich und Gottes Reich herausgestellt sind, die allezeit im Gegensatz zu einander stehen, der endlich zum lodernden letzten Kampf auswächst. Nur ist der Begriff „Reichsgeschichte“ zu weit, wenn ihm ein Umfang beigelegt wird, der alle Epochen der geschichtlichen Auswirkung dieses Gegensatzes umschließt. Hält er sich in der durch die Offenbarung gegebenen Wortbezeichnung vor, nicht in der Sache.

Haben wir damit den Schlüssel für das Verständnis des wunderbaren Buches gefunden und den Standort gewonnen, von dem aus eine Anschauung der Dinge so möglich ist, wie sie das Buch darstellt, so ist es an uns, das nun dargebotene Gesichtsfeld endgeschichtlich festzuhalten. Das ist von Vertretern dieser Betrachtungsweise unbegreiflicherweise nicht immer geschehen. Sie haben andere, fremde Umstände hineingetragen und damit das Verständnis verwirrt. Das Wort aber lässt sich dies niemals ungestraft gefallen.

Es kommt also für das Verständnis alles darauf an, folgerichtig, textinhaltlich zu bleiben. Geben wir näher an, was damit gemeint ist. Johannes schaut nacheinander Gesichte, die Zeitverhältnisse am Ende der Tage darstellen. Er ist im Geiste in die Geschehnisse am Tage des Herrn versetzt. Er sieht also die Vorgänge von dem Zeitpunkt aus, von dem er weissagt. Auch ihm ist der Standort der Zeit nach verrückt. Dieser ist nicht der Stand- und Zeitpunkt, in dem er lebt, sondern der der Gesichte, die er schaut. Johannes war der Gegenwart entrückt; er lebte und schritt fort mit der Vision, die er empfängt. Was er als zukünftig beschreibt, ist immer eben gemessen an dem Zeitpunkt der Vision, die er empfängt. Was er als zukünftig beschriebt, ist eben in dem Zeitpunkt, den das Gesicht darstellt, gegenwärtig oder zukünftig.

So einfach und selbstverständlich dies ist, so wichtig ist es für das Verständnis des Offenbarungsbuches. Das ist es aber, was nun so wenig beachtet worden ist. Man hat Dinge, die zeitlich zusammengehören, nach eigenem Belieben auseinander gerissen, Einfalt, ohne vorgefasste Meinung, verstanden sein, so schwer dies uns überklugen Menschen auch fällt. Sie behält immer Recht, wenn auch das, was wir uns vorstellen, mit ihr nicht im Einklang steht. Wir wollen aber das Gesagte wieder an zwei Beispielen klar machen, ohne uns auch bei diesen länger aufzuhalten, als dies zur Verdeutlichung der aufgestellten Auslegungsregel nötig ist. Wir geben bei unseren allgemeinen Fingerzeigen keine nähere Behandlung des Stoffen; dies ist Sache der Auslegung selbst.

Das erste Beispiel. Inmitten des herrlichen Buches findet sich ein Kapitel von besonderer Schönheit und tiefe. Alle Ausleger messen ihm besondere Bedeutung bei; viele lassen mit diesem Kapitel einen neuen Abschnitt für die Einteilung des Buches beginnen. Es ist dies das zwölfte Kapitel. Johannes schaut ein „Zeichen“ im Himmel. Das Wort symeion, Zeichen, was auch soviel wie Bild, Symbol, Sinnbild bedeutet, ist ein Wort, das uns schon aus Kapitel 1, 1 vertraut ist, wo gesagt ist, dass die Offenbarung Jesu Christi durch seinen Engel dem Johannes in Zeichen gestellt sei (Luther: „hat sie gedeutet“). Das Wort bedeutet, wie wir früher gesehen haben, dass es sich um eine Versinnbildlichung dessen handelt, was Johannes sinnenfällig schaut. Die Bildsprache ist die Gottessprache des Buches.

Hier ist aber zum ersten Male gesagt, dass das Zeichen, das Johannes im Himmel schaut, ein „grosses“ Zeichen sei; darauf liegt die Betonung. Nur noch einmal wiederholt sich diese eigenschaftliche Bezeichnung und zwar in noch stärkerer Betonung wie hier, nämlich in Kap. 15,1, wo Johannes die Sänger am gläsernen Meer schaut. Da heißt es: „Und ich sah ein anderes Zeichen um Himmel, das war groß und wundersam.“ Beide großen Gesichte stehen, nebenbei bemerkt, in naher Beziehung zueinander.

Was sieht Johannes in Kapitel 12? Ein Weib in wunderbarer, himmlischer Pracht. Der Sonne Glanz ist ihr Gewand, der Mond ihr Fußschemel; auf dem Haupte strahlt ein leuchtender Sternenkranz. Dies Weib befindet sich in quälenden Geburtswehen. Und es gebiert. Ein Sohn wird geboren, mit Nachdruck ein männliches (sachlich) genannt, offenbar, um ein mannhaftes Kraftvermögen, das ihm eignet, anzuzeigen. Wie sich weiter zeigt, ist dieser Sohn eine Kollektivperson, d. h. eine Vielheit von Personen, das Erhabenste und Herrlichste, was bis jetzt hervorgebracht worden, eine Anbruchs- Erstlingsfrucht, wie sie bisher nicht zur Erscheinung gekommen.

Gleichzeitig schaut Johannes ein anderes Zeichen; also vor uns ein Doppelgesicht. Der DRACHE tritt auf; es ist dabei gesagt: „Der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas.“ Er weiß augenscheinlich, was nun für ihn auf dem Spiel steht, dass seine Stunde geschlagen hat. Ein Engelkampf entsteht im Himmel, und der Drache wird hinabgestürzt auf die Erde. Er ist nun in großem Zorn, „da“, wie ausdrücklich gesagt wird, „er weiß, – dass er jetzt nur noch wenig Zeit hat.“ Diese will er ausnutzen, und er geht aufs Ganze. Es beginnt die schreckensreichste Periode auf Erden, und sofort erscheint gleich im folgenden Kapitel 13 das Tier auf dem Plane, sein Ebenbild. Was im Himmel in aufeinanderdrängenden Bildern geschaut worden ist, setzt sich auf Erden fort. Gottes Ratschluss geht dem Ende zu. Die Neuordnung der Dinge, die Ablösung der Gemeinde durch Israel, als dem neuen heilsträger der Welt, wird eingeleitet. Gewaltiges ist im Anzug; das merkt man aus der Darstellung.

Wer ist das Weib, das mit einem Male erscheint? Wer dieser Männliche, dem eine große Aufgabe zugewiesen? Leichthin werden die Ausleger damit fertig. Ganz einfach, sagen sie, hier ist die Geburt Jesu gemeint. Man merkt nicht, dass man die endgeschichtliche Betrachtungsweise damit durchlöchert und inkonsequent den Standpunkt der Zeitgeschichte Johannes einnimmt, ja zeitlich noch weiter zurückgeht, denn die Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleisch lag schon längst zurück.

Mit einer durch die Kunststücke leichthin zustandegebrachte Auslegung fördert man nicht das Verständnis des Buches der Weissagung. Gewiss, es erfordert Nachdenken; vor allem ein Versenken in den ganzen Schriftgehalt, aus dem heraus auch dieses große Gesicht nicht unverständlich bleibt. Schon im alten Prophetenwort ist der einfach Sinn desselben gegeben. Johannes selbst bedarf keiner Erklärung; sie wird ihm daher nicht gegeben. Ihm ist dieses große Gesicht klar, und er sieht den Drachen streiten „mit den übrigen VON IHREM SAMEN, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu Christ“.

Das zweite Beispiel. Wir entnehmen es dem folgenden 13. Kapitel. Johannes sieht das Tier aus dem Meere aufsteigen. Es hat 7 Häupter und 10 Hörner. Satan gibt ihm seine Macht und seinen Thron. – Wer ist das Tier mit den 7 Häuptern? Offenbar ist Johannes diesmal selbst in Verlegenheit. Gewiss, das Tierwesen war ihm aus Daniel 7 bekannt. Aber es erscheint dort anders. Neu sind die 7 Häupter. Was aber bedeuten diese 7 Häupter? Einer der Engel beeilt sich diesmal dem Johannes die Erklärung zu geben, deren er bedarf, deren auch wir bedürfen, weil hier das alte Prophetenwort versagt. Die Erläuterung finden wie in Kap. 17 und es ist gut, dass sie hier gegeben ist. Es wird dort gesagt und erklärt: „ Die 7 Häupter sind 7 Könige; 5 sind gefallen und das Tier selbst ist der achte und ist einer von den sieben.“

Was haben aber selbst Vertreten der endgeschichtlichen Betrachtungsweise, die gewohnt sein sollten endgeschichtlich zu denken, aus der Erklärung in Kap. 17 gemacht? Sie können sich nicht in ihr zurechtfinden, so einfach sie ist, wenn man nichts Fremdes hineinträgt. Schnell gehen sie hin und vertauschen das Wort basileis = Könige mit dem Wort „Reich“. Nun hat aber zum Unglück Daniel nicht von 7 oder 8, sondern nur von 4 Weltreichen geredet und gesagt, dass das 4. Weltreich das ist das römische, das letzte sei und dies dem ewigen Reich des Menschensohnes Platz machen werde. Große Verlegenheit! Aber man weis sich zu helfen. Man sagt: die Weltreiche sind in dem Buch Daniel nicht vollständig angegeben! Also man korrigiert schnell dies Buch und nimmt Assyrien und Ägypten hinzu und hat dann glücklich sechs zusammen. Nun fehlt aber noch ein Weltreich oder gar zwei. Auch da weiß man sich zu helfen: Karl der Große und Napoleon haben die fehlenden zwei Weltreiche gegründet. Als wenn das stimme! Aber die mangelnde Geschichtskenntnis verschlägt bei ihnen nichts. Und man lässt Nero oder Napoleon später aus dem Abgrund kommen! Hier rächt es sich, dass man sich nicht klar geworden ist über den Zeitpunkt der Vision, die er schaut.

Und die Offenbarung sagt so einfach, die 7 Häupter sind Könige. Könige, die einer, der achte – schon einmal als der fünfte die Herrschaft empfangen – der Antichrist leibhaftig ist, – eine unruhige Zeit! Alle 7 Könige und Machthändler sind Zeitgenossen und tragen Namen der Lästerung. Namen bedeuten immer Wesenseigenschaften. Die Wesenseigenschaft dieser Kreaturen des Bösen und Weltbeglückers wird Lästerung Gottes und alles göttlichen, die vollendete Gesetzlosigkeit sein. Hier muss sich das letzte Geheimnis des Bösen und Widergöttlichen enthüllen, damit es mit ihm zu Ende komme. Nur kurze Zeit, eine halbe Jahrwoche, 3 ½ Jahre, 42 Monate, 1260 Tage, genau gemessen, ist dieser letzten Phase des großen Weltdramas von dem bestimmt, der über allem steht. So steht’s geschrieben.

Wir erkennen nicht, dass es einen Anreiz bietet vorzeitig das heilige Buch der Offenbarung zu entschleiern und das, was am Ende der Tage kommen wird, nach Ort und Person vorweg zu nehmen. Gewiss, es gewährt reiche Belehrung, den großen Gottesgedanken in diesem Buche nachzudenken. Die Weissagungen sind unser. Wenn ihre Zeitumstände eintreten werden, werden die Einsichtigen schon großen Verstand finden und die geoffenbarten Dinge mit den Händen greifen können; es wird vor ihren erleuchteten Augen alles offen liegen. Inzwischen gebührt uns Bescheidenheit. Schon im Schoße der Gegenwart ruhen die kommenden Dinge, die da aufbegehren, Gestalt anzunehmen. Die Zeichen der Zeit vermögen wir im Lichte dieser Weissagung zu beurteilen; der Kurs, wohin alles steuert, ist hier gezeichnet. Wir wissen, was es mit den Gärungen der Gegenwart auf sich hat. Der Geist der Gesetzlosigkeit und Anarchie drängt nach Gestaltung, und wir halten den Blick klar für die Entwicklung, die sich offenbar mit rasender Eile vor unseren Augen vollzieht. Es ist an uns, uns unbefleckt zu erhalten von allem Wesen der Welt.

4. Gliederung des Buches.

Nach starren Regeln menschlicher Logik (Denklehre) ist das Buch der Offenbarung nicht geschrieben. Es ist eine höhere, göttliche Logik, von der die Darstellung und Anordnung seiner großen Gedanken getragen ist. Was von jeder heiligen Urkunde Gottes gilt, findet auf dies Buch besondere Anwendung, nämlich, dass nur der es recht auslegen kann, durch dessen Eingebung es geschrieben ist: der Geist Gottes. Hier heißt es: „Wer Verstand hat,“ nämlich geistliches, vom Geiste Gottes erleuchteten Verstand.

Daher kommt es, dass, sobald der eigene, kleine Verstand des Menschen an dies göttliche Buch sich heranmacht, lauter Verwirrung angerichtet wird. Gerade so, wie man, um die Bestandteile einer duftenden Rose kennen zu lernen, diese mit rauher Hand zerpflückt, während ihre Form, ihre Farbe, ihr Duft, ihre ganze Schönheit und Fülle selber auf uns einwirken will. Lassen wir so die wunderbar geformte und gegliederte Weissagung zu uns reden, versenken wir uns in die tiefen Gedanken dieser himmlischen Offenbarungen, so wird die ganze Schönheit logischer Gliederung und zweckvoller Anordnung uns zu Bewunderung fortreißen und der Lebenshauch aus der stillen Ewigkeit wird unsere gesättigte Seele schwellen lassen.

Was hat menschlicher Aberwitz bei diesem Buche nicht alles geleistet! Und wie ist er bei ihm zuschanden geworden! Was der himmlische Meister in ihm uns gegeben, ist ein zu spröder Stoff für die Künste des Menschen. Gerade, wie diese Geschichte schreiben, so musste dies Buch es sich gefallen lassen, von ihnen angesehen und behandelt zu werden. Alles hübsch aneinander gereiht, wie sich`s zugetragen, alles fein aneinander geschnürt in der Reihenfolge der Geschehnisse ohne Verknüpfung der durch die Geschichte hindurchgehenden und eigentlich sie gestaltenden höheren, ewigen Gedanken. Nicht beherrscht vom Walten göttlicher Vorsehung. Bloße Zahlen und Daten, Namen und Begebenheiten ohne inneren Zusammenhang.

Nun schreibt Gott selber Geschichte, gar solche, die nicht einmal geschehen ist; die gewaltige Endphase des großen Menschheitsdramas, wie sie vor Gott als schon eingetreten und durchgeführt steht, alles in seinen ewigen Zusammenhängen, Ursachen und Wirkungen zur Einheit verknüpft, bestrahlt vom Lichte aus der oberen Welt, die letzten Gründe göttlicher Ratschlüsse, und in notwendiger Folge die irdischen Vorgänge. Der Himmel öffnet sich; der Abgrund tut sich auf, und die Erde erschauert ob dieser gewaltigen Dinge. In den unentwirrbaren Verwicklungen dieser Dinge hält der Allherrscher selber die Fäden in der Hand. Auf den unruhig bewegten, hin und her geworfenen Wogen des gepeitschten Meeres entgleitet ihm nicht das Steuer. Ein Gottesplan waltet über dem Ganzen. Offen liegt er zutage. Zielsicher wird er durchgeführt. Zeichen vom Himmel und Erscheinungen auf Erden miteinander verbunden, alles organisch gegliedert und verwoben. So schreibt Gott Geschichte; den Griffel führt seine Meisterhand. Wahrlich eine Geschichtsschreibung, von der kleine Menschen etwas lernen können! Aber nur Gott kann so Geschichte schreiben, denn selber macht er sie. Und dies Buch ist unser.

Arme Menschen plagen sich nun in müder Arbeit, dieses ungewohnten, gewaltigen Stoffes Herr zu werden. Schweres Rüstzeug der Gelehrsamkeit wird herangeschleppt. Der Pionierdienst der Grammatik und das Kleinfeuer der Exegese müssen das Verständnis sturmreif machen; vergilbte Annalen alter Geschichte das Gesichtsfeld klären. Gilt es denn, eine verschlossene Festung einzunehmen? Hat uns das Buch nicht selber die Eingänge gezeigt, die zu seinem wunderbaren Inhalt führen?

Wenn es gelingt, herauszufinden, welche Idee der eigenartigen Anordnung des Buches zugrunde liegt, wie sich die Darstellung gliedert, dann ist – so sagt man – viel gewonnen, ha der Schlüssel gefunden. Gewiss, ein leichter Schleier ist über das Buch gelegt. Es soll von profanen Händen nicht entweiht werden. Aber hinter diesem Schleier entzückt das erleuchtete Auge lichthelle Klarheit. Die Dinge liegen geordnet vor uns, wie Gott sie geordnet hat.

Er weiß, dass wir große Kinder sind und wenig verstehen. Engelshände haben darum die Hand im Spiele gehabt, uns die Dinge auseinander zu legen, damit wir sie fassen können. Wo es allzu schwer war, wurde von diesen Boten aus himmlischen Höhen, denen die Einsicht verliehen, das Geheimnis gelüftet und deutlich erklärt, wie wir dies beispielsweise im 17. Kapitel finden.

Umrahmt von vielen und mancherlei vorbereitenden und ergänzenden Zwischengesichten sind uns in Kap. 6, 8 und 9, sowie 16 drei große Gesichtsreihen der Siegel- , Posaunen- und Schalengerichte gegeben. Man merkt es, dass es mit diesen eine besondere Verwandtnis hat, dass sie das feste Stützgerüst für die göttliche Enthüllungen abgeben sollen.

Die Auslegung hat dich denn auch an diese drei Gesichtsreihen mit ihrer Siebenzahl, um die sich die Nebengesichte gewissermaßen als erklärende Einzelbilder, ohne die der Anschauungsunterricht nicht zum Ziele kommen würde, gruppieren, mit Vorliebe herangemacht.

Man sagt, solange die Möglichkeit besteht, das Ganze etwa so in Einklang zu bringen, dass dies als eine in sich fortlaufende Geschichte erscheint, die gleich, wie alle diese Gesichte aufeinander folgen, auch in ihrem zeitlichen Verlauf sich abspielen könne, – solange sind wir nicht berechtigt etwas anderes anzunehmen, als dass uns in dem ganzen Buche von Kap. 4 ab eine zeitlich geordnete Geschichtsfolge vorgeführt wird, und die Vorgänge sich auch genau so der Reihe nach geschichtlich entrollen, wie sie da stehen. Diese Gliederung hat man die chronologische (zeitlich geordnete) genannt.

Diese Auffassung hat den Vorzug der Einfachheit. Nun ist aber, wie wir schon gesehen haben, dies Verfahren der Auslegung bei einer zeit- und kirchengeschichtlichen Betrachtungsweise des Buches missglückt. Es wollen die sich hier in Betracht kommenden Zeitumstände mit dem Offenbarungsinhalt einmal nicht decken. Ebenso wenig, wie die bei einer Gebirgsreise sich auftuenden Landschaften und Panoramas sich decken mit der Karte eines Reiseführer, die zwar von Kundigen gezeichnet sind und nebenher über interessante Punkte deutliche Bildwerke bringen, aber geographisch ganz andere Gebietsteile darstellen. Trotz des guten Reiseführers in der Hand muss die Orientierung versagen. Hier und da mögen Ähnlichkeiten der Zeitgeschichte des Sehers Johannes und der Kirchengeschichte im ganzen mit der Endgeschichte am Ende des Zeitalters sich finden, sind doch die in allen diesen Zeitläufen wirkenden Potenzen (Mächte) die gleichen; aber in dem Ausmaße, wie Johannes die Dinge schaut, lassen diese sich in jene nicht einzwängen. Ein Geschichtskompendium jeder Zeitläufe ist das Offenbarungsbuch nicht. Dies selbst gibt es als was anderes an. Was der Herr in seinen letzten Erdentagen in längerer Rede zu seinen Jüngern gesagt, das setzt er nun den Seinen vom Himmel her fort, von den Dingen der Aufrichtung seines Reiches am Ende der Tage. Das ist es, worauf das Buch abzielt, worauf es zuletzt ankommt.

Also, sagt man nun weiter, es muss versucht werden diese Endgeschichte selber, wie sie gezeigt wird, in die chronologische Reihenfolge einzustellen. Vielfach ist dies nun geschehen. Mit wenig Erfolg. Entweder muss eben konsequent, in stetiger Folgerichtigkeit, die chronologische Deutung durchgeführt werden können oder aber, sie liegt nicht im Sinne des Buches. Jene Konsequenz wird aber, wie wir noch sehen werden, im Buche selbst gar sehr durchlöchert. Die von uns Menschen beliebte mechanische Art geschichtlicher Chronologie will bei der Arbeit der Darstellung der Offenbarung nicht glücken. Wir müssen es aufgeben, sie so zu lesen, wie Kinder es mit einer schönen Perlenschnur machen, wo sie an einem Faden entlang hübsch Perle an Perle durch kleine Finger gleiten lassen.

Wie der Lehrer einen schwierigen Lehrstoff dem geringen Verständnis der Schüler anpasst und diesen entfaltet, indem er denselben zunächst in fasslicher Übersicht darbietet und dann zur Entwicklung eben derselben Stoffmasse fortschreitet, bis diese in ihren Einzelheiten zutage liegt, so verfährt hier der himmlische Meister. Er will die Endphase einer Geschichtsentwicklung vor Augen führen, die da anlangt, wo eine Neuordnung der Dinge eintritt, auf die es nach dem Ratschlusse Gottes angesehen ist, da wo gottgeordnete große Zeitläufe sich schneiden. Denn es soll nicht zu Ende gehen mit aller Geschichte, sondern eine neue, höhere folgen. Das ist die Geschichtsanschauung unseres Buches, der Wirrwarr dieser Zeit nicht das Letzte im Plane Gottes.

Es gibt nun zuerst ein allgemeines, einfaches Anschauungsbild und stellt dies alsdann unter neue Gesichtspunkte, um die in ihm zunächst noch verborgenen Momente nach und nach immer deutlicher hervortreten zu lassen, bis das Ganze gegliedert, nach dem reichen Inhalt zur Anschauung gelangt ist. Ein Verfahren, wie es ein Baumeister anwendet, wenn er von dem zu errichtenden Bauwerk Ansichtszeichnung, Schnittzeichnung und Darstellungen einzelner Teile gibt, weil er auf anderem Wege den ganzen Bauplan nicht zur Anschauung bringen kann. Oder ein Verfahren, wie es Schriftstellen und Redner anwenden, die zunächst eine allgemeine Disposition des Denkgegenstandes geben und dann in die spezielle Entwicklung der Gedanken, Abgrenzung der Begriffe und Darstellung der Zusammenhänge derselben eintreten – das sogenannte synthetische Verfahren –, bis eine Klarstellung der These, des Gedankens, vorliegt und das, was sie sagen wollen, anschaulich dargestellt ist. Genau so, wie es der Tondichter macht, wenn er zuerst das Thema erklingen lässt und dies dann in den folgenden Variationen durchführt, bis das, was darin liegt, zur Erscheinung gekommen ist.

Dies Verfahren auf das Buch der Offenbarung angewendet, hat man das zyklische (nach Kreisen geordnet) genannt, auch die Gruppen- Theorie oder Rekapitulations- (Wiederholungs-) Theorie. Gehen wir darauf näher ein.

Fassen wir die drei Gesichtsreihen, die der Struktur des Offenbarungsbuches das feste Gerüst geben, näher ins Auge und vergleichen wir diese miteinander. Hierbei wird sich ergeben, ob wir es mit einer Chronologie der Darstellung, mit einer zeitlichen Reihenfolge der Geschehnisse, die bis Ende des Buches fortlaufend hindurchgehen, zu tun haben, oder ob wir genötigt sind, eine Gruppentheorie der Darstellung anzunehmen, wo diese in einzelnen, für sich selbständigen Zyklen (Kreise) die gewaltigen Wiederholungen des Gesagten sondern in neuer, erweiterter Auflage, getragen von neuen Anschauungen, die wieder andere neuen Umstände des großen Geschehens ins Licht setzen.

Es gezeichnet zunächst den großartigen und einzigartigen Charakter des wunderbaren Offenbarungsbuches, dass alle diese drei Geschichtsreihen eingeteilt werden von Gesichten und Zeichen, die Vorgänge im Unsichtbaren, im Himmel selbst, darstellen. Damit ist angezeigt, dass das, was sich in den Siegel-, Posaunen- und Schalengerichten auf Erden angespielt, seine Ursache in göttlichen Ratschlüssen findet. Was oben schon feststeht, als ewig, ruhende Realität vorweg genommen wird, vollzieht sich hier unten im Fluss zukünftiger Begebenheiten.

Sehen wir darauf die drei Gesichtsreihen an. Zuerst die Siegelgerichte in Kapitel 6. Voran geht die alles Dagewesene überbietende Thronversammlung in Kapitel 4 und 5. Den Davidsprossen und Löwen aus Juda, dem geschlachteten Lämmlein, wird unter Zujauchzen der Himmelheere die Besitzurkunde seiner Herrschaft übergeben. Das Lämmlein selber ist es, das die Siegel öffnet und damit die Ausführung in die Hand nimmt. –

Sodann die Posaunengerichte in Kapitel 8 und 9. Voran erscheint in Kapitel 8, 3 ff. der goldene Altar (Räucheraltar) vor Gottes Thron. Die Gebete der Heiligen, in Vollmacht des Namens Jesu dargebracht, steigen auf vor Gott und bewirken die Vollstreckung bisher aufgehobener Gerichte, die zu seinem Kommen und zur Übernahme seiner Herrschaft überleiten.

Endlich die Schalengerichte in Kapitel 16. Voran geht nach mehreren Zwischengesichten, die erläuternd eingeschoben sind, in Kap. 15 eine himmlische Vorfeier, bei der am gläsernen Meer das Jubellied der Erlösung das Lied Mosis und des Lammes, angestimmt und der Sieg des Allherrschers, des Heiligen und Gerechten verherrlicht wird. –

Noch einmal wollen wir diese drei Gesichtsreihen vor unseren Augen vorüberziehen lassen. Diesmal nicht, womit sie eingeleitet werden, sondern wie sie sich in ihrer letzten Auswirkung darstellen. Hierbei kommen wir nicht daran vorbei festzustellen, dass tatsächlich jedes Mal die Darstellung am Ende anlangt, wie auch die einzelnen Gesichtsreihen vorher jedes Mal neu an einem Anfange begonnen haben. Die chronologische Weiterführung versagt bereits, da auch andere Umstände gegen sie sprechen, was der aufmerksame Leser unschwer bemerkt.

Das 6. SIEGEL führt den Zusammenbruch herbei. Das ganze Weltall kommt ins Wanken. Das gleich einem Zelttuche aufgespannte Himmeltuch reißt sich ab und entweicht. Alles Bewegliche weicht von seinem Ort, und die großen der Erde ergreift bange Verzweiflung. Es ist ganz gleich, ob wir diese Schilderung buchstäblich oder sinnbildlich fassen. Wie der Feigenbaum vom Winde geschüttelt, seine welken Feigen abwirft, so fällt der Weltbestand in den Staub. Es ist das Ende aller Erdenherrlichkeit und damit des Menschen. – Nach Eröffnung des letzten 7. Siegels Kapitel8,1 tritt feierliche Stille ein, offenbar Sinnbild der Sabbatruhe, die nun beginnt.

Die Gesichtsreihe der Posaunengerichte in Kap. 8 und 9 stellt dies nun deutlicher dar; sie gibt die Probe auf das Gesagte. Die Vision der 6. Posaune bringt ein Ehe über die Welt, das nicht mehr zu überbieten ist. Das ganze Höllenheer, zwei Myriaden mal Myriaden, geführt von ihrem Fürsten, ist aus dem Abgrund losgelassen auf die abtrünnige, gerichtsreife Welt, und ein Drittel wird getötet. Eine Hölle schon hier auf Erden. Diese Schreckenszeit ist alles überwältigend. – Bei der letzten 7. Posaune Kapitel 11, 15 – 19 hören wir Jubel im Himmel: „Geworden ist das Königreich der Welt unseren Herrn und seines Gesalbten! Wir danken dir, dass du angenommen hast deine große Macht und angetreten deine Herrschaft!“ Schon vorher hörten wir den Schwur des Engels: „Eine Frist wird nicht mehr sein, sondern in den Tagen der Stimme des 7. Engels, wenn er sich anschickt zu posaunen, ist auch das Geheimnis Gottes vollendet, wie er es seinen Knechten, den Propheten verkündigt hat.“ (Kap. 10,7) Wir sind wiederum am Ende angelangt und alte Prophetenworte, die von einem Neuen geredet werden Wirklichkeit.

Nun die dritte Gesichtsreihe der sieben Zornschalengerichte in Kapitel 16. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die sieben einzelnen Schalen unverkennbar große Ähnlichkeit haben mit den entsprechenden einzelnen sieben Posaunen. Dies ist von namhaften Auslegern auch anerkannt und nachgewiesen. Das nötigt zu dem Schlusse, dass entweder die sieben Schalen Gerichtsheimsuchungen darstellen, die gegen das Ende hin eine Wiederholung der Posaunengerichte, wenn auch – was allerdings nicht gesagt, auch nicht zu erkennen ist – vielleicht schwerer und räumlicher ausgedehntere (wobei aber wieder der Umstand der gleichen Reihenfolge auffallen müsste) darstellen, oder aber, dass wir es mit den selben Gerichtsheimsuchungen wie wir sie bei den Posaunen beobachten, zu tun haben, die nur unter einer anderen Disposition, von einem anderen Standort aus in neuer Beleuchtung geschaut werden. Nun hatten aber die sieben Posaunen die Entwicklung schon bis zum Ende hin durchgeführt und die Darstellung erlaubt es uns, dies auch von den sieben Siegeln anzunehmen. Es bleibt eben nichts anderes übrig, als eine zyklische Darstellungsweise der Offenbarung anzunehmen, wobei wir daran festhalten müssen, dass sie uns in einer anderen Form und Art den reichen Inhalt nicht vermitteln konnte, ohne das Verständnis zu verwirren.

Sehen wir aber, wie auch die sieben Schalengerichte in ihrer letzten Auswirkung sich darstellen. Das sprachliche Bildwerk der 6. Schale ist allerdings neu gegenüber dem der 6. Posaune; aber nicht der Inhalt. Beide male öffnet sich der Abgrund; beide male entsteigen ihm Verderbens- und Verführungsmächte. Diesmal schaut Johannes nicht Heuschreckenschwärme, Dämonen und Plagegeister groß an Zahl, sondern nur drei unreine Frösche, die zwar ebenfalls Dämonen als bezeichnet werden, aber nach der Mission, die sie zu erfüllen haben und nach der Art, wie sie auftreten, drei Oberhäupter des Abgrundes mit besonderer Intelligenz und Einflussmacht sein müssen. Das sie dabei als unreine Frösche, die im Morast heimisch sind, sich aufblähen und die Luft mit hohlem Lärm erfüllen, bezeichnet werden, soll gewiss nur die ganze Verworfenheit, teuflische Überhebung und dreiste Großmäuligkeit, kennzeichnen. Dem entspricht ihre Wirksamkeit. Sie gehen aus Ganze. Sie sind es, welche „die Könige zur Schlacht des großen Tages Gottes“ zusammenbringen, den letzten Schlag wider Gott und seinen Gesalbten organisieren, der aber, wie wir Kapitel 19, 1 ff. sehen, dessen endlichen Sieg herbei führt und mit der Satansgewalt auf Erden Schluss macht. – Bei der Ausgießung der letzten 7. Schale erschallt vom Throne her, genau wie bei der 7. Posaune in Kapitel 11, 15 ff., die gewaltige Stimme: „Es ist geschehen!“ Die drei Worte! Ein zweites: „Es ist vollbracht!“ Babel fällt, wie schon Kapitel 14, 6 ff. von oben her in einem Zwischengesicht verkündigt, und dieser Fall ist so bedeutsam, dass er zwei ganze Kapitel (17 und 18) einnimmt. Die Herrlichkeit aller gottfremden Kulturen ist vorbei. Es erschallt Kapitel 19, 1 ff. im Himmel myriadenstimmig das große Halleluja: „denn die Königsherrschaft hat ergriffen der Herr, Gott, der Allherrscher.“ Der König aller Könige, angetan mit einem in Blut getauchten Gewand, tritt seine Herrschaft an. Der Schluss der ganzen Darstellung kommt wieder beim Anfang Kapitel 4 an. Wieder geht die Geschichte.

Fassen wir, nachdem wir die großartige Gliederung des heiligen Offenbarungsbuches in seinem Hauptgedanken vor unserem Auge vorübergeführt haben, das Ganze zusammen.

Eins ist vor allem klar, dass die Offenbarung wie die Schrift überhaupt, ein Organismus ist. In jedem Organismus entfaltet sich die Einheit. Das Einzelne ist aus dem Ganzen zu beurteilen, uns erst, wenn man das Ganze in sich aufgenommen, es überblickt, kann das Verhältnis der einzelnen Teile zum Ganzen logisch bestimmt werden. Das Einzelne erscheint genau an der ihm passenden Stelle eingefügt, so dass es an einer anderen Stelle sich nicht finden kann. Das Ganze beherrscht wieder seine Teile; diese sind schon in den ersten Anfängen mit allen sich aus ihnen herausgestalteten Bildungen keimartig enthalten. Daher kommt es, dass auch die Offenbarung vom Allgemeinen zum Besonderen fortschreitet und sie in ihrem Anfange bereits alles das enthält, was sie in dem folgenden Weissagungen auseinanderlegt und näher bestimmt. Gerade so, wie das Urevangelium im Paradiese vom Sieg des Weibessamens die folgenden Offenbarungen umschließt und wie das Neue Testament keimartig wieder im Alten Testament enthalten ist und von hier aus erst verstanden wird. – Bei der Schöpfung und bei dem Falle des Menschen war vor dem ewigen Gott die ganze Entwicklungslinie mir der restlosen Entfaltung aller nun gegebenen Potenzen (Mächte) klar gezeichnet, und nach den ihm innewohnenden Gesetzen muss das Ganze notwendig das, was in ihm liegt, geschichtlich darstellen und enthüllen. Das ist das, was die Idee des Organismus in sich beschließt.

In der Gliederung des Offenbarungsbuches findet sich, wie wir weiter gesehen haben keine einfache Rekapitulation (Wiederholung); diese Bezeichnung ist falsch. Nirgends wird hier etwas schon Gesagtes nackt wiederholt. Nicht wird in nachfolgenden Gesichten dasselbe, was früher ausgesagt, dargestellt. Jedes derselben hat vielmehr seinen eigenen, immer mehr dem Ende zu liegenden Offenbarungsinhalt, eben je näher es diesem steht. Es sind Bilder des Endes dieses Weltlaufs, zu Gruppen geordnet, deren Kreise nicht kongruent, genau aufeinander liegen, sondern die sich schneiden und übereinander schieben. Genau so, wie zu jeder Zeit Entwicklungen in einander übergehen, die vorangehenden die folgenden in sich tragen, sie vorbereiten und gestalten, so dass die neuen Entwicklungen die früheren wohl einschließen, dieselben jedoch weiter führen, hin bis zur Offenbarung alles Geheimnisse, die sie von Anfang in sich tragen. Die Entwicklung der Menschheit, der letzte Anprall der in ihre Schlummernden und wirksamen Gesetze und Grundsätze des Bösen wider Gott und seinen Gesalbten, das Ende aller Bosheitsmächte und der Triumph Gottes, die von alters her geweissagte Neuordnung der Dinge, der Abschluss des Alten und der Beginn des Neuen, – das ist der Inhalt des letzten Buches.

Gott ist es, der zuvor verkündigt, was hernach kommt, ehe es geschieht, und der da sagt: Mein Anschlag bestehet. Jes. 46. 10. Vor seinen Augen steht auch die Geschichte am Ende der Tage mit allem, was in ihr ist an Einzelheiten der Geschehnisse, als schon da, als schon geschehen. Er kennt die Mächte, die sie herbeiführen. Er hat sie in der Hand. Alle Nationen sind vor ihm wie der Tropfen am Eimer. Seine GÜTE hat ihn bewogen, den Seinen als seinen Freunden einiges zu offenbaren und sie dabei in die verborgenen Zusammenhänge dieser Dinge hineinschauen zu lassen, so wie sie vor ihm stehen. Er kennt die Mächte, die sie herbeiführen. Er hat sie in der Hand. Alle Nationen sind vor ihm wie der Tropfen am Eimer. Seine Güte hat ihn bewogen, den Seinen als seinen Freunden einiges zu offenbaren und sie dabei in die verborgenen Zusammenhänge dieser Dinge hineinschauen zu lassen, so wie sie vor ihm stehen. Seine Weisheit hat dies so getan, wie wir es in diesem Buche vor uns haben. Sie konnte es uns nur so vermitteln, wie es geschehen ist: die Dinge verhüllen vor Entweihung der Menschen, und so enthüllen, dass der erleuchtete Verstand sie klar erkennen kann. Mehr war nicht vonnöten.

Johannes schaute – und wir schauen mit ihm – unverhüllt hinein in die ewige Ratschlüsse Gottes, altbekannt aus den Propheten; aber neu geformt, ergänzt und erweitert. Er sieht hineinragen das Unsichtbare in das Sichtbare, sieht die ewigen Dinge im Himmel und ihre Erscheinung und Entfaltung auf Erden als Grund und Folge. Das, was ihm oben gezeigt, sieht er hier unten in leibhaftem Geschehen, aus dem einen das andere hervorgehend, Himmel und Erde nahe gebracht.

Wir können es und nicht versagen, das Ganze zusammenfassend, noch auf ein Wort hinzuweisen, das gleich zu Anfang des Buches steht und vielfach eine Auslegung erfahren hat, der wir uns nicht anschließen können, sondern ihm eine tiefere Bedeutung zuerkennen müssen. Es heißt Kapitel1, 19; „Schreibe, was du gesehen hast, was sie sind (nicht wie vielfach übersetzt: was ist; eisi ist Mehrheitsform; nämlich: die gesehenen Dinge) und was geschehen soll.“ Man ist bei der hergebrachten Übersetzung: „was ist“ meist schnell fertig geworden. Man hat darin einen Einteilungsgrund für den Inhalt des Offenbarungsbuches sehen wollen und zwar einmal in einen Teil dieses Buches, der auf die Gegenwart des Seher gehe, und sodann in einen Teil, der auf die Zukunft gehe. Gesagt wird nun, das, was ist, gehe auf die Gegenwart des Johannes, und hat zu seinem Inhalt das, was wir in den Sendschreiben Kapitel 2 und 3 vor uns haben, während das, was geschehen soll, sich beziehe auf den weiteren Inhalt des Buches von Kapitel 4 ab.

Diese Auslegung ist zu mechanisch, zu wenig geistlich; auch textwidrig, wie bereits angedeutet. Zunächst weist der Zusammenhang der Stelle offenbar auf etwas Wichtigeres hin, als darauf, einen bloßen Fingerzeig für die Einteilung des Buches zu geben, für eine Inhaltshälfte, welche die Gegenwart des Johannes und für eine andere, die seine ZUKUNFT angehen. Sodann ist, wie Kapitel 1, 4 ausdrücklich gesagt, dass Offenbarungsbuch nur an die sieben asiatischen Gemeinden, denen Johannes nahe stand und deren Sorge mit ihm in die Verbannung ging, adressiert, was mit besonderen Anschreiben geschehen sollte. Diese Schreiben hätten nun auch ebenso gut am Ende des Buches stehen oder in einer besonderen Sammlung und Schrift aus uns kommen können. Die Anschreiben an die Gemeinden haben eine Bedeutung, die auf einer anderen Seite liegen, als von jenen Auslegern angenommen wird; ihr ewiger Wert liegt wo anders. Mit einem bloßen Einteilungsgrunde kann obige Stelle nicht zu tun haben. Ihr Sinn ist offenbar folgender.

Johannes ist im Geiste am großen Ehrentage des Herrn, der das, was nach Gottes Ratschluss in ihn gelegt ist, zur Erscheinung bringen soll. Ob Hölle und Menschen auch anders wollen; sie müssen helfen, dass sein Rat zustande kommt. Das, was Johannes nun schaut, ist das, was im ewigen Sein, in himmlischer Wirklichkeit bereits vor Gott steht, das Feste und Unbewegliche, das vor ihm in göttlicher Gegenwart DA IST und seiner zeitlichen Erscheinung harrt. Das, was geschehen soll, nämlich in geschichtlicher Zeitfolge und im Fluss zukünftiger Begebenheiten, sind die Dinge, WIE SIE WORT GOTT SIND, wie sie Johannes im Himmel nun schaut und die nun geschehen müssen, weil sie schon in Gott ruhen. – Das ist der offenbare Sinn dieser Stelle.

Ja, das prophetische Wort steht auf sicherem Grund; es ist ein Festes, auf dieser Umstandsbestimmung liegt der Nachdruck. Himmel und Erde mögen zusammenstürzen; unmöglich ist es, dass Dinge, DIE VOR GOTT SIND, dass ein Wort, das diese enthüllt, das Los der Vergänglichkeit teilen. Dabei bleibts.

5. Zweck des Buches

Die Offenbarung ist die Krone der Bibel genannt worden. In ihr gipfeln alle Gottesworte. Hier ist der ganze Rat Gottes zusammengefasst. Was vom ersten Blatt an geredet, leuchtet aus diesem Buche überall hindurch. Kaum in wörtlicher Wiedergabe, aber im Gehalt. Alte bekannte Gottesgedanken, in uns vertrauten Bildern, kehren wieder. Weil so viele nicht zu Hause sind in den heiligen Urkunden des ganzen Bibelwortes, ist ihnen auch der Inhalt dieses Buches fremd.

Gottes Wort wird nicht wie ein Roman gelesen. Es ist ein Bergwerk, das seine Schätze in der Tiefe birgt. Diese müssen mit Mühe gehoben werden; aber sie lohnt sich. Unsere Erbauungsliteratur lässt vielfach zum eigenen Denken wenig übrig. Das führt zum Mangel an geistlicher Urteilskraft. Dieser ist bei vielen so vorhanden, dass sie nur noch dünne Wassersuppe vertragen. Mit ihr begnügen sie sich, die feste, aber gute Kost der Bibel sind sie nicht gewohnt. Gott hat es in allem auf unseren vollen Einsatz abgesehen. Selbst in der Schöpfung kommen wir nirgends hinter ihre verborgenen Gedanken und Gesetze, ohne dass wie es lernen, ihnen nachzugehen und sie ans Licht zu holen. Und die Schrift birgt höhere Gottesgedanken, die nur eindringender Beschäftigung sich erschließen; dann, wenn wir sie „hin und her bewegen“ in unserem Herzen. Die Krone der Bibel ist eben das letzte Buch, die Offenbarung Jesu Christi selbst.

„Selig ist, der da lieset (vorlieset) und die da hören die Worte der Weissagung.“ (Kap. 1, 3) Mit dieser Empfehlung wird das Buch eingeführt. Dass Offenbarungsbuch was zum Vorlesen in der Gemeinde, also zum öffentlichen Gebraucht bestimmt. Die Verheißung „Selig ist“ ist nicht Wunsch- sondern Aussageform. Es beruht auf inneren Gründen, dass der Segen als notwendige Folge sich da einstellt, wo es „gehört“, mit Aufmerken des Herzens vernommen wird. – Nicht sind auch die Worte der Weissagung ungewiss. Was im Ewigen da ist, steht hier vor uns. Darum ist am Schluss des Buches wiederum eine Empfehlung ihm mitgegeben, diesmal doppelt, Kap.21, 5 und 22, 6: „Diese Worte sind zuverlässig und echt.“ Dies Buch der Weissagungen enthält keine leeren Vorspiegelungen, nur wahrhafte, gewissen Worte. – Darum sind weiter am Ende Kapitel 22, 18. 19 auch so ernste Drohungen angefügt, die in ihrer Fassung an 5. Mose 4, 2 erinnern, wo Moses die durch ihn übermittelten Worte Jehovas dem Volk mit der Weisung übergibt: „Ihr sollt nichts dazu tun und nichts davon tun!“ Unverdorben sollen die Worte der Weisung bleiben durch Zutaten oder Streichungen armseliger Menschen. „ Wie wir mit Gottes Wort umgehen, so geht Gott mit uns um von Rechtswegen“, so hat Bengel gesagt. So sagte auch Paulus Gal. 1,8.9, wo er den Fluch herabruft auf den, der das Freudenwort vom Glauben anders predigt, denn er. Gottes Wort ist heilig und unverletzlich, und es gebührt uns, in Ehrfurcht dasselbe stehen zu lassen, wie es steht.

Das Offenbarungsbuch ist auch das Ewigkeitsbuch genannt worden. Es ist voll Ewigkeitsgedanken. Nirgends in der ganzen Schrift schauen wir so unverhüllt hinein in die ewigen Dinge wie hier. Was auf Erden geschieht, ist das, was im Himmel im ewigen Sein steht. Die Offenbarung lehrt uns des Glaubens Art, die nach Hebr. 11 darin besteh, dass wir Fuß fassen auf dem, das wir nicht sehen, als sähen wir es, dass wir so durch die sichtbare Welt schreiten, als wenn es nur eine unsichtbare Welt gäbe. Nicht wir schieben den großen Wagen der Geschichte. Menschen sind nur die Figuren auf dem Schachbrett der Welt. Auch alle Politik wird obern gemacht. Nichts darf uns kümmern; nur müssen wir aufhören, mit unserem kleinen Verstand die Zusammenhänge vorzeitig begreifen zu wollen. Was uns hier dunkel ist, wird sich einmal lichten. Gott wird Recht behalten und das letzte Wort reden. Gerade das Buch, welches das Ewigkeitsbuch ist, kann uns los machen von den Dingen der Zeit. In dieser Weltzeit wird der Wirrwarr immer andauern. „wem Zeit wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid, „ das ist es, was Bengel aus diesem Buche gelernt hat. In allem dunklen Zeiten haben Gottes Lieblinge in unserem Buche Licht gefunden und die heimatlosen Waldenser schöpften aus ihm Trost und Kraft. Wer in diesem herrlichen Buche heimisch ist, ist los von dem Wesen und trügerischen Schein der Welt. Sie ändert sich nicht; es ist ihr nicht möglich. Woran sich die Freunde Hiobs geplagt, zu lösen die Probleme göttlichen Regierens und Waltens, hier im Schlussbuch der Bibel liegen sie klar vor Augen zur Freude der Seinen. Wer sich hier orientiert, hat den Kompass für seine Wegfahrt gefunden. Unser Buch ist das Ewigkeitsbuch.

Auch ist die Offenbarung das Buch von der Gottesherrschaft genannt worden. Gottesherrschaft deckt sich mit dem Begriff Gottesreich. Wie die Gottesherrschaft stufenweise gegründet wird, tritt auch Gottes Reich in derselben Weise in die Erscheinung.

Einmal durch Niederwerfung aller Feinde. Diese ist dem Sohne übertragen. Er ist der Herrscher, dem alles unter seine Füße gelegt ist ( Ps. 8,4; Hebr. 2,7.) Auf Golgatha hat er dem Teufel das Handwerk gelegt. (Hebr. 2,14.) Darum erscheint er in unserem Buche 16 mal als das Lamm, das überwunden, als Lamm mit dem Schlachtzeichen, auf dem Plane. Nun hat unser Herr den Platz zur Rechten des Thrones eingenommen, damit alle seine Feinde unter den Fußschemel seiner Füße gelegt werden. (Ps. 110,1;Offenb. 1,13ff.) Der Titel zu seiner Herrschaft wird ihm in Kapitel 4 gegeben, die Durchführung sehen wir in Kapitel 20: Satan mit seinem Anhang ist im Feuersee (Gehenna); zugleich mit ihm alle die, deren Namen nicht im Buche des Lebens geschrieben sind. Der Feuersee ist das Letzte, was wir von denen sehen, die der Herrschaft des Sohnes beharrlich widerstanden, der ist ihr Bleibeort. Die Lehre von der Wiederbringung bekommt damit hier einen argen Riss. Aller Widerstand ist hin und endgültig gebrochen. Diese gewaltige Tragödie ist allerdings nur eine Seite in der Begründung der Gottesherrschaft.

Neben ihr her geht schritthaltend eine andere Arbeit, die dem Sohne Gottes übertragen ist. Er ist nicht nur gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören, sondern auch Leben und Unverweslichkeit ans Licht bringen. Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Es ist die durchgeführte Gottesherrschaft in der Neuheit des Lebens, in den neuen Menschen nach dem Typus des Sohnes Gottes in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Das Buch der Offenbarung lässt und in den letzten Kapiteln in ihnen den vollen Anteil an Gottes Wesen und Leben vollendet dargestellt sehen, weshalb viele Schriftforscher empfohlen haben, das Studium des Buches von hinten zu beginnen. Kap. 22,3.4 heißt es: „Verbanntes wird nicht mehr sein und seine Leibeigene werden ihm dienen; sie werden sein Angesicht sehen und sein Name wird an ihrer Stirn sein.“ Die durchgeführte Gottesherrschaft ist nicht mehr beladen mit dem Fluche des Bannes, und sie lässt den willigen, heiligen Dienst an Gott und die ewige Zugehörigkeit an Gott, den sie nun schauen – nicht von hinten, wie Moses, sondern von Angesicht -, deutlich hervortreten.

Diese vollendete Gottesherrschaft ist die Erfüllung des alten Prophetenwortes: „Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und Gott selber wird ihr Gott und bei ihnen sein.“ (3.Mose 26,12; Jer. 31,33ff. Hes. 37,27.) Aus diesem Grunde wird diese alte Weissagung in Kapitel 21,3 in wörtlicher Wiederholung eingefügt, um damit anzuzeigen, dass sie nun zur endlichen Erfüllung gekommen ist. Gott hat sein Wort eingelöst. was schon im Liede Mosis gesungen worden und die Psalmsänger begeisterte: „Der Herr wird König sein immer und ewiglich“, dieser vollendete Ausblick ist nun vollendete Wirklichkeit geworden.

Ein besonderer Zweck unseres Buches ist unverkennbar, die Durchführung dieser Gottesherrschaft, die von Anfang an im Ratschluss Gottes gestanden, zur Anschauung zu bringen. Durch das ganze Buch hindurch ist es die Ausführung dieses Gottesrates welche immer wieder unendlichen Jubel aller Himmelbewohner auslöst, bis er in den letzten Kapiteln in wunderbarer Wirklichkeit sich vor unseren erstaunten Blicken auftut.

Ein weiterer Zweck dieses Buches ist die Aufweisung des Ablaufes der gegenwärtigen Heilszeit und der hierzu führenden Ursache.

Die Gemeinde (ekklesia) ist herausgerufen und gesammelt. Die Vollzahl der Heiden ist eingegangen. Hat einst Gott der natürlichen Zweige des Ölbaums nicht geschont und Israel dem Gericht und der Verstoßung preisgegeben, so wird er nun des eingepfropften wilden Reises auch nicht schonen und seine Strenge über die Heiden ergehen lassen, nachdem sich ihre Abkehr von Gott vollendet hat.

In einem Zwischengesicht in Kapitel 14, 18ff. wird dieses neue richterliche Eintreten Gottes unter dem Bilde einer Ernte, das uns ohnehin aus der Schrift geläufig ist, dargestellt. Zugleich sehen wir hier, dass das Gericht nicht eher einsetzt, bis die volle Reife in der Lossagung von Gott eingetreten ist.

Einem Engel, der die scharfe Sichel in der Hand hält, wird der Auftrag, die Trauben „am Weinstock der Erde“ abzutrennen, „weil reif sind seine Beeren“. Eigentlich ist gesagt, dass die Beeren zur vollsten Reife, auf Spitze der Entwicklung angekommen, völlig reif, überreif geworden sind.

Wie Gott mit Israel einst lange Geduld gehabt und die volle Reife auch nach der Verwerfung des Gesalbten und der Abweisung der geistesmächtigen Predigt von Christo abgewartet hat, bis das Gericht einsetzte, so sehen wir es auch am Ende dieser Zeit der Heiden. Gott wartet lange. Er ist nicht so schnell zu Ende, wie wir ungeduldigen Menschen. Gerade dies will uns das Offenbarungsbuch zeigen. Selbst dann noch, wenn schon die Gerichtswogen fluten, haben die Schläge Gottes den Zweck, zur Buße zu leiten. Das geht hervor aus der wiederholten und betonten Bemerkung: „Die Menschen taten nicht Buße“. (Kap. 9,20.21; Kap. 16,9.11.) Also auch die Plagen laufen auf den Zweck hinaus, den Menschen zur Einkehr zu bringen, zu lassen von den bösen Werken und Gott die Ehre zu geben.

Schlimm muss es in den Tagen des Endes aussehen, wenn es trotz der furchtbaren Gerichtsschläge hierzu nicht kommt. In Kap. 9,20.21 werden Formen von Sünden genannt, die den ganzen sittlichen Tiefstand jenes Geschlechtes bloßlegen. Es sind die Hauptsünden eines von Gott losgerissenen Heidentums: Zauberei, Mord, Hurerei und Dieberei. Zauberei weist darauf hin, dass dann auch Dämonenkultus allgemein im Schwange gehen wird. Dazu werden Roheit, Fleischeslust und Mammonsdienste überhand nehmen. Jawohl, die Beeren sind überreif zur großen Kelter des Zornes Gottes.

Weil die Gerichtsschläge Gottes zugleich Gnadenheimsuchungen sein sollen, erhalten jene ein Gepräge und einen Umfang, die deutlich erkennen lassen, dass diese Plage von etwas anderem herkommt, denn von gewöhnlichen Naturvorgängen und allgemein menschlichen Verhältnissen. Wenn Gott redet, so redet er so, dass er verstanden werden kann. In Kap. 6 lesen wir beispielsweise beim 6. Siegel, dass die Menschen auf Erden rufen zu den Bergen: „ Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesicht des, der auf dem Stuhl sitzt und vor dem Zorn des Lammes; denn der große Tag seines Zornes ist gekommen und wer kann vor ihm bestehen? „ Wir sehen hier, dass die eingetretenen Dinge in ihrer Ursächlichkeit zusammenhängen richtig eingeschätzt werden.

Die Abkehr von Gott hat aber, wie wir gleichzeitig sehen, einen solchen Grad angenommen, dass sie es nicht zur Buße, sondern nur zu Verwünschungen kommen lässt. Gerade so, wie weltsatte Menschen heute schon unter Gerichtsheimsuchungen Gottes in dumpfer Verzweiflung lieber zum Selbstmord schreiten, als sich zu beugen unter die gewaltige Hand Gottes. Diese Erscheinung wird aber am Menschen allgemein ihren Stempel aufdrücken. Dieser Zustand wird erkennen lassen, dass die Beeren für die Zorneskelter Gottes überreif geworden sind.

Damit geht die gegenwärtige Heilszeit zur endlichen Gerichtszeit über. Die gottabgewandte Kultur hat auch ihre letzten Stadien erreicht, wie wir in dem Wehklagen über den Untergange von Babels Herrlichkeit Kap. 17 und 18 in erschütternder Weise sehen.

Inzwischen sind, wie wir in unserem Buche immer wieder schauen, allerlei liebliche Bewegungen unter dem Volk Israel aufgetreten, das nun wieder an die Reihe kommt und dessen Wiederannahme nichts Geringeres darstellt als ein Leben aus den Toten (Röm. 11,15.) Die Totengebeine reden sich, nehmen als Volksbestand Gestalt an, und durch das Anwehen des Odems Gottes werden sie lebendig. (Hes. 37.) „Ganz Israel wir errettet werden.“ (Röm. 11,26.) Das alte Prophetenwort Sach. 12,10, das dem ganzen Offenbarungsbuch in Kapitel 1,7 als Überschrift vorangestellt ist, findet seine Erfüllung: „Es werden ihn sehen aller Augen und die ihn durchbohrt haben und es werden (in heiligem Bußschmerz) wehklagen alle Stämme des Landes.“

Der Übergang der alten Heilszeit unter gewaltigen Gerichtskatastrophen in eine neue vollzieht sich, und nach dem Ende der Weltgerichte wird der Davidsspross die neue Segenszeit auf dieser Erde herbeiführen, von der die Propheten auf allen Blättern in so herrlichen Worten geredet haben.

Etwas länger verweilen müssen wir bei einem weiteren Hauptgedanken des Buches, der sich durch dasselbe wie ein roter Faden hindurchzieht, und zwar, wie unterschiedlich die Welt einerseits und die Heiligen andererseits in den Gerichten gestellt sind.

Was zunächst die Welt angeht, so ist bedeutsam, dass durchgehend ihre Unbußfertigkeit hervorgehoben wird. Dasselbe, was von den Menschen zurzeit der Sintflut gesagt wurde: „sie wollen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen.“ (1. Mose 6,3.) Nun aber bedeutet die Unbußfertigkeit jetzt mehr als damals. Sie ist hier das bewusste Widerstreben wider den Heiligen Geist, der im Worte und im Zeugnis der Gemeinde seine höchste Offenbarung gefunden, mit der Gott alle Mittel, die er zur Rettung des Menschen verwenden kann, erschöpft hat. Daher muss jetzt auch das Gericht eine andere und schärfere Form annehmen.

Diese Unbußfertigen wagen es, Gott herauszufordern, indem sie sich in der Hochspannung am Ende der Tage dem Diesseitigkeitssinn ganz überliefern, das Heil in gewaltsamer Auflehnung suchen und dabei in Menschenkultus untergehen. Nicht mehr Gott, sondern der Mensch ist das Maß aller Dinge. Nachdem Gott beiseite gesetzt ist, nimmt nun der selbstherrliche Mensch die Lenkung der Geschicke selber in die Hand, um zuletzt dem Übermenschen, der wirklich hervorgebracht wird, als dem Glücksbringer zuzujubeln. Zur rechten Stunde ist er da. Seine Offenbarungen, die endlich die volle Fleischesfreiheit bringen, sind für die entarteten Menschen Evangelium, sie huldigen ihm, und sie sind froh, allem Zwang von Sitte und Anstand, Ordnung und Autorität entgangen zu sein. Mit der Marke des Gesetzlosen ist alles, was zum gesättigten Lebensgenuss gehört, feil gegeben. Da sind sie nun angekommen: Bei der Anbetung des Tieres und Annahme seines Bildes.

Was ist Gottes Antwort? „So jemand das Tier anbetet und nimmt sein Malzeichen (Abbild) an, der wird von dem Wein des Zornes trinken, der lauter (ungemischt) eingeschenkt ist in seines Zornes Kelch.“ (Kap.14,10) Deutlich ist hier, wie an mehreren anderen Stellen des heiligen Buches, immer wieder gesagt, dass von den Zornesgerichten Gottes jene Unbußfertigen und nur sie betroffen werden. Hin und her ist zugleich weiter gesagt, dass sie durch diese Strafgerichte nicht zur Buße geführt, sondern zu weiteren Lästerungen Gottes gebracht werden.

Damit sind wir mit den Schilderungen des Wesens und des Schicksals der Welt schon zu Ende gekommen.

Nun aber die Heiligen Gottes? Es sei hier gleich bemerkt, dass unser Buch die Bezeichnung „Heilige“ mit Vorliebe braucht und dieser Standesname der stehende Titel der Seinen in dieser Urkunde Gottes ist. Mit dieser Bezeichnung ist ihr Charakter ausgedrückt. Mit ihr ist dasselbe gesagt, wie mit der anderen: Leibeigene (Luther: Knechte) Gottes. Zu Heiligen und Leibeigenen Gottes sind sie gewaschen von den Sünden mit seinem Blut (Kap. 1,7) und Gott erkauft (zu seinem Eigentum) mit seinem Blut (Kap.5,9). Sie sind der argen Welt entnommen und Gott geweiht.

Es sind ZWEI LINIEN, die durch das Buch hindurchgehen und deren Sonderstellung ins Licht gesetzt werden. Leider sind diese beiden, deutlich unterschiedenen Linien nicht immer beachtet worden. Es sind aber dieselben Linien, die in der ganzen Schrift zu bemerken sind, hier im letzten Buche indes besonders scharf hervortreten.

Die erste Linie ist das Gestelltsein der Heiligen unter die Feindschaft der Welt hin bis zum Tod; die andere Linie ihre sorgsame Behütung vor den Strafgerichten Gottes. Gehen wir diesen beiden Linien in diesem Buche nach.

Zunächst die erste Linie:

Kap. 1, 9 schon nennt sich Johannes sogleich gegenüber den Gemeinden, denen die Offenbarung überliefert wurde, „Mitgenossen der Trübsal“. Ein Übermaß von Trübsal erduldeten derzeit unter dem grausamen Diokletian die Heiligen Gottes, nachdem unter Nero, der erste, der die Todesstrafe über das Bekenntnis zu Christo aufbrachte, die Verfolgungen begonnen hatten.

Kap. 7,14 ff. sieht Johannes in einem ergänzenden Zwischengesicht die unzählbare Überwinderschar vor Gottes Thron. Johannes ist erstaunt; er weiß jene erlauchte Schar nicht zu deuten. Einer der Ältesten gibt ihm die Erklärung: „Diese sind es, die gekommen sind aus der Großen Trübsal.“ Wenn die vorangegangene Frage des Ältesten in der Vergangenheitsform gestellt wird: „ Woher kamen sie?“, so ist anzunehmen, dass diese Schar nicht jetzt erst kommt, sondern schon vor dem Throne versammelt ist, als Johannes sie schaut. Mit dem Ausdruck: „ DIE große Trübsal“ mit dem bestimmten Artikel, der immer auf etwas Bestimmtes, Bekanntes geht, ist vielleicht auf Daniel 12, 1 hingewiesen, wo dieser selbe Ausdruck: „die große Trübsal (Drangsal)“ bereits vorkommt und wo von derselben geredet wird als von der Zeit, wo Israel als Volk gerettet wird. Wie auch nun in unserem Buche die große Trübsal zu deuten sei, hier interessiert nur der Umstand, dass Gotterkaufte durch diesselbe hindurchgeführt werden.

Kap. 11 findet sich eins der bedeutsamsten erläuternden Zwischengesichte. Es treten die beiden Zeugen auf, die schon der Prophet Sacharja (Kap.4) geschaut und die in den beiden Ölbäumen Serubabel und Josua, die beiden, die nach der damaligen Rückkehr Israels in sein Land sich an dessen Spitze stellten und in schwerer Zeit die Sammlung und Stärkung der Zurückgekehrten in die Hand nahmen, ihre Vorerfüllung gefunden hatten. Israel befindet sich diesmal in ähnlicher Lage, von Feinden bedrängt. Aber Gott steht ihm bei und lässt unter ihm die beiden Zeugen aufstehen, ausgerüstet mit Wunderkraft, wie einst Moses und Elias. Sie weissagen schwere 1260 Tage hindurch und sind dann gewürdigt, Blitzeugen ihres Meisters zu werden. Diese beiden geisterfüllten und unerschrockenen treuen Zeugen werden das Opfer der Feinde Gottes. Zum ersten Male lesen wir hier, dass bei dem zur Stunde ihrer Entrückung und Auffahrt zum Himmel eintretenden Erdbeben „die Menschen dem Gott des Himmels die Ehre geben.“

Kap. 13, 7 lesen wir: „ Und es wurde dem Tier (unter Gottes Zulassung) gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden.“ Dasselbe, was schon Daniel 7, 21 geschrieben war. Und V.15 ist weiter gesagt, dass auf Betreiben des anderen Tierwesens aus der Erde, des falschen Propheten (Kap. 16, 13), alle, die das Weib des Tieres nicht anbeteten, getötet wurden.

Wir sind hier in der letzten Jahrwochenhälfte mitten drin. Die schwerste Zeit ist eingetreten. Das Ebenbild Satans hat von ihm „seine Kraft, seinen Stuhl (Thron) und große Macht“ bekommen. Satans Stellvertreter auf Erden! Ein Diktator! Je näher dem Ende werden Diktate zur beliebten Regierungsform. Ein Diktum geht endlich auf Ausrottung des noch im Wege stehenden Christentums. Beileibe nicht der Religion selber; denn ohne sie ist nicht auszukommen, nie konnte sie der Mensch entbehren, auch jetzt nicht. Der falsche Prophet, ein Lamm mit Drachenmaul, hat sie parat. Die Religion der Menschenverherrlichung, der Menschenverehrung; diese passt zum modernen Heidentum. Jetzt ist schwere Zeit für die Heiligen. Wer nicht mitmacht, hat sein Leben verwirkt. Jetzt, wenn je, kommt es auf Standhaftigkeit und Glauben an, auf Leidenswilligkeit und Bereitschaft, zu sterben für Jesum, der uns liebt und der diesen Weg selber vorangegangen ist.

Kap. 14, 14 – 16 lesen wir von einer Ernte, die gleichzeitig mit der Ernte geschaut wird, von der wir oben bereits geredet haben und die zum Gegenstand die Ernte der überreifen Beeren für die Zornkelterei Gottes hatte. Dieser Ernte voran sieht Johannes eine andere. Also zwei Ernten werden nebeneinander geschaut, eine Doppelernte. Beide aber ganz verschieden voneinander; sie werden in der Darstellung deutlich auseinander gehalten.

Welcher Art ist die Ernte, die Johannes hier voranschaut, bevor die Ernte für die Zorneskelter seinen Blick fesselt?

Es muss sich bei dieser zuerst in die Erscheinung tretenden Ernte um etwas Hervorragendes handeln. Denn der Menschensohn selbst, thronend auf der Wolke, hat sich aufgemacht, diese Ernte vorzunehmen. Er hält selber die Schnittersichel in der Hand. Und was ist es, das er einerntet? Es ist das, was „die Erde“ an ausgestreutem Weizen hat. Mehr ist nicht gesagt. Wieder ist hier der Lapidarstil des Offenbarungsbuches; wenige Striche zeichnen das wunderbare Bild, eine Strichzeichnung ohne Ausmalung, die wir so gerne hätten. Aber sie ist nicht für erforderlich gehalten. Sonst wäre sie gegeben. Sie ist auch nicht vonnöten. der Heiland hatte ja schon von dieser Weizenernte geredet. Nun ist sie da. Und das Zeichen redet hier deutlich genug. Neben der Zornesernte die Gnadenernte. Johannes darf die letztere zuerst sehen.

Alle Ausleger sind sich auch einig darüber, dass wir hier die Auserwählten vor uns haben, die Jesus Matth. 24, 31 meint und um deren willen (Vers 22) die Trübsalstage verkürzt werden. Der Weizen ist in den Trübsalstagen schnell und völlig gereift; in Leiden sind immer die größten Segnungen Gottes gehüllt.

Was bedeutet aber die Sichel, die der Menschensohn auf die Erde wirft? Jedenfalls will dieser Zug in dem Bilde nicht passen zu der Auffassung einiger Ausleger, die in diesem Gesicht die dem Apostel Paulus geoffenbarte Entrückung der Gemeinde sehen wollen. Wir müssen uns eben hüten, etwas in das Wort hinein tragen zu wollen, was uns vielleicht lieblich erscheint, aber nicht ausgesagt ist. Vielmehr dürfte das „Werfen“ der Erntesichel darauf hinweisen, dass es sich um eine Zeit handelt, wo eine Märtyrerschar eingeerntet wird. Es fließt ja jetzt ihr Blut allenthalben.

Weshalb aber noch dies Gesicht, da wir das bereits wissen? Gewiss soll zum Trost hier anschaulich gemacht werden, dass so wie Stephanus, den Bluttod sterbend, den Himmel offen sah, auch die Märtyrer am Ende der Tage nicht Menschen überliefert sind, sondern dem Herrn selbst gewürdigt und stark gemacht werden, triumphierend das Haupt unter das Henkerbeil zu legen und als reifer Weizen eingesammelt zu werden in die himmlische Scheuer. Dies Gesicht ist nichts Überflüssiges in dem herrlichen Buche der Offenbarung; es redet von Trost und Hoffnung.

Kap. 16, 4-7 enthüllt die Gerichtsschläge der dritten Zornschale. Sie bringen die Vergeltung für die, welche „das Blut der Heiligen und Propheten vergossen haben.“ Augenscheinlich finden hier die Kap. 8,4 unter dem Räucheraltar aufgestiegenen Gebete ihre schnelle Erhörung. Die dritte Zornschale zeigt uns, dass die Strafgerichte Gottes in naher Beziehung stehen zum Blut der Heiligen. Wer Gottes Augapfel antastet, der tastet ihn an. Das Antasten der Heiligen ist es, was die Reife der Feinde Gottes zum Gericht vollendet und dessen Herbeiführung beschleunigt. Wie Abels Blut, so schreiet alles vergossene Blut der Heiligen um Vergeltung zu Gott.

Kap. 17,5 und 18,24. In einem ausführlichen, zwei Kapitel umfassenden, erläuternden Nachgesichte wird, nachdem die drei Gesichtsreihen der Siegel, Posaunen und Schalen geschaut werden, der Fall Babels, aller Kultur und Herrlichkeit der Welt, dargestellt. Zusammenfassend ist hier gesagt: „Und ich sah das Weib (Babylon) trunken von dem Blut der Heiligen.“ (Kap. 17,5.) Die Trunkenheit der Buhldirne weißt auf die Sättigung hin, welche die Blutgier derselben gefunden hat. Kap. 18,24 weist dann noch einmal wie Kap. 16 auf den ursprünglichen Zusammenhang hin, der zwischen den Zorngerichten Gottes einerseits und dem vergossenen Blut der Heiligen besteht: „Das Blut der Heiligen wurde in dir gefunden und aller, die auf Erden erwürget sind. „ Mit diesen Worten schließt die Darstellung von Babels Fall. Zu Ende ist aller Wahn der Menschen.

Vorstehende Stellen genügen, zu zeigen, dass die Scheidung und Feindschaft, die Gott gesetzt hat zwischen dem Schlangensamen und Weibessamen, fortbesteht bis zur Niederwerfung aller Feinde. Der Zweck des Offenbarungsbuches ist, darzutun, dass die Endzeit eine Suspension (Aufhebung) dieser von Gott gesetzten Scheidung nicht kennt. Hier wird sie vielmehr ihren letzten schärfsten Ausdruck finden. Der Endkampf ist der heißeste; hier geht es aufs Ganze. Was Gott im Paradiese zur Schlange gesprochen, behält Geltung, bis der Kopf der alten Schlange und des Drachen zertreten ist, und nun erfolgt der letzte, tiefe Fersenstich.

Darin besteht der Triumph Gottes, dass Satan unterlegen bleibt, indem dieser wohl den Leib töten kann, aber Halt machen muss vor dem, was aus Gott stammt. Die Hingabe von Leib und Blut für Jesum zeugt von der unbeugsamen Kraft neuen Lebens. Hier steht es erst auf seiner Höhe. Verfolgungszeit ist Triumphzeit der Gemeinde Gottes. Am Ende der Tage darf diese Siegesmacht der Gnade nicht zurücktreten. Wagt Satan seinen letzten Einsatz, so stellt ihm Gott ebenfalls seinen höchsten Einsatz entgegen. Himmel und Hölle offenbaren ihre letzten Geheimnisse. Wie Satan sein Spiel verliert, vollendet Gott seinen ewigen Rat.

Es gibt in christlichen Kreisen einen Eudämonismus (Lehre von Glückseligkeit), der in der Schrift keinen Grund hat und verweichlichend, erschlaffend wirkt. Dieser Lehre ist entgegenzutreten. Sie entwürdigt. Der Glaube macht mannhaft und stark; er kapituliert nicht, wenn es ans Leben geht; er beugt sich nicht, ob goldene Götzen schnöden Löhn zuwinken. Das Offenbarungsbuch ist ein Heldenbuch, wie keines. Es ist an uns, dass wir uns in dieser Galerie der Helden der letzten Tage unseren Mut stärken, zum Leiden bereit, den gleichen Kampf zu kämpfen, der uns verordnet ist.

Die Gemeinde Gottes nimmt eine Sonder- und Vorrechtstellung im Haushalte unseres Gottes ein. Sie ist ins Himmlische versetzt. Mit Christo befindet sie sich jenseits des Grabes in seinem Auferstehungsleben. Hier ist ihre Sphäre, in der sie leibt und lebt. Hier ist sie heimisch. Daraus ergibt sich, dass sie für die Erde keine Verheissungen hat. Fernab von der Heerstrasse der Menge, den Bestrebungen und Zielen der diesseitsgerichteten Gegensatz. Ja, dieser ist ein aggressiver (angreifender), indem sie WIDER sie zeugt. Dies Zeugnis ist ihr als ihre besondere Mandatsstellung übertragen, bis der Meister kommt. Nicht leer bleibt ihre Mühe, in der sie sich aufreibt, und ihr Vorrecht ist es, in dem Werk des Herrn Überfluß zu haben, überströmend zu sein. (1. Kor.15, 56) „Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihre Leben nicht geliebt bis an den Tod. (Offenb. 12, 11)

Wir müssen aber noch sehen, wie die ZWEITE LINIE verläuft. Das Wesen und Los der Gottesfeinde konnte oben mit wenigen Worten abgetan werden; anders ist es mit den Heiligen. Was ist das Zweite, was von diesen ausgesagt ist?

Wir haben gesehen, dass sie preisgegeben sind dem Hass der Welt hin bis zum Tode; alles darf sich an ihnen probieren, um dabei zuschanden zu werden. Wir werden nun sehen, wie sorgsam sie hingegen von Gott behütet werden vor seinen Zorngerichten. Beide Linien treten im Offenbarungsbuche deutlich hervor, und beide sind scharf auseinander gehalten. Leider ist dies nicht immer beachtet und dadurch das Verständnis verwirrt worden.

Auch die zweite Linie ist nichts Neues; sie geht ebenfalls wie ein roter Faden durch die ganze Schrift hindurch. Gott bleibt sich immer gleich. Seine Lieblinge sind vor seinen Strafgerichten immer verschont geblieben. So, wie das erste Totalgericht, die Sintflut, einsetzt, tritt die Bewahrung des gerechten Noah mit den Seinen ein. Henoch ward bereits weggenommen, ohne den Tod zu sehen. Sodom und Gomorrha kann Gott nicht verderben, bis Lot in Sicherheit gebracht ist. Als die Plagen über Ägyptenland beginnen, heißt es: „Ich will eine Erlösung schaffen zwischen meinem und deinem Volk.“ (2. Mose 8, 19) Das Volk der Wahl abseits in Gosen bleibt verschont (Kap.9, 6. 26; 10, 23: 11,7)

Immer wieder wird diese Fürsorge Gottes für die Seinen als eine teuere Verheißung in der Schrift bezeugt. „ Du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen, wie den Gottlosen vergolten wird; aber keine Plage soll zu deiner Hütte sich nahen.“ (Ps. 91,8.10.) „Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen; aber die Stadt Gottes wird sein lustig bleiben mit ihren Brünnlein.“ (Ps.46,5 – 7) Der Gerechte wird weggerafft ( dasselbe Wort wie „entrückt“) vor dem Unglück und gehet zum Frieden ein.“ /Jes.57, 1.2.) „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken mit euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leidens, dass ich euch gebe das Ende des, das ihr wartet.“ (Jer. 29, 11.) „Der Herr weiß die Gottseligen aus der Versuchung zu erlösen, die Ungerechten aber zu behalten zur Bestrafung auf den Tag des Gerichts.“ (2. Petri 2, 9 ) „Gott hat uns nicht zum Zorn bestimmt, sondern zum Besitz des Heils durch unsern Herrn Jesum Christum.“ (1. Thess. 5, 9.)

Diese Stellen genügen. Nur Erziehungs- und Verherrlichungsleiden, aber nicht Plagen und Zorngerichte Gottes sind der Seinen Los. Sehen wir nun wie auch in unserem Buche der Schrift diese Linie hervortritt. Es mögen auch hier wieder einige Stellen besprochen werden.

Kap. 7, 3 werden 4 Engel, die zum Anschlage bereit stehen, mit lautem Zuruf aufgefordert: „ Beschädiget die Erde nicht, noch das Meer, noch die Bäume, bis wir die Leibeigenen

( Luther: Knechte) Gottes an ihren Stirnen versiegelt haben.“ Diese 4 Engel sind augenscheinlich gerichtliche Ausführungsorgane Gottes;sie sollen einen Aufschub eintreten lassen, bis Gott mit der Zubereitung seiner Angehörigen zu Ende ist. Offenbar deswegen, damit sie in den kommenden Stürmen feststehen können und nicht Schaden erleiden. Diese Versiegelten treten auch sofort in die Erscheinung für Johannes in der Anbruchsfrucht der 144 000 aus Israel. Wir dürfen wohl annehmen, dass sie dieselben sind, die wir Kap. 14 auf dem Berg Zion stehen sehen und aus deren Mund wir vor Gottes Thron das neue Lied hören, das zu singen allein dieser Schar gewürdigt ist (V. 3). Der Inhalt des Liedes ist nicht angegeben; dies selbst wird nur als neu bezeichnet. Ein neues Lied wird gesungen, wenn etwas Neues geschehen ist, eine neue Gottestat, wenn ein Anlaß vorliegt, der bisher noch nicht da war. Ein besonderer Sängerchor für sich, der Chor eines in sich geschlossenen Kreises, neben anderen Chören des Himmels ! Diese Schar wird eine „Erstlingsfrucht“ genannt, die nun eingesammelt ist. Ein besonderes lobendes Zeugnis wird dieser Schar V.4 und 5 ausgestellt, das offenbar an Zeph. 3,13 erinnert, wo dieser Prophet von dem Überbleibsel Israels in der Endzeit weissagt. Vielleicht ist bisher eine solche Auslese geheiligter Männer noch nicht zustande gekommen! Was von ihnen gesagt wird, zeigt, dass Gott mit ihnen sein Ziel erreicht hat. Ob sie Blutzeugen ihres Meisters sind, ist nicht gesagt; ist auch ohne Belang, sonst würde es gesagt sein. Genug, bevor die letzten Zorngerichte Gottes ( Kap. 16) hereinbrechen, stehen sie vor Gottes Thron! Gott nimmt sich der Seinen an; sie sind sein Augapfel, sein kostbares Juwel, um deren willen noch die Erde steht, wiewohl sie ihrer nicht wert ist.

Kap. 9, 4 wird diese treue Fürsorge Gottes noch bestimmter hervorgehoben. Die 5. Posaune setzt mit dem ersten Wehe ein. Die Dämonenmacht aus dem Abgrund wird auf die Menschheit losgelassen. Die Zorngerichte Gottes nehmen jetzt einen neuen Charakter an; sie treten nun in ein neues Stadium: der Abgrund wird mobil gemacht. Wenn nicht schon früher – gesagt ist es nicht – , so wird nun die Scheidung der Welt von den Heiligen, gerade so wie bei den zunehmenden Plagen in Ägypten, in das Gerichtsprogramm aufgenommen. Es wird gesagt, dass nur die Menschen von diesem, Gericht betroffen werden, „welche das Siegel Gottes nicht an ihren Stirnen haben“. Nur an diese darf der Satan heran. Diese neue Gerichtsgeissel Gottes trifft nicht die Auserwählten. Das Gleiche gilt offenbar von den folgenden Gerichtsschlägen Gottes, womit übereinstimmt, dass gleich bei der ersten Zornschale ( Kap. 16) wörtlich dasselbe wiederholt wird, was oben gesagt wurde.

Kap.12 enthüllt uns das gleiche Walten Gottes. Zweimal (V. 6 und 14 – 16 ) wird von dem herrlich geschmückten Sonnenweibe ausgesagt, dass sie an einen sicheren Wüstenort gebracht und daselbst, genau wie Israel einst in der Wüste, von Gott wunderbar ernährt wird. Das von ihr geborene „Männliche“ aber ward entrückt zu Gott. – Die Zorngerichte Gottes dürfen diese Heiligen nicht treffen.

Kap. 14 verdient hier besondere Beachtung. Es wird V. 9, 10, 11 ausdrücklich betont, dass der Zornwein Gottes nur und allein denen eingeschenkt werde, „die das Tier und sein Bild anbeten und sein Malzeichen an sich tragen.“ Auf die Zorneskelter, die Johannes im Schlussteil dieses Kapitels in einem besonderen Zwischengesicht schaut und in welche allein überreife Beeren, die nach dem Zusammenhange die gerichtsreifen Menschen sind, geworfen werden, haben wir oben bereits hingewiesen.

Kap. 18, 4 endlich schließt diese in unserem Buche deutlich hervortretenden Linie der sorgsamen Behütung der Heiligen vor den Strafgerichten Gottes ab. Der Fall Babels steht hier im Gesichtsfelde Johannes. Vom Himmel her ergeht der Ruf: „Gehet aus von ihr, mein Volk, damit ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden und nicht empfanget ihre Plagen!“

Diese Aufforderung erinnert an das alte Prophetenwort Jer. 51, 6: „Fliehet aus Babel, damit ein jeglicher seine Seele errette, dass ihr nicht untergeht in ihrer Missetat; denn dies ist die Zeit der Rache des Herrn, der ein Vergelter ist und will sie bezahlen.“ (Vergl. Jes. 48, 20; 52, 11.) Babel hatte sich am Volke Gottes vergriffen, und aufgestiegen war das Gebet:

„Wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast; wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an einem Stein.“ (Ps. 137.) Die Meder und Perser mussten damals die Gerichtsdiener sein und mit Babel ein Garaus machen. Israel bleibt verschont; Kores musste das Volk des Herrn unter sicherem Geleit hinauslassen. Niemand von ihm sollte sich besinnen; in Eile, fluchtartig sollten sie hinausziehen. Der Ruf hierzu war von den Propheten Jesajas und Jeremias vor langem ergangen.

Nun ergeht der gleiche Ruf an die Heiligen der letzten Tage. Wir denken an einen wirklichen Auszug, an eine örtliche Bergung der Seinen, bevor die furchtbaren Gerichtsschläge niederfallen. Jetzt ist Bleiben nicht Glaube. Diese Aufforderung: „Gehet aus!“ wird gewiss verstanden werden von denen, welche auf die Weisung achten. Auch die Zögernden sollen die letzte Gelegenheit nicht verpassen. Gott bleibt sich auch jetzt gleich, indem er nicht eher mit den Strafgerichten einsetzen kann, bis die Seinen in Sicherheit gebracht sind. Die Heilszeit ist zu Ende. Das Maß der Sünde ist voll. Auch keinem Heiligen, der dann noch übriggeblieben, darf ein Haar gekrümmt werden. Vielleicht sind sie es, die zu dem fliehenden Weibe (Kap. 12) gehören, das, wie einst Noah, hinübergerettet wird als lebendiger Same für eine neue Zeit, die nach der Säuberung der Erde einsetzen wird.

Es ist eben festzuhalten, dass die Gesichte nicht so in der Reihenfolge, wie sie dastehen, eins nach dem anderen, je in abgemessener Zeitreihe, abgeleiert werden, wie der Orgeldreher es macht, der eine Walze nach der andern, so wie jede abgespielt ist, neu in den Kasten schiebt. Diese mechanische Auffassung kann für das heilige Offenbarungsbuch mit seinen himmlischen Unterweisungen nicht angemesser sein. Die Gesichte greifen, wie wir früher gesehen haben, übereinander und ineinander. Daher ist es auch sehr wohl möglich, dass der Bergungsort, den wir Kap.12 gesehen haben, derselbe ist, dem hier die Fliehenden nach Gottes Geheiss zueilen sollen. Es ist müßig, jetzt schon Vermutungen darüber anzustellen, wo dieser Bergungsort sich befinden wird. Die Letztzeit wird ihre Propheten (Kap. 16,6; 18,24 vergl. 11,10) haben, welche ihr Zeugnis zur rechten Zeit ausrichten werden. –

Wir sehen also, dass diese zweite Linie neben der ersten herläuft und beide deutlich hervortreten. Wichtig ist es, beide auseinanderzuhalten. Nur eine oberflächliche Beschäftigung mit der Offenbarung konnte zu einem summarischen Urteil hinsichtlich der Stellung der Kinder Gottes in der Endzeit – nach der einen oder anderen Seite hin – gelangen. Es ist bequem, alles in einen Topf zu werfen, anstatt auf die Unterschiede zu merken, die so deutlich hervortreten und im einzelnen klar und scharf erfassen, wo Gottes Plan hinausläuft. Dadurch ist aber an Trost und Mahnung des Buches viel verloren gegangen. Gott aber bleibt derselbe, sowohl der, der stark machen kann bist zum Tod, als der, wenn sein Zorn entbrennt, eine Bewahrung für die Seinen zu verschaffen weiß.

Wenn wir die gezeichneten beiden Linien, die in der Offenbarung deutlich hervortreten, im Auge behalten, so ist der Weg bereits geebnet zur Besprechung eines Gegenstandes, welcher Gottes Kinder seit Jahrzehnten viel beschäftigt hat: die Entrückung der Gläubigen. Wir werden derselben nur soweit einige Zeit widmen, als sie mir der Offenbarung in Beziehung steht.

Vorab sei bemerkt, dass die Entrückung der Gemeinde zuerst in der Schrift von dem Apostel Paulus kundgetan ist. Er nennt sie ein Geheimnis (1. Kor. 15, 51.) Die Gemeinde Gottes ist heilsökonomisch, d.h. im Heilshaushalte Gottes etwas Neues, Eingeschobenes. Deswegen konnte von ihr weder durch die Propheten, noch von Jesu etwas ausgesagt sein (vergl. Eph.3).

Was Paulus von der Entrückung nun sagt, steht mit dem Wesen und der Stellung der Gemeinde zu Christo in engem Zusammenhange. Die Gemeinde ist seine Fülle. ( Eph. 1, 22) Damit ist ausgesagt, dass in ihr Christus den Inhalt seines Wesens, das, was er ist, darlegt, gleichzeitig aber auch, dass in ihr Christus sich erst vervollständigt, mit ihr also zu einer Einheit zusammengeschlossen ist, weshalb 1. Kor. 12, 12 der Leib als Christus und die Gemeinde in eins geschaut wird. In dem Bilde eines Leibesorganismus wird das Wesen und die Stellung der Gemeinde zu Christo weiter herausgestellt und näher bestimmt. Dieser Umstand gibt der Gemeinde eine Sonderstellung als ein Christo gleichgearteter himmlischer Körper.

Diese Wesensart und Stellung der Gemeinde wird nun ihren sichtbaren Ausdruck am Ehrentage des Hauptes erhalten, an dem sie zu ihm aufgenommen wird, um danach mit ihm zurückzukehren. Das im Griechischen gebrauchte Wort umschließt diese beiden Vorgänge, die Ankunft Christi zur Aufnahme der Gemeinde einerseits und die Erscheinung Christi mit der Gemeinde in Herrlichkeit andererseits nicht in eins zusammenzufallen. Nach dem Schriftzusammenhang ist dies auch nicht anzunehmen. Auch dürfte ihr Offenbarwerden vor dem Richterstuhl Christi, wo die Rangordnung festgelegt wird, dem zweiten Begriffsinhalt, der Erscheinung mit Christo in Herrlichkeit, vorangehen.

Paulus hat nun 1. Kor. 15,1. Thess. 4 und 2. Thess. 2 das Geheimnis der Entrückung nach der Art des Vorganges und nach ihren inneren Zusammenhängen bereits so deutlich dargelegt, dass dasselbe als hinreichend enthüllt anzusehen war, so dass dies vielleicht als ein Grund dafür angesehen werden kann, weshalb in dem Offenbarungsbuch eine Darstellung dieses Geheimnisses nicht noch einmal erfolgt. Der erste Vorgang, die Entgegenführung der Gemeinde zu ihrem Haupte, tritt hier überhaupt nicht hervor. Indes wird uns der zweite Vorgang, die Erscheinung Christi mit den Seinen in Herrlichkeit, in Kap. 19 vor Augen geführt. Der König aller Könige steigt hernieder, begleitet von einer großen Gefolgschaft, ebenfalls mit ihm auf weissen Rossen, er selbst mit einem in Blut getauchten Gewand, sein Begleiter aber von reinem, weissen Byssus. Dies ist ein Ehrengewand, das für Erlöste gut paßt und das Gefolge als die bluterkaufte und geheiligte Schar erkennen läßt. Sie ist inzwischen von ihm nach Rang und Stellung erkannt und rangiert, und wenn sie nun mit ihm zu der Handlung niedersteigt, die 2. Thess. 1 schon gezeigt ist, so ist offenbar, dass ihre Aufnahme zu Christo, die Entrückung selbst, schon früher zur Tatsache geworden sein muß. Auch ist 1. Kor. 6 bereits gesagt, dass die Heiligen über die Welt, ja über die Engel, richten werden. Und das stimmt zur Darstellung in Offenb. 19. Von nun an wird die Gemeinde für immer in der Nähe dessen sein, der sie liebt und gewaschen hat von den Sünden mit seinem Blut. (Offenb. 1, 5.) Offenkundig wird nun, dass auch der letzte Feind, der Tod, abgetan ist. Himmel und Erde müssen es schauen, wie herrlich die sind, die er als die Seinen nennt (2. Thess. 1, 10 ). Satan mit seinem Heer muss nun beschämt und ohnmächtig sehen, dass er unterlegen ist. Dies sichtbar und offenkundig zu zeigen, ist das wohlerworbene Recht des Herrn aller Herren, der lange genug mißachtet worden, nun aber dabei ist, seine Herrlichkeit zu offenbaren und seine Heiligen wunderbar darzustellen (vergl. Kol. 3, 4). Es hätte in unserem Buche gewiß etwas gefehlt, wenn in Kap. 19 dieser endliche Triumph nicht dargestellt worden wäre. –

Wie ist es aber mit dem ersten Vorgange, der Entrückung der Seinen in der Luft? Auch von Paulus ist er nicht als ein Ereignis dargestellt, das sichtbarlich für alle geschaut wird. Ein zarter Schleier ist gelegt über diese intime Begegnung. Wenn er aber nochmals wiederkommen wird als König zu seinem angestammten Volke, dann werden seine Füsse stehen auf dem Ölberg und es wird ihn schauen jedes Auge. Anders hier. Gerade so wie ein Henoch, von dem nur gesagt wird, dass er hinweggenommen und nicht mehr gesehen wurde! Wie der Herr in der letzten Nacht auf Erden im verschwiegenen, getäfelten Saale mit den Seinen vertraut zum stillen ungestörten Mahle versammelt war, so ist diese Begegnung mit ihm so inniger Art, dass fremde Zeugen hier nicht hingehören.

Geschätzte Freunde des prophetischen Wortes wollen aber dennoch diesen Vorgang in unserem Buche dargestellt oder vermerkt sehen. Wo denn?

Sie verweisen auf das 10. Kapitel. Hier wird allerdings Geheimnisvolles ausgesagt. Wir haben schon gezeigt, wie drei Gesichtsreihen von Siebenheiten, Siegel, Posaunen und Schalen, dem Offenbarungsbuche die Struktur und Ordnung geben. In Kap. 10 finden wir nun, dass eigentlich nicht bloß drei, sondern noch eine vierte Gesichtsreihe von einer Siebenheit dem Johannes gezeigt wurde: die Gesichtsreihe der sieben Donner. Johannes wollte diese auch sofort niederschrieben, gewiß, weil er sie klar vernommen und nach ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung auch verstanden hatte. Als er sich hierzu nun anschickt, wird er vom Himmel her aufgefordert, diese Geschichte zu versiegeln, unter Verschluß zu legen, nicht bekannt zu geben.

Auch diese Gesichtsreihe ist, wie die anderen drei eingeleitet von einem Zeichen im Himmel. Ein starker Engel erscheint von dort herniedersteigend, der seine Füsse, gleich Feuersäulen, einerseits aufs Meer, anderseits auf die Erde stellt. Er ist bekleidet mit einer Wolke, und ein Regenbogen umgibt sein Haupt. Und dieser starke Engel erhebt seine Rechte zum Schwur: „ Es soll nun keine Frist mehr sein !“ Ohne weiteren Aufschub soll die Neuordnung der Dinge herbeigeführt werden. Das gegenwärtige Zeitalter ist zu Ende.

Auch das der Gesichtsreihe der 7 Donner folgende Nachgesicht ist wieder geheimnisvoll. Der starke Engel hält in seiner Hand eine geöffnete Buchrolle. Johannes wird aufgefordert, diese entgegenzunehmen. Als er sie genommen, muss er sie essen. Das Essen hatte eine zweifache Wirkung: seinem Munde ist sie süß wie Honig, seinem Bauche brachte es Grimmen.

Die ganze Darstellung in Kap. 10 lässt erkennen, dass es sich um bedeutungsvolle Vorgänge handelt. Der Offenbarungsinhalt ist indes nicht bekannt gegeben; was die 7 Donner geredet, ist versiegelt, also nicht bekannt gegeben ist, so wollen wir uns in keuscher Zurückhaltung auch bescheiden, von diesem Inhalt nichts Bestimmtes zu wissen, vor allem uns aber, was den ersten Vorgang, die Entrückung und Aufnahme zum Herrn, anbetrifft, uns genügen lassen an dem, was Paulus hierüber schon deutlich gesagt hat.

Auch das Nachgesicht, das an einen Vorgange bei Hesekiel (Kap. 2) erinnert, läßt fürs unsere Frage keine Rückschlüsse zu. Johannes sollte den Inhalt der offenen Buchrolle durch Essen sich einverleiben, wie auch heute noch afrikanische Stämme für Lesen brauchen. Das, was Johannes in sich aufnahm, bereitete ihm Freude und Schmerz zugleich. Mehr aber ist nicht gesagt.

Das einzige Gewisse, das uns aus Kap. 10 übrig bleibt, ist die Kunde, dass die Gnadenzeit nun zu Ende ist. Das ist die Bedeutung dieses 10. Kapitels; das weist ihm seine Stelle an. Johannes selbst nur sollte Trost und Unterweisung empfangen, deren er bedurfte inmitten der ihn gewaltig erschütternden Dinge der zweiten Weheposaune, die seine Seele ganz mit Beschlag belegten. Denn diese furchtbaren Schläge Gottes dauern noch bis gegen Ende von Kap. 11 an und in die, wie wir hier sehen, das gewaltige Zeugnis der beiden Propheten (welche die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die Sacharja Kap. 4 geschaut, genannt werden) hineinfällt als Beweis dafür, dass Gott auch noch auf dem Plane ist.

Nur im Vorbeigehen streifen wir endlich noch eine Frage, die viele Gemüter beschäftigt. Es ist die Frage nach dem Zeitpunkt der Entrückung, genauer, ob sie vor oder nach der großen Trübsal stattfinden wird

Wir glauben dargetan zu haben, dass diese Frage, so wie sie hier gestellt wird, im Offenbarungsbuch nicht präzise gelöst wird, wie auch Paulus die Entrückung vorwiegend nicht von einem bestimmten Zeitpunkt aus, an welchem sie stattfindet, sondern von anderen näherliegenden Gesichtspunkten aus bespricht.

Die obige Fragestellung ist aber auch nicht genau. Sie Umstandsbestimmung, um die es sich bei der Frage, wie sie gestellt ist, handelt, ist „die große Trübsal“. Dieser Begriff ist aber ein weiter und fasst in sich beides: die Verfolgungen seitens der Welt einerseits und die Zorngerichte Gottes andererseits. Halten wir beide Umstände auseinander, so dürfte die Antwort nicht unschwer zu geben sein. Auch Paulus hält diese beiden Umstände auseinander und sagt 1. Thess. 5 deutlich, dass wir nicht zum Zorn, sondern zum Erwerbe des Heils bestimmt sind und weiter, dass über Lichteskinder der Nacht, was doch besagt, einmal, dass sie allezeit in Bereitschaft stehe und sodann, dass das, was sie als Kleinod besitzen, nicht geraubt werden kann. Die Vermengung der beiden Umstände miteinander hat aber das klare Verständnis getrübt.

Eigentlich dreht sich diese Frage um eine weitere, nämlich um die, ob die Offenbarung nach ihrem Zweck und Inhalt in der Hauptsache israelitisch orientiert und als eine Fortsetzung und Weiterführung des Buches Daniel und der Rede Jesu anzusehen ist, oder aber, ob die Gemeinde im Mittelpunkt dieses Buches steht. Erst, wenn diese weitere Frage beantwortet wird, ist es möglich, manche Dinge, die in ihrer Verquickung verwirren müssen, auseinander zu halten.

Es ist uns vielleicht gestattet, um zu sagen, wie wir hierüber denken, einen kleinen Abstecher in jeden Zeit zu machen.

Das Buch stellt uns mitten hinein in eine Epoche, eine Zeitscheide, wo zwei Zeitläufe sich schneiden und ineinander übergehen. Die eine wird von der anderen abgelöst. Ringende Mächte stehen einander gegenüber. Die Gnadenzeit kommt zu Ende. Mit ihr geht alle bisherige Kultur in die Brüche. Satan bietet seinen ganzen Heerbann auf, damit seine Herrschaft auf Erden endgültig Bestand und festes Gefüge erhalte. Er kennt die Verheißungen, dem Abraham gegeben und David beschworen, und er weiß, was es damit auf sich hat. Das darf nichts sein, dass das Reis, das in Bethlehem aufgesprossen ist, ihm, als dem Gott der Welt den Rang streitig macht. Weit hat er es gebracht, es geht ihm alles nach Wunsch. Menschengröße und Menschentrotz wider Gott schießen üppig und kräftig empor; bald ist er am Ziel, bald hat er den Menschen los von Gott und dann ist es mit dem, was dieser gewollt, zu Ende.

Nun geht es los; Schlag auf Schlag. Hat Satan es einst fertig gebracht, dass Gott Israel bei Seite setzen musste, so soll es auch jetzt mit der Kirche dazu kommen. Hat Satan zu jenem beinahe 2000 Jahre gebraucht, so muss er dies auch in gleicher Zeit fertig bringen. Dann hat er vollen Sieg auf der ganzen Linie.

Schon geht alles aus den Fugen. Revolutionen halten die Welt in Aufregung. Mit Gottesfurcht ist es schon nicht mehr weit her. Die Religion Gottes ist abgetan.

Wo es just nun so weit ist, fängt das alte, verhasste Volk Feuer, aber ein himmlisches; es brennt schon, dies Feuer von oben, das auf der ganzen Erde brennen soll. Lange hat er es hintertrieben, dass dies Volk in das heilige Land zurückkehre. Nun hat es hier Fuß gefasst. Jetzt gilt es Eile. Schnell mobil gemacht, Folter her, Henkerbeile geschliffen, Scheiterhaufen aufgerichtet. Noch sind es nicht viele; aber es ist ein Volk von glühendem Eifer und großer Willenskraft für das, was es einmal will und sich vorsetzt. Die Meisten sind aber seine Getreuen. Er kann sie brauchen; sie sind seine besten Helfershelfer. „Er wird die Starken samt dem heiligen Volk verstören“ (Dan 8, 24).

Wir sind bereits mitten in den Bewegungen, die das Buch zeichnet. Die Stürme (Winde) sind losgelassen; geistiger Meltau läßt sich auf alles nieder. Greifbare, stockdicke Finsternis breitet sich aus. Heidentum mit ärgsten Greueln geht im Schwange. Wider Gott und alles, was Gottes ist! So lautet die Parole auf der ganzen Front. Verfolgungswahn muss das Letzte tun. Hurra, es ist für ihn herrliche Zeit! Treue Bekenner fallen unter dem Henkerbeil. Damit wird’s aber zu viel. Ihr Blut schreit auf zum Himmel. Gott denkt an das vergossene Blut.

Da setzen die Plagen ein. Konnte das Blut der Heiligen auch zu Gottes Ehre fließen, Gottes Zorn soll sie nicht treffen. Wie einst Henoch vor dem Flutgericht, so werden sie zu Gott entrückt. Wie aber Noah durch das Gericht hindurchgeführt wird, doch bewahrt durch die Arche, so weiß Gott den auserlesenen Übrigen seines angestammten Volkes als heiligem Samen für die neue Zeit Rettung zu verschaffen und sie zu bewahren in der Versuchung, die über den Weltkreis gekommen. Gott findet noch Spätlinge; alle müssen heran, deren Namen im Lebensbuche stehen. Gottes Siegel empfangen sie; standfest werden sie gemacht für die schweren Tage. Das soll ihnen nicht unbelohnt bleiben. Gott denkt an sie; er läßt sie reifen in großer Trübsal für seine Scheuer. Sie tragen sein Siegel; sie sind sein. Nicht beugen sie sich vor dem Gott dieser Welt. Für oder wider ist jetzt die Losung. Nicht Neutralität gibt’s mehr. Gott gehorchen und sterben oder sich zum Tier bekennen und sein Malzeichen annehmen und den Zorn Gottes in seinen Gerichten erfahren. Alles drängt nach letzter Entscheidung auf beiden Seiten. Der Drachen schnaubt und er findet manche Anbeter. Auch Gott findet Heilige, die Nachlese seiner Ernte. Er kennt sie und gürtet sie mit Mannesmut. Ausserordentliche Gotteskräfte rauschen hernieder in ausserordentlicher Zeit. Freudig und triumphierend gehen diese Heiligen scharenweise, Mann für Mann, in den Tod. — — —

Doch schließen wir diese Schilderungen. Sie sind nicht Bilder der Phantasie. Sie sind entnommen dem heiligen Buche der Offenbarung.

Wer hat nun Recht bei der Frage, die wir oben stellten? Doch fragen wir so nicht mehr. Wem Weltsinn und Lebensscheu die Sinne zerrüttet, mit dem reden wir nicht. Wer aber Christum liebt unverrückt, mag sich seines Gottes getrösten. Die Schrift kann nicht gebrochen werden. Wir sind solche, die auf den Herrn warten. Dabei bleibt´s. Ob vor der Trübsal oder mitten in der Trübsal: der Herr verspätet sich nicht. Zum Zorn sind die Heiligen Gottes nicht gesetzt. Er bleibt ihnen nahe, und bald werden sie bei ihm sein allezeit.

Aber das Offenbarungsbuch verrät doch einiges, was zum Gegenstande der Entrückung in Beziehung steht.

Gehen wir, um dazu überzuleiten, wieder von paulinischen Grundgedanken aus.

Schon das Kap. 1. Kor. 15, wo die Auferstehung der Toten aus der Auferstehung Jesu als deren Konsequenz und die Art der neuen Leiblichkeit wieder aus der Wesensart des Auferstehungsleibes Jesu als dem neuen Menschenhaupt abgeleitet worden, zeichnet für unsere Frage zwar wenige, aber bedeutungsvolle Striche.

Einmal ist die Gottesordnung festgelegt: Der Erstling Christus, darnach die, welche ihm angehören, bei seiner Ankunft. Nur programmatisch ist hier gesagt, dass die Auferstehung abteilungsweise ( Luther: in Ordnung) vor sich geht, ähnlich so, wie für militärische Heerestruppen etappenweise die Gestellungsordren herausgehen. Diese allgemeine Aushebung der seinen wird auf den Zeitpunkt der Ankunft (parousia) Christi verlegt.

Sodann erwähnt hier Paulus nur im Vorbeigehen, soweit es wieder mit dem Gegenstande des Kapitels zusammenhängt, dass nicht alle den leiblichen Tod erleiden, aber alle verwandelt werden. Auch hier gibt er wieder den Zeitpunkt an: bei der letzten Posaune. Es ist dabei nicht notwendig an die 7. Posaune der Offenbarung zu denken, wie Ausleger meinen. Das Buch der Offenbarung lag ja noch nicht vor. Es ist wohl an das Prophetenwort Sach. 9, 14 gedacht: „Der Herr, Herr wird die Posaune blasen,“ nämlich als Signal zur Einleitung der neuen Heilszeit, von der der Prophet redet. Aber auch daran ist nicht notwendig zu denken, da in der Schriftsprache die Posaune das heilige Instrument ist, womit wichtige Dinge signalisiert, angekündigt werden.

Am ausführlichsten hatte Paulus von diesem Geheimnis der Entrückung in den beiden Thessalonicherbriefen bereits geredet. Auch hier ist von der Posaune Gottes die Rede. Gott selber werde das Zeichen geben, vernehmbar für alle, die es angeht. Gleichzeitig belehrt aber der Apostel, dass der Ehrentag des Herrn, mit dem unsere Versammlung zu ihm verknüpft ist, nicht kommen werde, bevor der Mensch der Sünde kommen werde, also der gegenwärtige Heilstag zu Ende sei. Die Ankunft (parousia) Christi wird aber von seiner allen offenbaren Erscheinung (epiphania), nämlich in seiner allen offenbaren Herrlichkeit und zwar dann mit den Seinen, die dann also schon bei ihm sind, unterschieden und auseinander gehalten.

Soweit Paulus. Nur allgemeine Richtlinien hat er gegeben, wie und wann die Entrückung stattfinden wird. Nicht ein genauer, bestimmter Zeitpunkt ist angegeben, sondern nur gesagt, dass am Ende der gegenwärtigen Heilszeit der Herr seinem erworbenen Majestätsrecht Gebrauch machen werde. Es werde dies der Tag sein, der ihm gehört, der Tag des Herrn, – nicht ein astronomischer Tag von 24 Stunden, sondern ein Tag, eine Zeitspanne, in der er seine Herrlichkeit offenbaren wird.

Nun sagt unser letztes Buch der Bibel in bezug auf unsern Gegenstand Dinge aus und gibt uns hierüber Aufschlüsse so wunderbarer Art, dass sie uns fast erdrücken. Sehen wir diese näher an.

Kap. 6 sieht Johannes unter dem Altar „Seelen“, die zu Gott schreien. Wenn er hier den Ausdruck „Seelen“ braucht, so hat er gewußt, was er damit bezeichnete, nämlich Menschen, deren Wesensbestand noch nicht durch die Auferstehung des Leibes vervollständigt ist, die sich also nicht im Zwischenzustand befinden und der Auferstehung entgegenharren. Engel werden nie Seelen genannt; sie sind Geister.

Es fällt aber nun auf, dass fortan im Buche der Offenbarung diese Bezeichnung nicht mehr vorkommt; vielmehr sehen wir fernerhin leibhaftige Menschen in der oberen Welt. Es ist klar, dass damit gesagt ist, dass diese ihre Entrückung, welche stets die vorangegangene oder doch gleichzeitig erfolgende Verwandlung des Leibes voraussetzt, bereits hinter sich haben. Gerade dies hat Johannes offensichtlich zum Ausdruck bringen wollen, wenn er früher das Wort „Seelen“ brauchte und später sagt, dass es sich nun um leibhaftige Menschen handelt, die Füsse zum Stehen, Hände zum Fassen, einen Mund zum Singen haben und Gewänder an sich tragen. Es liegt also auf der Hand, dass inzwischen der erste Vorgang, die parousia, die Aufnahme zum Herrn, geschehen sein muss. Es hat nicht im Zweck der Offenbarung gelegen, das, was die Gemeinde betrifft, im einzelnen zur Anschauung zu bringen; sonst wäre es geschehen. Die Bedeutung des Buches liegt eben wo anders; es würde über seinen Rahmen hinausgegangen sein, wenn es Dinge mit seinem Inhalt vermischt hätte, die nicht notwendig hineingehörten und die in der Schrift eine andere Stelle gefunden hatten. —-

Sehen wir nun aber, wo in der Offenbarung schon Menschen, die zur Vollendung gelangt sind, auftreten.

Schon Kap. 7 sieht Johannes eine große Schar vor Gottes Thron in weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen. Kap. 12 sehen wir den in schweren Geburtswehen geborenen „Männlichen“, eine Kollektivschar von Überwindern, entrückt vor Gottes Thron. Kap. 14 singen auf dem Berge Zion die 144 000 Versiegelten das neue Lied. Kap. 15 ist eine neue Sängergruppe oben angekommen, singend am gläsernen Meer das Lied Mosis und des Lammes. Und endlich Kap. 20 sind auf Thronen Märtyrer der letzten Zeit, als die Letzten, die der ersten Auferstehung gewürdigt sind und mit der diese ihren Abschluss findet.

Was will dies alles sagen? Wie kommen diese dort hin? Wir können nur annehmen, dass die Entrückung sich in verschiedenen Akten, etappenweise auseinanderlegt, eine Verständigung, die uns erst durch Johannes gegeben wird. Sind nicht auch schon gleich nach der Auferstehung Jesu viele Leiber der Heiligen auferstanden und vielen erschienen? ( Matth. 27, 52. 53.) Wenn in der Offenbarung das Geheimnis, das Paulus zuerst enthüllt wurde, eine Erweiterung erfahren hat, so gebührt es uns, dies als ein heiliges Vermächtnis zu hüten und nicht daran zu deuteln. Mit den Linien, die Paulus bereits gezogen, ist dies wohl vereinbar. Gott kann das wohl gruppenweiser auseinanderlegen, was Paulus in der ihm gewordenen Offenbarung einheitlich geschaut hat.

So aufgefaßt, gewinnt die Offenbarung wolle Ordnung und Klarheit. Es ist nur an uns, die allzusehr vernachlässigte Lehre von den letzten Dingen in diesem Punkt nach der Schrift zu gestalten. Nicht zufällig ist es, sondern beabsichtigte göttliche Unterweisung, wenn wir nacheinander sorgfältig voneinander gesonderte Gruppen von Heiligen, die zur Vollendung gelangen, auftreten sehen. Wenn gar Überwinder, die in schwerer Zeit bis zum Bluttode in Treue gehalten haben, ohne Zwischenzustand zur Verklärung kommen, so ist dies ein Lohn, um den wir sie nicht verkürzen wollen.

Die Sängergruppe auf dem Berge Zion in Kap. 14 darf ein Lied singen, das ihr allein zukommt. Der Sängerchor am gläsernen Meer (Kap. 15) singt ein Lied, das gewiss nicht ohne Absicht das „Lied Mosis und des Lammes“ genannt wird., offenbar nur deswegen, weil diese gesonderte Schar etwas Gemeinsames hat mit denen, die einst durch die mächtige Erlösungstat Gottes vor den Nachstellungen Pharaos —- der damit seinen endgültigen Untergang fand —- entrückt wurden und die nun , nachdem sie wie aus dem Tode, ohne den Tod zu sehen, herausgeführt worden, am jenseitigen Ufer des roten Meeres ihren Triumphgesang in mächtigen Weisen anstimmten. Von der wieder gesonderten Kollektivschar der „Männlichen“ in Kap. 12 ist aber ausdrücklich gesagt, dass sie zu Gott „entrückt“ wurde. Und die große Schar in Kap. 7, die schon gleich in das Gesichtsfeld des Johannes getreten ist und die so eingehende Würdigung findet, gewinnt unsere volle Bewunderung. Mit Nachdruck wird hervorgehoben, dass sie „vor Gott und dem Lamme“ steht, also nichts fehlt an ihrer Vollendung, worauf dann auch noch die besondere Hervorhebung dessen, wozu gelangt ist, in den Versen 15 – 17 gewiss angelegentlich hinweisen soll. Auch das noch am Schluss eingeschobene Gesicht Kap. 20, 4 – 6, gewinnt nun Klarheit. Auf Thronsesseln setzen sich Überwinder, um Gericht zu halten. Die erste Auferstehung hat ihren Abschluss gefunden und die übrigen Toten werden nicht lebendig, bis dass die 1000 Jahre vollendet werden. Zusammenfassend, gleichsam Rückschau haltend, werden selig und heilig gepriesen, die an der ersten Auferstehung teilhaben. Sie sind fortan aller Todesmacht entronnen; aufgehoben ist aller Bann; sie sind Priester Gottes und Christi. —- Fürwahr, wunderbare Vorgänge und gewaltige Bewegungen in der oberen Welt am Ehrentage des Herrn ! —-

Wo finden wir aber den Schlüssel für obige Darlegungen? Ist dieser nicht schon in der Schrift gegeben.

In unserem Buche münden alle Offenbarungslinien, die wir in der ganzen Schrift finden, aus. Gott ist gerecht und ein Vergelter. Das ist die Summe, das ist’s, was hier auf allen Blättern noch einmal ausgesagt ist und hier seine Krönung findet.

Redet nicht auch Paulus immer wieder deutlich und angelegentlich von Rangordnungen und Stufen unter den Heiligen am Tage der Vollendung? Hat nicht Jesus in seinen reden zu den Jüngern immer wieder darauf hingewiesen, dass je nach Maße der Treue der einstige Lohn ein verschiedener sein werde? Gab es nicht schon in der alttestamentlichen Ökonomie Vorbilder auf jene Ordnungen, die selbst in der Engelswelt bestehen? Redeten nicht die Propheten schon von Unterschieden in der kommenden Welt?

Die Offenbarung lässt uns sehen, wie die Klassifizierung der Heiligen schon vor sich geht. Es ist gewiss auch ein Zweck dieses Buches, uns zu zeigen, dass dies kleine Leibesleben auf Erden seine Bedeutung hat für die Ewigkeit. Hier ist der große Steinbruch, wo alle Steine, je nach ihrer Verwendung, ihre Auslese und Zubereitung finden für den wunderbaren Bau des ewigen Tempels, in dem Gott selber wohnen wird. Hier geht schon alle Rangierung vor sich. Keine Mühe, aufgewendet für ihn, ob auch unbemerkt und verborgen, wird leer bleiben (1. Kor. 3, 14; 15, 58) , kein Trunk kalten Wassers; in seinem Namen den Heiligen gereicht, unbelohnt ( Matth. 10, 42; 5,12; 25,45). Schon hier im gesellschaftlichen und bürgerlichen Leben findet gottgewollte Klassifizierung statt. Gott selber hat sie auch innerhalb seiner Heiligen gesetzt, und in unserem Buche sehen wir, wie er alle Abteilungen derselben schon in Reih und Glied bringt, so, wie er will.

Wir wollen zum Schluss noch die beiden Personen ins Auge fassen, welche im Mittelpunkt des ganzen Buches stehen und die uns ins Licht zu setzen ein Zweck des Buches ist: Satan und Christus.

Es fällt beim Lesen des Buches sofort auf, wie es bemüht ist, diese beiden Personen so scharf und deutlich zu zeichnen, wie dies in der ganzen Schrift bisher kaum in der ihm eigenen Weise geschehen ist. Es kommt eben alles darauf an, zu wissen, was es mit denselben auf sich hat.

Fassen wir zunächst Satan ins Auge.

Vielleicht sind viele Lesen schon erstaunt gewesen, zu finden, dass Satan in unserem Buche noch Zutritt im Himmel hat. Vielfach ist man gewohnt, mit dem Sieg auf Golgatha ihn als völlig abgetan anzusehen, als ob damit auch schon der letzte Austrag mit im zu Ende sei. Die Offenbarung ist es, die uns eines anderen belehrt. Man hat zu wenig auf die Zeitläufe geachtet, die Gott zur Ausführung seiner Ratschlüsse gesetzt hat.

Schon Paulus sagt Eph. 6,12, dass der Kampf, den wir zu führen haben, gerichtet ist gegen die Bosheitsmächte „im Himmlischen“. Hier ist es, wo Satan von jeher seinen Wohnsitz hat. Er ist Geistwesen, und als solches gehört er, obgleich gefallen, ebenso den himmlischen Regionen an, wie der Mensch mit Fleisch und Blut der Erde, auch dann noch, wenn er eine Änderung seines Sinnes erfahren hat. Gerade so, wie für Geistwesen, auch bei ihrer widergöttlichen Beschaffenheit, von ihrer Erschaffung an, der naturgemäße Wohnsitz der Himmel ist, so ist für Menschen, solange sie Fleisch und Blut, worin das Seelenleben wurzelt, an sich tragen, der natürliche Wohnsitz die Erde, aus deren Elementen der Leib gebildet ist. Satan hat also angestammte Heimatsrechte im Himmel, die noch nicht zur Aufhebung gekommen sind, wenngleich ihm der Prozess gemacht ist.

Gerade aber das will das Offenbarungsbuch zeigen, dass es nicht so bleibt, dass vielmehr nach seiner vollen Auswirkung auch für ihn die letzte Stunde im Himmlischen geschlagen hat.

Sein endgültiger Sturz aus dem Himmel erscheint in unserem Buche enge verwoben mit der Geschichte des Menschen, den es in seinem Fall mit hineingezogen hat. Beide sind fortan in ihrem Schicksal miteinander verknüpft. So wie jene Geschichte ihren Austrag findet, geht es auch mit ihm zu Ende. Das Enddrama aller dieser Dinge wird daher, wie wir in unserem Buche finden, auch auf dieser Erde ausgetragen. Es geschieht dies, nachdem Satan den Menschen der Sünde ausgeboren und diesem seinen Thron und seine Macht übertragen und er damit den weiteren Verbleibt im Himmel rechtmäßig verwirkt hat.

Von der Erde geht es mit ihm in den Abgrund und dann endgültig in den Feuerpfuhl, in den der Antichrist und der falsche Prophet vorangegangen sind und die, deren Namen nicht im Buche des Lebens erfunden werden, nach ihrem gerichtsmäßigen Spruch ebenso endgültig nachfolgen werden. So endet die Geschichte des Teufels und seines Anhanges; eine Erleichterung der Lehre vom Teufel und vom Schicksal des Menschen, wie sie uns das wunderbare Buch der Offenbarung gibt.

Das ist aber nicht alles. Kehren wir zurück. Kap. 12, 10 erschallt der Lobpreis im Himmel, dass der Verkläger (kategoros) der Brüder verworfen ist, der sie Tag und Nacht verklagt vor Gott. Mit dieser Bezeichnung passen nun die Namen zusammen, die ihm V. 9 beigelegt werden: Teufel und Satan. Teufel (diabolos) heißt Verleumder, und Satanas = Widersacher, Gegner, Feind. Namen sagen immer die Wesensart aus. Das innerste Wesen Satans ist Rebellion gegen Gott, Empörung wider Gott, Selbstbehauptung ohne Gott, Überhebung über Gott. Halten wir dies fest, so werden wir auch sein Wirken verstehen.

Was war seine Absicht, als er im Paradiese an den Menschen, das neue, hohe Geschöpf Gottes, sich heranmachte? „Ihr werdet sein wie Gott,“ war das Fangnetz, das er auswarf. Selbstbehauptung ohne Gott, Empörung wider Gott, das war das Ziel, das er sich auch für den Menschen gesteckt hatte.

Hat Satan dies Ziel erreicht? Nicht absolut, nicht so, wie es in ihm, der die Sünde aus sich selbst, aus seinem Eigenen erzeugt, der mit ihr wesenseins, sie naturhaft geworden, bereits bestand. Satan wollte mehr, als er zuwege brachte. Er wollte, wie er Eva sagte, den Menschen zur Gottähnlichkeit führen, allerdings in seinem Sinne: zur Selbstbehauptung ohne Gott, zur Überhebung über Gott, wie dies sein eigenes Wesen ausmacht.

Das durfte ihm noch nicht glücken. Dieser Versuch ist ihm mißraten. Satan ist Geistwesen, und darum der Fall absolut. Das Innerste des Menschen, sein Ich, ist die Seele, die im Blutleben wurzelt. Sie ist es, die durch den Fall Fleisch geworden ist. So lautet Gottes Urteil: „ sie sind Fleisch.“ Diese Verfaulung fleischlichen Trieblebens ist auch schon etwas, was Satan Freude macht; aber nicht alles.

Satan als Geistwesen wollte mehr. Auf Selbstverherrlichung hin, auf selbsteigene Empörung wider Gott hin, auf Überhebung über Gott hin zielt auch alle und jede Richtung des Bösen, das erst hierin seine Vollendung feiert. Ist die Seele das Innerste des Menschen, so der Geist mit dem Gewissen das Höchste, die letzte Zitadelle des Menschen, die noch zu erobern war.

Satan gibt seinen Plan nicht auf. Aber Gott arbeitet ihm nun entgegen: durch das Flutgericht bei der Vermischung der Söhne Gottes und der Menschen, durch die Sprachenverwirrung und Zerteilung der Menschheit bei dem Turmbau zu Babel. In den Weltreichen mit ihren erhabenen Spitzen ist Satan wieder auf dem besten Wege, die Selbstverherrlichung als selbsteigenes Wesen im Menschen durchzuführen. Aber noch gelingt es ihm nicht; Gott lässt sie zerfallen. Selbst an den Sohn Gottes wagt er such mit gleicher Absicht heran: „ So du mich anbetest.“ Er wurde abgeschlagen. —

Nun sehen wir in der Offenbarung, dass ihm endlich der Plan gelingt, und er im Menschen der Sünde den Gegengott hervorbringt. Damit kommt er selbst an seinem Ende an. Es ist aber auch damit erklärt, dass dieser Gegengott, der Antichrist, mit dem falschen Propheten ohne weiteren Urteilsspruch vor dem Satan dem Feuersee endgültig verfallen ist und ihm überliefert werden. Der kleine Mensch hat sich als Gegengott doch allzu sehr überboten; Satan, eine Majestät der Geister, muss erst seine Rolle ganz zu Ende bringen.

Diese Endentwicklung des Bösen ist es, die unser Buch so meisterhaft herausstellt. Sie zu zeigen, gehört zum Zwecke dieses Buches, ohne das die Welträtsel kaum ganz verstanden werden. Nicht zu oft und zu tief können wir uns in seinen wunderbaren Inhalt versenken. Bei ihm müssen wir verbleiben, auch was das endgültige Schicksal Satans uns seines Anhangs anbetrifft. Darum schließt auch dies Buch mit der erschütternd ernsten Mahnung: „Wer böse ist, bleibe immerhin böse; wer heilig ist, bleibe immerhin heilig.“

Jetzt seien noch der Zentralperson des Buches, Jesus Christus, einige wenige Worte gewidmet. Für eine christologische Untersuchung würde unser Buch reiche Ausbeute liefern, und es ist schade, dass mit der altgewohnten Vernachlässigung eschatologischer (letzter) Dinge die Dogmatik auch über unser Buch immer schnell hinwegeilt.

Gleich in Kap. 1 erscheint die erhabene Person des „Menschensohnes“ im Stande seiner Erhöhung in überweltlicher Herrlichkeit. Der Jünger, der einst gewohnt war, an seiner Brust zu liegen, fällt ob des Glanzes nieder als ein Toter. Als er ihn Kap. 19 in seinem Herrlichkeitsstande auf weissem Triumphatorrosse wieder schaut, weiß er, nur zu sagen: „Er hat einen Namen, den niemand versteht.“

Der stehende Ehrentitel, den ihm das Buch in 16maliger Wiederholung beilegt, ist: das Lamm. Schon gleich in dem Hauptgesicht der ersten Gesichtsgruppe, der Thronversammlung im Himmel, steht mitten zwischen dem Thron und den Lebewesen einerseits und den Ältesten andererseits das Lamm mit dem Zeichen der Schlachtung. Die Wundmale sind die Insignien seiner Würde als Haupt der Gemeinde und zugleich das alles zusammenfassende Zentralhaupt von Himmel und Erde.

Wenn er die Wurzel Davids, der Löwe aus dem Stamme Juda und der Fürst der Könige auf Erden genannt wird, so soll dies anzeigen, dass in ihm alle Prophetenworte ihre Erfüllung finden.

Und selbst nennt er sich im ersten und letzten Kapitel mit Nachdruck: „ Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte,“ weil er alles Erschaffene umschließt, allen das Leben spendet und Ursache, Quell und Ziel ist allen Seins.

In Bekräftigung des gewaltigen Inhalts des Buches schließt er mir der Selbstbezeugung: „Ich bin die Wurzel des Geschlechts Davids und der helle Morgenstern.“ Ewig verbunden mit dem Menschentum ist in ihm verbürgt der Anbruch des ewigen Tages, an dem alles neu gemacht wird. Mit seiner Epiphanie (Erscheinung) ist alles, was diesen Tag einleitet, gekommen: gekommen der große Tag des Zorns (Kap. 6, 17); gekommen die Stunde des Gerichts (Kap. 14, 7); gekommen die Stunde der Ernte (Kap. 14, 15); gekommen das Gericht Babylons (Kap. 18, 10); gekommen die Hochzeit des Lammes (Kap. 19, 7).

Seinem letzten Abschiedsgruß: „Ja, ich komme bald!“ folgt ein das ganze gegenwärtige Zeitalter hindurchklingendes Echo: „Amen, ja komm Herr Jesu!“ .

Nicht der Himmel mit den selgen Wonnen,
nicht die goldne Gottesstadt,
nicht der schöne Glanz der wegen Sonnen,
ist`s, was mich entzündet hat:
Mein Verlangen geht nur nach dem Einen,
der gesprochen: Du bist mein!
Mit ihm mich auf ewig zu vereinen,
meine Sehnsucht ist allein !

Kelle und Schwert – Heft 23/24 , Bundes – Verlag, Witten=Ruhr.

Quelle: Glaubensstimme