Offenbarung 11, 3-18: Die zwei Zeugen. – Die siebente Posaune.

Vierzehnte Bibelstunde.

Wenn es einst dem Ende zugeht, dann wird die große Menge der Menschheit, von widerchristlichem Geiste bezaubert, die Gemeinden Christi überall zu vernichten suchen. Und es wird ihr gelingen, durch Verfolgungen sie teils zu schwächen, teils zu versprengen. Aber ein Kern wird fest geschlossen und wohl bewahrt erhalten bleiben: das an seinen Messias gläubig gewordene Israel. Umlagert und befehdet von der die Welt beherrschenden christentumsfeindlichen Macht, die alle Mittel aufbietet: so sehen wir die israelitische Gemeinde Gottes in ihrem Lande und in der heiligen Stadt auf äußerste bedrängt und eingeengt, aber doch erhalten als ein Volk, das ihn anbetet und dem eine Stätte der Anbetung und Freiheit ihres Gottesdienstes unangetastet geblieben ist. Ihre Stellung in der Welt scheint verloren zu sein, da auch bis in die heilige Stadt hinein die Weltmacht die Herrschaft übt und allen Einfluß der Gottesgemeinde draus verdrängt zu haben scheint. Und doch stehen, wie vor den Toren einer eingeschlossenen Festung, im Kampf mit den Feinden noch Streiter, die aufrecht und erfolgreich die Sache Gottes und seiner Gemeinde führen. Der Seher hört (V. 3) Gott oder Christum sprechen: „Ich werde es meinen zwei Zeugen geben, daß sie weissagen werden 1260 Tage, in Säcke gehüllt.“ Im grobwollenen, engen, sackartigen Trauergewand werden sie dastehen, nicht trotzig kühn, aber in entschlossenem, gefaßten Ernst, einsam und doch so, daß einer am andern seinen Halt hat (vergl. Luk. 10, 1).

Was und wie sie reden sollen, wird ihnen von oben gegeben werden (Matth. 10, 19.20), und sie werden die 3 1/2 Jahre der  letzten und tiefsten Bedrängnis der Gemeinde hindurch Tag für Tag ihre Stimme erheben zum Zeugnis unter den Feinden. Darum ist nicht einfach wiederholt „42 Monate“, sondern diese sind in 42 x 30 Tage, d.i. 1260 Tage zerlegt. Sie werden alttestamentlichen Vorbildern verglichen, deren Gestalten den Lesern aus Sacharja 4 bekannt waren. Sie sind „die zwei Ölbäume“, die das Öl des Geistes des Herrn lebendig und persönlich in sich tragen, und eben darum verlöscht ihr Licht nicht; sie sind „2 Leuchter“, wie Fackeln, „die da scheinen an einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche“ (2. Petr. 1, 19). So stehen sie als Knechte vor ihrem Herrn mitten unter ihren Feinden, wie einst Elia vor Ahab, wie Mose vor Pharao stand (1. Kön. 1, 17, 2. Mose 5, 1). Ihr Herr aber ist und bleibt der Herr der Erde.

„Ob die Menge der Gottlosen noch so sehr tobet, und so viel an ihnen ist, das Recht Gottes auf Erden, sein unumschränktes Recht auf sein Gebiet, , schmälert und zernichtet, so protestieren die zween Zeugen dagegen und behaupten mit Werken und Worten, dass Er der Herr der Erden wirklich sei und sich als einen solchen bald mächtiglich beweisen werde“ (Bengel)

Und weil sie im Dienste dieses Herrn der Erde stehen, so sind sie unverletzlich und mit übernatürlicher Macht ausgerüstet (vergleiche Mark. 16, 17.18). Sie streiten nicht mit irdischen Waffen, sondern lediglich mit dem Wort ihres Mundes. Aber was sie reden, das reden sie als Gottes Wort, und „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht Jehova, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ (Jer. 23, 29).

Es ist bei ihnen, wie 2. Kön. 1, 10ff. bei Elia, wo auf des Propheten Wort Feuer vom Himmel die gegen ihn ausgesandte feindliche Macht verzehrt, und wer ihnen will ein Leid zufügen, der verfällt ebendarum dem Strafgerichte Gottes. Aber nicht bloß zu ihrer Verteidigung haben sie solche Gewalt, sondern Gott gibt ihnen Macht über Himmel, Wasser und Erde. Auch hierin gleichen sie Elia und Mose. Jenem, auf dessen Wort hin es gleichfalls 3½ Jahre nicht regnete (Jak. 5, 17), diesem, der in Ägypten über den Nilstrom und über das Land in Gottes Auftrag und Vollmacht Plagen verhängte (2. Mose 7ff.), ohne daß jemand drein reden, ihn hindern oder die Plagen beseitigen konnte.

So sind diese zwei Zeugen wie einst Elia „die Wagen Israels und seine Reiter“. Aber es kommt die Zeit, wo sie unterliegen und alles verloren scheint. Dann wird ihr Schicksal dem ihres Herrn Christus ähnlich werden. Sie werden getötet, aber nicht eher, als bis sie ihr Zeugnis vollendet haben; dann erst kommt die Stunde der Feinde und die Macht der Finsternis (vgl. Luk. 22, 53; Joh. 14, 30). Das aus dem Abgrund aufsteigende Tier wird sie bezwingen. Johannes sieht an dieser Stelle das Tier nicht, er erhält nur Bericht von dem, was es tun wird.

Aber das Tier ist ihm und seinen Lesern aus dem Propheten Daniel bekannt. Dort (Kap. 7) ist das Tier Bild der Weltmacht. Dieser Weltmacht, die Waffengewalt und kriegerische Mittel gegen sie aufbietet, werden sie erliegen. (Man denke daran, dass auch gegen Jesus die Staatsgewalt militärische Maßnahmen traf, Joh. 18, 12). Gewiß nicht jede Weltmacht ist „aus dem Abgrund“; aber das letzte Weltreich wird im Dienst der Hölle geradewegs den Kampf gegen Gott führen. Einst hat der Fürst dieser Welt dort, wo das Heiligtum des lebendigen Gottes stand, den Sohn Gottes ans Kreuz gebracht, und ebendort, wo in der Endzeit die Gemeinde Gottes noch ihre Stätte hatte und ihre wirksame Macht üben konnte, wird in der letzten Zeit die völkerbeherrschende, aber von der Hölle beherrschte Weltmacht alles „zertreten“ und ein „Sodom und Ägypten“ draus machen, eine Stätte wüstester Greuel und grausamer Bedrückung des Gottesvolks.

Das letzte Bollwerk, das auf Erden dem Antichristentum widerstanden hat, soll mit Aufbietung großer Heeresmacht vernichtet werden, und so ist denn hier im Hauptquartier des Weltregenten die Streitmacht aus der ganzen Völkerwelt beisammen, und erst dadurch wird die Stadt recht eigentlich „groß“ und belebt und bekommt ihre Weltbedeutung. Und nun ist Jauchzen und Siegesjubel im Lager, da die Helden gefallen sind, welche, so unbegreiflich es schien, doch unwiderstehlich den Sieg der großen Macht aufgehalten und ihr viel Schaden getan haben.

Es ist für diese verbissene Wut gegen diese „Quäler der Menschheit“ überaus bezeichnend,
dass man nun an ihren Leichen noch sein Mütchen kühlen will und ihnen kein Begräbnis gönnt. 3½ Tage liegen sie unbeerdigt da. Aber mitten in dem, was die Feinde an gehässigem Hohn ihnen antun, werden sie unterbrochen: nicht sie vollenden’s nach ihrem Willen, sondern Gott nach seinem Willen. Da die Erde diesen Toten keinen Raum geben soll, so nimmt Gott sie von der Erde hinweg: „Es kam Lebensgeist aus Gott in sie“; sie standen plötzlich aufrecht und lebendig da zum Schrecken aller die sie sahen; eine Stimme vom Himmel ruft sie nach oben und eine Wolke entzieht sie den Blicken und der Gewalt ihrer Feinde. *)

 *) Es ist ungewiß, ob Johannes geschrieben habe: „s i e  hörten“ oder „i c h  hörte eine Stimme vom Himmel“. Im letzteren Fall würde er sagen wollen: es sei ihm im Bilde so gezeigt worden; im erstern Falle: Es werde sich in Wirklichkeit so vollziehen.

Gleichzeitig greift Gott durch ein Erdbeben ein, das im Lager der Feinde Schrecken und Zerstörung anrichtet, so daß die Gemüter, mit Furcht erfüllt, vor dem Gott des Himmels, den sie, als hätte er auf Erden nichts zu sagen, beiseitegesetzt, geleugnet und verspottet haben, sich beugen und ihm „Ehre geben“. Wir lesen in den Evangelien immer wieder, daß das Volk sich ob Jesu Worten und Taten „sich entsetzte“. Das Gemüt wird von der überlegenen und unverstandenen Macht ergriffen, von ihr niedergeschmettert und doch angezogen. Ob es zur Unterwerfung des Willens unter die Gottesmacht komme oder nicht, ist noch eine große und ist die entscheidende Frage.

Soweit ist es gekommen unter den Gerichten und Heimsuchungen der sechsten Posaune, des „zweiten Wehs“. Nun folgt das abschließende Gericht: „Der siebente Engel posaunte“, und „in den Tagen“, die damit anbrechen, „soll das Geheimnis Gottes vollendet werden“; so haben wir 10, 7 gelesen. Diese „Tage“ werden eine Fülle des Großen und Gewaltigen in sich schließen; wie lange sie sich dehnen und was sie im einzelnen bringen werden, schaut der Seher in diesem Gesichte nicht. Das Endergebnis verkündigen die starken Helden Gottes im Himmel. Sie jubeln laut: „Die Herrschaft der Welt ist unsres Herrn und seines Gesalbten geworden, und er wird herrschen in die Ewigkeiten der Ewigkeiten.“ Die Mächte der Hölle und der Welt, die ihm widerstrebten, hat Gott besiegt und nun liegt am Tage: Er wird duch seinen Gesalbten [gr. ΧριστόςChristós] und mit ihm die Königsherrschaft führen auf immer! Und die Vertreter der Erlösten, die 24 Ältersten, fallen nieder vor dem Thron und bringen Anbetung und Dank dar, daß nun die Befreiung von der satanischen Macht auf Erden vollendet ist.

Sie preisen Gott als den Herrn, der über alles gebietet, der in Allmacht gewaltet hat und nun fortan waltet! Sonst hörten wir den Lobpreis dessen, „der da war und der da ist und der da kommt“. Jetzt aber ist, was ehedem kommen sollte, Gegenwart geworden, darum fehlt hier das dritte Glied des Lobpreises, das wir sonst vernahmen. Der Allmächtige, der lange, lange der menschlichen Freiheit und der teuflischen Bosheit Raum gelassen hat, ist nun mit seiner bisher gleichsam verborgen gehaltenen Macht hervorgetreten, und es ist offenbar geworden, daß sein die Herrschaft ist und bleiben wird in Ewigkeit.

Als die Völker der Welt in ihrem Zorn sich empörten und ihr Aufruhr alles niederzuwerfen schien, da ist der Zorn des im Himmel Thronenden über sie gekommen und hat sie zerschellt. Die Ströme des Blutes der unschuldig Gemordeten, die so lange (vgl. 6, 9ff.) umsonst um Gerechtigkeit zum Himmel geschrieen haben, sie rufen nicht länger vergeblich. Sie bekommen ihren Lohn, und keiner derer ist vergessen, die gelitten und geblutet haben um ihres Bekenntnisses und ihres Wandels willen in der Zeit der gottfeindlichen Weltherrschaft. Die Propheten und Auserwählten und die kleinen und kleinsten auf Erden, die, soweit ihre Kraft und ihre Erkenntnis reichte, treulich in Gottesfurcht durchgeharrt und durchgelitten haben, sie alle lohnt Gott; die Macht derer, die die Erde verderbt haben, wird vernichtet und ihr Lohn ist: Verderben!

Damit schließt das Gesicht von den 7 Posaunen, die uns durch die Zeit der letzten Gerichtsheimsuchungen geführt haben. Diese endigen mit der Errettung der Gemeinde Christi und der Vernichtung der widergöttlichen Mächte, die die Erde beherrscht und „verderbt“ haben. Was wird nun werden aus der befreiten Erde? Wir hören in diesem Gesichte nichts andres, als daß es herrlich werden soll unter Gottes und seines Christus Regierung. Ehe wir davon Näheres hören, werden wir in den folgenden Gesichten erst recht tief in den die Weltgeschichte beherrschenden und in der letzten Zeit sich furchtbar auswirkenden Widerstreit hineingeführt, in welchem  auf der einen Seite Gott und die Gemeinde, auf der andern Seite die vom Feinde Gottes geknechtete und gegen Gott in den Kampf geführte Menschenwelt steht.

Der Kampf ist hindurchgegangen durch die Welt; er hat einen Höhepunkt gefunden in der Ausstoßung des Gottessohns und Weltheilands auf Golgatha; er geht seitdem schroff und scharf weiter bis ans Ende, und auch wir sind zu unsrer Zeit und in unsrem Teil in diesen Kampf hineingestellt, und wenn auch die Schrecken des kommenden Endkampfs uns noch nicht treffen, so gilt es darum doch im vollsten Ernste auch für uns:

Damit wir nicht erliegen
muß Gnade mit uns sein,
sie flößet zu dem Siegen
Geduld und Glauben ein.

Die Gnade, die den Alten
ihr Weh half übersteh’n,
wird ja auch uns erhalten
die wir in unsrem fleh’n.

Wird stets der Jammer größer,
so glaubt und ruft man noch:
Du mächtiger Erlöser,
du kommst, – so komme doch!

Quelle:

Christian Römer, weil. Prälat und Stiftsprediger zu Stuttgart: Die Offenbarung des Johannes, in Bibelstunden erläutert, S. 110-117 (Verlag von D. Gundert, Stuttgart 1916)

Bild: H. D. Chadwick, Public Domain, via Wikimedia Commons

Liedverse: aus Die Gnade sei mit allen, von Ph. Friedr. Hiller