Offenbarung 19, 11-21: Christus stürzt das Reich des Antichrists

24. Bibelstunde

Babylon ist gefallen; die furchtbare Zeit der antichristlichen Tage ist damit für Jesu Gemeinde, die treu darin ausgeharrt hat, zum Ende gekommen, und sie, die eben noch nichts als Schrecken und Verderben um sich her gesehen hat, darf sich für die froheste Festzeit rüsten, da ihr Herr als Siegesfürst und Friedensfürst nun die Herrschaft auf Erden in seine Hand nehmen wird. Wir haben den himmlischen Jubel vernommen, daß nun der Bräutigam sich seiner Braut so herrlich annehmen will; sollen wir dem furchtbar herrlichen und majestätischen Schauspiel zusehen, wie dieser Herr und Bräutigam seiner Gemeinde das Weltreich überwindet und richtet.

Ein  B i l d  ist es, was wir zu sehen bekommen, nicht etwas, das so wie es hier sinnbildlich dargestellt wird, augenfällig geschehen soll. Johannes sieht, wie der Himmel sich geöffnet hat, und eine Gestalt kommt aus dem Himmel geritten. Es ist ein Kriegszug, zu dem ein Feldherr auszieht: wir sehen es am Roß; aber es ist ein weißes Roß, wie bei Triumphzügen; denn der Kriegszug ist, ohne daß es eines Kampfes erst bedürfte, schon von vornherein ein Siegestzug. „Treu und wahrhaftig“ heißt der Name des erhabenen Reiters! Er hält und führt durch, worauf die seinigen in Leidenstagen sehnlich und gläubig gewartet haben; er bringt das Gericht, welches Recht schafft, er bringt den Krieg, welcher Friede schafft für seine Getreuen.

„Seine Augen sind eine Feuerflamme“ (vergl. 1, 14), seinem alles durchdringenden und alles ihm Mißliche verzehrenden Blick vermag sich nichts zu entziehen; auf seinem Haupt sind „viele Kronen“, nicht eine bemessene Zahl wie bei dem Drachen und dem Tier (12, 3; 13, 1), sondern es sind ungezählte, denn er ist König aller Reiche der Welt (V. 16), und alle Herrschaft vereinigt sich auf sein Haupt, auf seine Person. Auch hier wie so oft in der Offenbarung führt es irre, wenn man sich die Einzelzüge zu einem Ganzen zusammenmalen wollte, also z.B. fragen würde, wie die Menge der Kronen ihren Platz finden oder wie Feuerflammen aus einem Antlitz hervorbrechen oder auch wie ein Schwert aus einem Munde hervorkommen könne. Jeder einzelne sinnbildliche Zug für sich bedeutet etwas, und dabei haben wir zu verweilen und uns daran genügen zu lassen.

Wen bildet die Gestalt auf dem weißen Pferde ab? Wir haben nicht zu fragen nötig. Wir denken notwendig zurück an 1, 13ff., wo Christi Gestalt als die des himmlischen Menschensohns vor uns stand. Nun ist es wieder der Menschensohn, nach dem bis jetzt durch alle Gesichte hindurch Christus als das Lamm erschienen war. Der am Kreuz Geopferte, dessen Gemeinde vom Kreuzesopfer lebt und den Kreuzesweg durch die Welt zu gehen hat, erscheint hier, da es dem Siege zugeht, in der Herrlichkeit des himmlischen Herrn über alle Welt, hoch erhaben über die irdischen Mächte, und „hat einen Namen geschrieben, welchen niemand versteht außer ihm selbst“: Das bedeutet hinein in die Tiefen der Gottheit, in „das Licht, da niemand zukommen kann“, in das allem Verständnis der Geschöpfe unzugängliche Geheimnis des Wesens des ewigen Sohnes, der von sich selbst gesprochen hat (Matth. 11, 27): „Niemand kennet den Sohn als nur der Vater.“

Aber dennoch ist dieser Sohn, dessen Wesen unergründlich ist, der Welt offenbar geworden, ja er ist der Offenbarer Gottes an die Menschheit, das personhafte „Wort Gottes“, das uns den unsichtbaren und unfaßbaren Gott kund gemacht hat (Joh. 1, 1-18).
„Wir sahen seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit“, hat es geheißen, als er in Niedrigkeit auf Erden wandelte; aber er wird seine Herrlichkeiten noch kund tun als der, der „angetan ist mit einem in Blut getauchten Gewande“ *)

*) So nach der wahrscheinlichsten Lesart.

Denn dann zieht er aus zum blutigen Sieg und Strafgericht über seine Feinde, und sinnbildlich wird das dargestellt, indem sein Gewand bereits anzeigt, was das unabwendbare und unaufschiebbare Ergebnis seines Eingreifens sein wird. Und mit ihm kommen die himmlischen „Kriegsheere“, die Engel, die seine Befehle ausrichten. Sie folgen ihm als sein Heer, gleichfalls auf weißen Rossen; denn ihr Auszug zum Kampf ist ja nur ein Begleiten des Triumphzugs ihres Herrn. Ihr Kriegskleid ist weiße, reine Leinwand: in himmlischem Schmuck folgen sie ihrem Feldherrn als Zeugen seines Sieges. Das Schwert führt er allein, und dieses Schwert, das überall hin trifft und haut und schneidet, ist das Wort, das aus seinem Munde geht und mit dem er die Völker zu Boden schlägt. Einst in seiner tiefsten Erniedrigung beim Garten Gethsemane hat sein Wort „Ich bin’s“ die Schar der Gegner zu Boden geworfen (Joh. 18, 6); wenn sein Wort vom Himmel her erschallen wird, wird er die Völker der Erde wie mit eisernem Zepter zu Paaren treiben und das Heer seines Feindes, des Antichrists, wie in einer Kelter zerstampfen, daß die Blutströme der Kelter entfließen. So war es schon 14, 20 gesagt.

Gott, der Allherrscher, hat ihm dieses grimmige Zorngericht zu vollziehen übergeben, und er ist der starke Held, auf dessen Gewand, da wo es die Hüfte, den Ort der Stärke des Leibes umgibt, von Gottes wegen geschrieben steht: „König der Könige und Herr aller Herren“.

So zieht er also aus. Wie gewiß sein Sieg ist, wie furchtbar schnell seine Feinde hingestreckt sein werden, kündet nun, ehe der Herr mit seinem himmlischen Heer auf des Antichrists Heere trifft, schon eine Stimme von oben an: ein Engel steht hoch auf der Sonne und ruft mit lauter Stimme alle die Vögel zusammen, „die da fliegen in der Mittagshöhe“. Das sind die Raubvögel, die Adler und Geier usw., welche in solche Höhen sich erheben. Diese sollen von allen Enden her sich sammeln zu der schauerlich großen Mahlzeit Gottes“, die ihnen bereitet wird durch das Fleisch derer, die der Sieger und Richter zu Boden streckt. Da liegen auf dem Schlachtfeld hingestreckt in ihrem Blute die Könige, die vorher so hoch gethront als des Tieres Vasallen, die Kriegsobersten und die starken Kriegshelden, die Rosse und die Reiter, die Freien und die Knechte, die Kleinen und die Großen: ein zu Boden gestrecktes Heer, die der Tod alle einander gleich gemacht hat. Sie alle hat Gott den Raubvögeln zum Fraß übergeben.

Und nun gibt der Seher nur mit wenig Worten an, wie die Entscheidung fällt. Die Heeresmacht des Antichrists und aller seiner Vasallen ist versammelt und will kämpfen gegen den Herrn des Himmels und sein Engelheer. Freilich, wir wissen: ihr Kriegszug ist nicht unternommen gegen Heere, die sie in den Lüften suchen und vom Himmel herunter erwarten. Sie haben sich vereinigt (16, 14-16) zum Vernichtungskampf gegen das Zion auf Erden, das die Zufluchtsstätte der Gemeinde Christi während der antichristlichen Drangsal geworden ist; diese Stätte (14, 1) wollen sie einnehmen und belagern. Wie wird das kleine Völklein, das an Gott und seinem Christus festhält, ihnen widerstehen können? Es wird gehen wie dort (2. Mose 14), da Pharao dem Volke Israel nachjagte: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein“. Statt des irdischen Kampfziels, nach welchem sie sich aufgemacht haben, tritt ihnen der Herr entgegen mit seiner Engel Scharen. Ob sie es wohl erkennen, mit wem sie es zu tun bekommen? Eine Ahnung mindestens muß in ihnen aufsteigen, aber es ist zu spät; ihr Bruch mit Gott ist vollendet, so müssen sie auch die Bahn der Sünde durchlaufen bis zum Ende.

Statt eines Kampfs beginnt der Gerichtsvollzug. Das Tier, der Weltherrscher, dem der Teufel seine Kraft geliehen hat, und mit ihm „das andere Tier“, der falsche Prophet, der die Welt verführt hat, (13, 1.2.11ff.); – für diese beiden bedarf es keines richterlichen Urteilsspruchs mehr. So wie sie sind, werden sie in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brennt. Der Allmächtige tut an ihnen ohne Aufschub, was er an allen, die ihm widerstreben zu tun die Gewalt hat, „Leib und Seele zu verderben in die Hölle“ (Matth. 10, 28). Dieser Ort des „ewigen Feuers, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln“ (Matth. 25, 41), öffnet sich für die Menschenwelt erst durchs jüngste Gericht (20, 14). Aber die Verderber und Verführer der Menschheit, der Antichrist und sein Prophet sollen nicht einmal des Leibes Ruhe im Grabe haben bis zum Gerichtstag, sondern sofort mit Leib und Leben verworfen sein an den Ort der Verdammnis. Die andern aber, von den Königen herab bis zum Geringsten im Heer sollen den leiblichen Tod erleiden, ein Schrecken für die Völkerwelt, die es sieht oder davon hört, wie die Leichname des großen antichristlichen Kriegsheeres unbeerdigt vermodern und vom Getier aufgefressen werden.
Ein Schmerzensschrei muß durch die Welt hindurchgehen, wenn von denen, welche mit der großen Armee zu Feld gezogen sind, niemand mehr heimkehrt. Aber das dürfen wir nicht übershen: das Urteil fürs Jenseits ist den Gefallenen darum noch nicht gesprochen. Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wird jeden Einzelnen nach seiner besonderen Persönlichkeit vor Gericht stellen, nicht zur summarischen Aburteilung, sondern Gott wird geben „einem jeglichen nach seinen Werken“ (20, 13).

Das ist das Ende des widergöttlichen Weltreichs. Halten wir uns vor Augen: nicht die Völker sind vernichtet, nur die gewaltigen Kriegsheere der Völker; nicht ums letzte Gericht über die Welt handelt es sich, sondern um ein Gericht über die Herrschaft des widerchristlichen Geistes in der Völkerwelt, der sich in dem ungeheuer mächtigen Einheitsreich des Antichrists seine Organisation und seine alles beherrschende Macht geschaffen hat.

Es entspricht darum der Sachlage, wie sie uns geschildert wird, ebenso wenig wie dem Wortlaut des Textes, wenn man vermutet, es sei hier (von V. 11 an) von der sichtbaren Wiederkunft des Herrn Christus in Herrlichkeit die Rede. Wie  d i e s e  sich tatsächlich vollziehen wird, das hat der Herr selbst klar und deutlich vorausverkündigt Matth. 24, 30 und sonst, und im Einklang damit steht alles, was das ganze Neue Testament einschließlich der Offenbarung (1, 7) darüber bezeugt. Undenkbar wäre, daß ein Apostel oder überhaupt ein Christusgläubiger der Urgemeinde diese feierlich klare und schliche Ankündigung aus des Herrn eigenem Munde mit dem Zierrat von Bilderrede verdunkeln würde, indem er den wiederkommenden Gottessohn auf einem Pferd mit blutigem Kleid und einem von Kronen überdecktem Haupt usw. uns abmalen wollte. Nein, das bedarf und das erträgt Jesu klares Wort nicht. Vielmehr beweist die Bilderrede, daß das Kommen der himmlischen Gestalt auf weißem Roß ein veranschaulichendes Sinnbild sein will. Versinnbildlicht wird dadurch die entscheidende Machttat des Sohnes Gottes, durch welche er die dermalige Herrschaft von Weltmächten, die von Jahrtausend zu Jahrtausend fortgegangen ist und fortgeht, zum Ende bringen wird. Am Schluß dieser wechselvollen Entwicklung weltgeschichtlicher Machtreiche wird ein riesenhaftes, die Menschheit beherrschendes Weltreich stehen, das, selbst vom Höllengeist beherrscht, gegen den lebendigen Gott und seinen Gesalbten den ungeheuren Kampf unternimmt. Dieses entsetzlichste der Weltreiche wird Christus mit dem scharfen Schwert seines Mundes, d.h. durch sein allmächtiges Wort zerschmettern, und damit ist die Zeit aller Weltreiche für immer vorüber. Nie mehr wird fortan aus dem Meer der Völkerwelt ein neues Weltreich aufsteigen. Aber keineswegs ist damit das Ende der Menschheitsgeschichte gekommen. Deswegen ist auch damit der Zeitpunkt entfernt noch nicht gekommen für die Wiederkunft Christis in den Wolken des Himmels, von der die Heilige Schrift und auch die Offenbarung des Johannes es nicht anders weiß, als daß sie erfolgen werde, nicht um den weltbeherrschenden Reichen ein Ende zu machen, sondern um die Auferweckung der Toten, das Weltgericht, den Weltuntergang und die Welterneuerung herbeizuführen.
Vorher aber wird noch einmal für diese unsre Erde eine Zeit kommen ohne die weltlichen Reiche, wie sie bisher die Geschichte der Menschheit beherrscht haben, also auch ohne die Kriege, darin ein Volk über das andere und ein Königreich über das andere herfällt, um es zu zertreten und selbst an dessen Stelle zu rücken, bis eine andere Weltmacht aufsteht und dem Reich, das obenan stand, dasselbe Los bereitet, das dieses seinen Vorgängern bereitet hatte. Dieser furchtbare Jammer, der die Völkergeschichte aller Zeiten und aller Zonen mehr als alles andere füllt, wird einmal aufhören.

In der Vernichtung des letzten, gewaltigsten, aber auch gottwidrigsten Reiches der Welt erkennt die Offenbarung etwas für die Geschichte der Gemeinde Christi auf Erden wie für die ganze Menschheit so tief Einschneidendes und so gründlich Entscheidendes, daß sie uns den Jubel der himmlischen Scharen hören läßt. Aber es ist ein Ereignis auf dieser vergänglichen Erde und darum nicht die Erfüllung der großen Hoffnung auf das ewige Reich der Herrlichkeit, das beginnen wird, wenn der unsichtbare König sichtbar wird, wenn das Vergängliche vergeht und das „Unbewegliche“ ersteht. Wir warten wohl einer Friedenszeit auf Erden, aber unser Glauben und Hoffen geht weit darüber hinaus: „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung!“ (2. Petrus 3, 13).

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Quelle:

Christian Römer, weil. Prälat und Stiftsprediger zu Stuttgart: Die Offenbarung des Johannes, in Bibelstunden erläutert, S. 195-202 (Verlag von D. Gundert, Stuttgart 1916)