Johann Reinhard Hedinger (1664-1704)

Dr. Johann Reinhard Hedinger, geb. 7. Sept. 1664 zu Stuttgart, wo sein aus dem uralten und edlen Geschlechte der Hedinger in der Schweiz stammender Vater als Kanzlei-Advokat lebte. Seine Mutter war Christiane, Tochter des Hofpredigers, Consistorialraths und Prälaten zu Hirsau Joh. Schübel, eines der vertrautesten Freunde des Joh. Val. Andreä, von welchem er den frommen Sinn und unerschrockenen Muth geerbt hat, der ihn auszeichnete. In seinem vierten Lebensjahr verlor er bereits seinen Vater und bekam sodann an dem Kanzlei-Advokaten Joh. Bernhard Schmoller in Stuttgart einen Stiefvater, der ein frommer, für die christliche Ausbildung seines Stiefsohnes eifrig besorgter Mann war. In einem Alter, da Andere noch spielen, ergriff er, von Gott mit ganz ungemeinen Leibes- und Seelen-Gaben begnadigt, die Grundwahrheiten des Christenthums mit Feuer und zeigte einen ganz besondern Trieb, Gott einmal in seinem Hause zu dienen.

In seinem fünften Jahre konnte er schon in das Stuttgarter Gymnasium eintreten, und auf die Frage des Lehrers „Was willst Du werden?“ antwortete er frischweg: „Ich will ein Doctor ber Theologie werden!“ Daß das kein kindischer Einfall war, bewies er alsbald durch Gehorsam und Fleiß. Im dreizehnten Jahr kam er, nachdem auch sein zweiter Vater gestorben war, in die Klosterschule zu Hirsau und zwei Jahre darauf in die zu Bebenhausen, und wurde ein recht besonderes und ausnehmendes Exempel eines vor Gott und allen Menschen angenehmen und werthen Jünglings.

Evangelisches Stift in Tübingen Stiftskapelle. Bild: Felix König

Vor der Zeit wurde er wegen seiner ausgezeichneten Kenntnisse in das theologische Stipendium zu Tübingen befördert, wo er schon 1684 mit ausgezeichnetem Lob den Grad eines Magisters erlangte. Nachdem er an einigen Orten Vicariatsdienste geleistet, begleitete er im Jahr 1687 den württembergischen Prinzen Johann Friedrich als Reiseprediger und Secretär nach Frankreich, und im Jahr 1688 den Prinzen Carl Rudolph nach England, wo er von den Bischöfen Bayle in London und Dodwell in Cambridge ungemein viel gelernt zu haben bezeugt. Auch bereiste er, von seiner Regierung mit Geld unterstützt, Norddeutschland, wo er in Hamburg mit A. Hindelmanı (Bd. IV, 407) bekannt wurde, Holland, Dänemark, wo er in Copenhagen Lassenius kennen lernte, und Schweden. Auf der Heimreise erkrankte er in Berlin auf’s Heftigste, fand aber im Hause eines Verwandten, des Rechtsgelehrten Freiherrn Samuel von Pufendorf, bei welchem Spener fast täglich aus und ein gieng, zwei Monate lang eine liebreiche und für sein bis dahin mehr nur der bloßen Gelehrsamkeit nachtrachtendes Herz heilsame Krankenpflege. Nachdem er gegen Ende des Jahre 1691 in’s Vaterland zurückgekehrt war, mußte er 9. April 1692 als Feldprediger mit dem Administrator Herzog Friedrich Carl gegen die Franzosen ziehen, wo er bei dem unglücklichen Treffen vor Detisheim mit Verlust all seines Gepäckes sich nach Heilbronn flüchten mußte und schwer erkrankte. Im Jahr 1694 verheirathete er sich dann mit Christina Barbara (1674-1743), Tochter des Stadt- und Amtsvogtes Joh. Georg Zierfuß in Kirchheim u. T., mit der er in einer überaus glücklichen, friedsamen, wiewohl kinderlosen Ehe lebte. In demselben Jahre wurde er auf Empfehlung der Herzogin-Mutter Magd. Sibylla, von deren Bruder, dem Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, als Professor des Natur- und Völkerrechts nach Gießen berufen, wo er nach zwei Jahren Doctor der Theologie wurde und auch das Universitäts- & Predigtamt versah, in welchem er seine Gemeinde mit allem Eifer durch Einpflanzung eines kindlichen Geistes zu dem wahren Leben in Jesu einzuleiten bestrebt war, und im Umgang mit gottseligen Professoren zu einem lebendigen Glaubensleben durchdrang, weßhalb er auch auf seinem Sterbebette, von da an rechnend, bekannte, daß er nur zehn Jahre gelebt habe, nämlich in dem Leben, das aus Gott ist und nach der davon empfundenen Kraft. Gleichwohl kam er dort in den Verdacht, ein Gegner des Pietismus zu seyn, weil er gegen die in der dortigen Gegend sich mannigfach zeigenden Ausartungen desselben eiferte.

Der Ruhm seiner großen Gelehrsamkeit verbreitete sich allenthalben, so daß man im Vaterland daran dachte, ihn zurückzurufen. Der unterdessen zur Regierung gekommene Herzog Eberhard Ludwig berief ihn in seinem vierunddreißigsten Jahre im J. 1698 als seinen zweiten Hofprediger und zugleich als Consistorialrath nach Stuttgart. Er war ein von Gott in jeder Hinsicht ausnehmend gesegneter, großartiger Mann von hoher Statur und edler Gesichtsbildung; in seiner Jugend jungfräulich schön von außerordentlicher, die Zuhörer zum Staunen hinreißender Beredtsamkeit und seltenen theologischen, philosophischen und geschichtlichen Kenntnissen und konnte sich in deutscher, englischer und lateinischer Sprache mit gleicher Zierlichkeit und Geläufigkeit ausdrücken, ein Schmuck des Vaterlands und der Kirche. Ganz besonders zeichnete er sich durch eine edle Freimüthigkeit aus und bewies sich als einen unerschrockenen, mit dem Geist von oben gewappneten Diener Gottes, an dem von den Lastern jener Zeit angesteckten und zu den französischen Sitten sich hinneigenden Hof des jungen, leichtsinnigen, von den Eindrücken seiner christlich-frommen Erziehung aber noch nicht ganz entleerten Herzogs, S. 29f.

Mit solchem, in Gott gestärktem unerschrockenem Muth redete er gleich bei seiner Antrittspredigt am 13. August 1699 in der Hofkirche zu Stuttgart über Jeremia 17, 16: Menschentage habe ich nicht begehrt.

Nachdem er außgeführt hatte, „wie von einem Prediger, der mit vollem Segen des Evangelii in seiner Gemeinde wirken wolle, ein in Gott gestärkter, unerschrockener, unverdrossener Muth und ein in Verleugnung aller zeitlichen und vergänglichen Dinge stehendes Herz“ erfordert werde, machte er die Anwendung auf sich und sein Amt und sagte: „Wehe mir, und ewig wehe, wo es mir daran ermangeln sollte. Gottlob, den Teufel fürchte ich nicht, scheue auch keine Arbeit. Meine Freudigkeit, Gott und der Kirche zu dienen, werde ich mir durch keine Menschen-Furcht und -Liebe rauben oder die Freiheit, meine Pflicht, wie es einem Haushalter der Geheimnisse Christi gebührt, ohne Ansehen der Person zu verwalten, durch einige Schrecknisse gefangennehmen lassen. Dann wandte er sich an den in der Kirche anwesenden Herzog und bat sich von ihm, anknüpfend an die bekannte Geschichte von der besondern Gnade, die sich der Mönch Nilus in Italien beim Kaiser Otto II. auf dessen Anbieten ausgebeten, die gleiche Gnade bei ihm aus, indem er sagte: Ich verlange gleichfalls mit tiefster Unterthänigkeit eine besondere Gnade, nämlich daß ich zu Dero Thron und Fürstenstuhl hintreten, meine unwürdige Hand auf Dero Brust legen und das was Dero hohen Vergnügung zu statten kommen, Dero zeitliches und ewiges Wohl befördern kann demüthigst erinnern dürfe. Ich rufe Euer Hochfürstlichen Durchlaucht demüthigst zu: serva princeps animam tuam. Bewahre, großer Fürst, der Seelen theures Pfand, So Gott mit seinem Blut so kostbar hat erworben. Wofür das Leben selbst in seinem Fleisch erstorben. Schützt billig unsern Fleiß und Gottes starke Hand. Und wie er hier gepredigt, so that er auch. Er scheute sich nicht, seinem Herzog, dessen Leichtsinn so ernster Warnung gar sehr bedurfte, oftmals ergreifende Vorstellungen zu machen. Manches lebt davon noch im Munde des Volkes. So wollte er einmal im Amtsornat dem Herzog wegen einer ärgerlichen Maßregel, die dieser hatte eintreten lassen, seine Bedenken vortragen. Die Wachen, denen der Herzog – dieß ahnend – befehlen ließ, Niemand zu ihm einzulassen, stellten sich, als Hedinger sich von ihnen nicht abweisen ließ, mit gekreuzten Gewehren vor den Eingang. Er aber faßte die Waffen mit sanfter ruhiger Kraft, drückte sie hinunter, tritt über sie weg und trat vor den Herzog.

Dieser zog sich vor ihm von einem Gemach ins andere zurück, bis er endlich stille stand und auf Hedingers ergreifende, aus Gottes Wort genommene Vorstellungen jene Maßregel außer Wirksamkeit setzte. Ein anderes mal, als der Herzog einer Dame zu lieb an einem Sonntage morgen vor dem Gottesdienst ausfahren wollte und von seinem Schloßportal gerade an der Hofkirche vorüberfuhr, stellte sich ihm Hedinger im amtlichen Ornat in den Weg und erinnerte ihn daran, wie schwer er sich durch ein solches Beispiel von Sonntagsentheiligung an Gott versündige. Vor den Pferden stehend, sprach er zu dem finster blickenden Herzog: Wenn Euer Durchlaucht mit einem Käpplein voll Bluts gedient ist, so fahren Sie nur zu, ich fürchte den Tod nicht. Der Fürst kehrte, in seinem Gewissen getroffen, um und mußte den um sein Seelenheil eifernden Seelsorger hochachten.

Solche Glaubenskraft und Furchtlosigkeit gebrauchte er aber nicht allein gegen seinen Fürsten und dessen Höflinge, die ihn öfters verspotteten, sondern bei vorkommenden Fällen auch gegen seine Mitconsistorialen. Unter Anderem brachte er so die ersten Thaler zur Erbauung des Stuttgarter Waisenhauses zusammen. Er hielt denselben nämlich einmal bei Belegung einer Pfarrstelle eine ernstliche Anrede, wie erschredlich es seyn würde, wenn sie die Thaler, mit welchen der im Uebrigen würdige Candidat ihre Stimmen erkauft habe, für sich behalten wollten. Uebrigens war er ein Mann voll Liebe und wohlthuender Salbung, der sich seiner Gemeinde mit herzlicher Sanftmuth annahm und durch dessen Dienst viele Seelen zu Christo bekehrt wurden. Gegen Anders denkende, gegen schwache und irrende Brüder verfuhr er auf Gelindeste. So wirkte er fünf und ein halb Jahre lang auf seiner wichtigen Stelle. Er hielt treulich, was er in seiner Antrittspredigt ausgesprochen hatte, wie es sein einziges Vorhaben sey, seine noch übrige Lebenszeit für die Bekehrung so vieler armer, verführter Seelen für die Ausbreitung der allerheiligsten Ehre Gottes, für die Befestigung seiner seligmachenden Wahrheit und für das Heil der streitenden Kirche treulich zu arbeiten, muthwillens Keinen durch Hinterhaltung der heilsamen Wahrheit zu versäumen und dazu den geraden Weg womöglich zu gebrauchen. Er ermahnte daher auch hohe und niedrige Glieder seiner Hofgemeinde öffentlich und privatim.

Standhafter Muth gegen Hindernisse und Bedrohungen, aber auch tausendfacher Kampf und Bekümmernisse begleiteten jeden wohlbedachten Schritt, den er in der Kraft des Herrn zu treuer Ausrichtung seines Amtes that. Sein Oberhofprediger Hochstetter hat darüber das Zeugniß abgelegt. Er ist seinem Amte bis an sein Ende vorgestanden mit redlicher Absicht auf die Ehre seines Herrn und Gottes, dessen Knecht er war mit dringender und bis in den Tod brennender Liebe gegen seinen gnädigsten Fürsten und dessen hohes Haus, mit unendlicher Bekümmerniß seiner Seelen um den Schaden Josephs, mit unerschrockenem Muth und standhaftem Herzen gegen allen Widerspruch, Hohn und Widerstand der bösen Geister und Menschen in allen Ständen, mit freudigem und nach seiner von Gott besonders empfangenen Gabe, verwunderlich beredtem Aufthun seines Mundes und aus diesem Allem, durch göttliche Gnade entstandenen reichen und annoch dauernden Segen seines Berufes. Außerdem wirkte er in großem Segen durch seine vielen Schriften, z.B. einer kurzen Anleitung, wie es mit einer nützlichen und erbaulichen Predigtart anzugreifen, 1700 einer wohlgemeinten Erinnerung die Unterrichtung der lieben Jugend in der Lehre von der Gottseligkeit betreffend, 1700 eines biblischen Schatzkästleins und vornehmlich durch eine mit fortlaufenden Anmerkungen und Erklärungen versehene Ausgabe des N. Testaments vom Jahr 1704, welche durch einige vermeintliche Abweichungen vom kirchlichen Lehrbegriff, wogegen er sich übrigens noch auf dem Sterbebett verwahrte, noch mehr aber durch die körnigen, kurzen, schlagenden, oft schneidenden Nutzanwendungen, in welchen er die Sünden der Welt und vor Allem die Gebrechen des geistlichen Standes strafte, großen Aufsehen machte und Dr. Mayer in Hamburg 1707 zu einer Gegensschrift veranlaßte, darin er ihn als einen von den Pietisten bezauberten Mann schilderte. Die selbe wirkte, solchen Widerspruchs unerachtet, zu gründlicherem und erbaulicherem Schriftverständniß ungemein viel und ist erst neuer Dinge wieder neu aufgelegt worden.

Von großer Arbeit und rastloser Geistesanstrengung reifte sein Leib früher, als man es ahnen mochte, dem Grab entgegen. Namentlich wenn er gepredigt hatte, sanken jedesmal seine Kräfte zusamen. Er war kaum vierzig Jahre alt, und doch der Welt so müde, daß er nach Gottes Willen von derselben bald zu seinem Jesu aufgenommen zu werden innigst verlangte. Am 15. Dez. 1704 erkrankte er an einem heftigen Fieber und sagte sogleich seinen Tod zuvor, mit größter Begierde dem ewigen Vaterland zueilend. Zwar ein ganzes halbes Jahr war er schon durch die Schrecknisse des Todes gedemüthigt worden; er starb aber eben dadurch, ehe er starb. Was er sah, predigte ihm den Tod; sah er ein Glas, so dachte er: also ist dein Leben; sah er Eichen oder Berge, so dachte er an ihre lange Dauer und an seine Vergänglichkeit, und konnte den Todesprediger gar nicht los werden. Und da es nun auch mit ihm auf’s Sterbebette kam, wurde ihm, wie er fröhlich sagte, alle Todesfurcht hinweggestrichen und verschwand das schreckliche Todesbild dermaßen von seinen Augen, daß er sprechen konnte: „Freuet euch ihr Christen, die Predigt, daß es die Gerechten gut haben, gilt noch. Diesen Gewinn bringet die Gottseligkeit, daß rechtschaffene Christen sich vor bem Tod nicht fürchten dürfen. Ein Spott, ein Spott aus dem Tod ist worden! „Und ach!“ setzte er hinzu, „wie ein elender Mann wäre ich, wenn ich mich jetzt erst auf dem Sterbelager bekehren und mit vielen Aengsten auf der Medicorum [Ärzte] Gesicht Achtung geben müßte, was sie von meiner noch übrigen Lebenszeit urtheileten. So aber lege ich mich ganz still und zufrieden als ein Kind in die Arme und Schooß meines Heilandes Jesu und erwarte mit Freuden des Stündleins, so er mir längst bestimmet hat. Ich weiß von keinem Feind auf der Welt, als welcher dem Reiche Jesu Christi zuwider gewesen, die reine Lehre habe ich theuer gehalten, mit schwachen Brüdern Geduld und vor allem lieblosen Gewissenszwang einen Abscheu gehabt. Und was ich redlich ohne Menschenfurcht und Eigendünkel gesagt, daß machet mir nun ein freudiges Gewissen. Ach wie freundlich und gut ist der Herr Jesus! O mein Jesu, wie süß ist deine Liebe! Ich bin derselben nicht werth, o was werde ich für herrliche Streiter Jesu Christi in dem Himmel antreffen; ich habe noch Weniges in der Welt gelitten, ich komme nur als ein schwaches Kind in den Himmel.“

Doch sollte er auch noch etwas von der Bitterkeit der Anfechtung zu schmecken bekommen. Es machte ihm nämlich zu schaffen, daß er einmal in einer gewissen Sache nicht genug gethan und sich von einer falschen Klugheit habe bethören lassen, seinen freimüthigen Geist von dem gewohnten Lauf zurückzuhalten. Da bekannte er und wollte es allen getreuen Lehrern und Kindern Gottes kundgethan wissen, falsche Klugheit wie den Teufel selber zu fliehen. „Dieselbe giebt“ – sprach er – „keine Freudigkeit auf dem Todtenbett, ob sie gleich mit guter Absicht bekleistert wird. Es reut mich kein einig Wort, welches öfters der Welt als thöricht und unklug vorgekommen; habe ich bisher mit einem Schwert dreingeschlagen, so will ich aber nun, wenn Gott mich in’s Leben zurückführen sollte, mit zweien dreinschlagen und mich nichts davon abhalten lassen, sondern es sogleich auf’s Abschaffen ankommen lassen.“ – Bald aber ward er wieder mit einem solchen Strom himmlischer Freudigkeit überschüttet, daß sein Mund voll Lachens und seine Zunge voll Rühmens ward. Als man ihm aus dem Liede „Herzlich thut mich verlangen“ die achte Strophe vorzusprechen anfieng: „Hilf, daß ich ja nicht wanke, von dir, Herr Jesu Christ“ und es an die Worte kam „den schwachen Glauben stärke„, so rief er: „Ei, nicht schwach, sondern stark ist mein Glaube durch die Gnade Gottes.“

Dann dankte er auch dem  Herrn, der zu seiner Arbeit das Gedeihen gegeben, daß dadurch einige Seelen das Wort ber Gnade begierig angenommen, den Stricken des Satans entgangen und Kinder der Seligkeit worden seyen. Von Zeit zu Zeit ließ er den Kapellmeister Schwarzkopf zu sich bitten, daß er ihm auf der Harfe geistliche Lieder anstimmte und Macht- und Glaubenslieder sang. Als ihm nun dieser einmal das Lied Jesu, hilf siegen etc. angestimmt hatte, rief er fröhlich aus: „Viktoria, Viktoria, der Sieg ist errungen!“ Dann ermahnte er seine Geschwister samt andern Freunden, die er vor sein Bett berief mit seinem gewohnten Ernst und Feuer, sich immer mehr von dem kaltsinnigen oder lauen kraft-, lieb- und fruchtlosen Christenthum abzuwenden und Christo in lebendigem Glauben nachzufolgen. Herzbeweglich war der letzte Abschied von seiner Frau, der er es bezeugte: Jetzt wirst du erst eine gute und bewährte Christin werden; und als sie wegen ihrer Schwachheit fortgehen mußte, noch nachrief: „Gehe hin, Gott sei mit dir! Gute Nacht! Ich gehe voran, du wirst bald hernach kommen.“

Am letzten Tage seines Lebens geschah es daß sein Freund und College, der Oberhofprediger Dr. Joh Friedrich Hochstetter zu ihm eintrat, als er sich gerade auf der Harfe das Siegeslied „Mit Fried und Freud“ spielen ließ. Dem rief er freudig entgegen: Inter jubila moriar, mit Jubelgesang will ich sterben, that dann noch ein herzliches priesterliches Gebet für sein Vaterland und seine Kirche, hielt seinem verirrten Herzog, als stünde er vor ihm, eine Bußpredigt und verschied sofort, kurz nachdem er die Freudenworte ausgerufen hatte: „Reichthum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob sey Gott und dem Lamme von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen“ sanft und stille am Morgen des letzten Weihnachtsfeiertage, der gerade ein Sonntag war, in der Hälfte seiner Jahre, erst vierzig Jahre alt, am 28. Dez. 1704. So ist er mit einer beständigen Versicherung der göttlichen Gnade, mit Ruhe und Gelassenheit in den Willen des Herrn, mit freudigem und unerschrođenem Muth und mit vielen süßen Erquickungen dahingefahren und hat mit seinem Tode versiegelt, was er in seinem Leben gezeuget hatte.

Der Herr hatte es ihm reichlich gewährt, was er sich in den Schlußstrophen seines letzten Passionsliedes über Christi Leichenbestattung „Ich stehe hier vor deinem Grab“ erbeten hatte:

Nur dies vermag ich, Christe, noch
Von dir mir zu erbitten:
Lös‘ sittsam auf das Kummerjoch
Und führ‘ mit sanften Tritten
Mich in das finst’re Totenhaus,
Damit ich ohne schnöden Graus
Dem Tod als Führer folge.

Erquicke mich im letzten Kampf,
Nicht auf die matten Sinnen,
Wenn in der Krankheit Feuerdampf
Will alle Kraft zerrinnen,
Erweck‘ den innern Glaubensgeist,
Wenn nun das Lebensband zerreißt
Und ich von hinnen fahre.

Hochstetter hielt ihm am 30. Dez. die Leichenpredigt über Phil. 1, 21: Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

Sie wurde 1705 gedruckt unter dem Titel „Wahrer Christen hohes Glück in ihrem Leben und Sterben.“ An seinem Leichensteine auf dem äußersten Kirchhof zu Stuttgart war die seinem Trostlied wider die Schrecknisse und Entsetzung vor dem finstern Todtengrab: „Was willt du, Seele, trauren“ entnommene Grabschrift zu lesen:

Vermodert diese Hütten,
So lebt mein Geist ja noch;
Was könnt‘ ich beß’res bitten,
Als Freiheit von dem Joch?
Getrost, ich scheide munter,
Das Beinhaus lacht mich an,
Ich fühl‘ des Glaubens Zunder,
zu geh’n die finstre Bahn.
Der Herr ist meine Freude,
Der siegelt meinen Stein,
Dem bleib‘ ich, wenn ich scheide,
Und faule, nur allein.

„Wie ein duftender Weihrauch immer lieblich und im Segen“, sagt der Sohn seines Gegners, des streng orthodoxen Stiftspredigers und Consistorialrathes Erich Weißmann, Christian Eberhard Weißmann, der berühmte Kirchengeschichtschreiber,  „wird Hedingers Andenken bleiben! Alle Einsichtsvollen und Wohlgesinnten glaubten und bekannten. daß nicht ohne göttliches Gericht diese Säule des Vaterlands gefallen sey.“

Daß er die Malerei trefflich verstanden hat, das hat Hedinger nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit der Feder bei seinem Dichten gezeigt. Seine Lieder, von denen im Ganzen 48 im Druck erschienen sind, blumen- und bilderreich, und, wenn auch in der Form und Sprache vielfach mangelhaft, voll Geist und Feuer und mit einer reichen Fülle origineller und erhabener Gedanken ausgestattet. Ein heiliger Ernst ist allen als Stempel aufgedrückt, und was sie wie ein rother Faden durchzieht, ist das Dringen auf ein wahres, lebendiges, aus der Wiedergeburt quellendes Christenthum, stündliche Wachsamkeit und lautern Wandel würdiglich dem Evangelio, eine brennende Liebe zu Jesu und ein ihm eigenthümliches Verlangen, abzuscheiden und bei Christo zu seyn. Nicht wenige giengen in Kirchen-G.G. über. Sie traten zum erstenmal zu Tag in folgenden zwei Schriften desselben:

1. „Passionspiegel oder zwölff Andächtige Betrachtungen über so viel merkwürdige Umstände des blutigen Leidens und Sterbens Jesu Christi unsers Herrn, deren jede mit drey Liedern begleitet. Von Dr. Joh. Reinh. Hedingern, Consistorial-Rath und Hoff- Predigern, Stuttgart. Verlegts Aug. Metzler, Buchhändler. Daselbst gedruckt durch Paul Treuer, Hoff- und Cantzley-Buchdruđern. Anno 1702.“ 2. Aufl. 1716.

Mit einer Vorrede vom 27. März 1702 an Magdalena Sibylla Herzogin zu Württemberg und mit 36 Passionsliebern, wie sie mir sagt er selbst in dem Vorwort zu seinen Lehrern und Zuhörern der Geist der Gnaden bei meinen Gott gewidmeten Andachts und Ruhe Stunden eingeflößet Hier die mit 2 weitern auch in Nr 2 vom J 1705 übergegangenen Lieder

„Ach Jesu, deine Sterbensnoth“ – Lied über das h. Sterben Jesu. Einem sterbenden Christen zum Trost. Zur 11. Passions-Betrachtung über Christi Todes- und Seelennoth am Kreuz.

„Mein liebstes Herz, der Todesschmerz“, deßgl.

„Saft vom Felsen, Blut des Hirten“ – ein Glaubens- und Trostlied über den Blutschweiß Jesu Christi. Zur 3. Passions-Betrachtung über Christi blutigen Angstschweiß. Im Wernigeroder G 1712 befindlich und jetzt noch in der frühern Reichsstadt Eßlingen bei der Abendmahlsfeier zumal am Charfreitag mit einer schönen Mel. im Gebrauch. Cosmann Friedr. Köstlin hat es in das von ihm besorgte Eßlinger G. 1767 aufgenommen, nachdem es schon in dem von Steinhofer besorgten Ebersdorfer G 1742 Aufnahme gefunden.

„Was willt du Seele trauren“ – Trostlied wider die Schrecknisse und Entsetzung vor dem finstern Todten-Grab. Zur 12. Passions-Betrachtung über Christi ehr- und herrliche Leich- Bestattung.

2. „Andächtiger Hertzens-Klang in dem (innersten) Heiligthum Gottes oder Würtembergisches Gesangbuch (zum Gebrauch der Würtembergischen Hofkirche)“, s. S. 12ff. mit seinen drei Ausgaben, und zwar –

a. in der ersten Ausgabe vom J. 1704 vier neue, worunter *)

„Eben jetzo schlägt die Stunde“, Stundenlied. In’s Würt. Landes-G. 1741 aufgenommen.

Herr des Himmels und der Erden – vom Regentenstand. Auch im Tausendliederbuch 1732.

„Jesu, vertrautester Hirte der Seelen“, Gut- und Mildthätigkeit.

b. in der zweiten Ausgabe vom Jahr 1705 vierzehn, worunter neben den 4 aus lit. a) und neben 6 Passionsliedern aus Nr. 1 sich vier neue befinden. Unter diesen:

„Ach ich steck in tiefen Nöthen“, Bußlied eines tief gefallenen, aber auch wieder aufstehenden Sünders. Auch im Tausendliederbuch 1732.

„Nimm von mir, Herr Jesu, nimm was dich betrübet“ – Verlangen, in Christo die Sünde und Satan zu überwinden. Auch im Ebersdorfer G. 1742.

Beide, nebst einem dritten, noch von Hedinger kurz vor seinem tödtlichen Hintritt aufgesetzt und unter seinen Manuscripten hinterlassen.

c. In der dritten Ausgabe vom Jahr 1713 achtzehn, worunter neben den 14 in lit. b. gleichfalls vier neue sich befinden. Unter diesen:

„Welch eine Sorg und Furcht soll nicht bei Christen wachen“ – von Behutsamkeit im Christenthum. Sein weitverbreitetstes Lied. Im Württemb. Landes-G von 1741 und 1842.

Quelle: Eduard Emil Koch, Adolf Wilhelm Koch, Richard Lauxmann: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Band 5: Die Dichter und Sänger. Belser, 1868, S. 36f. (Volltext in der Google-Buchsuche)

„Ein Feuer zündet das andere an, ein Licht das andere, so breitet sich der Glaube aus.“

(Joh. Reinhard Hedinger)

Werke von und über Johann Reinhard Hedinger

Hedinger, Johann Reinhard: Andächtiger Hertzensklang in dem innersten Heiligthum Gottes, einer glaubigen Seele: Mit Psalmen, Lob-Gesängen und geistlichen Liedern angestimmet, Oder neuzusammengelesenes Gesang-Buch. Stuttgart 1700. [Online lesen]

Hedinger, Johann Reinhard: Anleitung, in: Samuel Urlsperger, Der Kranken Gesundheit und der Sterbenden Leben. Stuttgart 1723.

Hedinger, Johann Reinhard: Christliche Wohl-Gemeinte Erinnerungen, Die Unterrichtung der lieben Jugend, in der Lehre von der Gottseeligkeit betreffend, Wornach sich so wohl Kirchen- und Schul-Lehrer, als auch Fromme Eltern, Herren und Meister zu prüfen haben. Stuttgart 17oo.

Hedinger, Johann Reinhard: De rituum Christianorum simplicitate. Auxilium Praestante Redemptorum, In Alma Ludoviciana, Praeside. Gissae-Hassorum, Typis Henningi-Mülleri [Digitalisat]

Bautz, Friedrich WilhelmHedinger, Johann Reinhard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 633–634.

Fausel, Heinrich: Hedinger, Johann Reinhard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 188 [Digitalisat].

Hartmann, Julius: Hedinger, Reinhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 11, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 222f.

Hermle, Siegfried (Hrsg.): Kirchengeschichte Württembergs in Portäts – Pietismus und Erweckungsbewegung, S. 32-50. Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2001. ISBN 3-7751-3704-1

Mälzer, Gottfried: Die Werke der württembergischen Pietisten des 17. und 18. Jahrhunderts (BGP 1), Göttingen 1972.

Schöllkopf, Wolfgang: Hedinger, Johann Reinhard, in: RGG 4. Aufl.|Bd. 3(2000)|Sp. 1501

Schöllkopf, Wolfgang: Johann Reinhard Hedinger (1664-1704) – Württembergischer Pietist und kirchlicher Praktiker zwischen Spener und den Separatisten (AGP 37), Göttingen 1999. ISBN 3-525-55821-X

Schöllkopf, Wolfgang: Im Schatten des Gatten? Christina Barbara Hedinger (1674-1743), die Ehefrau des württembergischen Pietisten Johann Reinhard Hedinger (1664-1704), in: Ehmer, Hermann; Sträter, Udo (Hgg.): Beiträge zur Geschichte des württembergischen Pietismus (FS für Gerhard Schäfer und Martin Brecht; PuN 24), 1998, S. 186–196.

Weblinks

Schöllkopf, Wolfgang: Johann Reinhard Hedinger. Württembergische Kirchengeschichte Online

Eingestellt am 11. August 2021 – Letzte Überarbeitung am 23. November 2021