Philipper 1, 21

Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. (Philipper 1, 21)

Als die Gemeinde zu Philippi gehört hatte, daß Paulus in Rom um des Evangelii willen gefangen saß, schickte sie den Epaphroditus dorthin mit einer Gabe für den Apostel. Durch ihn erhielt Paulus zugleich Nachrichten von dem Zustand der Gemeinde, die teils sehr erfreulich waren, teils aber auch Befürchtungen erregen mußten, weil Irrlehrer, wie in Galatien, aufgetreten waren, die neben Christo das mosaische Gesetz wollten gehalten wissen. Paulus schrieb daher diesen Brief an die Philipper und sandte ihn durch Epaphrodit zurück. Er versichert die Gemeinde seiner Liebe und Fürbitte, teilt ihr sodann Nachrichten mit über seinen äußern und innern Zustand, und ermahnt sie zur Standhaftigkeit. Dabei sagt er von sich: „Christus ist mein Leben“.

Großes Wort, nur in meines Gottes Worte, nur an Jesu Herzen gefunden! Großer Apostel, dürfte ich dir’s nachsprechen! O Jesus, mein Heiland und Herr, wärest Du auch mein Leben! Du einziges Licht der Seelen, ihr Friede, ihre Seligkeit! O wäre mein Geist von Deinem Geiste umfangen und Deine Liebe meiner Seele Glut! Deine Gedanken allein meine Gedanken, und Deine heiligen Wege meine Wege, und Deine heiligen Triebe meine Triebe!

Doch, das wirst Du mir werden; Dein Geist sagt es mir zu, und Deine Liebe und Treue tragen ja doch allein mein armes Leben! Ohne Dich ist mir die schöne Welt wüste, aller Welt Geister sind mir fremde, unheilige, unselige Geister; aller Welt Dinge Leerheit, Eitelkeit, Kummer meiner Seele; nur bei Dir ist mir eine Freude Freude, der Friede erquickend, die Liebe köstlich, das Leben ein Leben; nur bei Dir habe ich Ruhe für meine Seele, und kann dann auch wie Paulus hinzufügen: und Sterben ist mein Gewinn“, das Ende alles Ringens und Leidens, die Erlösung von allen Beschwerden dieses armen, vergänglichen Lebens und Eingang in jene selige Ewigkeit, wo keine Sünde mehr sein wird und darum auch kein Leid und Tod ewiglich.

Ohne Dich sind Leben und Tod zwei große Übel, und wir wissen nicht, welches das geringere ist; in und mit Dir ist aber Leben und Tod gut, beides eine Gnade Gottes, und wir können das Leben lieben und den Tod wünschenswert finden.

Amen.

(Johann Friedrich Wilhelm Arndt)


Nicht von Anfang an lebt der Gläubige ein Leben aus Christo. Ein solches Leben beginnt erst, wenn der Heilige Geist ihm die Sünde aufdeckt und ihm durch die Wirkung der Gnade zeigt, wie der sterbende Heiland seine Schuld versöhnt hat. Mit dem Augenblick der neuen, himmlischen Geburt fängt der Mensch an, in und mit Christo zu leben. Jesus ist denen, die da glauben, die eine köstliche Perle, um deretwillen wir alles, was wir haben, freudig hingeben. Er hat unsre Liebe so völlig gewonnen, daß unser Herz ganz allein nur für Ihn lebt; zu seiner Ehre wollen wir leben, um seines Evangeliums willen gehen wir willig in den Tod; Er ist der Maßstab unsers Wandels, das erhabene Vorbild, nach welchem wir unsern inwendigen Menschen zu vervollkommnen trachten.

Des Apostels Paulus Worte sagen weit mehr, als die meisten Menschen ahnen; sie bezeugen: Zweck und Ziel seines Lebens war Christus; ja, noch mehr, Jesus war für ihn das Leben selber; wie ein Heiliger aus der ersten christlichen Zeit es ausdrückt: Er aß und trank und schlief ein ewiges Leben. Jesus war geradezu sein Odem, die Seele seiner Seele, das Herz seines Herzens, das Leben seines Lebens. Kannst du sagen, dein Leben reiche so weit hinan? Kannst du sagen, Christus sei dein Leben? Ist dir dein Beruf lieb um Christi willen? Treibst du ihn nicht bloß, um dich emporzuarbeiten und den Deinen ein bequemes Dasein zu sichern? Fragst du dich auch: „Ist dies mein Hauptbeweggrund?“ – Für einen Christen ist er‘s. Er bezeugt, er lebe nur Christum; wie darf er dann noch für etwas andres leben, ohne damit sich eines geistlichen Ehebruchs schuldig zu machen? Viele streben diesem Ziele nach; wer aber darf behaupten, er habe so ganz für Christum gelebt, wie der Apostel? Und dennoch ist das wahre Leben eines Christen seine Quelle und sein Fortgang, sein Zweck und sein Ziel, in einem Wort zusammen gefasst: Jesus Christus.

O Herr, nimm mich an; hier komme ich und flehe vor Dir, laß mich in Dir und für Dich leben. Brauche mich nach Deinem Wohlgefallen Dir zum Dienst oder zum Opfer, gleich dem Farren, der zwischen Pflug und Altar steht; und mein Wahlspruch sei: „Zu beidem bereit“.


Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

Wie bedeutungsvoll folgen hier diese Worte unmittelbar aufeinander: „Leben“, „Sterben“. Nur drei Buchstaben stehen dazwischen, und wie es in den Worten ist, so ist‘s auch in der Wirklichkeit. Wie nah sind Leben und Tod beisammen! Das Leben ist des Todes Vorhof; und unsre Pilgrimschaft auf Erden ist nur eine Reise zum Grab. Der Puls, der unser Dasein fristet, schlägt nur unsern Todesmarsch, und das Blut, das unser Leben erhält, schwemmt es den Tiefen des Todes zu. Heute sehen wir unsre Freunde in der Blüte der Kraft; morgen vernehmen wir die Nachricht ihres Todes. Gestern boten wir dem Starken noch die Hand, und heute drücken wir ihm die Augen zu. Mancher fährt im glänzenden und wohlgepolsterten Staatswagen durch die Straßen, und nach wenigen Stunden bringt ihn die schwarze Leichenbahre zur letzten Ruhestätte aller Lebendigen. O, wie eng ist der Tod mit dem Leben verknüpft! Das Lamm, das jetzt noch auf der Wiese hüpft, wird bald unter dem Messer verbluten. Der Ochse, der auf den Fluren weidet, wird fett für die Schlachtbank. Bäume wachsen, daß man sie fällen möge. Ja, und noch an größere Dinge tritt der Tod heran. Weltreiche entstehen und blühen, sie blühen dem Verfall entgegen, sie erheben sich zum Sturz. Wie oft schlagen wir das Buch der Geschichte auf und lesen vom Werden und Vergehen der Staaten. Wir hören von der Krönung und dem Tode der Könige. Der Tod ist der schwarze Diener, der hinter dem Wagen des Lebens her reitet. Siehe das Leben! – und der Tod ist dicht hinter ihm!

Aber, Gott sei Lob und Dank! Es gibt noch einen Ort, wo der Tod nicht des Lebens Bruder ist, wo das Leben allein herrscht; wo dem Wörtlein „Leben“ keine Silbe „Tod“ mehr nachfolgt. Es gibt ein Land, wo kein Todesröcheln mehr ist, wo kein Trauerschleier mehr gewoben wird, wo keine Gräber mehr geschmückt werden. O seliges Land über den Wolken! Wenn wir dich erreichen wollen, müssen wir sterben. Wenn wir aber nach dem Tod zur Herrlichkeit des ewigen Lebens eingehen, wenn wir Den, der uns vom Tode errettet und zum Leben berufen hat, dürfen schauen mit diesen unsern Augen als Den, der des Todes Gewalt und die Schlüssel des ewigen Lebens hat, und Ihn lieben und loben dürfen in Ewigkeit: dann dürfen wir ausrufen:

„Sterben ist mein Gewinn!“

(Charles Haddon Spurgeon)

Quelle: Glaubenstimme – Philipperbrief, Kapitel 1


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Eingestellt am 11. Februar 2024