Jeremia 3, 12

Kehre wieder, du abtrünniges Israel, so will ich mein Angesicht nicht gegen euch verstellen.

Wer ist der Fromme, der sich nie, der sich nicht oft vom Herrn abwendet, und den Blick auf sein Angesicht verliert? Doch selig bist du, wenn du dich, so oft du dich von ihm wegwendest, gleich wieder zu ihm kehrest; und hättest du des Tages hundertmal Seiner vergessen, wenn du nur hundertmal sein Antlitz wieder suchest. Aber wenn du wegbleibst, in der Abkehr und Vergessenheit des Herrn verharrest, so entsteht eine Abtrünnigkeit, eine gänzliche Abwendung vom Herrn, eine Scheidung zwischen dir und Ihm. Dann verliert das Herz, wenn es auch noch wollte, den Mut, zu ihm zurück zu kehren, es denkt: Er nimmt mich nicht mehr an; Er hat sein Angesicht gegen mich verstellt, hat mich verlassen. Das sind aber falsche Gedanken; denn in seinem Worte steht es anders geschrieben, als in deinem abtrünnigen Herzen. Er ruft dir, er will, das abtrünnige Israel soll sich wieder zu ihm kehren, er will keine Seele, auch die abtrünnige nicht, verloren, sondern lieber gerettet sehen. O möchten alle kommen, die sich vom Herrn, der ihnen früher so freundlich nahe war, mehr oder weniger abgewendet, ihn aus den Augen und aus dem Herzen verloren haben, möchten sie sich doch wieder zu ihm kehren! Wie gern würde er sein freundliches Angesicht wieder zu ihnen wenden, und sich von ihnen finden lassen!

(Johannes Evangelista Gossner)

Kehre wieder, kehre wieder,
der du dich verloren hast;
sinke reuig bittend nieder
vor dem Herrn mit deiner Last!
Wie du bist, so darfst du kommen
und wirst gnädig aufgenommen.
Sieh, der Herr kommt dir entgegen,
und sein heilig Wort verspricht
dir Vergebung, Heil und Segen.
Kehre wieder, zaudre nicht!

Kehre wieder, endlich kehre
in der Liebe Heimat ein,
In die Fülle aus der Leere,
in das Wesen aus dem Schein,
aus der Lüge in die Wahrheit,
aus dem Dunkel in die Klarheit,
aus dem Tode in das Leben,
aus der Welt ins Himmelreich!
Doch, was Gott dir heut’ will geben,
nimm auch heute – kehre gleich!

(Philipp Spitta)

============================================

Nun wendet sich der Herr mit seiner Vergebungsbotschaft an das unter so schwerem Gericht stehende Ephraim und ruft es durch seinen Propheten zur Rückkehr auf: „Kehre wieder, Abgekehrte, Israel … Denn ich bin gnädig und grolle nicht ewig … Nur erkenne deine Schuld, daß du von Jahwe, deinem Gott, abfielst und den Fremden dich schenktest!” Es ist erstaunlich, wie einheitlich das Zeugnis der Heiligen Schrift in der Grundanschauung ist, daß Rettung, Wiederherstellung nur von Gott ausgehen kann. Durch sein Prophetenwort kommt er auch hier zu jenen von Nordisrael, die bereits etwa hundert Jahre in fremder Gefangenschaft seelisch und politisch gelitten hatten. Ihnen läßt er von dem Boden der Vergebung aus, die Um- und Rückkehr in die Heimat verkündigen. Nach Volz drückt das Wort hier in seiner Imperativform „die Einladung, nicht die Aufforderung zum eigenen Entschluß” aus. Gott appelliert nicht an des Volkes Kraft, er ruft es zum Vertrauen zu Gottes Kraft auf, die in ihrem Handeln auch innerhalb der Geschichte Unmögliches möglich machen kann. Ephraim soll aus seinem Gericht gerettet und, obgleich es seine gesetzliche Rechtslage dazu verloren hat, wieder seines Gottes werden. Nicht etwa, weil es einmal Gottes Eigentum war, sondern weil Gott in seiner vergebenden Barmherzigkeit neu um Ephraims Liebe und Hingabe wirbt.

Es ist zu verstehen, daß Jeremía mit seiner priesterlich leidenden Seele in besonderer Wärme solch eine Botschaft an die Verbannten aus Nordisrael richtete. Ephraim soll wieder seine Freiheit und seine völkische Einheit auf heimatlichem Boden gewinnen. Inwieweit die Aufforderung zur Heimkehr damals auch durch die politische Weltlage gerechtfertigt wurde, ist nicht klar ersichtlich. Wahrscheinlich hingen die Erwartungen auch zusammen mit dem Beginn des Zerfalls des assyrischen Weltreichs im Jahre 630. Ihre eigentliche Kraft war aber das Prophetenwort, das Ephraim vom Herrn empfing und zum Inhalt seiner Hoffnung machen sollte.

(Jakob KroekerJeremia)

Jeremia 3