Mein Heiland nimmt die Sünder an (Württ. Gesangbuch 1912 #314)

Buße.

1) Mein Heiland nimmt die Sünder an,
die unter ihrer Last der Sünden
kein Mensch, kein Engel trösten kann,
Die mit sich selber im Gedräng‘,
daß ihnen alle Welt zu eng,
weil über sie der Stab gebrochen,
der Himmel ihnen abgesprochen,
die seh’n die Freistatt aufgetan:
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

2) Sein mehr als mütterliches Herz
trieb ihn von seinem Thron auf Erden;
ihn drang der Sünder Weh und Schmerz,
an ihrer Statt ein Fluch zu werden.
Er senkte sich in ihre Not
und litt für sie den bittern Tod.
Nun, da er denn sein eigen Leben
für sie zur Lösung hingegeben
und für die Welt genug getan,
so heißt’s: Er nimmt die Sünder an.

3) Nun ist sein aufgetaner Schoß
ein sich’res Schloß gejagter Seelen,
er spricht sie vom Gerichte los,
und tilget bald ihr ängstlich’ Quälen.
Es wird ihr ganzes Sündenheer
ins unergründlich tiefe Meer
durch seinVerdienst hinabgesenket.
Der Geist, der ihnen wird geschenket,
schwingt über sie die Gnadenfahn’:
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

4) O solltest du sein Herze seh’n,
wie sich’s nach armen Sündern sehnet;
sowohl wenn sie noch irregeh’n
als wenn ihr Auge vor ihm tränet!
Er streckt die Hand nach Zöllnern aus,
er eilet in Zachäi Haus;
wie stillet sanft er Magdalenen
den milden Fluß der Reuetränen
und denkt nicht, was sie sonst getan:
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

5) Wie freundlich blickt er Petrus an,
ob er gleich noch so tief gefallen!
Nun, dies hat er nicht nur getan,
da er auf Erden mußte wallen,
nein, er ist immerdar sich  gleich,
gerecht, an Treu‘ und Gnade reich;
und wie er unter Schmach und Leiden,
so ist er auf dem Thron der Freuden
den Sündern liebreich zugetan:
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

6) So komme denn, wer Sünder heißt
und wen sein Sündengreu’l betrübet,
zu dem, der keinen von sich weist,
der sich gebeugt zu ihm begibet.
Wie? Willst du dir im Lichte stehn
und ohne Not verloren gehn?
Willst du der Sünde länger dienen
da dich zu retten er erschienen?
O nein, verlaß die Sündenbahn!
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

7) Komm nur mühselig und gebückt,
komm nur so gut du weißt zu kommen!
Wenngleich die Last dich niederdrückt,
du wirst auch zitternd angenommen.
Sieh, wie sein Herz dir offen steht
und wie er dir entgegengeht!
Wie lang hat er mit vielem Flehen
sich liebend nach dir umgesehen!
So komm denn, armer Mensch, heran!
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

8) Sprich nicht: „Ich hab’s zu arg gemacht,
ich hab’ die Güter seiner Gnaden
so lang und schändlich umgebracht;
er hat mich oft umsonst geladen.“
Wofern du’s nur jetzt redlich meinst
und deinen Fall mit Ernst beweinst,
so soll ihm nichts die Hände binden;
und du sollst doch noch Gnade finden.
Er hilft, wenn sonst nichts helfen kann:
Mein Heiland nimmt die Sünder an.

9) Doch sprich auch nicht: „Es ist noch Zeit,
ich muß erst diese Lust genießen;
Gott wird ja eben nicht gleich heut’
die off’nen Gnadenpforten schließen.“
Nein, weil er ruft, so höre du,
und greif’ mit beiden Händen zu!
Wer seiner Seele Heut’ verträumet,
der hat die Gnadenzeit versäumet;
ihm wird hernach nicht aufgetan.
Heut komm, heut nimmt dich Jesus an!

10) Ja, zeuch uns selber recht zu dir,
holdsel’ger Heiland aller Sünder!
Erfüll mit sehnender Begier
uns, die von Gott gewich’nen Kinder.
Zeig uns bei unsrem Seelenschmerz,
Dein aufgeschloß’nes Liebesherz;
Und wenn wir unser Elend sehen,
So laß uns ja nicht stille stehen,
Bis daß ein jedes sagen kann:
Gott Lob! auch mich nimmt Jesus an!

Liedext: Leopold Franz Friedrich Lehr (1709-1744)
Melodie: 1744, bei Joh. G. Stötzel

Schriftstellen:

Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter seine Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich sein erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. (Jesaja 55, 7)

Weblinks und Verweise:

Lied Nr. 314: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe, S. 331 (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1912)