Wilhelm Löhe (1808-1872)

Johann Konrad Wilhelm Löhe (* 21. Februar 1808 in Fürth; † 2. Januar 1872 in Neuendettelsau) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe. Wegen der Gründung eines Mutterhauses für Diakonissen wurde er als „fränkischer Diakonissenvater“ bekannt. Durch seine Schriften hat er zur Profilierung der Lutherischen Kirche beigetragen.

Leben

Wilhelm Löhes Geburtshaus in Fürth

Wilhelm Löhes Eltern waren der Kaufmann Johann Löhe (1764–1816) und Barbara Maria (geborene Walthelm, 1770–1853), die sich 1789 verheirateten. Aus dieser Ehe gingen dreizehn Kinder hervor, von denen sieben im Kindesalter verstarben. Zum Zeitpunkt seiner Geburt hatte er vier ältere Schwestern (Anna, Lisette, Barbara Conradina und Dorothea); nach ihm wurde noch sein Bruder Max geboren. Sein Vater starb früh, die Mutter erzog das Kind im Geist des Pietismus. Mit der Schulzeit in Nürnberg kam der als einsames Kind beschriebene Löhe erstmals in Kontakt mit dem Gedankengut der Aufklärung. 1826 studierte Löhe Evangelische Theologie in Erlangen, wo ihn vor allem Christian Krafft und Karl von Raumer beeinflussten. Anfangs war er Mitglied der Burschenschaft der Bubenreuther, wurde aber wegen häufiger Abwesenheit bald wieder ausgeschlossen [1]. In Erlangen lernte er durch David Hollaz das Luthertum kennen. Die wichtigste Lektüre jener Zeit war für Löhe Thomas von Kempens Von der Nachfolge Christi. Es ist möglich, dass er sich schon damals vom herrschenden Rationalismus abwandte.

Wilhelm Löhe als Vikar
(um 1833)

1828 studierte Löhe ein Semester in Berlin und besuchte unter anderem die Vorlesungen von Friedrich Schleiermacher und Georg Hegel. Beide Denker blieben ihm jedoch fremd, wie er später schreibt. 1829 kehrte er aus familiären Gründen zurück nach Erlangen und bestand dort 1830 sein Examen. Bei der Ordination 1831 empfand er sich bereits als ein bekenntnistreuer Lutheraner.

In den folgenden Jahren wechselte Löhe als Vikar und Pfarrverweser mehrfach die Pfarrstelle. So diente er in Nürnberg, Behringersdorf, Lauf, Altdorf, Bertholdsdorf und Merkendorf. Er beschäftigte sich vor allem mit Fragen des Abendmahls und der Kirchenverfassung und nahm Anteil am Kampf der schlesischen Altlutheraner gegen die preußische Union.

Helene Löhe geb. Andreae

Ab 1837 war er Pfarrer in Neuendettelsau; seine spätere Frau Helene Andreae (1819–1843) hatte er vorher in Nürnberg kennengelernt und im Juli 1837 geheiratet. In Neuendettelsau war Löhe im Geiste des Neuluthertums tätig.

Löhe wurde gleichzeitig mit Theodor Fliedner Begründer einer lutherischen Mission. Seit 1841 wurden dort Missionare für die Seelsorge der nach Nordamerika Auswandernden ausgebildet. So hat er Einfluß auf die kirchliche Prägung der Neuen Welt genommen [2].

Praktische Arbeit

1853 wurde die Ausbildung von Frauen in der Diakonie eingeführt, um Frauen in sozial schwieriger Lage eine Möglichkeit zu eröffnen. Durch die Diakonissen konnten personell problematische (vor allem dörfliche) Regionen nun besser versorgt werden.

1854 wurde dem ein Lutherischer Verein für weibliche Diakonie zur Seite gestellt, der vor allem Mädchen und Frauen ansprechen sollte, die den radikalen Schritt zur Diakonisse nicht gehen wollten. Das Neuendettelsauer Mutterhaus entwickelte sich schnell auch zur geistigen Heimat der dort Ausgebildeten. Die Diakonie Neuendettelsau besteht bis heute.

Löhes Ansätze – Gründung eines Vereins für ein apostolisches Leben oder der Versuch, eine bischöflich-brüderliche Kirche in lutherischem Geist zu begründen – ließen sich so nicht umsetzen. Ergebnis dieser Bemühungen war aber die 1849 ins Leben gerufene und bis heute bestehende Gesellschaft für Innere und Äußere Mission. Die Gründung der „Gesellschaft“ erfolgte mit dem Ziel, entschiedene Christen zu sammeln und ihnen zu einem Leben in der Nachfolge Jesu zu verhelfen. Christen sollten auf der Grundlage der Schrift und der lutherischen Bekenntnisse „Kern, Licht und Salz“ in den Gemeinden sein.

Löhe erwog zeitweilig, die Landeskirche zu verlassen und eine lutherische Freikirche zu gründen. Als Löhe 1872 verstarb, hinterließ er ein umfangreiches Werk sowohl als Publizist wie auch als Gründer von Institutionen.

In Neuendettelsau dokumentiert ein Löhe-Zeit-Museum sein Wirken. In seinem Geburts- und Elternhaus in Fürth befindet sich ein Gedenkraum mit einer Ausstellung zu Wilhelm Löhe.

Quelle: Seite „Wilhelm Löhe“. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. August 2021, 23:29 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wilhelm_L%C3%B6he&oldid=214421398 (Abgerufen: 22. August 2021, 12:08 UTC)

„Wohlan, so arbeite was du kannst, wie viel, wie lang und wie treu du kannst – und wenn du genug gearbeitet hast, dann lege dein Handwerkszeug aus der Hand und aus dem Gedächtnis und stirb auf Gnade.“

(Wilhelm Löhe)

Werke von und über Wilhelm Löhe (Auszug)

Betbüchlein für Kinder. Herausgegeben von Wilhelm Löhe. Stuttgart, Verlag von S. G. Liesching, 1846. Gedruckt bei K. Fr. Hering & Comp. [online verfügbar bei Wikisource]

Wilhelm Löhe’s Tractate für die Seelsorge. Druck von Carl Junge in Ansbach [online verfügbar bei Wikisource]

Rüdeger Baron: Löhe, Johann Konrad Wilhelm, in: Hugo Maier (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit. Freiburg : Lambertus, 1998 ISBN 3-7841-1036-3, S. 367f.

Judith Lena Böttcher: Löhe’s conception of the deaconess office, in: Judith Lena Böttcher: Vowed to Community of Ordained to Mission? Aspects of separation and integration in the Lutheran Deaconess Institute Neuendettelsau, Bavaria, Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte Band 114 (edt. Volker Henning Drecoll and Volker Leppin), Vandenhoeck&Ruprecht Göttingen 2018, S. 100–133.

Blaufuß, Dietrich: Wilhelm Löhe. Erbe und Vision. Gütersloh 2009.

Deinzer, Johannes: Löhes Leben, 3 Bände, Neuendettelsau 1872/1880/1892.

Endraß, Elke: Wilhelm Löhe. Wie der Diakonissenvater Frömmigkeit, Nächstenliebe und Management in Einklang brachte, Berlin 2012, ISBN 978-3-88981-340-4.

Klaus Ganzert: Löhe, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 35 f. [Digitalisat].

Geiger, Erika: Wilhelm Löhe, Leben – Werk – Wirkung, Neuendettelsau 2003, ISBN 3-7726-0244-4

Hebart, S.: Wilhelm Löhes Lehre von der Kirche, ihrem Amt und Regiment, Neuendettelsau 1939.

Heintzen, E. H.: Wilhelm Löhe and the Missouri Synod, St. Louis, MO [u. a.]: Concordia Publ. House, 1973.

Liebenberg, Roland: Wilhelm Löhe (1808–1872). Stationen seines Lebens. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2011. ISBN 978-3-374-02991-4.

Müller, Gerhard: Wilhelm Löhe, in: Martin Greschat (Hg.), Gestalten der Kirchengeschichte, Bd. 9/2, 1985, 71-86.

Schönauer, Gerhard: Kirche lebt vor Ort. Wilhelm Löhes Gemeindeprinzip als Widerspruch gegen kirchliche Großorganisation; 1990 (dazu R. Keller 1992, D. Blaufuß 1994).

Schoenauer, Hermann: Wilhelm Löhe (1808–1872): Seine Bedeutung für Kirche und Diakonie, Stuttgart 2008.

Frank Schumann: Löhe, Johann Konrad Wilhelm. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 163–167.

Stempel-de-Fallois, Anne: Das diakonische Wirken Wilhelm Löhes, Stuttgart 2001, ISBN 3-17-016266-7.

Weber, Christian: Missionstheologie bei Wilhelm Löhe: Aufbruch zur Kirche der Zukunft. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 1996, ISBN 3-579-00138-8.

Wittenberg, Martin: Löhe und die Juden, Neuendettelsau 1954.

Schober, Theodor: Wilhelm Löhe – Ein Zeuge lebendiger lutherischer Kirche. Aus der Sammlung „Zeugen des gegenwärtigen Gottes“, Band 141/142. Brunnen-Verlag Giessen/Basel, 1959 [Digitalisat, pdf von sermon-online.de]

Aus dem Klappentext dieses Buches:

Wer zum Lebensbild Wilhelm Löhes die lebendige Anschauung sucht, müßte das
mittelfränkische Dorf Neuendettelsau ken­nen, unweit der Markgrafenstadt Ansbach
und des Klosterstaates Heilsbronn. Hier war Löhe lutherischer Pfarrer. Von hier
aus zogen seine Sendboten nach Amerika, als Prediger und Zeugen lutherischen Glau­bens und als deutsche Männer zugleich. Hier hat Löhe seine Diakonissenanstalt ge­gründet, die heute 500 Arbeitsgebiete in Bayern und darüber hinaus mit 1600 Schwe­stern und einer eigenen Brüderschaft be­treut. Hier wird seit Löhe täglich ein Got­tesdienst gefeiert. Hier sind das Sakrament des Altars und die Einzelbeichte wertvolle Schätze der Kirche geblieben. Hier hat der Gedanke, daß lebendige Kirche immer „Kirche in der Bewegung“, das heißt also missionierende Kirche sein muß, ein großes Missionswerk am Leben erhalten. So schlägt in Neuendettelsau noch heute das Herz der lutherischen Kirche in besonderer Weise. Aus räumlicher Enge eines Dorfes mit 5000 Einwohnern reichen seine Wirkun­gen in die Weite, in andere Erdteile, in andere Kirchen, in die ganze Ökumene.

Am Anfang aber steht Wilhelm Löhe, ein lutherischer Pfarrer. Sein Wahlspruch lau­tete: „Schlecht und recht, das behüte mich; denn ich harre dein“ (Psalm 25, 21). Dieses Harren versteht Löhe sehr aktiv. Auf Got­tes Barmherzigkeit antwortet seine Kirche im Loben, Dienen und Missionieren.

Eingestellt am 22. August 2021 – Letzte Überarbeitung am 4. September 2021