Johannes 1, 14-18

Von der Offenbarung Gottes im Fleisch und von der in Jesu liegenden Fülle und Herrlichkeit

So wichtig jedem die Geburt Jesu schon an sich ist, so muß sie doch dem noch viel wichtiger werden, der die ganze Bedeutung derselben kennt, der also weiß, wie hoch der Mensch geadelt ist, wie er vor dem Fall in der innigsten Gemeinschaft mit Gott stand, er in Gott und Gott in ihm, so daß Gott seine ganze Fülle in ihn ergoß und durch den Menschen im Überfließen auf die ganze Schöpfung; der weiß, wie tief der Mensch gefallen und von Gott entfernt ist; der den Jammer und all das Elend erkennt; und der endlich weiß, wie Gott den Menschen durch Christum wiederherstellen wird nach seinem Bilde, ja, daß die zweite Schöpfung die erste noch übertreffen wird.

Schon im Menschen liegt etwas, wonach er nicht leicht etwas hergibt, ohne hoffen zu können, daß es durch Besseres ersetzt werde. So hätte auch Gott die erste Schöpfung nicht darangesetzt, wenn er nicht in seiner Weisheit die Mittel der Wiederherstellung und gänzlichen Aufhebung des Falls vorhergesehen hätte. Wollte er helfen, so mußte er selbst ins Mittel treten und Mensch werden. Eben das ist wieder ein Beweis des hohen Adels des Menschen, daß er nur als Mensch helfen konnte. Der Teufel kann nicht so viel durch sich wirken als durch Menschen; er kann nicht selbst Antichrist, falscher Prophet und Drache werden, sondern nur im Menschen und durch denselben.

So wurde nun das ewige Lebenswort, in welchem und durch welches alles bestanden und erschaffen ist, Mensch und wohnte 33 Jahre lang auf der Erde. Das größte Wunder ist das, daß sich die Gottheit und Herrlichkeit so zurückziehen und verbergen konnte, da sie sich doch von Anfang seines Lebens an stufenweise mit ihm vereinte und er bei seiner Taufe mit dem heiligen Geist ohne Maß gesalbt wurde. Doch offenbarte er einigemale seine Herrlichkeit; nur sahen sie nicht alle. Bei seiner Verklärung muß seine Jünger etwas durchgangen haben, das nimmer verging. Diese Herrlichkeit ist voller Gnade und Wahrheit; denn Gott hat in ihm alle seine Verheißungen erfüllt.

Hier ist nun eine Fülle, aus der wir alle nehmen können. Es ist eine unerschöpfliche, nie versiegende Quelle, die allen höchst nötig ist. Daher kommt es, daß bei manchen kein Wachstum da ist; sie wollen nicht von dieser Gnade leben. Wir brauchen sie aber jeden Augenblick, wie unser leibliches Leben die Luft. Wer daher meint, es sei genug, wenn er sich morgens auf den ganzen Tag Gnade erbitte, ist dem gleich, der auf einen ganzen Tag Luft einziehen und nur einmal atmen will. Wir dürfen nur im Glauben zugreifen; aber der Stolze will das nicht. Wir dürfen uns auch nicht fürchten; denn es ist eine andere Herrlichkeit als die Blitze auf Sinai: dort die Gerechtigkeit, hier die Barmherzigkeit und Liebe.

Früher konnte niemand den Vater sehen; es war alles gleichsam verschlossen. Nun aber sagt Jesus: „Wer mich siehet, der siehet den Vater“; denn er, der eingeborene Sohn, ist des Vaters Ebenbild. Er ist selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Soviel wir nun auf diesem Wege wandeln, so viel wird uns das gottselige Geheimnis: „Gott ist offenbaret im Fleisch“ auch kund und offenbar. Dem natürlichen Menschen ist und bleibt es ewig ein Geheimnis. Es ist aber ein solches Geheimnis, darein zu schauen selbst die Engel gelüstet. Wer sich den Heiland und seine Geburt groß werden lassen will, darf nicht in seiner Trägheit andere für sich denken lassen, sondern er muß selbst daran. Und wenn er nicht groß und wichtig gemacht werden kann, in dem ist er noch nicht empfangen und geboren, noch viel weniger zur männlichen Größe herangewachsen. Letzteres wäre wohl das bleibendste und kostbarste „Christkindlein.“

Immanuel Gottlieb Kolb (1842)