Erloschen und versunken

Erloschen und versunken
Wär‘ jedes Freudenlicht,
Wenn mit dem letzten Funken
Ein treues Auge bricht?
Und was uns Gott zu eigen
Auf dieser Erde gibt,
Das wollt‘ Er uns nur zeigen,
Bis wir es recht geliebt,
In unser Herz geschlossen
Wie unser eigen Blut,
Und es gefühlt, genossen
Als unser liebstes Gut?

Und dann für immer immer
Entzög Er’s unserm Blick,
Und dieser flücht’ge Schimmer
Wär unser ganzes Glück?
So grausam sollt Er spielen,
Dem alle Lieb entsprang,
Mit unsrem reinsten Fühlen,
Mit unsrem tiefsten Drang,
Damit nur Er geliebet,
Nur Er geehret sei,
All Anderes zerstiebet
Wie nicht’ger Staub und Spreu? –

Er selbst hat sich gegeben
In unsern Lieben dar;
Nur immer voller, reiner
Soll es geliebet sein:
Des weigere sich Keiner
Und süßer Lohn ist sein.
Und lieben wir nur freier,
Wenn Einer uns verläßt,
So wird die Totenfeier
Zum heil’gen Osterfest.

Text: Albert Zeller

aus: Albert Zeller, Lieder des Leids (Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1865)