Erstes Kapitel.
Einsam ─ und doch nicht verlassen.
„Erd und Himmel können trösten,
Aber doch nur die Erlösten!“
Still zog der Mond über den Nachthimmel. Drunten lag das Dorf im tiefen Schlafe. Oben am Waldrande, in der Holzwärterhütte, brannte noch Licht. Es ist eine klare, ruhige Oktobernacht, der erste Frost zieht über das herbstliche Land, er löst die welken Blätter vom Baume, leise rieseln sie zur Erde, am Morgen wird alles weiß bereift sein. Mitternacht ist vorüber. Der alte Wächter, der die Stunde abgerufen hat, wirft einen Blick hinauf nach dem hellen Fenster und schüttelt den Kopf, als finde er auf heimliches Fragen keine Antwort.
Wer wacht denn noch da oben über Mitternacht hinaus? ─ Blicken wir in dies enge Stübchen, so finden wir keinen wach; in den Betten aber liegen drei schlafende Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, ihre Wangen sind hochgerötet, und sie ziehen den Atem so tief und leise, daß man’s kaum hört. Ihretwegen dürfte das Licht nicht brennen.
Aber die Stubenthür, die nach der Diele führt, ist nur angelehnt; draußen ist’s freilich auch still, doch hört man ein leises Weinen. ─ Der obere Teil der quer geschnittenen Thür, die nach außen führt, steht weit offen, da wirft der Vollmond seine Strahlen hinein, die fallen auf einen offenen Kindersarg. Sachte gleiten sie von den kleinen gefalteten Händen über die abgemagerten Ärmchen, sachte beleuchten sie jetzt das schmale bleiche Antlitz! Ach, wie friedevoll ist dies Kindesantlitz! Täuscht das Mondlicht, oder schwebt nicht ein glückseliger Freudenschimmer um das feine Mündchen? Drei oder vier Jahre mag die Kleine gezählt haben, und doch fließt zu beiden Seiten auf dem weißen Kissen eine Fülle des reichsten lockigen Blondhaares herab.
Jetzt liegt das Mondlicht voll und ganz auf dem Totenantlitz, ─ jetzt erhebt auch eine Frau den Kopf, den sie, neben der Leiche sitzend, müde auf den Rand des Sarges gelegt hatte, Ihr Gesicht ist thränenfeucht, sie fährt sich mit der Hand über die Stirn, das blasse Kindergesicht da vor ihr hat einen so wunderbar verklärten Ausdruck bekommen. Als sie den Kopf gesenkt, war noch alles um sie her im Dunkeln, sie mag lange so gelegen haben, seitdem ist es hier so hell geworden um sie her ─ so hell auch in dem dunklen Sarge!
Die hier sitzt, ist eine Witwe! eine Witwe, welche die Totenwache hält am Sarge ihres Kindes, kann es wohl Traurigeres geben?
Die Frau seufzt tief und wendet langsam den Kopf aufwärts, dem Himmel zu, und blickt in den Mond. Ihre Hände liegen gefaltet im Sarge über des Kindleins gefaltete Händchen. Die Mondstrahlen blenden ihr das Auge, doch vermag sie es nicht, den Blick wegzuwenden. Es ist ihr, als weite sich der helle Schein zu einem breiten, hohen Himmelsthor, und in dem offenen Thore drängen sich Gestalten, klare, schöne Lichtgestalten; jetzt weichen sie zurück und einer breitet ihr beide Hände entgegen, grüßend, segnend!
Da neigt die Frau wieder das Haupt und kreuzt die Arme über der Brust. So sitzt sie lange in großer Stille. Sie merkt nichts von der kalten Nachtluft, die hineinzieht, merkt nichts, daß der Mond weitergeht und der Raum sich verdunkelt, sie denkt der Vergangenheit!
Da war sie nicht einsam! da wohnte sie tiefer drinnen im Walde, im Försterhause! da hatte sie zwei gute, treue Arme, die sie schützten und versorgten, und zwei helle Augen, welche leuchteten bei der Heimkehr am Abend in der Freude des Wiedersehens, und ein wackeres, frommes Mannesherz, das mit ihr und für sie beten konnte!
Niemals aber leuchteten diese Augen freudiger, als wenn sie diesem geliebten Manne ein gesundes, neugeborenes Kindlein frohlockend entgegenhalten konnte. Dann war er auf seine Kniee gefallen. an ihrem Bette. es hatte ihn ganz übermannt. daß er nicht sprechen konnte. aber mit feuchten Blicken schaute er aufwärts und ward nicht müde. ihre Hände zu küssen.
Solche gute, klare Mannesaugen hat Frau Anna nie wieder gesehen, als nur bei diesem ihrem Manne, und nun sieht sie diese Augen nimmer! hat sie schon längst nicht mehr gesehen, denn an einem furchtbaren Morgen, der wie mit eisernem Griffel ihr in die Seele gegraben ist, haben sie ihn gebracht, blutig und zerschossen und tot. Es war eine dunkle Geschichte, einige sagten, sein eignes Gewehr hätte sich entladen, andere sagten, es sei Unvorsichtigkeit oder böser Wille gewesen, denn es war eine große Treibjagd im Revier gewesen, und der Förster hatte Feinde, wegen seiner Pflichttreue.
Die kleine Martha, die jetzt hier im Sarge lag, hat der Vater nie erblickt, sie war erst nach seinem Tode in die Welt gekommen, und Frau Anna hatte sie wohl mit heißen Thränen, aber doch auch wie einen Engel begrüßt, den der Heimgegangene ihr zum Troste gesandt. Daß sie zu den drei älteren nun noch für eines mehr zu sorgen habe in ihrem Witwenstande, daran hatte sie gar nicht gedacht.
Dies Kind war aber auch von klein auf gar zu lieb und hold gewesen; ganz anders als die übrigen. Es weinte wohl, aber das war kein Schreien wie die andern gethan; und gelächelt hat’s sehr bald; wem’s aber mit den großen blauen Augen zulachte, dem mußte es wohl sein wie ein Stück vom blauen Himmel. Und als es nun zu sprechen angefangen, und früh schon seine Hände gefaltet und ein Betwort gelallt, als es der Mutter angehangen so zärtlich, so gehorsam, so hingebend, ach, wie war das Kind doch gewesen! kein Mensch ahnte ja seine verborgene Herrlichkeit als nur seine Mutter!
Da kam die tückische Krankheit und in drei Tagen war’s gesund und tot! ─ Tausendmal durchlebtes und durchlittenes Weh, ─ und wen’s trifft, den trifft’s immer am allerschwersten und tiefsten; aus Tausenden von Mutterherzen ist’s schon auf gestiegen Warum hast du mir das gethan? ─ warum gerade dieses? warum das allerbeste, aller liebste, allerteuerste?
Auch hier stieg es so auf, und mit solchen Gedanken hatte Frau Anna den Kopf auf den Sargrand gelegt; aber nachdem sie in den hellen Himmelsglanz geschaut, waren ihre Gedanken anders geworden! Es mußte wohl so sein, hieß es nun in ihr, ─ was sollte das herzige Ding hier länger in dieser traurigen Welt, ─ das Brot, das ich ihr geben konnte, ist sehr hart und grob, ─ und das Kleid, das ich ihr anziehen konnte, ist sehr rauh; ─ und was ist meine Liebe gegen seine Liebe, des guten Hirten Liebe, ─ hab’s gut, mein Schäflein, o hab’s ewig gut in seinem Arm und Schoß! Und mit einem Ausdruck wärmster, zartester Mutterliebe legte die Frau ihre von viel Arbeit harte Hand dennoch so weich, so weich auf des toten Kindes blonden Scheitel. Dann breitete sie ein weißes Linnentuch mit heiliger Sorgfalt über den kleinen Sarg und segnete ihn mit dem Kreuzeszeichen.
Langsam und todmüde ging sie darauf in die Stube. Düster brannte die Lampe, über dem Ofen von der Decke herabhängend; sie putzte den schwelenden Docht und zog ihn höher, daß er heller brenne. Sie trat an das Bett der schlafenden Kinder. Da lagen sie, der älteste, ein zehnjähriger, starker Knabe, gerade wie sein Vater mit einer hochgewölbten Stirn und dunklen Brauen, die geballte Hand lag trotzig zurückgeworfen unterm Nacken. Neben dem Hans der sechsjährige Kaspar, rot und pausbäckig, mit weißem, schlichtem Flachshaar, Grübchen in Kinn und Backen, ein glücklicher Traum ließ ihn im Schlafe lächeln. ─ Im zweiten Bett, dicht hinten an die Wand geschmiegt, um der Mutter, die hier mit schlafen sollte recht viel Platz zu lassen, schlief die achtjährige Margret, jetzt das einzige Mägdlein, das liebe, treue, sinnige Ding, die nichts vergaß, was man ihr auftrug, die umsorglich an alles dachte, die schon den Brüdern Strümpfe strickte, die das Essen kochte, wenn die Mutter auf Arbeit gegangen war, und sparsam mit Torf und Holz umging! ─ Man sah noch Thränenspuren auf ihrem Gesicht, ─ sie mochte wohl lange wach gelegen und der Mutter gewartet haben, denn keins von den Kindern trauerte so um das tote Schwesterlein als die Margret, hatte sie es doch von klein auf gehütet und war ihm wie ein Mütterchen gewesen!
Von einem Bett zum andern ging Frau Anna, und immer neu flossen ihr die Thränen vom Aug‘ beim Anblick der schlafenden Kinder! ─ Durfte sie klagen, die einsame Frau in der stillen Nacht? ─ War sie nicht reich in ihren Kindern, mußte sie nicht Gott danken, daß sie leben, arbeiten, kämpfen durfte für ihre Kinder? ─ War’s ihr nicht bisher gelungen? ─ Waren sie nicht noch immer alle satt geworden? ─ Aber die Knaben ─ sie haben keinen Vater ─ wird ihre schwache Frauenhand stark genug sein, den wilden Sinn und die trotzige Kraft zu beherrschen? ─ Und Margret! Was wird ihr Los sein auf Erden? Viel Arbeit und Mühe ─ nun ja, das mag sein ─ aber auch so viele Thränen, so hartes Geschick als ihrer Mutter zu teil geworden?
Der lange, böse Winter ist wieder vor der Thür; da ist die Arbeit spärlich und der Verdienst karg. Und jetzt die schweren Kosten für Marthas Sarg und Grab! Ach, du liebe Armut! Nicht einmal dein bitteres Herzeleid hast du ungestört vor Sorgen der Nahrung, denn umsonst ist nicht einmal der bittere Tod!
Ohne daß Frau Anna es gemerkt, hat die Stubenthür sich weiter geöffnet und eine alte Gestalt ist da erschienen, die steht da und schüttelt unwillig den grauen Kopf, das wirre Haar hängt unter einem geknoteten Tuch in die Stirn hinein, und die trüben, geröteten Augen blinzeln so schlaftrunken, daß man’s sieht, die Alte ist schon lange im Bette gewesen. Sie trägt einen Stock in der Hand, auf welchen sie sich stützt, jetzt stößt sie damit auf die Thürschwelle und zieht der andern Blicke auf sich.
„Na”, sagt die Alte langgedehnt, „noch immer nicht zur Ruh‘! Was soll’s denn morgen werden? ─ Ist auch’n harter Tag und ’n saurer Gang! Thut wohl nötig, daß man sich erst ausschlafe!”
Frau Anna ist gar nicht erschrocken, als sie die Alte sieht, sie mocht’s wohl schon so kennen, daß sie ihr einen nächtlichen Besuch mache. Es ist nämlich die Botenfrau Dorte Baumannsch, die mit im Häuschen wohnt, auf der andern Seite der Diele.
Die alte Dorte war nämlich die eigentliche Mieterin der Holzhütte und ließ die Witwe mit ihren Kindern für einen sehr geringen Zins mit hier wohnen. Denn sie war der Mutter von Frau Anna sehr befreundet, ja zu Dank verpflichtet gewesen, und hatte die Witwe selbst aus der Taufe gehoben. Als diese nun das harte Schicksal traf, da hatte Dorte freilich nicht viel geweint, denn sie war eine sonderbar rauhe Person, von außen angesehen; innerlich aber hatte sie viel Erbarmen, darum hatte sie auch hier ihr Häuschen den Verlassenen aufgethan.
Als Botenfrau, die zwischen dem Dorfe und der zwei Stunden entfernten Stadt zweimal wöchentlich die Gänge machte und Besorgungen ausrichtete, kam sie in vieler Leute Häuser, hörte und sah vieles, was zwischen den vier Wänden der Menschen vorgeht, es ward ihr auch manches anvertraut von den Frauen und Mägdlein und ein siebenfach Siegel des Geheimnisses darauf gedrückt, dazu nickte dann die Dorte mit dem alten, grauen Kopf und ließ es begraben sein in ihrem Herzen, wo schon so vieles hineingelegt war, denn schwatzhaft war sie nicht und machte keinen bösen Leumund, doch bewegte sie’s hin und her auf ihren langen, einsamen Wegen, die sie mit der großen Kiepe auf dem Rücken und dem langen Stock in der Hand bedächtig wie ein Lasttier dahinwandelte, und wo sie Schaden verhüten und Gefahr abwenden, Zorn stillen und Frieden stiften konnte, da that sie’s.
Die alte Frau war, was ihre Lebensgewohnheiten betraf, wie ein Uhrwerk. So pflegte sie regelmäßig um Mitternacht aufzuwachen, nachdem sie den ersten Schlaf gethan; dann war ihr der Hals trocken, weil sie mit offenem Munde schlief und tapfer schnarchte. Dafür hatte sie einen Trunk Wasser am Kopfende ihres Bettes stehen, womit sie sich die Kehle befeuchtete. Dann kehrte sie sich auf die andere Seite und schlief getrost weiter, bis Punkt 5 Uhr, im Sommer wie im Winter.
In dieser Nacht war sie nicht flugs wieder eingeschlafen, denn das Sterben des Kindes lag auch ihr auf der Seele, auch hörte sie durch die dünne Bretterwand das leise Weinen auf der Diele.
„Dummes Zeug! Da sitzt sie noch in der kalten Nacht und weint sich die Seele aus dem Leibe! Als ob’s was hülfe? ─ Ins Bett soll sie, und das gleich, ich leid’s nicht länger!”
Mit diesem Selbstgespräch war Dorte auch schon aus ihrem warmen Bett gestiegen, hatte einen Rock übergeworfen und den Stock in die Hand genommen, und nun stand sie da und schaute vorwurfsvoll auf die einsame, traurige Frau Anna.
Hinter der scheinbar rauhen Ansprache verbarg sich viel Mitleid. „Kind”, fuhr sie weicher fort, „du hast ja doch noch die andern drei was willst du denn noch? ─ hast’s mir ja selbst gesagt, daß die Martha bei ihrem Vater im Himmel sei, wirst sie doch nicht von da herabholen wollen in dies Elend?”
Die alte Dorte hatte nämlich ihre eignen sonderbaren Gedanken von Tod und Ewigkeit, auch war sie nicht fromm zu nennen, ging nicht am Sonntage in die Kirche und sprach sonst nie von heiligen und himmlischen Dingen. Der alte Pastor, der nun schon seit Jahren tot und begraben war, hatte ihr einmal mit einem harten Wort, wie sie glaubte, unrecht gethan, seitdem mochte sie den nicht mehr auf der Kanzel sehen; und der neue Pastor, nun, der war ihr eben viel zu neu und zu jung, was…
Fries, Aus der Zerstreuung. IX.
…sollte sie mit dem anfangen! Sie mochte wohl viel Püffe und Knüffe erlitten haben in ihrem langen Leben, die alte Dorte, davon hatte sie inner ich eine harte Haut bekommen, und bisher war noch nicht das linde Öl darauf geflossen, das solche harte Haut weich macht. Aber was nicht ist, kann ja werden!
[….]
Quelle:
Aus der Zerstreuung. Gesammelt von N. Fries, Hauptpastor in Heiligenstedten. 9. Bändchen: Ein helles Fenster. ─ Reisende Könige. ─ Ein Weihnachtstransparent. ─ Zwei Vaterlose, die den besten Vater hatten. Zweite Auflage. Stuttgart, Verlag von J. F. Steinkopf. Erschienen 1895. [S. 7-24; Digitalisat]