Bengel: Auszüge aus Briefen…

Einem, der sich befragte, wie denen, die mit lästerlichen Gedanken geplagt werden, zu raten sei, schreibt Bengel:

Es sind viele geschwind fertig, die lästerlichen Gedanken u. s. f. dem Teufel zuzuschreiben, und es mag wohl sein, daß er auch seine Capriole (Luftsprung) dabei macht. Aber auch im menschlichen Herzen selbst ist Vorrat genug vorhanden zu solchem Unflat; bei Leuten, die ohnehin ihre Erkenntniskraft gewaltig üben, und bei solchen, die eine starke Phantasie haben. Aber unter hundert, die in solchen Riegeln stecken, ist kaum einer oder der andere, der es sich anspüren läßt oder damit hervor rückt. Man muß aber nicht so eine besondere Kur dieses besonderen Übels bei solchen Seelen vornehmen, sondern es als eine Gelegenheit brauchen, auf den ganzen Zustand ihrer Seele zu kommen, und demselben durch Buße und Bekehrung aufzuhelfen.

Man muß nicht nur die einige Wurzel, die so hervorragt, abzuschneiden bemühet sein, sondern den ganzen Zusammenhang des Verderbens mitnehmen, wie die Ärzte thun, die auch wegen eines einigen affizierten Teils eine Kur mit der ganzen Blutmasse vornehmen. Sonst kann man, wenn man so nur auf diese einige besondere Angelegenheit dringet, wohl etwa die Seelen einigermaßen zufrieden stellen, aber es ist nicht gründlich geholfen. Deswegen ist es gut, daß man den Leuten nicht bald sage, sie müssen es eben so als eine Demütigung und Läuterung tragen und brauchen, sondern daß man sie erst zur wahrhaftigen Änderung ihres Sinnes und Bekehrung zu Gott weise.

Da geht es als durch Gegensätze. Finsternis kann nicht anders als durchs Licht überwunden werden. Der Lästerung ist nur fein bald das Lob Gottes, wo nicht mit der Stimme, doch mit den Lippen entgegenzusetzen. Wenn man so einen lästerlichen Ausdruck in den Sinn bekommt, soll man nur geschwind sich selbst zum Subjekt machen. Es ist gar leicht möglich, daß man in der gleichen Dingen gewissermaßen nach und nach einen festen Stand bekommt, daß hernach alles auf dieselbige Saite gestimmt wird. Und da ist es nicht viel anders, als wenn ich eines andern Lästerung, die ich aber durchaus verabscheue, geschichtlich in meinem Sinne habe. Das wird mir nicht zugerechnet. Gegen andere, die um einen sind, ist es gar gut, wenn man ihnen bekennt, man habe so diese oder jene Plage in seinen Gedanken.

Quelle:

Württembergische Väter, I. Band.
Von Bengel bis Burk. Bilder aus dem christlichen Leben Württembergs. Von W. Claus. Herausgegeben vom Calwer Verlagsverein. Mit vier Porträts. Stuttgart 1887. Verlag der Vereinsbuchhandlung. [Seite 63, Digitalisat]


Eingestellt am 17. Mai 2026