Römer 5, 19 (Girgensohn)

Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte. (Römer 5, 19)

Der zweite Adam, unser Herr Jesus Christus, will seine Gerechtigkeit nicht nur für uns gewährleistet haben, sondern sie an uns heranbringen, sie uns schenken; er will sein Blut nicht nur für uns vergieen, sondern auch uns nach dem Vorbilde des alttestamentlichen Hohenpriesters damit besprengen, auf daß es werde unser Schmuck und Ehrenkleid.

Das will er, das tut er, indem er unter uns aufgerichtet hat das Wort von der Versöhnung, das Evangelium von der freien Gnade Gottes, das Wort vom Kreuz, in welchem Worte Gott ihn hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blute (Röm. 3, 25). So wird uns sein Blut, seine Gerechtigkeit zugerechnet, und erlösend ist dies Blut, weil es dargereicht, herangebracht wird an uns.

Aber noch einen Schritt weiter geleitet uns das Wort: Gleichwie durch eines Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also durch Eines Gehorsam werden viele gerecht. Nicht nur zugerechnet ist uns die Sünde Adams, sondern leider auch in uns mächtig ist seine Sünde; wir sind aus ihm geboren, wir haben seine Sünde ererbt, sein Blut kreist in unsern Adern. Nun aber triumphiert auch in diesem Stücke Gottes Gnade, die mächtiger ist als die Sünde, in dem sie es also geordnet hat, daß wir aus dem neuen Adam, aus Christo von neuem geboren werden, daß wir sein Leben ererben, daß sein Blut in uns gegeben wird.

Er hat uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, er macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt, er spricht: Wer mein Fleisch ißt und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben. Dasselbe Wort Gottes, dieselben Sakramente, die uns vorhalten und darreichen Christi Verdienst als eine zugerechnete Gerechtigkeit, leiten auch sein Leben, seine Kraft, sein Blut in unsere Herzen, daß wir teilhaft werden der göttlichen Natur; Jesu Blut ist ein erlösend Blut, weil es in uns wirkt das Sterben des alten Menschen und ein Leben des neuen Menschen in Gerechtigkeit. So weit waltet dasselbe Gesetz in der Entfaltung der Sünde aus einem Menschen und in dem Werden der Gerechtigkeit aus Einem.

Hier aber tritt ein Unterschied ein. Von Adam sind wir geboren, ohne uns dieser Geburt erwehren zu können, ehe wir noch selbst ein Bewußtsein davon hatten; von Christo empfangen wir zwar auch sein Blut, sein Leben ohne unser Zutun, ja durch die Kindertaufe ohne unser Wissen und Wollen, aber zu einer vollen Wiedergeburt, zu einem neuen Menschen kommt es in uns doch nur, wenn wir uns der Gnadengaben Jesu nicht weigern, wenn wir sein Blut uns helfen lassen zum Glauben an ihn, wenn wir erkennen, was zu unserem Frieden dient, wenn wir rein werden wollen durch das Blut Jesu. Dann erleben wir es erst, daß wir erlöst sind von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels mit seinem heiligen, teuren Blut; denn dann wirkt sein Blut in uns, daß wir nicht mehr uns selbst, sondern für den Heiland leben und an ihm bleiben, und daß in solcher immer fester werdenden Gemeinschaft mit dem Herrn wir der Herrschaft von Sünde, Tod und Teufel entnommen sind.

Dann dienen wir ihm in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit; unser Blut sein Blut, wir in ihm, sein Blut für uns vergossen, an uns gebracht; in uns gegeben, in uns wirkend, daßwir für ihn leben, an ihm bleiben, so werden viele durch eines Gehorsam gerecht; das ist aber eine Gerechtigkeit, von der man bei allem eigenen Wollen, Trachten, Streben, Kämpfen doch bekennen muß:

Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.

(Thomas Girgensohn)

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Eingestellt am 16. Juli 2026