Matthäus 5, 6 (Müllensiefen)

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. (Matthäus 5, 6)

Mir ist, als hörte ich aus manchem Herzen Stimmen derer laut werden, die da sagen:

„Wir wissen um dies Verlangen; wir kennen dies Hungern und Dürsten nach dem Wohlgefallen Gottes; uns sind sie nicht fremd, die Schmerzen, die aus dem demütigenden Bewußtsein erwachsen, daß man das Beste will und es doch nicht erreichen kann, daß man ernstlich gegen die Sünde kämpft und doch nicht im Stande ist, sich ihrer zu erwehren“;
„aber“, so hör‘ ich euch sagen, „wir haben nur das Wehe in diesem Ringen empfunden, und nicht das Selig, das der Herr an die Spitze stellt“. –

Nun, lieben Seelen, ihr habt den Mut verloren; ihr habt angefangen zu laufen, aber dann seid ihr müde geworden, und nun steht ihr stille, und klagt über die Unvollkommenheit des Lebens, über die schlechten Menschen, über die bösen Zeiten, und über alle die tausend Hindernisse, die euch das Gutwerden erschweren, oder gar unmöglich machen. Ja, ihr meint vielleicht, wie sich nun einmal das Leben gestaltet hat, so sei es geradezu eine unlösbare Aufgabe, von den bindenden, zwingenden Rücksichten, die uns die Abhängigkeit von andern Menschen, die uns die notwendige Sorge um unser irdisches Durchkommen auflegt, ganz abzusehen, und in allem Tun und Lassen nur die Ehre Gottes, nur Sein Wohlgefallen im Auge zu haben.

Aber merket doch, wen der Herr seligpreist; nicht die verzagten Seelen, die vor dem kleinsten Hindernis zurückbeben, sondern „die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“; dies ist der Ausdruck eines Bedürfnisses, das befriedigt werden muß, weil das Leben daran hängt. Wenn dies Hungern und Dürsten deine Seele erfüllte; wenn du erst das Gefühl hättest: ich kann nicht bestehen, so es nicht anders wird; wenn dein Gebet erst wie der Angstschrei eines in den Fluten Versinkenden hervorbräche, und du setzt alle irdischen Rücksichten aus dem Auge, und hättest den Mut, um des Herrn willen auf aller Menschen Urteil gründlich Verzicht zu leisten, und brächest entschieden mit jeder Sünde, und wolltest Nichts, gar Nichts, als daß Gott, dein Gott und Heiland mit dir zufrieden sei: Er würde dein Bedürfen überschwänglich erfüllen, und du würdest an dir selber erfahren, daß „die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, sollen satt werden“.

Satt, das ist befriedigt. Wer dem Herrn dient, dem fehlt es an keinem Gute; wer in Ihm lebt, der hat auch vollen Frieden. – „Satt werden“, d. i. nicht nur genug haben für sich, sondern auch für Andre mit. Eines wahren Christen Leben, und wenn es noch so verborgen wäre, ja gerade dann, wenn es recht verborgen ist, ist immer eine erweckliche Predigt, die zu Herzen geht, ist immer ein Licht, das in die Finsternis hinausleuchtet. Darum hat Christus auch die Dürstenden mit der Verheißung angelockt: „Wer da dürstet, der komme zu Mir, und trinke; wer an Mich glaubt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7, 37f).

Und doch, so viel auch der Christ aus dem Reichtum der ihm gewordenen Gnade spenden kann, so gehört doch auch das zu seinem Sattwerden, daß das Hungern und Dürsten nach dem Wohlgefallen Gottes nie bei ihm aufhöre. So viel er auch für Andre an himmlischen Gütern übrig hat, so hat er doch nie genug für sich selber. Die Bitte: „Unser täglich Brot gib uns heute“, gilt auch für das geistliche Leben. Gott bricht auch der Seele, wie dem Leibe, alle Tage das Brot, aber kein Mensch kann sich leiblich oder geistig für das ganze Leben satt essen. Hunger und Durst kommen immer wieder, und das ist notwendig, damit der Mensch das rechte Gebet um das tägliche Brot nimmer verliere, und in der Herzensbeugung erhalten bleibe.  Immer ist neuer Anlaß zum Kampfe vorhanden; auch die überwundene Sünde läßt noch Wurzelfasern genug zurück, aus denen sie zu neuem Leben wieder aufsproßt; auch der wiedergeborene Mensch bleibt durch den Zusammenhang mit der Welt fort und fort auf den heißen Kampf, auf Gebet und Wachsamkeit hingewiesen. Sieges-Bewußtsein darf nie das Herz aufblähen; träge Ruhe würde bald alles geistliche Leben im Menschen ersticken, aber Hungern und Dürsten, das erhält ihn nüchtern und wachsam, das treibt ihn immer in Gebet, das läßt ihn immer in einer neuen Weise die Verheißung des Wortes erfahren:

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“

(Julius Müllensiefen)

Julius Müllensiefen (* 28. April 1811 in Iserlohn; † 29. April 1893 in Wernigerode) war ein deutscher evangelischer Theologe, Pfarrer und Schriftsteller. Er wirkte 33 Jahre lang als Archidiakon der Marienkirche Berlin-Mitte.


Eingestellt am 21. April 2026