Das Wissenswerteste.

Ich beschloß, nicht etwas unter euch zu wissen als nur Jesum Christum, und Ihn als Gekreuzigten. (1. Korinther 2, 2)

Andere Übersetzung:

Mit keinem andern Wissen wollte ich unter euch treten als dem von Jesus Christus, und zwar dem Gekreuzigten.

Als Paulus auf seiner zweiten Missionsreise war, beschloß er in Philippi, auch nach Korinth zu reisen. Das war die reiche, blühende, in der Mitte zwischen Italien und Asien gelegene Handelsstadt, außerdem eine Stadt, in der viele Künste und Wissenschaften getrieben wurden. 200 Jahre vorher war sie von den Römern von Grund aus zerstört worden, aber seit einem Jahrhundert wieder aus den Ruinen erstanden. Von allen Nationen waren dorthin Leute gekommen, um sich in der wiederauflebenden Stadt anzusiedeln. Gegen 800000 Einwohner mochte die Stadt zählen, darunter mehr als die Hälfte Sklaven. Die Stadt hatte mehrere Industriezweige und einen sehr bedeutenden Handel. Auch die griechische Weisheit wurde hier eifrig gepflegt. Man konnte, sagte ein Redner, kaum einen Schritt in Korinth thun, ohne einem Philosophen zu begegnen. Aber alle Philosophie und Bildung war nicht imstande, den fortschreitenden Verfall der Sitten aufzuhalten. Und der Götzendienst war erst recht nicht dazu imstande, im Gegenteil, der Venustempel, der von der Höhe der Akropolis herniederschaute, deutete die furchtbaren Laster an, die hier getrieben wurden. Es war soweit gekommen, daß „korinthisches Leben“ und „korinthische Trunkenheit“ sprichwörtlich waren. Hier sollte und wollte der Apostel arbeiten. Was er kurz vorher in Athen erfahren, konnte ihm nicht besonderen Mut machen.

Er ging ernstlich mit sich zu Rate. Sollte er den Korinthern zu Liebe das Evangelium etwas „modernisieren“? Sollte er in seiner Predigt etwas Rücksicht nehmen auf die Gebildeten, Philosophen, Millionäre? Wäre es vielleicht nicht praktischer, so etwas um das Evangelium herum zugehen und vorläufig das Kreuz von Golgatha fortzulassen? Warum gleich mit der Thür ins Haus fallen? Er hatte ja die Wut der Juden und den Hohn und Spott der Heiden, ach, nur zu oft erfahren. Noch kürzlich in Philippi und in Athen. Ich glaube,er ist mit seinem Entschluß sehr bald fertig gewesen, und sein Überlegen mag kaum so lange gedauert haben, als ich davon geredet.

Welches war das Resultat ?

„Ich beschloß nicht, etwas unter euch zu wissen“. Mit menschlichem Wissen, mit Philosophie, mit Rhetorik und Sophistik wollte er nicht kommen. Auf so etwas wollte er von vornherein Verzicht leisten. Was wollte er denn wissen, umes zu predigen? Jesum Christum und Ihn als Gekreuzigten.

Heroischer Entschluß, staunenswerter Mut in der damaligen Zeit!  Der Mensch gewöhnt sich an alles, pflegt man zu sagen. Über 1850 Jahre ist vom Kreuze Christi gepredigt worden; heutzutage* geschieht es in mehr als 200 Sprachen.

*) Die zugrundeliegende Evangelisationsschrift von Pastor J. Dammann datiert vom Jahr 1899.

Unermeßliche Segensströme sind von dieser Predigt ausgegangen. Kaiser und Könige haben je und je ihre Kniee vor dem gekreuzigten Christus gebeugt. Arbeitervereine
schreiben es auf ihre Fahne: „Wir schämen uns des Evangeliums von Christo nicht“. In zahllosen Liedern und Gesängen wird das Kreuz von Golgatha verherrlicht. Von Kirchen, Krankenhäusern und allen Anstalten christlicher Barmherzigkeit leuchtet es uns weithin
entgegen. Man stellt es auf die Altäre und pflanzt es auf die Gräber. Man faßt es in Gold und Silber und schmückt es mit Perlen und Edelsteinen. Wenn ein Schiffbrüchiger von
den Wellen des Meeres an das Ufer einer unbekannten kleinen Insel im großen stillen Ozean geworfen würde, wie würde er beruhigt aufatmen, wenn sein umherspähendes Auge in der Ferne ein Kreuz erblickte! Gott sei Dank, würde er ausrufen, hier wohnen keine Kannibalen !

Wahrlich, wenn auch die Christenheit voll ist von Feinden des Kreuzes Christi, viel Mut gehört nicht dazu, Jesus den Gekreuzigten zu predigen. Auch ein Kandidat der Theologie,
wenn er nach bestandenem Examen zum erstenmal auf die Kanzel steigt, thut noch nichts besonderes, wenn er eine Predigt hält von Jesus Christus, dem Gekreuzigten.

Aber damals, als Paulus diese Worte schrieb !

Es ist, als hörte ich das Lästern und Widersprechen der Juden, wenn sie aus der Synagoge kamen, wo Paulus gepredigt hatte. Ein gekreuzigter Messias ! Dieser hirnverbrannte
Mensch aus Tarsus! Wie kann er es nur wagen, uns einen „Gehängten“ anzupreisen als den Sohn Gottes, als den Messias der Juden! Schmach und Schande über solche Predigt! Wie kann er nur den Mut haben, eine Synagoge zu betreten! Schmach und Schande über die, welche Moses und den Propheten den Rücken kehren und diesem gefährlichen Irrlehrer anhangen!

Ich höre sie höhnen und spotten, die Epikuräer und Stoiker auf dem Marktplatz in Athen: Was es doch für verrückte Leute giebt in heutiger Zeit! Sollte man solchen Unsinn für möglich halten? Es ist doch weit gekommen, uns einen gekreuzigten Juden als neuen Gott
anzubieten! Als wenn wir nicht schon genug hätten – und nun noch so einen. Aber das Tollste an der Geschichte ist doch, daß dieser „Lotterbubebehauptet, sein Jesus sei am dritten Tage von den Toten auferstanden. So etwas von Unsinn ist doch noch nie dagewesen. Der Mensch gehört ins Narrenhaus.

Das hat Paulus alles durchgemacht. Schreibt er doch in demselben Briefe an die Korinther:

„Gott hat uns Apostel für die allergeringsten dargestellt, als dem Tod übergeben. Wir sind ein Schauspiel geworden der Welt. Wir sind Narren um Christi willen. Wir sind schwach, verachtet, bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst. Wir sind nackend und werden geschlagen, und haben keine gewisse Stätte. Wir arbeiten und wirken mit unsern eigenen Händen. Man schilt uns, man verfolgt uns, man lästert uns. Wir sind stets als ein Fluch der Welt und ein Fegopfer aller Leute!“

Und das alles wegen seiner Predigt von Christo, dem Gekreuzigten. Hätte er eine neue
Moral gepredigt, eine neue Lehre, so hätte die damalige Welt nicht viel Notiz davon genommen. Aber hat ihn das alles nicht etwas stutzig gemacht? Ist er nicht der Meinung geworden, „Korinth ist ein gefährlicher Boden, da mußt du es etwas gelinder machen, sonst geht es dir wie in Philippi und Athen. Du mußt in Rechnung ziehen, daß da viele gebildete Leute wohnen und die Stadt voll ist von Philosophen?

Hat er so gedacht? Ganz und gar nicht. Er beschloß, nicht etwas unter ihnen zu wissen, als nur Jesum Christum, und Ihn als Gekreuzigten

Jesus Christus der Gekreuzigte! Das  allein ist also das Wissenswerte, was es giebt. So sagt Paulus. Er war kein einseitiger Mann. Er war zu Hause in aller Weisheit der Juden und Griechen, ein klarer Kopf, ein scharfer Denker, ein ruhiger und nüchterner Beobachter. Er rannte nicht blindlings auf sein Ziel los.

Er wußte, was er that, und warum er es that. Hat Paulus recht? Ist überhaupt das Evangelium von Jesus Christus dem Gekreuzigten das Allerwissenswerteste? Ist es auch heute noch und immer wahr, was wir singen:

Wenn ich nur Ihn recht kenne und weiß,
So hab ich der Weisheit vollkommenen Preis.

Liegen in diesem Jesus Christus, dem Gekreuzigten, alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen? Gilt das auch heute noch im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität? Es giebt Inseln, die werden im Laufe der Jahrhunderte immer mehr ein Raub der Meereswellen. Die Zeit wird kommen, wo eine gefräßige Welle den letzten Quadratmeter Erde hinweg spült. Ist das Evangelium eine solche Insel ? Wird es immer mehr eingeengt von den Wellen der Wissenschaft, bis es von der Weisheit der Welt ganz verschlungen sein wird?

„Triumph der Wissenschaft, Herr Pastor!“, rief mir jüngst ein Arzt zu. „Wieso, Herr Doktor?“ „Nun, von wegen der Cholera“, war die Antwort.  „Wieso?“ fragte ich weiter. „Das ist mit Händen zu greifen. Die Wissenschaft hat die Cholera auf Hamburg beschränkt. Alle übrigen Fälle in Deutschland sind Ausläufer von Hamburg. Aber dank der Wissenschaft ist es gelungen, die Cholera an all den Orten, wo sie aufgetreten, zu isolieren. Triumph der Wissenschaft, Herr Pastor!“

Ich wußte wohl, was er damit sagen wollte. „Ihre Wissenschaft in allen Ehren“,
entgegnete ich.  „Gott der Herr hat uns Verstand gegeben, damit wir ihn anwenden sollen; aber wenn Er Seine Gnade nicht walten lassen will, wird Sein Wille an Ihre Wissenschaft sich nicht kehren“. 

Quelle:

Wo ist denn nun Dein Gott? Einfache Reden über ernste Dinge. Von Julius Dammann, Herausgeber von „Licht und Leben“. Kassel. Verlag von Ernst Röttger, 1892 [Digitalisat]


Übersicht: 1. Korintherbrief

Eingestellt am 17. Mai 2026