Matthäus 16, 26

Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse? (Matthäus 16, 26)

Betrachtung zum 27. Juni.

Der Apostel Johannes sagt: die Welt vergeht mit ihrer Lust. Wir wissen, daß es so ist – und doch haben die Menschen kein anderes Ziel, als die Welt zu gewinnen. Zwar will aus gutem Grund Niemand die ganze Welt gewinnen; die Selbstsucht des einzelnen Menschen und der Völker ist so groß, daß alle Welteroberer immer wieder Halt machen mußten vor der Selbstsucht Anderer. Also nicht die Bescheidenheit ist es, die den Menschen hindert, die ganze Welt an sich zu reißen, sondern die Macht der Selbstsucht Anderer.

Kann man nicht Alles gewinnen, so möchte man doch viel gewinnen: viel Geld, viele Ehre, viele Macht, so viel als immer möglich; daher der überall entbrannte Kampf um das Dasein. Die Sucht, möglichst viel zu gewinnen, ist mitten in der sogenannten Christenheit so gewaltig geworden, dass weder die Anstrengung des Einzelnen, noch die Stimme der Kirche ausreicht zum Schutz der Schwachen, der Staat muß eingreifen. Wird der Staat Meister werden? Nein! Warum? Er kann die Gesinnung der Menschen nicht ändern; nur das Evangelium kann es thun. Wenn das lautere Evangelium von Jesu Christo, dem Sohne Gottes, unserem gekreuzigten und auferstandenen Heiland nicht mehr in die Familien und in die hohen und niederen Schulen hineinkommt, als das jetzt der Fall ist, so wird die Selbstsucht und der irdische Sinn immer mehr überhand nehmen. Gibt der Mensch das Ewige, den Himmel auf, so muss er an dessen Stelle etwas Anderes haben und da bleibt nur die Welt. Diese aber vergeht mit ihrer Lust und zieht den Menschen, der seine Seele an sie verkauft, in das Verderben. Mancher dieser Sklaven wird ja wieder nüchtern, sieht den Betrug der Welt ein und kehrt um; aber die meisten Weltkinder bleiben gefangen.

Wer soll sie lösen, wenn sie das eine Lösegeld, das teure Blut Jesu Christi, verachtet und mit Füßen getreten haben? Es gibt keine Erlösung, sondern nur ein Warten des Gerichts unseres Gottes, der seiner nicht spotten läßt.

Herr unser Gott! wir müssen uns schämen, wenn wir all den irdischen Sinn und all die Selbstsucht in uns und in der Christenheit ansehen. Erbarme Dich unser!

Amen.

Elias Schrenk
(1831-1913)

Quelle: Suchet in der Schrift. Tägliche Betrachtungen für das ganze Jahr mit Anhang. Von E. Schrenk. 2. Auflage, 32. bis 36. Tausend, S. 179. Kassel. Druck und Verlag von Ernst Röttger, 1892.

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Eingestellt am 27. Juni 2026