Matthäus 13, 46: Das Stäublein im Auge

Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie. (Matth. 13, 46)

Einem Kinde war unter dem Spiel ein Stäublein ins Auge gefallen, welches es lange rieb und wischte, aber damit nichts ausrichtete, als daß es die Schmerzen vermehrte und das Auge triefend und feuerrot machte, darum es endlich klagend zum Vater kam. Der legte eine kleine Perle hinein, hieß das Kind das Auge zutun und etliche mal herumwälzen, darauf die Perle herausfiel, an der das Stäublein klebte.

Darüber hatte Gotthold die Gedanken:

Das Auge, sagte er, ist des ganzen Leibes Licht, welches alles faßt, was ihm vorkommt, nur sich selbst sieht es nicht. Es ist aber ein gar zartes Glied, welches, wie dieses Kind bezeugt, auch nicht ein Stäublein leiden kann, sondern tränt und schmerzt, bis es dessen los wird. Dies ist ein eigentliches Bild des Gewissens, welches, ob es wohl die Menschen oft nicht beobachten, alles weiß, faßt und gleichsam verzeichnet; es tuts dem Auge darinnen zuvor, daß dieses nur bei Tag, jenes auch bei Nacht sieht und alle Werke der Finsternis in genauer Obacht hält. Nun dünkt manchem die Sünde nur ein Stäublein zu sein, zuvörderst, wenn er von falschem Wahn, Eigenliebe und Sicherheit eingenommen ist.

Aber, ach, mein Gott! Was kann ein solches vermeintes Stäublein Schmerzen und Angst im Gewissen verursachen! Wie sticht es! Wie tränt es! Und ist da keine Hilfe, du gnädiger Gott, als bei dir. Mein Herr Jesus ist die edle Perle, Matth 13, 46, die legst du in unser verletztes betrübtes Herz, die nimmt alle Sünde und Sündenschmerzen hinweg, und so finden wir Ruhe für unsere Seele und kriegen Lust, dir mit fröhlichem Herzen zu dienen. Hilf, mein Gott! daß ich allezeit behutsam und vorsichtiglich wandle und mich vor Verletzung meines Gewissens durch deine Gnade hüte!

aus M. Christian Scriver (Scriverius): Gottholds Zufällige Andachten: Hrsg. und Verl. vom Evangelischen Bücher-Verein, 4. Aufl., Berlin 1867

»Ein geheimnisvoller, schöner Mann mit silbernem Barte trat zu mir und übergab mir ein ungemein schönes, großes Kästchen voll der prächtigsten Kleinodien. Leuchtende Edelsteine von verschiedenen Farben, mit edlen, mächtigen Perlen vermischt, funkelten darin durcheinander. Ich hatte eine Freude daran, die nicht zu beschreiben ist, weil es dabei hieß: ‚Dies ist der Schatz deines Lebens!‘ Vielleicht nie habe ich tiefere, süßere Ahnungen von einem vollkommenen Gute gehabt als in jenen kurzen nächtlichen Momenten, die — ach! — so schnell mir verbittert werden sollten. Denn unversehens sah ich mir mein herrliches Kleinod von einer dunkel vorbeifahrenden Hand entrissen. Nach dem Erwachen suchte ich im ganzen Haus, in allen Ecken nach — fort war es, ich vermochte es nicht mehr zu finden, und auch die Tröstung anderer, die mir’s suchen halfen, war ebenso vergeblich. Mit unaussprechlichem Leid gedachte ich des göttlichen Besitzes; die klaren Juwelen schimmerten mir noch immer im Auge. Aber ach, ich hatte sie eben nicht mehr, und niemand wußte, wohin sie entschwunden waren. Durch jenen einzigen Traum wurde ich innerlich vielleicht um fünf Jahre älter; denn durch nichts streifen wir den kindlichen Sinn früher und entschiedener ab als durch die Sehnsucht nach einem verlorenen ewigen Gut. Die Bedeutung des Traumes trat mir von einem Jahr zum andern stets heller und mahnender vor das Gemüt, und als ich nach langer, jugendlicher Irrfahrt endlich zu dem Lebensbrunnen des Evangeliums mit halb eröffneten Augen hingezogen ward, da wußte ich mir jenen edlen, frühe verlorenen Schatz stets tiefer zu erklären.«

Albert Knapp, zit. aus: Arno Pagel: Ehret, liebet, lobet ihn! Aus dem Leben und Schaffen der Liederdichter Hiller, Knapp, Barth und Traub, S. 59f. Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell 1986, ISBN 3-88002-309-3 (= Telos-Bücher; 2301; Telos erzählende Paperback). (Digitalisat, pdf)