Vom guten Weizen und Unkraut

Matth. 13, 20 — 30, 36 — 43

Wie lieblich und faßlich ist dieses Gleichnis, wie einfach und kindlich, wie nahe allen Sinnen! Jeder Acker erinnert daran, jede Saat und Blüte und Erntezeit bringt es uns zurück, und gibt jedem Bilde mit siebenfachem Nachdruck Licht und Bedeutung. Und dann — welch ein tiefer, allumfassender Sinn, welch‘ ein gegenwärtiges, alle Sinne erfüllendes Bild der Welt und dessen, was in der Welt ist, des menschlichen Herzens und Lebens, des Ursprungs, der Mischung und der endlichen Absonderung der Guten und Bösen, des Lichtes und der Finsternis, der Wahrheit und des Irrtums! — Ein zusammengefaßter Auszug des großen Planes der Gottheit über Welt und Menschen. Wer hat in einem so kindlichen Gleichnis, so Viel und Großes gesagt? Die wichtigsten, unbeantwortetsten Fragen so licht und bestimmt gelöst? Was war und ist und sein wird, so einfach und zusammenhängend dargestellt? — Herr, zu wem wollten wir gehen! — Du allein hast die Worte der ewigen Weisheit! — – Der Herr gibt Seinem Gleichnis die Deutung selbst — einfach, äußerst bestimmt, in jedem einzelnen Glied voll Kraft und Sinn. Möchten wir Dieser Deutung mit Einfalt und Bestimmtheit folgen!

I. »Des Menschensohn ists, Der den guten Samen säet.«

Bezeichnender, würdiger, erhabener konnte Sich Gottes Sohn — jetzt in Knechtsgestalt — nicht nennen, als mit diesem Worte: »Guten Samen säen«— Dies ist Sein auszeichnendes Geschäft; darin besteht Sein Verhältnis zum Vater, zu der Welt und zu Allem, was in der Welt ist — Seine Unvergleichbarkeit. Dies hebt Ihn über alle Weisen, Mächtigen und Edlen dieser und einer höhern Welt hinauf an die Stelle, die Ihm als dem Erst- und Eingeborenen gebührt, und die Er durch Gehorsam, Aufopferung und Leiden vor Allen verdient hat. Guten Samen säen — nicht etwa nur pflegen, fördern, schützen, was der Acker schon aus einer andern Hand empfangen hat, was schon da ist und dann nur Pflege, Förderung und Schutz bedarf, sondern dem Acker geben, was er noch nicht hat, in ihn hineinlegen, was nicht in ihm ist — das tut der Sohn des Menschen; Sein Werk ist Schöpfung. Der Knechte Amt und Ehre ist es , den Acker zum Empfang des Samens zubereiten, den Samen zu pflegen, zu wässern. Aber der Herr des Ackers gibt — sät den Samen. Das ist Seine Ehre und Würde als des Herrn. Was die edelsten, weisesten, verehrungswürdigsten Menschen — Weise, Gesetzgeber und Väter je getan haben, und tun konnten, ist — bereiten, pflegen, was da war. Was Christus allein tut, und was Ihn über die edelsten, weisesten, verehrungswürdigsten Menschen hinaussetzt, ist — den guten Samen säen — geben, schaffen, was nicht da ist.

II. »Der Acker ist die Welt.«

Nicht nur der Weltteil, in dem Christus als Menschensohn guten Samen säte, sondern die Welt, der Umfang der Schöpfung, des Reiches Gottes, das nach der Gehorsamsprobe, nach dem Glaubenssiege des Sohnes Sein Reich ward — dies ganze große Reich — (der Name Acker macht seine Bestimmung, Zustände und Veränderungen anschaulich) — hat Christus zu besäen, jede Stelle desselben steht Ihm . offen, und wie viel, oder wie wenig Er an jede Stelle säen will, darüber ist Er freier Herr, und warum Er hier mehr, dort weniger säe u.s.f., das weiß Er, der Erbherr und Kenner des Ackers; und die Ernte wird’s offenbar machen. Nun verzage kein Knecht des Herrn, daß dieser Sämann irgend eine gute, weiche Stelle des Ackers unbesät lasse; ober daß es Ihm je an Samen für den großen, weiten Acker fehle. Keiner wähne, daß nur  d i e  Stelle Samen empfangen habe, die er übersieht, oder wenn diese wenig hat, eine andre, von ihm ungesehene nicht mehr haben könne; und keiner verachte die anscheinend rohen, mit wildem Gesträuche überwachsenen, mit Schlamm und Stein bedeckten Stellen des Ackers, als ob da für kein Samenkorn Plaz sei. Aus Nazareth konnte nach dem Urteile der Juden nichts Gutes kommen, und gegen das Urteil der Juden kam aus Nazareth das Beste. —

III. »Der gute Same sind die Kinder des Reichs.«

Mit jedem neuen Glied der Erklärung wird das Licht heller, der Sinn voller und tiefer. Kinder des Reichs. Sie heißen auch die  E r w ä h l t e n, die  S ch a f e  Christi — die ihm vom Vater Gegebenen, die Reben an Ihm, dem wahren Weinstock, Seine Glieder, aus Gott Geborne; Menschen , die — erwählt von Grundlegung der Welt — durch die Propheten, durch Johannes, durch Christus, durch Seine Jünger zu der Erkenntniß kamen, daß Jesus von .Nazareth der Messias, der Herr sei, — und durch diese Erkenntnis Bürger in Seinem Reiche wurden; Menschen, die mit dem durch Leiden vervollkommeten Herrn der Herrlichkeit wie Untertanen mit ihrem Könige, wie Knechte mit ihrem Herrn, wie Freund mit Freund, Bruder mit Bruder in Gemeinschaft stehen; von Ihm der Verderbnis der Welt entrissen, der göttlichen Natur teilhaftig werden; Ihm eingepflanzt sind, wie das Rebzweig dem Weinstocke; von Ihm empfangen, was Glieder vom Haupte empfangen; Menschen, die mit Christus in Einem Geiste stehen, in mehr und minderm Grade Sein Abglanz sind, wie Er der Abglanz des Vaters ist. Denkt euch einen Johannes, einen Petrus und Jakobus! Denkt euch Alle, die an jenem Pfingsttage mit dem heiligen Geiste und mit Feuer getauft wurden und alle die, welche die Geistestaufe durch sie empfingen, Alle, in deren Anlitz die Klarheit des Herrn leuchtete, in deren Worten Weisheit, Wahrheit und Sanftmut, in deren Taten Kraft und Liebe und Demut — der Geist des Herrn Sich offenbarte! Alle diese waren Kinder des Reichs, in den Weltacker gesät, zu wachsen und Frucht zu bringen, dreißigfach, sechzigfach, hundertfach.

Und Alle, welche, wann und wo es immer sei, den Geist empfangen. Den jene empfangen haben; in dem Geiste leben und weben, denken, empfinden, sprechen, handeln und leiden, wie jene, Alle, die irgend etwas von Christus in und an sich haben, das sie von allen andern Menschen auszeichnet, etwas, das nur Christus geben kann, das sich nicht lehren, nicht lernen, nicht erkünsteln, nicht erzwingen, durchaus nicht nachahmen und nicht nachmachen läßt, das gegeben wird, und ein lebendiges Siegel ist, daß Jesus Christus lebt und herrscht. Alle diese, wo sie auch in der Welt zerstreut sein mögen, sind Kinder des Reichs; und werden aus Kindern Männer werden. Und diese alle kommen von Christus in die Welt, wie der Same aus der Hand des Sämanns in den Acker; und kommen als Same, nicht ausgewachsen, nicht zur Ernte reif; das sollen sie erst in dem Acker werden; zum Wachsen und Reifwerden sind sie gesäet. Sie sind im engsten Sinne des Wortes das Eigentum Christi, wie der Same das Eigentum des Sämanns. — Er macht sie zu Mitgenossen der göttlichen Natur; Er legt das in sie hinein, was sie von allen andern Menschen unterscheidet; Er gibt Ihnen Gewalt, Kinder Gottes zu werden; Er bildet sie im Verborgenen, und führt sie ans Licht, mit einem Namen, den niemand kennt, als wer ihn empfängt, und vollendet sie in Seine Herrlichkeit. Er ist die Wurzel, sie die Zweige, Er das Haupt, sie die Glieder. Wo ist nun dieser gute Same? Wo sind diese Kinder des Reichs?— Wenn sie auch nicht auf der Stelle des Ackers sind, die  d u  übersiehst, auf wie mancher andern des weiten Ackers können sie sein? Und die Stelle, wo du bist, übersiehst du nur, durchsiehst sie nicht! Wenn der Säemann ist, wenn der Acker ist, so muß auch der gute Samen sein. Wenn das Haupt ist, so müssen Glieder sein; wenn Christus ist, so müssen Christen sein, wenn Er König ist, so muß Er Untertanen haben. Der, in Dem das Leben ist, muß immer neues Leben wirken; Er schläft und schlummert nicht.

IV. »Das Unkraut im Acker sind die Kinder des Bösen.«

Sieh da die Gegenseite der Kinder des Reichs, der aus Gott Gebornen, Christo Eingepflanzten, in Seinem Geiste Stehenden. Sie heißen auch — Pflanzen, die der Vater Jesu Christi nicht gepflanzet hat, die aus der Welt — von unten her sind, aus dem Vater der Lüge, dem Teufel, dem Widerchristen. Es sind dies Menschen, die bei der Stimme der Propheten, der Stimme Johannis und der Jünger — bei der Ansicht Christi Selbst gefühllos blieben, oder mit Haß und Bitterkeit erfüllt wurden, Menschen, die Jesum von Nazareth nicht als KÖnig erkennen, nicht Seines Reiches Untertanen, Seines Geistes Mitgenossen sind, keine Gemeinschaft mit Ihm haben, kein Pfand, daß sie Seines Geschlechtes sind, und Seiner Herrlichkeit Erben werden sollen; in denen ein ganz andrer Geist, ein ganz andrer Grundtrieb herrscht. Die zu ganz entgegengesetzten Zwecken wirken und leiden; Gleichgültige gegen Ihn und Sein Reich, Feinde Seiner Person und Seines Reiches, Zerstörer dessen, was Er schafft; in denen der Same des ewigen Lebens, der göttlichen Natur, keine Stelle findet, weil der Same der Finsternis und des Verderbens in sie gesät ist; — welche die Fähigkeit, Christo ähnlich zu werden, der Sünde verkaufen, in den Gelüsten des Fleisches ertöten; die den Geist der Wahrheit nicht empfangen, weil sie Ihn nicht sehen und nicht kennen. Denkt euch — denn die Geschichte ist hier, wie bei den Kindern des Reichs, die richtigste, zuverlässigste Erläuterungsquelle — denkt euch jenes ehebrecherische Geschlecht, das mit erzwungenem Schein der Wahrheitsliebe ein Zeichen, das heißt, am hellen Mittag Licht suchte, und dem kein Zeichen gegeben wurde, als nur das Zeichen des Propheten Jonas, und das auch dieses Zeichen mit Geld in Lüge umzuwandeln bemüht war, zur Lüge erkaufte; denkt euch jene für ihre Rechtglaubigkeit eifernden Pharisäer und jene ihren Unglauben verfechtenden Saducäerschar, die sich zu Einer Wut gegen den Heiligen Gottes mck in Ei ner Satanssreude am blutbespritzten Kreuz vereinigte, und jenen Volks haufen, in den das Gift der Hölle durch seine Obern ausgegossen ward — und alle, die lauter oder leiser riefen: »Wir wollen nicht, daß Dieser über uns herrsche! « — alle Kinder des Bösen. — Und Alle, die früh, oder spät in ihren Wegen wandeln, in diesem Geist des Widerspruchs mit Christus denken, empfinden, reden, wirken und leiden; Alle die andre Gesetze befolgen, als Christi Gesetze, einen andern Herrn, als Christum, die andre Freunde suchen, als Christi Freunde, und andre Freuden, als Christusfreuden; Alle die nichts an sich haben, was nur von Christus kommen kann, haben aber, was nicht von Ihm kommen kann — die nicht göttlicher Natur, nicht himmlischen Geistes sind; Alle, die unempfindlich sind, oder sich freuen, wenn Christus leidet; Alle, die gleichgültig sind, oder trauern und zürnen, wenn Christus Sich freuet; Alle, die verlieren, wenn Christns gewinnt, und gewinnen, wenn Er verliert— diese alle sind Kinder des Bösen, Unkraut im Weltacker, in welchem Grade, auf welcher Stufe sie’s nun auch sein mögen.

V. »Der Feind, der das Unkraut säet, ist der Teufel.«

Diese Benennung des Ursprungs, des Vaters der Kinder des Bösen bestimmt noch näher, wer und was sie sind. Sie sind aus dem Vater der Lüge, dem Teufel, dem Mörder und Lügner von Anfang. Er macht sie zu dem, was sie sind; sie sind sein Same, sein Bild, Aus- und Abdrücke seiner selbst, wie die Kinder des Reichs Same, Bild und Abdrücke Christi. Er setzt sie den Kindern des Reichs entgegen, wie er selbst Christo entgegen gesetzt ist. Sie machen sein Reich aus, sind seine Untertanen, die ganz im Geiste und zu den Zwecken ihres Herrn denken und handeln. Hier beantwortet sich also die durch vielfache Antwort so verworrene Frage einfach und bestimmt aus dem Munde Dessen, Der den Geist der Offenbarung der Dinge hatte, die kein Auge sah und kein Ohr hörte — die Frage nämlich: »Woher kommt das Böse in der Welt? Wer ist der Feind, der es säet?« — Das Böse sproßt aus einer tiefliegenden Wurzel, wird in der Unsichtbarkeit bereitet, und Alles, was davon sichtbar und empfindbar wird, ist nur Frucht, Bild und Ausdruck dieses unsichtbaren Ursprungs, wie die faule Frucht eines Baumes Ausdruck der tiefen, unsichtbaren Verdorbenheit des Baumes ist, darin ihren Entstehungsgrund hat. Und diese unsichtbare Quelle, diese verborgene Wurzel alles sichtbaren Bösen mit allen Folgen desselben ist Satan. Ein unsichtbares, aber mächtigwirkendes Wesen, grundarger Feind Jesu Christi und Seines Reiches; in Finsternis, Bosheit und Verderben eben das, was Christus in Licht und Liebe und Leben ist. Giftiger Neid und Grimm, der auf Zerstörung alles dessen, was Christi ist, ausgeht, das ist sein Wesen, sein Grundtrieb, die Wurzel seines Dichtens und Trachtens, der Geist seiner Anschläge und Unternehmungen. — Diesen Grundtrieb, diesen Geist sucht er auszubreiten und mitzuteilen — nächtlicher, verstohlener Weise, wie der Feind des Hausvaters Unkraut in seinen Acker säte; denn Satan ist ein Fürst der Finsternis und scheut das Licht. Wem er diesen Grundtrieb, diesen Geist einpflanzen, wen er damit beseelen kann, der wird dadurch ein Kind des Bösen. Dies ist also der Inhalt des Weltackers in bekannten und unbekannten Gegenden, mit seinen geheimen Wurzeln und Quellen, seinem Unkraut und guten Samen. Dieser ist früher, als das Unkraut, dies später — aus Neid und Feindschaft — als die Knechte des Hausvaters schliefen, eingestreut. Guter Same vom Hausvater, oder vom Sohne des Hausvaters, Unkraut von seinem Feind gesäet. – Kinder des Reichs und Kinder des Bösen, mit Allem, was jene Gutes haben und wirken, mit Allem, was diese Böses dichten und tun, mit jedem Strahle des Lichts und der Liebe, mit jedem Beginnen des Hasses und im Finstern schleichender Bosheit. Die Kinder des Reichs sind von Christus, dem durch Leiden und Tod vollendeten Herrn der Herrlichkeit, gesäet, sind Seine Ebenbilder, Beseelte von Seinem Geist, Glieder Seines Leibes. Die Kinder des Bösen sind vom Satan gesäet, dem Erzfeinde des Herrn der Herrlichkeit, sind seine Ebenbilder, Begeisterte von ihm, aus seinem Samen Gezeugte. Alles, was ist und geschieht, gehört in diese zwei Klassen, kömmt von oben herab, vom Vater der Lichter durch die Hand Jesu Christi, oder aus dem Abgrund herauf, vom Fürsten der Finsterniß. Alles ist so durch- und nebeneinander, wie guter Same und Unkraut auf Einem Acker. In diesen einfachen, bestimmten Blick faßt unser Herr das große, weite Gemälde der Welt und dessen, was in der Welt ist. Aus diesem Gesichtspunkte lehrt Er uns ansehen, was wahr ist und sein wird.

VI. »Die Ernte ist das Ende der Welt.«

Wie lange soll denn diese Mischung des guten Samens und Unkrauts — im Acker— der Kinder des Reichs und der Kinder des Bösen in der Welt dauern? – Auch darüber , wie über den Ursprung des Allen gibt unser Herr den bestimmtesten, befriedigendsten Aufschluß, der wieder ganz in seinem einfachen, gegenwärtigen Gleichnisse enthalten ist. »Bis zur Zeit der Ernde.« — Mögen’s die Knechte des Hausvaters noch so gut und nötig finden, das Unkraut früher auszujäten, der Hausvater wills nicht, »auf daß sie nicht, indem sie das Unkraut ausjäten, auch zugleich den guten Samen ausraufen.« Bis zur Zeit der Ernte soll beides neben einander stehen, miteinander aufwachsen. Bis zum Ende der Welt sollen die Kinder des Reichs und die Kinder des Bösen in der Welt durcheinander gemischt bleiben; — soll bleiben der Kampf der Wahrheit mit der Lüge, der Bosheit mit der Güte, des Lichts mit der Finsternis, der aus dieser Mischung unvermeidlich folget. Zur Zeit der Ernte, wenn der volle Weizen in der Aehre dasteht, wenn der Same geworden ist, was er im Acker werden konnte und sollte, dann soll das Unkraut von ihm geschieden werden. Am Ende der Welt, wenn die Kinder des Reichs zu den höhern Absichten ihres Herrn und Königs zubereitet sind, wozu sie nur in der Welt, unter den Kindern des Bösen zubereitet werden konnten, sollen sie von diesen gesondert werden.

»Wie man in der Ernte das Unkraut sammelt und mit Feuer verbrennt, so wird’s am Ende dieser Welt sein.« Da wird die große Scheidung dessen, was in der Welt ist, vorgenommen werden. Die Kinder des Reichs, und die Kinder des Bösen — Gute und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Finsternis werden voneinander getrennt werden. Die Zeit dieser Scheidung weiß niemand, als der Herr der Welt, und wem Er’s offenbaren will. Den Tag der Ernte weiß nur der Hausvater; obgleich aufmerksame Knechte aus der Reife des guten Samens und aus der Höhe des Unkrauts diesen Tag vermuten, aber ja ohne ausdrückliche Belehrung und Geheiß des Hausvaters nicht bestimmen können und dürfen.

VII.  »Die Schnitter sind die Engel.«

Wie erweitert und erhöht sich Alles! — und bleibt doch immer nur das erste, einfache Bild! — Engel — Boten und Diener Dessen, Der den guten Samen säet — stehen vor Seinem Throne, und gehen mit Blitzesschnelle von Seinem Antlitz aus zum Dienste derer, die das Reich ererben sollen. Sie, die so oft diese Erde betraten (und sie haben noch nicht aufgehört sie zu betreten ; ihr Geschäft bleibt immer dasselbe — ) sie, die so oft in die Angelegenheiten der Menschen sich mischten; Ratschlüsse der Gottheit über Länder und Völker ankündigten und ausführten; den Kindern der Bosheit Schrecken und Entsetzen vom Antlitz des Herrn in die Seele blitzten und Anschläge der Hölle zu Schanden machten; den Kindern des Reichs von eben dem Antlitz des Herrn Trost, Friede, Hoffnung, Siegeskraft brachten — sie werden auch erscheinen am Ende der Welt; ihr Geschäft wird dann das Geschäft der Schnitter des Hausvaters in der Ernte sein. »Des Menschen Sohn wird Seine Engel aussenden!« — Seine Engel, die Ihn auch in Knechtesgestalt als ihren Herrn ehrten, nach Seinem Siege über Satans Versuchung hinzutraten und Ihm dienten, und aus dem offenen Himmel auf Ihn herab und hinauf fuhren. Vom Himmel herab wird Er mit ihnen kommen; von Seinem Angesichte werden sie ausgehen, »und alle Aergernisse aus Seinem Reiche sammeln, und Alle, welche Unrecht tun.« — Alles, was nicht vom Herrn kommt und zum Herrn strebt, was nicht in Seinem Geiste lebt und getan wird; Alles, was von Satan gesät ist, was seinen Geist, seine Lebensquelle in sich hat, werden sie aussondern, daß es nicht widerstehen kann.

VIII. »Und werdens in den Feuerofen werfen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein.«

Damit zeichnet Christus den Ort, welchen die Kinder des Bösen nach ihrer Aussonderung bewohnen, und den Zustand, in dem sie sich daselbst befinden werden. Ein Ort, der ihrem äußern und innern Menschen, dem Maße ihrer Satansähnlichkeit durchaus angemessen ist, erfüllt mit Allem, was Schrecken, Entsetzen, Verzweiflung wecken und nähren kann; wo alle Folgen ihrer Ungerechtigkeit, ihrer Christusfeindschaft, ihrer Fleischessaat, die, so lange sie noch unter den Kindern des Reichs lebten, auf verschiedene Weise gemildert und gehemmt wurden, ungehindert losbrechen. Ein Zustand namenloser äußerer und innerer Qual, die sich in Heulen und Zähneknirschen ausdrückt. — Schmerzende Reizungen aller Sinne, ein nagender Wurm, der nicht stirbt, ein inneres Feuer, das nicht erlischt; ununterbrochene Unruh, Wollen und nicht vermögen; Wünschen und nicht erlangen, Hungern und nicht satt werden, Arbeiten und nicht genießen. Was diese Erde in irgend einem lichtlosen Winkel Fürchterliches, Drückendes, Zerreißendes hat; was ein in diesen Winkel angeketteter Missetäter an Schrecken von außen und an Qual und Verzweiflung von innen fühlen kann: Es ist ein Schatten jenes Feuerofens nur, nur ein Tropfen der Qual der Kinder des Bösen, deren Eines dem Andern ein Satan ist.

IX. »Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne, im Reiche ihres Vaters.«

Wie der Zustand der Kinder des Bösen mit dem Schrecklichsten, was auf Erden ist, abgebildet wurde, so nun der Zustand der Kinder des Reichs mit dem Herrlichsten, was vom Himmel herab auf die Erde leuchtet und sie belebt. Hingenommen aus der Welt, aus dem Kampf und Streite hienieden, werden sie im Reiche, im Hause des Vaters wohnen, wohin Christus voranging, ihnen einen Ort zu bereiten — in der frohesten, lichtvollsten, seligsten Gegend der Schöpfung, in der Nähe Dessen, Der der Sonne ihren Glanz gab und den Himmel zu Seinem Throne schuf; wo die Majestät des Herrn am herrlichsten glänzt und das Lamm sie weidet und leitet zu lebendigen Wasserbrunnen. Ein Ort, der gegen den übrigen Himmel das ist, was die Residenz, der Hofstaat eines Königes ist, gegen seine übrigen Besitzungen. »Da werden sie leuchten wie die Sonne!« — Bedeutendstes, unerschöpfliches Bild dessen, was sie sind, und wirken! Sonne, hoch über alle Finsternis erhaben, selbst Quelle des Lichtes — erleuchtend, erwärmend, belebend; so die Kinder des Reichs; der niedrige Staubleib ist verklärt in mehr als Sonnenglanz, in den Glanz des Angesichtes Christi. Dieser Glanz ist Liebe und Lebenskraft Allen, die er anleuchtet, und unerschöpfliche Seligkeitsquelle für Tausendmaltausende. Wie hier im stillen Aufopfern und Leiden, im Warten und Harren, so sind sie dort in Herrlichkeit und belebendem Leben Ebenbilder des Herrn. Aber was können hier Worte erklären und deuten, was kein Aug, sah, kein Ohr vernahm, in keinem Herzen aufstieg! Siehe die Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer stillen Pracht und sich freut, ihre Bahn zu laufen, wie ein Held; wenn in ihrem Lichte Alles zu neuem Leben, zu neuer, froher Wirksamkeit erwacht, vom Herrn der Erde, dem Menschen, bis zum Würmchen im Gras! — sie deutet uns täglich mit neuem Licht‘ und neuer Kraft das Wort des ewigen Lebens : »Die Gerechten werden leuchten, wie die Sonne, im Reiche ihres Vaters!« — »Wer Ohren hat zu hören, der höre!« — Hier ist die tiefste Weisheit, die vollendetste Wissenschaft, die gründlichste Erkenntnis und Lehre von den einfachsten Anfängen, bis zur höchsten, glänzendsten Höhe; von Samen und Erde und Ernte bis zum Licht der Sonne. Wo alle Weisen nur mutmaßten, hofften, fürchteten, zweifelten; wo dicke Wolken Anfang und Ende deckten und jeder erkünstelte Aufschluß bald wieder zum dunklern Rätsel ward, da spricht Christus, als Anfänger und Vollender, bestimmt und entscheidend; und siehe! Es wird Licht!

— Es wird uns klare, lebendige Offenbarung dessen, was vor der Grundlegnng der Welt verborgen gewesen ist. Wohl dem, der hier Weisheit sucht, er wird sie finden! Ihr Einkommen ist besser, denn Gold, edler ist sie, denn Perlen. Und Alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. — Sie ist ein Baum des Lebens Allen, die sie ergreifen; und selig sind, die sie halten.

Des Menschensohn ists, der den guten Samen sät.
Der Acker ist die Welt.
Der gute Samen sind die Kinder des Reichs.
Das Unkraut sind die Kinder des Bösen.
Der Feind, der sie sät, ist der Teufel.
Die Ernte ist das Ende der Welt.
Die Schnitter sind die Engel.
Die Kinder des Bösen werden in den Feuerofen geworfen werden.
Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters.

»Wer Ohren hat zu hören, der höre!« —

Quelle: Johann Evangelist Georg Lutz, Feierstunden des Christen, geheiligt durch Betrachtungen und Gesänge über einige der wichtigsten Geschichten, Anstalten und Lehren des Christenthums (1839)
Verweise:
Reusch, Heinrich, „Lutz, Johann Georg“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 711-713 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd125827946.html#adbcontent