Wir haben jetzt den einen Theil unserer Aufgabe gelöst, indem aus dem heiligen Texte selbst die Unmöglichkeit der modernen, rationalistisch=kritischen Auffassung des Buches Daniels nachgewiesen worden ist. Indeß sind die kritischen Fragen doch immer nur das Vor= und Außenwerk; die Hauptsache ist das innere lebendige Verständniß des göttlichen Worts. Zu diesem haben nun allerdings, wie wir hoffen, auch unsere polemischen Erörterungen Beiträge geliefert, jedoch nur gelegenheitlich. Ehe wir daher den Propheten verlassen, sei es vergönnt, noch einige friedliche positive Bemerkungen über die wunderbaren Gesichte des 2. und 7. Kapitels hinzuzufügen, Bemerkungen, welche theils von den Auslegern weniger hervorgehobene Punkte betreffen, theils die Betrachtung der entsprechenden Abschnitte der Off. Joh. vorbereiten und einleiten sollen. Wir reden dabei zuerst von den vier Weltreichen und ihrer Reihenfolge im Ganzen. sodann noch insbesondere von dem vierten, da dieses die meisten Schwierigkeiten sowohl als das meiste Interesse darbietet, indem es noch in die Gegenwart und Zukunft hineinragt, während die drei ersten längst der Vergangenheit angehören. Es werden sich hiebei einige allgemeine Gesichtspunkte ergeben, welche für die Auslegung der Prophetie wie für die biblisch=prophetische Geschichts= und Zeitbetrachtung von Wichtigkeit sind.
1. Die vier Weltreiche.
Schon oben im ersten Abschnitt bei der allgemeinen Charakteristik des Dan. 2. beschriebenen Traumgesichtes mußte darauf hingewiesen werden, daß sich hier der Gegensatz der göttlichen und menschlichen Welt= und Geschichtsanschauung auf durchgreifende Weise auspräge.
Dieß zeigt sich nicht nur an der Art, wie die Weltmacht im Ganzen taxirt wird, indem sie äußerlich so herrlich und fest erscheint wie Gold, Silber, Eisen u. s. w., in Wahrheit aber so nichtig ist wie Spreu; sondern es zeigt sich auch an der Art, wie durch die Wahl der Metalle und der Körpertheile die einzelnen Reiche in ihrer Auseinanderfolge charakterisirt werden. Offenbar nämlich macht sich eine successive Abnahme des Werthes der Metalle bemerklich: Gold, Silber, Erz, Eisen, Thon, und ebenso geht es am Leibe des Bildes in der Stellung und Bedeutung der einzelnen Theile immer mehr abwärts. Kopf, Brust und Arme, Bauch und Lenden, Schenkel und Füße. Es läßt sich nicht leugnen, daß durch beide Züge und zumal durch die Verbindung des ersten mit dem zweiten eine fortschreitende Verschlimmerung des Weltwesens angedeutet ist, wie es denn auch V. 39 gleich von der zweiten Monarchie als Beispiel für die übrigen ausdrücklich heißt, sie sei geringer als die erste. Daß sich dieß nicht auf die Abnahme der äußeren Macht bezieht, geht deutlich dar aus hervor daß das vierte Reich im 2. und 7. Kap übereinstimmend als das gewaltigste geschildert wird (2, 40. 7, 7. 19. 23.); und es haben sich daher die Exegeten, dieß verkennend und von der Thatsache ausgehend, daß das persische Reich doch eigentlich größer und mächtiger gewesen sei als das babylonische, mit jener Stelle unnöthige Schwierigkeiten gemacht, die sie zum Theil durch Künsteleien zu beseitigen suchten. Vielmehr ist hier offenbar von einer Abnahme an innerem Werth und Gehalt die Rede. Die H. Schrift, indem sie die Weltentwicklung im großen Ganzen überblickt ─ bei den einzelnen Völkern gibt es natürlich, wie bei den Individuen, eine Zeit des Auf= und Abblühens, ─ spricht also von einer Bewegung nicht aufwärts, sondern abwärts.
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Und wie es jetzt am Ende ist, so war es schon am Anfang. Es ist eine bedeutungsvolle Thatsache, daß die Anfänge der Cultur im kainitischen Geschlechte sich finden (1. Mose 4, 17-24); schon damals waren „die Kinder dieser Welt klüger als die Kinder des Lichts in ihrem Geschlecht“ (Luc. 16, 8). So treibt die Gottentfremdung zu weltlicher Bildung, wie nach den vorigen Bemerkungen diese umgekehrt zu jener; es findet eine Wechselwirkung zwischen beiden Statt 1). Nicht als ob die Cultur als solche etwas Böses und Sündhaftes wäre; sie ist für den empirischen, sündigen Zustand des Menschen nothwendig und gottgewollt, wie ihr Träger, der Staat; sie kann im Dienste des Reiches Gottes geheiligt werden. Aber während die Kinder des Lichts in Gott leben und dieser Welt brauchen, ohne ihr Herz daran zu hängen, weil sie wissen, daß das Wesen derselben vergehet und daß Gott allein ewiges Leben hat (1. Cor. 7, 31), während sie die Segnungen der Cultur zu dem rechnen, was ihnen von selbst zufällt, weil die Gottseligkeit die Verheißung auch dieses Lebens hat und weil Alles ihnen gehört (Matth. 6, 33; 1. Cor. 3, 21f; 1. Tim. 4, 8) sind dagegen die Kinder dieser Welt eben Weltkinder, sie leben ganz in der Welt der Sinnlichkeit und Sichtbarkeit und suchen nur dieser Alles abzuringen, was sie zum Nutzen und Genuß darbietet. Sie trachten dasselbe von unten her zu erreichen, was jene von oben her zu erreichen wissen, nämlich ein wahrhaft menschliches, ein gottähnliches Dasein. Nicht durch eine geistliche Erneuerung aus Gott und Heiligung in Gott, sondern durch Ausbildung und Ausbeutung der natürlichen Kräfte des Menschen und der Welt will man hier, bewußt oder unbewußt, Gott gleich werden.
Quelle:
Auberlen, Carl August, weil. Dr. der Philos. u. Theol., der letzteren a. o. Prof. in Basel:
Der Prophet Daniel und die Offenbarung Johannis. In ihrem gegenseitigen Verhältniß betrachtet und in ihren Hauptstellen erläutert. Mit einer Beilage von M. Fr. Roos.
Dritte Auflage. Basel, Bahnmaier’s Verlag, 1874. [S. 203f., 211f.; Digitalisat]