Herr Albert Knapp, Stadtpfarrer an der St. Leonhardskirche zu Stuttgart, hat in seiner Jugend einen Freund gehabt, der wie ihm, so Vielen ein Führer zum ewigen Leben geworden ist, vielleicht auch Manchem von Euch, der jetzt dieses Blatt liest. Der Freund hieß Ludwig Hofacker, weiland Pfarrer in Rielingshausen, ein reich begabtes und hochgerüstetes Gotteskind, ein Mann nach dem Herzen Gottes, frühe zum Glauben erweckt, durch schwere Prüfungen geläutert, und vom Glauben zum Schauen gelangt im Jahre 1828, dreißig Jahre alt, vom ganzen würtembergischen Lande tief betrauert. Viele von euch kennen ihn ohne Zweifel aus seinem Predigtbuche, welches in der evangelischen Kirche aller Länder und Zungen weit umber bekannt und berühmt und in Fürstenhäusern wie in Bauernhütten ein Bote des Evangeliums geworden ist.
Allein ob zwar der theure Hofacker gestorben, so ist Herr Albert Knapp, sein Freund und Bruder, dennoch am Leben geblieben, und da ich in Stuttgart war, habe ich ihn selber predigen gehört und mir sein Angesicht recht darauf angesehn, daß er derselbe ist, welcher so viele köstliche Lieder und Gesänge gedichtet und dem Christenvolke gesungen hat. Zum Dank dafür. daß ich bei ihm zu Besuch war, ist er auch, ohne es zu wollen, bei mir zu Besuch gekommen, nemlich an meinem Geburtstag, und hat seinen seligen Freund Ludwig Hofacker mitgebracht. Denn auf dem Geburtstagstische lag das wunderschöne Buch, in welchem Albert Knapp die Lebensgeschichte des Freundes gar lieb und erbaulich geschrieben hat, von seiner Geburt bis zu seinem seligen Ende, woraus ich ein Stück zu erzählen vorhabe, das ich verschweigen müßte, wenn nicht Herr Albert Knapp es selber seinem Herrn zum Preis dort berichtet hätte. Es betrifft dies seine eigene Bekehrung und lautet folgendermaßen:
Ludwig Hofacker stand im 22ten Jahre und am Ende seiner Studentenzeit, welche er, wie damals die meisten Studiosen der Tübinger Hochschule, wild begonnen, aber, von Gottes Geist ergriffen, in ernstem Ringen nach dem ewigen Heile unter viel Gebet und inwendiger Arbeit segensreich zu beschließen gewürdigt ward. Zu den Kameraden, welche ihres Gesellen plöglichen Ernst und Umkehr mit großer Verwunderung und gründlichem Mißbehagen ansahen, gehörte auch sein alter Genosse Albert Knapp, damals ein lustiger Student, der noch nicht ahnte, daß der Herr schon unterweges sei, um auch an sein Herz zu klopfen und mit ihm das Abendmahl zu halten. Aber wiewohl seines Ludwig Wege so ganz andere geworden waren. hing doch sein Herz an ihm in treuer Jugendliebe; er schüttelte oft den Kopf, wenn ihm sein Name in den Sinn kam, und mit ihm zu verkehren, mit dem er sonst tagtäglich Lust und Leid getheilt hatte, dünkte ihm jetzt, so schwer es ihm fiel, unmöglich.
Da geschah es, daß Hofacker plöztzlich sehr krank wurde; als er eines Mittags zu Tübingen über die Straße ging, traf ihn der Sonnenstich, so daß er niederstürzte und ohnmächtig davongetragen wurde. Lange Wochen lag er krank danieder, und sein Krankenbett, an welchem der himmlische Arzt ihm nahe trat, ward der gesegnete Sammelpunkt für viele Freunde, die mit ihm am Kreuze das ewige Leben suchten. Dem jungen Albert Knapp, welchem die Krankheit seines lieben Gesellen zu Herzen ging, ließ es keine Ruhe, bis er sich endlich nach zwei Jahren zum ersten Mal entschloß, wieder zu ihm zu gehn, nicht ohne inneren Kampf und nicht ohne Besorgniß, wie das Zusammentreffen mit diesem „Ludwig dem Frommen“ ausfallen werde. Und um recht gerüstet zu sein und soweit es an ihm wäre, dem Freunde einmal etwas Vernünftiges in den Kopf zu bringen, nahm er ein Buch mit, welches ihn gerade damals hoch begeisterte, nemlich eines von dem berühmten und viel gepriesenen Schriftsteller Jean Paul; er steckte das Buch in die Tasche, drückte sein Studentenkäpplein auf’s linke Ohr und wanderte muthig nach dem bekannten Hause, dessen Schwelle er so lange nicht betreten.
Bald stand er in der Krankenstube, und dort hinter dem Bettschirm lag auf dem Schmerzenslager sein Ludwig. Sie grüßten einander stille und reichten sich die Hände; Ludwig schaute ihm so liebevoll und so ernst in’s Angesicht. Am Fußende des Bettes saß die treffliche Frau Mama, des Kranken treue Pflegerin, die kluge tiefsinnige Hausfrau, die Hochverehrte, mit ihren hellen schauenden Augen und mit der Brille auf der Adlernase. Sie war an ihrem Nähzeuge beschäftigt, welches sie niederlegte, als der alte Freund hereintrat, und schob die Brille ein wenig herab, um ihm in’s Gesicht zu sehn. „Sieh da, Herr Knapp!“ sprach sie; „das ist ja schön, Herr Knapp!“ Man war bald im Gespräche über die Krankheit und dies und das; aber lange konnte sich der Studiosus nicht halten, da schoß er den Schuß los, den er geladen hatte. „Ludwig“, sprach er, „hier habe ich dir etwas Vorzügliches mitgebracht was dich gründlich aufheitern soll!“ Und er zog das Buch aus der Tasche, (es war die Vorschule der Aesthetik) und las mit Begeisterung die herrliche Lobpreisung, die Jean Paul dort auf einen unserer berühmtesten Männer, auf Johann Gottfried Herder gehalten hat.
Als Knapp seine Vorlesung geendet und den Freund darauf ansah, welche Wirkung dieses geistvolle Stück des geistvollen Buches auf ihn gemacht habe, traf ihn der liebreiche Blick des Kranken, und nach einigem Schweigen sprach er langsam: „Lieber, das wäre Alles ganz schön und erhaben, wenn Herder nur nicht ein armer Sünder gewesen wäre!“ – „Ach, Hofacker“, rief Knapp ungeduldig, „wie magst du auf Alles das Große nur so was Kaltes herausreden!“ – „Kommen Sie, lieber Herr Knapp“, rief die Mutter begütigend dazwischen, „wir sind kränkliche Leute, lesen Sie uns mit Ihrer vorigen Begeisterung etwas Anderes vor, was uns besser bekommt als der geistreiche Herder!“ – „Was soll ich denn lesen?“ fragte Knapp. „Nun denn“, sagte die Mutter, „lesen Sie uns etwas aus der Offenbarung Iohannis vor“.
Mit dem tiefsten Widerwillen, so erzählt Knapp selber, hörte ich dieses Wort an, denn ich wußte von dem genannten Buche bisher nicht viel Mehreres, als daß ein Drache darin vorkomme, der ein unschuldiges Kind fressen wolle. So nahm ich denn die Bibel und las:
„Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist der da war und der da kommt und von den sieben Geistern, die da sind vor seinem Stuhl und von Jesu Christo, welcher ist der getreue Zeuge und der Erstgeborene von den Toten und ein Fürst der Könige auf Erden, der uns geliebet hat und gewaschen von unsern Sünden mit seinem Blute“ –
Weiter vermochte ich nicht zu lesen. Mir war’s, als drängen heilige Posaunenstimmen des Himmels in mein Ohr, und mein sich empörender Unglaube wollte schnell das Gefühl hinabschlucken, das wogengleich meine Seele durchdrang; ich vermochte es jedoch nicht, sondern die Thränen fielen mir aus den Augen, und ohne weitere Entschuldigung ging ich von dannen, getroffen vom Blitz der Majestät Jesu Christi, des Sohnes Gottes und von der Gewißheit, daß es das Größte ist, dazu wir berufen sind, jene göttliche Liebe zu lieben, die für uns Sünder gestorben ist.
Hofacker rief mir sanft Lebewohl nach. Das war der Anfang meiner inneren Umwandlung.
Quelle:
Beiblatt der Fliegenden Blätter aus dem Rauhen Hause. Volksblatt für die Innere Mission. No. 24/1852.
In: Fliegende Blätter aus dem Rauhen Hause zu Horn bei Hamburg, von Dr. Wichern, Vorsteher des Rauhen Hauses. Neunte Serie. Organ des Central=Ausschusses für die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. Hamburg 1852. Agentur des Rauhen Hauses. [Seite 185ff.; Digitalisat]