Jesu, laß mich nicht dahinten (J. M. Wieland, Evangelischer Liederschatz #1601)

Von der täglichen Buße und Selbsterneuerung.

Mel.: Freu dich sehr, o meine Seele

1) Jesu, laß mich nicht dahinten,
Suche dein verirrtes Schaf,  (Lukas 15, 3-5)
Bis du mich wirst endlich finden,
Reiße mich aus meinem Schlaf.
Laß hinfort mir Ruhe nicht,
Bis mein Herz dir fest verspricht,
Daß es nun auf Tod und Leben
Dir sich wolle ganz ergeben.

2) Ach, wie viel und große Gnaden
Hast du schon mir zugedacht,
Doch mir selbst zu Schand und Schaden
Nehm ich sie nicht treu in Acht;
Deine Wahrheit halt‘ ich auf,
Laß der Sünde ihren Lauf.
Ich erweck‘ nicht meine Gaben,
Und hab‘ oft mein Pfund vergraben.  (Matthäus 25, 18)

3) O wie manchen guten Funken
Hat dein Geist in mir erregt,
Den mein Herz, in Lust versunken,
Wieder zu ersticken pflegt.
Was ich nicht will, tu ich dann,
Fange wieder vornen an,
Und eh‘ ich recht angefangen,
Ist der Vorsatz schon vergangen.

4) Reg‘ zum Bösen, träg zum Guten,
Zeigt sich mein verdorb’ner Sinn;
Will mir Satan was zumuten,
Reißt er mich gar leicht dahin.
Ach, mein Kampf ist schlecht bestellt,
Und daß er mit Fleisch und Welt
Desto eher mich verletze,
Flecht‘ ich ihnen oft die Netze!

5) Meine angewohnten Sünden
Fordern einen harten Streit,
Und es ist nicht zu ergründen
Meine Grundverdorbenheit,
Die sich in dem Herzen regt,
Wo ein Zunder ist gelegt,
Der mit Lüsten untermenget
Leicht und schrecklich Feuer fänget.

6) Eigenliebe, Zorn und Zweifel,
Hoffahrt, Geiz und Sorgen viel
Geben ach so oft dem Teufel
Bei mir ein gewonnen Spiel.
Alles, was ich hab‘ und bin,
Sollt‘ ich, Herr, dir geben hin,
Und ich kann oft dir zu Ehren
Kaum ein Wörtlein überhören.

7) Jesu, werde doch nicht müde,
Suche mich noch wie bisher,
Und dein sanfter Gottesfriede
Ruf‘ und locke mich noch mehr.
Ach bestraf‘ auch durch den Geist,
Was du an mir sündlich’s weißt.
Daß ich stets an diesem Werke
Deinen Gnadenzug noch merke.

8) Will ich sündigen und fallen,
Werd‘ ich da und dort versucht,
So laß gleich in mir erschallen:
Wer dies tut, der ist verflucht!
Lehre mich doch wohl versteh’n,
Wie es würde mir ergeh’n,
Wenn ich jetzt in meinen Sünden
Einen schnellen Tod sollt‘ finden!

9) Gib mir fleißig zu betrachten
Meines Lebens Flüchtigkeit;
Lehre mich es wichtig achten,
Täglich sein zum Tod bereit!
Ach, mein Ziel der Gnadenzeit
Ist vielleicht schon nimmer weit,
Und ich hab‘ der Feind‘ und Sünden
Noch so viel zu überwinden!

10) Laß mich nicht so lange säumen,
Bis die Sünde mich verläßt,
Und der Tod nach eiteln Träumen
Eine Reue aus mir preßt;
Lehr‘ mich weil ich sünd’gen kann,
Ernste Buße fangen an!
Buß‘ soll mich zum Tod bereiten,
Nicht der Tod zur Buße leiten!

11) Stell‘ die Welt und ihre Lüste
Mir in ihrer Blöße vor,
Daß ich mich in diese Wüste
Nicht vergaffe als ein Tor,
Der das Wesen haben kann ,
Und nimmt dafür Schatten an,
Den du rufst zum ew’gen Ziele,
Und er zankt um Kinderspiele.

12) Treuer Jesu, miß dem Willen
Die Vollbringungskraft auch zu!  (Philipper 1, 6)
Hilf den Vorsatz treu erfüllen,
Meine Schwachheit stärke du,
Meine Trägheit muntre auf,
Bis ich schließe meinen Lauf.
Hilf mir siegen, beten, kämpfen,
Satan, Welt und Fleisch zu dämpfen!

13) Ach, ich kam ja dich so teuer!
Kannst du mich verloren seh’n?
Rücke mich doch aus dem Feuer,
Laß mich jenem Zorn entgeh’n!
Ach, dein Herze breche dir,
Jesu, Jesu, gegen mir!
Gott wird  d e n  nicht ewig hassen,
Um den er dich selbst verlassen.

14) Heile mich durch deine Wunden,
Wasche mich mit deinem Blut,
Daß ich in den letzten Stunden
Freudig bleib‘ in meinem Mut;
Daß ich mit getrostem Sinn
Sterben achte für Gewinn,   (Philipper 1, 21)
Durch den Tod in’s Leben dringe,
Und so Alles wohl vollbringe!

Liedtext: um 1700, Johann Martin Wieland (1683-1725)
Melodie: Freu dich sehr, o meine Seele(zu Psalm 42)
Louis Bourgeois, Französ. Psalter 1551. Choralbuch 200 (177).

Der Liederdichter Johann Martin Wieland wurde am 7. Dezember 1683* in Biberach an der Riß geboren. Er hielt pietistische Hausversammlungen ab und gründete eine eigene Schule. Das vorliegende Lied war sein bekanntestes; er dichtete es nach der Seelsorge für einen zum Tode verurteilten Delinquenten. Das Lied fand Eingang in Knapps Evangelischen Liederschatz für Kirche und Haus und das Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Ausgaben 1864 und 1912. Wieland verstarb am 22. März 1725 in Kleinbottwar.

(s. Pfarrerbuch Württemberg bei WKGO; Koch, Kirchenlied 5, 63f.)

*) E. Koch gibt als Geburtsjahr an: um’s Jahr 1685

 

Quellenangaben:

Lied Nr. 1601, in: Evangelischer Liederschatz für Kirche und Haus. Eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten, gesammelt und nach den Bedürfnissen unserer Zeit bearbeitet von M. Albert Knapp,weil. Stadtpfarrer zu St. Leonhard in Stuttgart. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, 1865. [S. 711f; Digitalisat]

Geschichte des des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Von Eduard Emil Koch, Dekan, ordentlichem Mitglied der historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig. Erster Haupttheil: Die Dichter und Sänger. Fünfter Band. Dritte umgearbeitete, durchaus vermehrte Auflage. Stuttgart. Druck und Verlag der Chr. Belser’schen Verlagshandlung. 1868. [S. 63f; Digitalisat]

Bildnachweis: Georgskirche Kleinbottwar – Zerfowski, CC0, via Wikimedia Commons

Schriftstellen

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er’s finde? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er’s auf seine Achseln mit Freuden. (Lukas 15, 3-5)

Wache auf, der Du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Dich Christus erleuchten. (Epheser  5, 14)

Der aber einen empfangen hatte, ging hin und machte eine Grube in die Erde und verbarg seines Herrn Geld. (Matthäus 25, 18)

Und bin desselben in guter Zuversicht, daß, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.
(Philipper 1, 6)

Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. (Philipper 1, 21)


Weblinks und Verweise

Louis Bourgeois bei Bach Cantatas Website

Choraleintrag und Melodieeintrag bei Bach Cantatas Website

Notenblatt, 1 stimmig, 4stimmig, ohne Liedtext (L. Bourgeois, Genevan Psalter 1551, im PDF-Format; externer Link zu Christian Classics Ethereal Library)

Lied Nr. 315, in: Gesangbuch für die evangelische Kirche in Württemberg, Schmuckausgabe, S. 331ff. (Verlagskontor des evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1912)

Lied Nr. 407, in: Gesangbuch für die Evangelische Kirche in Württemberg, S. 268f. (Verlags-Comptoir des neuen evangelischen Gesangbuchs, Stuttgart 1864)

Freu‘ dich sehr, o meine Seele (Chorale No 29)
Tune by: Louis Bourgeois – Harmonized by: J. S. Bach

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Eingestellt am 16. Dezember 2025 -Letzte Überarbeitung am 18. Dezember 2025