Wieland *), M. Johann Martin, geb. in Biberach um’s Jahr 1685**), gehört einem Geschlechte der oberschwäbischen Reichsstadt an, dem auch der bekannte deutsche Dichter Christoph Martin Wieland ein halbes Jahrhundert später entstammte. Im Jahr 1705 wurde er in Tübingen, wo er Theologie studirte, Magister, bei welcher Gelegenheit er unter dem Vorsitz des Dr. Christoph Reuchlin, welcher dabei seinen bisher bewiesenen christlichen Jugendfleiß herzlich rühmet, eine gelehrte Abhandlung schrieb und öffentlich vertheidigte. Dieselbe handelte nach 1. Petri 2, 9 „von der Würde der Christen“. Nach vierjähriger Vicariatszeit übertrug ihm im Jahr 1711 der Oberstwachtmeister der Garde zu Fuß, Johann Ernst Friedrich v. Gaisberg, Herr zu Schaubeck und Klein=Bottwar die Pfarrstelle zu Klein=Bottwar, anderthalb Stunden von der Stadt Marbach am Neckar, dem Geburtsort Schillers, in dem freundlichen, fruchtbaren Bottwar=Thale gelegen.
Dieß war seine erste und einzige Stelle, auf der er vierzehn Jahre lang als ein treueifriger Hirte und Prediger wirkte. Eine schöne Probe seines ebenso umsichtigen als muthigen und kräftigen seelsorgerlichen Wirkens legte er ab an einem K. polnischen und chursächsischen Obersten Namens Anton Johann v. Wartmann, welcher seinen Hausbesitzer, den Hirschwirth Joh. Jak. Bilhardt in Klein=Bottwar am 15. Okt. 1721 in einem Streit, in den sie um einer geringen Ursache willen mit einander gerathen waren, durch einen Pistolenschuß ermordet hatte und deßhalb 30. Juni 1722 enthauptet wurde. Es gelang ihm unter den größten Schwierigkeiten, die ihm dieser bis dahin ganz und gar gottlose Mann entgegensetzte, nach langem Ringen um seine Seele dennoch, dessen völlige Bekehrung zu bewirken, so daß derselbe zuletzt nichts andres mehr bezeugte, als: „ich klebe an Jesu wie eine Klette am Kleid“, worüber Wieland dann selbst einen gar merkwürdigen und umständlichen Bericht zum Druck gegeben hat ***). Mit seinem Patron, der ein frommer, gottseliger Mann und der Schwiegersohn des frommen Geheimeraths Phil. Heinrich v. Göllnitz war, stand er in lieblicher Herzensgemeinschaft. Als dieser nun einmal nach seiner Rückreise von Tübingen, wo er sich längere Zeit ausgehalten hatte, seinen bis in den Tod treu gewesenen Pfarrer, der schon seit fünf Jahren kränkelte und dem Tod entgegenreifte, das erstemal wieder sah und sprach, so sagte er zu ihm: „Herr Pfarrer, ich und Er werden dieser Tage mit einander sterben“. Und so geschah es auch. Wieland starb den 22. März 1725 an einem Donnerstag; seine Handschrift hört in den Kirchenbüchern schon mit dem 19. Juni 1720 auf, an welchem Tage sein eigenes Kind als letztes von seiner Hand in’s Taufbuch eingetragen ist. Der Gutsherr aber starb vierzehn Tage darauf, am 5. April in der Osterwoche 1725, gleichfalls an einem Donnerstag. Der Stadtpfarrer Christian Batz von Großbottwar hielt ihm die Leichenpredigt. Er [Wieland] ist der Verfasser des ernsten Christenlieds, das sich im württembergischen Volk tief eingewurzelt und an manchem Kranken- und Todtenbette in seiner Kraft bewiesen hat:
„Jesu, laß mich nicht dahinten, suche dein verirrtes Schaf“, erstmals gedruckt mitgetheilt in G. C. Pregizers gottgeh. Poesie auf den 20. April 1723, eine Frucht seiner seelsorgerlichen Erfahrungen bei der Zubereitung des Obersten v. Wartmann zu seiner Hinrichtung im J. 1722, Im Würt. Landes=G. 1741 und 1842.
Q u e l l e n:
*) _G. C. Pregizers gottgeheiligte Poesie, Tüb. 1721. S. 340f. ─ 1723. S. 195. ─ 1725. S. 86 und Anhang S. 38. ─ Handschriftl. Nachrichten.
**)_Das Pfarrerbuch Württemberg weist als Geburtstag den 16. Dezember 1683 aus.
***) Joh. Phil. Fresenii, Pastoral Sammlungen, 11. Theil. Frankf. und Leipz. 1752. S. 321─414
Quelle:
Geschichte des des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Von Eduard Emil Koch, Dekan, ordentlichem Mitglied der historisch-theologischen Gesellschaft zu Leipzig. Erster Haupttheil: Die Dichter und Sänger. Fünfter Band. Dritte umgearbeitete, durchaus vermehrte Auflage. Stuttgart. Druck und Verlag der Chr. Belser’schen Verlagshandlung. 1868. [S. 63f; Digitalisat]
