§ 25: Das Reich der Verdammniß in der Gehenna

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Wir wissen (§ 12. 23.), daß für jetzt Alle, die als Menschen geboren werden, mit dem leiblichen Tode entweder in den Scheol oder in den Himmel oder an den Ort der Qual gehen, daß aber diese Zwischenzuständlichen alle sammt den die Parusie Ueberlebenden nach letzterer vor dem Herrn werden zum Endgericht versammelt werden, und daß aus diesem nur Gläubige und Seliggesprochene einer Seits und Gottlose und Verdammte anderer Seits hervorgehen werden welche dann (Matth. 25, 46) von den Engeln des Herrn, jeder Theil dem ihm im Endgericht bestimmten Loose der Vergeltung zugeführt werden sollen. Aber wohin? an welchen Ort? in welchen Zustand?  Diese Frage werden wir hier, zunächst in Betreff der Gottlosen und Verdammten, zu beantworten haben.

_ Alles soll nach Gottes Rath und Willen seine Vollendung finden, nicht bloß das Gute und die Guten im Guten, sondern auch das Böse und die Bösen im Bösen (§ 6, S. 32ff.). Von dem Tage an, da durch den Sündenfall das Böse in die Menschheit eindrang, zieht der ewige Menschenfischer sein Netz durch die Menschengeschichte, und die er fängt, sollen die Vollendung der Guten schauen, damit geschehe, was Gott gewollt hat, als er Menschen schuf, sollen sie das werden, sein und haben, was Gott in der Schöpfung des Menschen als dessen Ziel gesetzt hatte. Aber auch die Anderen, welche die Finsterniß mehr liebten als das Licht (Joh. 3, 19), dem Willen Gottes trotzten und die Sünde erwählten, auch die rettende Hand des Heilands verwarfen und in ihren Sünden blieben bis ans Ende, sollen finden, was sie erwählten und sein, was sie sein wollten; freilich nicht, um wie die Erlösten Gottes Willen zu erfüllen, sondern, weil Gott den Menschen frei geschaffen hat und ihn nicht zum Guten zwingen kann noch will, um das Maaß ihres bösen Willens zu erfüllen; auch nicht um dabei ihre Freude und Befriedigung zu finden, die ja die Frucht des bösen Willens niemals sein kann, sondern um daran zugleich ihr Gericht und ihre Strafe zu haben, wie wir ja wissen, daß sogar jede einzelne Sünde, wenn sie ihren Willen durchsetzt und ihr Ziel erreicht, eben dadurch selbst ihre eigne Strafe schafft und ist. So sollen und werden auch die, welche das angebotene Heil verscherzen und in ihren Sünden bleiben, ihre Vollendung in der Sünde und Sündenstrafe finden.  Zwar hienieden im Diesseits kann es zu dieser Vollendung so wenig als zu der der Gläubigen kommen, weil im Diesseits als der Zeit und dem Orte der Berufung Gutes und Böses so wie Gute und Böse neben einander sein und im Kampfe liegen müssen, und im Zwischenzustande auch nicht, weil die Zwischenzuständlichen ihrer Leiblosigkeit halber nicht im vollen Leben stehen und in der Raum- und Zeitlosigkeit des Zwischenzustandes keine volle Lebensentfaltung haben (§ 9, S. 76f).  Aber wenn die Auferstehung den Zwischenzuständlichen ihren Leib wiedergegeben, wenn der Herr im Endgericht allen Todten und Lebendigen ihr ewig gültiges Urtheil gesprochen, wenn er damit die Thür der Gnade zugeschlossen (§ 23, S. 277) und dadurch den Theil der Menschheit, der des Heils theilhaftig geworden ist, von dem, der desselben verlustig geworden ist, getrennt und geschieden (§ 23, S. 291f.) haben wird, dann wird es möglich sein und geschehen, daß Gott jedem dieser Theile, auch dem dem Heil entfallenen, seinen besondere,n von dem des anderen getrennten Ort und Zustand anweiset, in welchem er, was er ist, voll und ganz sein und bleiben kann.

_ Und einen solchen abgefallenen Theil der Menschheit wird es an jenem Endpunkte der Menschengeschichte geben. Er wird aus allen denen bestehen, welche im Laufe der Zeiten der Berufung Gott nicht erkannt haben und dem Evangelium des Herrn Jesu Christi nicht gehorsam gewesen sind (2. Thess. 1, 8), deren Namen im Endgerichte nicht…

300________________Zweiter Theil

…im Buche des Lebens geschrieben werden gefunden werden, also aus allen denen, welche beharrlich bis ans Ende das Zeugniß des heiligen Geistes abwiesen, so von dem Heil in Christo sich abkehrten und in Sünde und Unglauben sich verhärteten (§ 23, S. 289).

Aus denselben Motiven, welche den Hypothesen von der Apokatastasis und von der schließlichen Vernichtigung aller Gottlosen zu Grunde liegen, hat man auch behauptet, daß es Menschen solcher Art am Ende aller Dinge überhaupt gar nicht geben werde: wenn die Schrift von Verdammniß und Verdammten rede, so sei das immer nur hypothetisch gemeint, im Fall daß es dann solche Menschen geben werde, werde es ihnen ja geschehen, aber dieser Fall werde nie eintreten, da sich bis dahin alle Menschen bekehren würden. Dem muß auf das Bestimmteste widersprochen werden. Niemals stellt die Schrift auch nur mit Einem Worte in Aussicht, daß sich dereinst alle Menschen bekehrt haben werden. Im Gegentheil, wer unbefangen und ohne vorgefaßte Ansicht an die Stellen herantritt, in welchen sie von Verdammniß und von Verdammten redet, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß sie in ihnen allen im höchsten Ernste und durchaus aus der Voraussetzung heraus redet, daß seiner Zeit Menschen wirklich in dieser Lage sein werden. Und zum Ueberflusse macht sie uns sogar Etliche solcher Menschen namhaft, sagt uns, daß der Antichrist und der Pseudoprophet (Offenb. Joh. 17, 11; 19, 20), daß Alle deren Namen nicht in dem Buch des Lebens gefunden werden (Offenb. Joh. 20, 15), werden in den Feuerofen geworfen werden. Wenn wir daher auch nicht wissen, wie Viele solcher Menschen es geben wird, was ja erst das Endgericht ergeben soll und wird, so bezeugt uns doch das Wort der Weissagung, daß seiner Zeit Solche sein werden, die wegen Verhärtung in Unglauben und Sünde in die Verdammniß fahren müssen, und es bleibt unsere Aufgabe, dasselbe Wort weiter über den Ort und Zustand zu hören, in welchen dieselben gewiesen werden sollen, um sich in ihrer Art zu vollenden.

_ Ehe wir aber an diese Frage herantreten, werden,noch einige Vorbemerkungen nöthig sein. Was die Weissagung uns über den Ort und Zustand der Verlorenen sagt, ist Wenig, um Vieles Weniger, als was sie uns über Ort und Zustand der vollendeten Gläubigen sagt. Wir haben hier dieselbe Erscheinung wie beim Zwischenzustande der Ungläubigen (§ 12 S. 124). Aber hier wie dort dürfen wir uns diese Erscheinung nicht befremden lassen. Die Schrift soll und will der Welt das Heil verkündigen, sucht nicht die systematische Vollständigkeit, sondern Mittheilung dessen, was zum Glauben reizen und locken kann; so spricht sie zu und von denen, die da glauben oder glauben sollen, redet lieber Verheißung als Drohung und giebt von letzterer nur so Viel, als zur Warnung und zu heilsamer Furcht nöthig ist. ─  Und nicht bloß Wenig ist es, was die Weissagung über Ort und Zustand der Verdammten giebt, sondern sie giebt es auch in eigenthümlicher bildlicher Form. Es kann das nicht anders sein. Ort und Zustand der Verdammten liegen über das Diesseits, über die uns jest umgebende Welt und alle ihre Bedingnisse und Bestimmtheiten hinaus, gehören der Ewigkeit der Ueberweltlichkeit an.  Erwägen wir,   daß auch die Verdammten in ihrer bösen Art vollendet sein, daß sie unverwesliche, nicht mehr in diesseitiger Weise an Raum und Zeit gebundene Leiber haben, daß sie ewig dauern und leben sollen, so ergiebt sich schon daraus, daß ihre ganze Existenzweise, alle ihre Umgebungen, alle Bedingtheiten und Verhältnisse ihres dortigen Lebens ganz anders als unsere diesseitigen, ja so sein müssen, daß es unserem an Zeit, Raum  u. s. w. dieser Welt gebundenen Denken kaum möglich bleibt, sie uns vorstellig zu machen). Die Weissagung wird mithin, um ihre nöthigen Mittheilungen über Ort und Zustand unserem Verständnisse möglichst nahe zu bringen, zu solchen, dem Diesseits angehörigen und uns bekannten Dingen, die noch am meisten ein Analogon für die dortseitigen Dinge darbieten, greifen und jene als Bilder für diese verwenden müssen (wie wir ja auch Gott Arm, Hand, Augen beilegen um uns sein überweltliches Thun und Wesen vorstellig zu machen). Damit wird sie aber auch die Forderung an uns stellen, daß wir in solchen ihren bildlich gehaltenen Aussagen Bild und Sache unterscheiden, das Bildliche und darum Inadäquate ausscheiden, aber die gemeinte Realität zu erfassen suchen. Und die Erfüllung dieser Forderung ist nicht leicht. Es liegt die Versuchung nahe, in der Unterscheidung von…

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Bild und Sache zu weit zu gehen, die unterliegende Realität zu verflüchtigen und in das Bild aufgehen zu lassen. Viele sind dieser Versuchung erlegen, so alle Rationalisten; und selbst Einzelne unserer alten Dogmatiker haben sich nicht frei davon gehalten. So führt Chytraeus, dem sonst die späteren Dogmatiker meistens entnehmen, was sie über die letzten Dinge geben, weitläufig aus 1), daß die Bezeichnungen Gehenna, ewiges Feuer  u. s. w. die Bezeichnungen des inneren Zustandes der Verdammten seien, und tadelt den Augustinus scharf, daß er hinter dem Feuer der Gehenna eine Realität suche.  Dergleichen Verflüchtigungen werden wir zu vermeiden haben. ─ Noch eine weitere Eigenschaft der betreffenden Aussagen der Weissagung ist zu beachten.  Wir haben § 12, S. 115f. darauf aufmerksam gemacht, daß in den Namensbezeichnungen, welche die Schrift den Orten des Zwischenzustandes giebt, oft die Begriffe des Ortes und des Zustandes sich zusammen fassen. Dasselbe gilt von den Namensbezeichnungen für den Ort der Verdammniß: immer weisen dieselben zugleich auf den Zustand hin, in welchem sich dort die Verdammten befinden werden, und nicht selten weisen auch die Ausdrücke, mit welchen die Schrift die Zustände der Verdammten beschreibt, auf gewisse Beschaffenheiten ihres Ortes hin, und beide Reihen von Aussagen ergänzen einander.  Bei der Knappheit der Schriftaussagen, bei der bildlichen Fassung derselben, und bei dem Interesse, welches der Gegenstand erweckt, ist es erklärlich, daß von jeher die Phantasie der Menschen versucht worden ist, die Lücken des Schriftworts zu ergänzen, die von ihm gebrauchten Bilder weiter auszuführen, Ort und Zustand anschaulich zu machen. Nicht bloß Maler und Dichter, sondern leider auch Prediger und Verfasser von Erbauungsschriften haben gewetteifert, uns die Hölle und das Leben in ihr zu malen, als kämen sie eben daher. Wir können das nicht billigen. Solche Schilderungen können nicht anders zu Stande kommen, als daß man Dinge, Oertlichkeiten, innere und äußere Zustände, welche diesem Erdenleben angehören, auf die Hölle überträgt, zu welcher sie nicht passen können, und sie ins Greuliche verzerrt, um sie höllenmäßig zu machen, können also auch nicht anders als unzutreffend, unwahr werden.  Nur eine sehr bescheidene Probe: Jung-Stilling sagt 2): „Die Verlorenen suchen sich beständig dasjenige wieder zu beschaffen, was sie im Leben besessen und genossen haben. Viele bestreben sich schöne Paläste zu bauen. und wenn das jämmerliche Ding fertig ist. so stürzt es ihnen über dem Kopf zusammen“.  Solche unwahre Producte einer erhitzten Phantasie können nicht dienen, Wahrheit in die Fragen zu tragen. Wir werden uns bescheiden, über diese unserer eignen Erfahrung völlig fremden Dinge nur das wiederzugeben, was Gott in seinem Worte uns darüber zu sagen gut befunden hat. ─ Schließlich erinnern wir noch daran, daß auch die Gottlosen in der Auferstehung ihre Leiber wieder erhalten, mithin was sie dort durchleben, auch leiblich durchleben (Matth. 25, 29.30; 18, 8.10.28; Marc. 9, 43.45.47). Das Verständniß der Schriftaussagen erfordert, dies im Sinne zu behalten.

_ Aus der Leiblichkeit der Verdammten, und wenn wir oben mit Recht aus Matth. 25, 46 das entnommen haben, daß der Herr im Endgericht die Gerechten von den Gottlosen scheiden, die Einen hierhin und die Anderen dorthin weisen wird, folgt von selbst, daß auch die Verdammten einen Ort des Bleibens haben werden. Wie die selig Vollendeten auf der neuen Erde wieder unter Zeit und Raum treten werden, weil mit der Leiblosigkeit des Zwischenzustandes auch die Zeit- und Raumlosigkeit desselben ein Ende nehmen muß, so werden es auch die Verdammten an ihrem Ort, obgleich Zeit und Raum an diesen Bleiborten eine andere, uns unbekannte Art und Beschaffenheit als auf dieser alten Erde werden haben müssen, weil die Leiber der Verdammten wie der selig Vollendeten unverweslich vergeistigt sein werden. Wenn daher (vgl. die oben angeführte Stelle des Chyträus) gesagt worden ist, daß die Hölle nichts Anderes sei, als das Gefühl des göttlichen Zorns, des ewigen Verfluchtseins und des bösen Gewissens, wie man auch von den Teufeln zu sagen pflege, daß sie die Hölle immer in sich und bei sich trügen, wo…

1) A. a. O. II, 192-194.
2) Bei Rinck a. a. O., S. 326 „Vom Zustand nach dem Tode“

[wird fortgesetzt]

Quelle:

Christliche Eschatologie. Von Dr. Th. Kliefoth, Geheimem Oberkirchenrath in Schwerin. Leipzig, Verlag von Dörffling & Franke. 1886. S. 299-311. (Digitalisat)

Übersicht: EinleitungInhaltsverzeichnis

Schriftstellen

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser, daß du zum Leben lahm oder als Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das höllische Feuer geworfen. (Matthäus 18, 8)

Und den unnützen Knecht werft hinaus in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappen. (Matthäus 25, 30)

Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben. (Matthäus 25, 46)


Eingestellt am 13. Dezember 2025 – Letzte Überarbeitung am 15. Januar 2026