§ 1:  Begriff und Zweck der Eschatologie.

Jedes Gedankensystem, das es je zu einer durchgebildeten Weltanschauung brachte oder auch nur auf eine solche anlegte, jede Religion, jedes ausgeführtere philosophische System hat Etwas gehabt, was man Eschatologie nennen könnte, d. h. hat sich Gedanken darüber gemacht, welches Ziel die jetzt im Flusse befindliche Bewegung aller Dinge suche, und wie demnach das Ende aller Dinge sich gestalten werde. Insofern ist es nur natürlich, daß auch das Christenthum, die christliche Weltanschauung ihre Eschatologie hat.

Aber es ist ein Unterschied zwischen dieser christlichen Eschatologie und allem Anderen, was man in anderen religiösen oder philosophischen Systemen deren Eschatologie nennen mag. Es ist etwas Anderes, wenn irgend eine philosophische Weltbetrachtung aus geologischen Prämissen deducirt, daß diese Erde in einem Processe der Selbstverbrennung endigen müsse, und es ist etwas Anderes, wenn der Apostel 2. Petri 3, 10 davon spricht, daß die Erde und die Werke in ihr am Tage des Herrn mit Feuer verbrennen werden. Der Unterschied hat seinen Grund darin, daß das Christenthum allein die Idee und die Wirklichkeit der Erlösung hat, daß es allein von einem göttlichen Rathschluß der Erlösung weiß, der, nachdem er sich in der Welt ausgeführt hat, sich und in sich die Welt vollenden wird. Darum, während alles menschliche Denken und Ahnen nur von einem so oder so sich gestaltenden Ende aller Dinge zu diviniren vermag, weiß das Christenthum zu sagen von einer Vollendung der Welt, die, gegeben in dem göttlichen Rathschluß der Erlösung, mit demselben sich ausführen wird.

Der göttliche Rathschluß der Erlösung führt sich aus innerhalb der Welt und Zeit; aber wie er vor aller Welt und Zeit (Ephes. 1, 4) gefaßt wurde, so wird er auch seine volle Verwirklichung erst nach aller Welt und Zeit finden können: in der Ewigkeit entsprungen, sucht er die Ewigkeit.  Daß dem so sei, tritt uns mit voller Bestimmtheit schon aus dem ersten Worte, mit welchem Gott seinen Rathschluß der Erlösung in der Welt verkündigt und angefangen hat, in dem Protevangelium 1. Mose 3, 15 entgegen, welches, indem es die Zertretung des Kopfs der alten Schlange durch den Weibessaamen, also einen schließlichen absoluten Sieg des Heils und seines Anfängers über die Sünde und ihren Anfänger verspricht, damit eine Vollendung in Aussicht nimmt, die weder für jetzt erreicht ist, noch auch überhaupt innerhalb dieser Welt und Zeit erreicht werden kann.

_ Auf dies Beides, daß in dem göttlichen Heilsrath eine Vollendung gewollt, und daß doch diese Vollendung noch nicht da, auch innerhalb dieser Welt und Zeit nicht zu erwarten ist, sehen wir uns von jedem Punkte aus hingeführt, von welchem immer wir die bisherige Heilsgeschichte und den dermaligen Stand der Heilsentwicklung betrachten mögen. Das in Gottes Rath beschlossene Heilswerk will die wider den Willen Gottes in das Leben der Menschheit eingedrungene Sünde aufheben, die Folgen derselben beseitigen, die Mensch heit in ihren gottgeschaffenen und gottgewollten Stand wiederherstellen. Auch wenn die Sünde nicht in die Welt gekommen wäre, würde die Menschheit ein Werden eine Ent=

Kliefoth, Christliche Eschatologie.

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…faltung in extensiver und intensiver Beziehung gehabt haben. Auch ohne die Sünde würde es laut 1. Mose 1, 28 eine Fortpflanzung gegeben haben, so daß die Menschheit, von dem ersten Elternpaare aus sich vermehrend, die Erde gefüllt hätte. Auch ohne die Sünde würde die Menschheit laut 1. Mose 1, 28 die Aufgabe gehabt haben, sich die Erde unterthan zu machen, und in der Lösung dieser Aufgabe Alles zu entfalten, was Gott in die menschliche Natur gelegt hat. Aber dieses Werden würde, wenn die Menschheit in der ursprünglichen Gerechtigkeit bestanden wäre, sehr verschieden gewesen sein von dem, was wir jetzt geschichtliche Entwicklung nennen; die Fortpflanzung würde nicht fortwährend von dem Tode (1. Mose 2, 17; 3, 19) durchbrochen worden, würde nicht so verlaufen sein, wie jetzt, wo das spätere Geschlecht immer auf den Gräbern des früheren aufwächst; die ethische Entfaltung würde nicht wie jetzt eine durch Gegensätze, durch den fortdauernden Kampf des Guten mit dem Bösen und des Lebens mit dem Tode hindurchgehende Entwicklung, sondern ein ruhiges Auswachsen zur Vollkommenheit ohne Hemmung und Rückschritt gewesen sein; und als Resultat dieses Werdens würde eine nicht bloß in Gott verwahrte, sondern auch in Gott gereifte, eine nicht bloß in der ursprünglichen Unschuld und Gerechtigkeit, sondern in voll entfalteter Heiligkeit stehende, eine die Erde nicht bloß bewohnende, sondern nach Gottes Willen beherrschende und dadurch heiligende Menschheit ein Reich der unter dem gegenwärtigen Gott in vollkommener Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit lebenden Menschen, eine heilige Menschheit auf einer heiligen Erde gewesen sein. Will also Gott durch sein Werk des Heils die Sünde und ihre Folgen aufheben und die Menschheit in ihren von ihm gewollten Stand wiederherstellen, so wird auch das Endresultat dieses Heilswerkes nur eine heilige Menschheit auf einer heiligen Erde sein können. Es würde nicht genügen, wenn das Heilswerk den Menschen nur so wiederherstellte, wie er aus der schaffenden Hand Gottes kam, sondern dasselbe wird auch den Schaden, den die Sünde in der Entfaltung des Menschen und der Menschheit angerichtet hat, wieder gut machen und damit endigen müssen, daß es die Menschheit so wiederherstellt, wie sie schließlich geworden sein würde, wenn die Sünde nie zwischeneingekommen wäre, als heilige Menschheit auf einer heiligen Erde. Dies Endresultat aber des Erlösungswerks ist bisher nach keiner Seite hin erschienen.

_ Zwar ist das Werk der Erlösung an sich vollbracht und fertig. Vorbereitet durch die ganze Reihe der Thaten und Worte, die Gott vom Paradiese her durch seine Knechte und Propheten bis auf den Täufer Johannes gethan und geredet hat, ist es von seinem lieben Sohne bei seiner Erscheinung im Fleische durch sein Leben und Leiden, Sterben und Auferstehen in ein für alle Mal gültiger, für Zeit und Ewigkeit wirksamer Weise vollbracht worden, so daß damit auch für das Alles, was die letzte Vollendung in sich begreift, der allein genügende Grund gelegt ist.  Auch hat Gott versehen und versieht täglich durch seinen zu seiner rechten Hand sitzenden Sohn und durch seinen heiligen Geist, daß die Kunde und die Kraft des von seinem Sohne vollbrachten Heils zu allen Menschen aller Völker, und alle Menschen aller Völker zu diesem Heil geführt werden. Aber selbst abgesehen davon, daß für jetzt noch keineswegs allen Menschen aller Völker auch nur die Kunde des Heils zugekommen ist, sehen wir sogar da, wo das Heilswort längst verkündigt ist, keineswegs dasselbe von Allen angenommen; vielmehr sehen wir noch allenthalben neben der gläubigen Gemeinde eine im Unglauben widerstrebende Welt fortbestehen; ja wir sehen auch fort und fort die gläubige Gemeinde selber und alle einzelnen Gläubigen in ihr täglich in sich selber mit dem Teufel, der Welt und dem eigenen Fleische im Kampfe liegen.  Von einer heiligen Menschheit auf einer heiligen Erde kann demnach noch nicht die Rede sein; vielmehr liegt zu Tage, daß das Heilswerk, obgleich es in der Welt bereitet und an sich für die Welt vollbracht ist, doch hinsichtlich dessen, was zur subjectiven Aneignung des Heils Seitens der Menschen und zu ihrer Erneuerung durch das Heil gehört, sich noch in der Entwicklung befindet. Gott hat nämlich, als der Mensch in Sünde gefallen war, in seiner erlösungswilligen Barmherzigkeit Abstand davon genommen, sofort die der Sünde natürliche Folge des Todes eintreten zu lassen und den Menschen und die entweihte, zwecklos gewordene Erde zu vernichten; aber er hat auch nicht durch einen Act…

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…schöpferischer Gewalt den sündig gewordenen Menschen wieder mit Einem Male in einen heiligen Menschen, die entweihte Erde wieder in ein Paradies umschaffen wollen; sondern sein Rath ist dahin gefallen, die Erlösung des Menschen unter Bewahrung der sittlichen Freiheit des Menschen zu erwirken.  Zu diesem Zwecke hat er auf der einen Seite den eigentlichen Tod, den zweiten Tod suspendirt, für jetzt nur den leiblichen Tod walten lassen, und dadurch das Fortbestehen, ja eine freilich im Kampfe mit dem Tode vor sich gehende Fortpflanzung und Verbreitung des Menschengeschlechts ermöglicht; auf der andern Seite hat er die Erde dem Menschen zwar zum Wohnort und Arbeitsfeld gelassen, aber dasselbe mit seinem Fluche beladen, welcher den Menschen seine sittliche Aufgabe nur unter Mühsal und Trübsal verfolgen läßt, durch beides aber hat er der Menschheit eine weltliche Entwickelung eröffnet. Dann aber hat er in diese Welt und Weltentwickelung sein Heilswerk hineingestellt und es in derselben verkündigen und wirken lassen so, daß die Menschen in sittlicher Freiheit des Heils im Glauben theilhaftig oder durch Unglauben verlustig werden, und durch Treue in der Heiligung zum Leben oder durch Untreue zum Tode reifen können und sollen. So ist die Geschichte der Menschheit dieser jetzt laufende sittliche Entwickelungsproceß geworden; ohne die Sünde wäre dieselbe eine reine und sichere Entfaltung gewesen, ohne das Heil wäre es zu einer Entfaltung menschlichen Lebens nach geschehenem Sündenfall gar nicht gekommen; da nun aber die Sünde und das Heil in der Welt vorhanden sind und auf die sittliche Freiheit des Menschen wirken, ist die Geschichte der Menschheit dieser in Gegensätzen, in dem Kampfe des Heils mit der Sünde und des Lebens mit dem Tode verlaufende sittliche Entwickelungsproceß, der den schließlichen Sieg des Heils über die Sünde und des Lebens über den Tod allerdings in sichere Aussicht stellt, aber dieses sein Ziel doch dermalen noch nicht erreicht hat.

Nicht einmal so weit ist es bisher gekommen, daß die Kunde vom Heil zu allen Menschen gelangt wäre, es erübrigt immer noch, daß die Kenntniß der Wahrheit zu allen Menschen komme. Selbst diejenigen Menschen, in denen durch das Wort im Glauben der Grund des Heils gelegt ist, stehen dermalen noch innerhalb der Entwickelung. Keiner unter ihnen kommt, so lange er in diesem schwachen und sterblichen Leben wandelt, aus dem Kampfe des in ihm gesetzten Heils mit der ihm angeborenen und immer noch anhängigen Adamsnatur heraus; für sie alle erübrigt die Vollendung in der persönlichen Gerechtigkeit und Heiligkeit.  Ja, sie Alle werden noch, ehe sie diese Vollendung erlangen, durch den zeitlichen Tod von dieser Welt abgefordert in den Zustand der Trennung ihrer Seele von ihrem Leibe geworfen; es erübrigt für sie Alle ihre Wiederherstellung zu einem in Leib und Seele vollkommenen Leben. Aehnlich wie um die einzelnen Gläubigen steht es um die Gesammtheit derselben, Sie bilden vermöge der Einheit ihres Heilands und der Gleichheit des in ihnen allen gesetzten Heilslebens wesentlich eine Gemeinschaft, aber diese Gemeinschaft ist bisher nach keiner Seite hin verwirklicht. Sie sollten sich in Betracht der Einheit ihres Hauptes und Herrn als Ein Volk und Haus Gottes darstellen, statt dessen sind sie, weil ihre geschichtliche Entwickelung noch durch Sünde und Irrthum getrübt ist, in eine Vielheit von Kirchengemeinschaften zertrennt; es erübrigt, daß wie Ein Hirt ist, auch Eine Heerde werde. Sie haben bis jetzt nur die Gnadengegenwart ihres Königs und Herrn; es erübrigt, daß derselbe auch sichtbarlich bei ihnen sei. Fort und fort scheiden die älteren Geschlechter der Gläubigen durch den Tod aus, so daß die eine Hälfte derselben im Diesseits, die andere im Jenseits sich befindet; es erübrigt, daß die diesseitige und jenseitige Gemeinde wieder zusammengefügt werden. Die Gläubigen sollten ihrer Gemeinschaft froh werden; statt dessen sind sie in alle Länder unter alle Völker zerstreut, und weil auch unter den günstigsten Verhältnissen unter vielen Berufenen nur Wenige auserwählt sind mit den Verächtern und Bösen gemischt und deren Verfolgungen ausgesetzt; es erübrigt, daß sie aus der Welt ausgeführt und von den Bösen abgesondert werden, um in Frieden sich selber zu leben. Die Gemeinde Gottes sollte vor allen Dingen heilig und unsträflich sein, sie hat aber wie alle ihre einzelnen Glieder die Sünde und den Irrthum noch fortwährend in sich; es erübrigt, daß sie ohne Flecken und Runzel werden. Und weil sie noch fortwährend mit der Sünde in der…

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… Welt und in sich selber zu kämpfen hat, bleibt sie auch noch fortwährend unter dem Kreuze; es erübrigt, daß sie auch von dem Uebe;l erlöst werde. Man kann alle diese einzelnen Momente in den Einen Satz zusammenfassen:  die Gemeinschaft der Erlösten ist schon jetzt die Eine, heilige, allgemeine; aber sie ist als solche nur dem Herrn bekannt, noch in Gott verborgen, noch nicht erschienen; es erübrigt, daß sie auch erscheine als das was sie ist. Auch die dem Heil widerstrebende Welt harrt noch ihrer Vollendung. Die das Heil im Unglauben Verwerfenden werden doch, so lange sie sich in diesem Weltlauf befinden, noch vielfältig durch die auch auf sie überfließenden Wirkungen des in der Welt wirksamen Heils getragen und vor dem Aeußersten bewahrt; es erübrigt, daß auch sie sich in ihrer bösen Art vollenden, und was ihre Thaten werth sind, empfangen. Auch der Kosmos, die natürliche Welt harren noch ihrer Vollendung.  Die kosmische Welt gehört dem Gott, der sie geschaffen hat; jetzt aber walten in derselben nicht bloß das Heil und die ihm gehorsamen Kinder Gottes, sondern auch die Sünde und ihre Knechte; es erübrigt, daß die Bösen gar aus der Welt hinausgethan werden. damit dieselbe ganz Gottes und seines Gesalbten werde. Die Creatur seufzt unter dem Dienste des vergänglichen Wesens; es erübrigt, daß auch sie theilhaftig werde der Freiheit der Kinder Gottes. Die Erde kann so, wie sie ist, nicht bleiben, wir wissen, daß die Sünde des Menschen auch auf seine Wohnstatt, die Erde, gewirkt hat, und wenn wir auch nicht übersehen, wie das geschehen ist und wie tief das gegriffen hat, so erkennen wir doch so Viel mit Sicherheit, daß diese Erde, die Menschenblut in Strömen getrunken hat von Abel her, die alle die Greuel eines sündigen Geschlechts gesehen hat, die vom Menschen verderbt ist, nimmermehr die Wohnstatt einer reinen und seligen Menschheit sein kann; es erübrigt eine neue Erde unter einem neuen Himmel. So Viel fehlt daran, daß das Endziel des göttlichen Heilsrathschlusses eine heilige Menschheit auf einer heiligen Erde bereits erreicht wäre.

Ja, es liegt zu Tage, daß dieses Ziel innerhalb des jetzigen Weltlaufs gar nicht erreicht werden kann. Es wäre vergeblich, zu hoffen, daß die Entwickelung, in welcher die Menschheit sich dermalen durch das von Christo bei seiner Erscheinung im Fleische vollbrachte Heilswerk befindet, je in ebenem Verlaufe dasjenige hervorbringen könnte, was an der schließlichen Vollendung laut Obigem noch fehlt.  Diese derzeitige Entwickelung kann nicht mehr leisten, als was sie jetzt leistet, die Verbreitung und Aneignung des in Christo vollbrachten Heils, weil sie eben hiezu bestimmt und auf nichts Anderes geordnet ist.  Die Vollendung der gläubigen Menschheit bedingt sich die Aufhebung der jetzigen Weltordnung, und das Eintreten einer neuen Weltordnung und die jetzige Ordnung der Dinge kann nicht im Wege der Entwickelung eine neue und andere werden. So lange die Gläubigen noch diese der Sünde und dem Tode unterworfene Adamsnatur in sich tragen, so lange die Gemeinde Jesu noch mit jedem ihr im Wege der natürlichen Fortpflanzung neu zuwachsenden Geschlechte ihre Arbeit an den Seelen immer auf’s Neue beginnen muß, welche Arbeit doch durch das Hinsterben jedes solchen Geschlechts wieder durchschnitten wird, so lange das Volk Gottes diese Welt noch mit den Ungläubigen, deren Zahl sich fortwährend aus jedem neu heranwachsenden Geschlechte erneuert, theilen und dem zu Folge seinen Weg durch Uebel, Kreuz und Kampf gehen muß, so lange diese Welt noch eine Welt der Sünde, des Uebels und des Todes ist, ist die Vollendung, sowohl die persönliche Vollendung der einzelnen Gläubigen als die Gesammtvollendung der Gemeinde Jesu zur heiligen und seligen Menschheit unmöglich. Alle diese die Vollendung verhindernden Dinge aber, Sünde, Uebel, Tod, Kreuz und Kampf, hebt keine Entwickelung auf; es ist contradictio in adjecto, wenn man sich denkt, daß Sünde, Uebel, Tod u. s. w. im Wege der Entwickelung aufgehoben werden könnten, denn da Entwickelung nichts Anderes ist als in den Gegensätzen von Heil und Sünde, Leben und Tod verlaufende geschichtliche Bewegung, bleiben Sünde, Tod u.s.w. nothwendig so lange, als Entwickelung stattfindet; nur eine Veränderung und Umwandlung dieser Welt und Weltordnung kann dieselben beseitigen, um für die Vollendung Raum zu schaffen.

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_ Demnach werden wir neue Gottesthaten erwarten müssen, die, nachdem der jetzige Weltlauf und die in demselben vor sich gehende Entwickelung den ihnen gesetzten Zweck der Verbreitung und Anbietung, Aneignung und Verwerfung des in Christo geschaffenen Heils erfüllt haben, die jetzige Weltordnung aufheben, eine andere begründen und dadurch der den Gläubigen Jesu, seinem Volke und Reiche gesetzten Vollendung Raum schaffen. Nicht solche Gottesthaten werden zu erwarten sein, die ein neues Heil, eine neue Erlösung schüfen, oder die in Christo Jesu bereitete noch vervollständigten.  In dieser Beziehung verbleibt es dabei, daß wir keines anderen Opfers für unsere Sünde weiter bedürfen, als des von Christo gebrachten, und sein „Es ist vollbracht“ (Johannes 19, 30) behält seine volle Geltung. Aber solcher Gottesthaten bedarf es, die den jetzigen Weltlauf und seine Ordnung aufheben und eine neue Ordnung der Dinge setzen, die Uebel und Tod beseitigen, die durch den Tod gewirkte Trennung der Leiber von den Seelen wieder aufheben, die Gemeinde Jesu aus dieser Welt ausführen, sie mit den ihr in dem Herrn Vorangegangenen wieder vereinigen, ihnen statt dieser Adamsnatur eine neue verklärte Natur schenken, sie von den Bösen gänzlich scheiden, den alten Himmel und die alte Erde vernichten, eine neue Welt schaffen, und die verklärten Seinen als neue heilige Menschheit auf dieselbe setzen, um durch dies Alles die Vollendung zu schaffen.  Weshalb denn auch diese Gottesthaten Wunderthaten, die derzeitige Naturordnung durchbrechende Thaten werden sein müssen.

_ Dies Alles würden wir erwarten, hoffen müssen, auch wenn uns gar Nichts besonders darüber gesagt wäre. Aus Allem, was die uns zu Theil gewordene göttliche Heilsoffenbarung als ihren Zweck ankündigt, aus Allem, was wir an Wirkungen des in Christo vollbrachten Heils an unserer Person und in unserem Leben erfahren, würden wir schließen müssen, daß uns, der Gemeinde Jesu und der Welt eine Vollendung, und zwar eine Vollendung, wie sie im Obigen beschrieben ist, bevorstehe.  Nun aber sind wir dieserhalb nicht bloß auf das Schließen und Hoffen angewiesen, sondern das Wort der göttlichen Offenbarung in heiliger Schrift hat uns auch hinreichend deutlich und bestimmt von dieser einstigen Vollendung geredet, sowohl von ihrem Bestande als von den Gottesthaten, welche sie anbahnen und ausführen sollen.  Sie hat es gethan, weil diese Vollendung uns nicht bloß ein Gegenstand unseres Hoffens und Sehnens sein soll, sondern das klar erkannte Ziel, nach welchem wir schon in diesem Leben uns schicken und strecken.

_ Der Inbegriff dessen aber, was uns die Heilsoffenbarung von der mit dem Schlusse dieses Weltlaufs der Gemeinde Jesu und den Gläubigen in ihr und der Welt mit ihr bevorstehenden Vollendung und von den Gottesthaten sagt, welche dieselbe bereiten, herbeiführen und aufrichten sollen, bildet den Inhalt der Eschatologie, und die dogmatische wissenschaftliche Bearbeitung dieses Inhalts ist die Eschatologie. Wie die Theologie und Christologie von dem Urheber und Werk des Heils, die Anthropologie von dem Gegenstand des Heils, die Soteriologie von der Aneignung des Heils redet, so redet die Eschatologie von der Vollendung (nicht des Heils, sondern im Heil) und bildet den letzten Theil der christlichen Glaubenslehre.

_ Aus diesem Begriff der Eschatologie aber ergiebt sich ihr Zweck. Gott hat der Christenheit die Endesweissagungen gegeben, damit sie auf diese fernzukünftigen Gottesthaten und auf das, was dieselben ihr und der Welt abschließend bringen werden, allezeit hinausschaue als zu dem Ziel, dem sie entgegen leben und streben soll, um dieser Hoffnung in ihrem gegenwärtigen Gange durch die Welt und Kampf mit der Welt sich zu getrösten und zu warten. Die Eschatologie aber soll an diesem Theile des Wortes Gottes leisten, was die Dogmatik am Ganzen desselben thun soll, nämlich seinen Inhalt wissenschaftlich feststellen, um der Christenheit ihre darin beschlossene Hoffnung rein und unverkürzt zu bewahren und voll zu erschließen.

Quelle:

Christliche Eschatologie. Von Dr. Th. Kliefoth, Geheimem Oberkirchenrath in Schwerin. Leipzig, Verlag von Dörffling & Franke. 1886. S. 1-5. (Digitalisat)

Übersicht: EinleitungInhaltsverzeichnis
Weiter mit § 2: Quellen der Eschatologie

Schriftstellen

Es wird aber des HERRN Tag kommen wie ein Dieb in der Nacht, an welchem die Himmel zergehen werden mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden verbrennen. (2. Petrus 3, 10)

Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (1. Mose 3, 15)

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. (1. Mose 1, 28)

…wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe; (Epheser 1, 4)

Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied. (Johannes 19, 30)

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Überblick über einige Ereignisse, die wir erwarten dürfen. Von Helmut Mehringer.
(Poster im pdf-Format – Lizenzierung: CC-BY-NC-SA 3.0)

Überblick: Auferstehung und Gerichte. Von Helmut Mehringer.
(Poster im pdf-Format – Lizenzierung: CC-BY-NC-SA 3.0)

Stichworte: EschatologieDie letzten DingeWeltgerichtZeichen der Zeit


Eingestellt am 12. Dezember 2025 – Letzte Überarbeitung am 15. Januar 2026