§ 2: Quellen der Eschatologie.

Schon mit dem Begriffe der Eschatologie, wie er sich im Obigen gestellt hat, ist es gegeben, daß uns die Quelle derselben nur die heilige Schrift sein kann. Gott hat, was er zur Erlösung der Menschheit zu thun und wie er diesen Rathschluß auszuführen gedenkt, durch Worte und Thaten offenbart und diese Offenbarung niedergelegt in der heiligen Schrift, die also, wie sie allein uns recht und richtig von dem Inhalt und der bisherigen Ausführung des göttlichen Erlösungsrathschlusses zeugt, auch von der schließlichen Vollendung desselben rechte Kunde geben wird und kann. Was Gott thun will und thun wird, um die Gemeinde Jesu und die Gläubigen in ihr und die Welt mit ihr zur Vollendung zu führen, können wir nicht anders wissen als durch Gottes Heilsoffenbarung, deren Urkunde die heilige Schrift ist.

Man hat sich vielfach in alten und in neuen Zeiten auch nach anderen Quellen umgesehen, und zwar nach sehr verschiedenen, je nach den verschiedenen zur Eschatologie gehörenden Fragen und Problemen.

Für die Frage nach der persönlichen Fortdauer des einzelnen Menschen hat man die Philosophie zu Hülfe genommen; man hat die sogenannte Unsterblichkeit der Seele philosophisch zu beweisen gesucht. Aber das Resultat ist auch nur das jetzt wohl ziemlich allgemeine Einverständniß gewesen, daß diese sogenannten philosophischen Beweise nicht einmal darüber, ob die Seele des Menschen nach dem Tode mit Persönlichkeit fortdauern wird, Gewißheit geben, ja daß, selbst wenn sie hierüber Gewißheit gäben, doch damit noch sehr wenig gewonnen wäre, weil sie jeden Falls über die Zustände, denen nach dem Tode die fortlebende Seele entgegengeht, keinen Aufschluß zu geben vermögen.

Man hat weiter bei der Frage nach den Zuständen, in welchen, und nach den Lebensbedingungen, unter welchen, und nach den Orten, an welchen die Seelen der Abgeschiedenen fortleben, die Geistererscheinungen, die Zustände des magnetischen Schlafs und der Somnambulen, die mancherlei Mirakel der Mantik von der mystischen Extase an bis zum Tischklopfen, die Resultate der psychologischen und physiologischen Beobachtung des Schlafs und Wachens und dergleichen mehr zu Rathe gezogen. Schon Tertullian sucht, was er an den somnambülen Zuständen seiner montanistischen Prophetinnen beobachtet haben will, zu verwerthen.  Gregor der Große stützt sein Fegefeuer mehr auf die Aussagen wiedererschienener Geister als auf die Schrift, und der wahrhaft excessive Gebrauch, der in neuerer Zeit von diesen Dingen für eine angebliche Aufhellung der Dunkelheiten des Jenseits gemacht ist, liegt in einer Menge von Schriften zu Tage. Da würde es nun gewiß ganz unrichtig sein, wenn man sich zu diesem ganzen Gebiete rein skeptisch stellen und Alles, was auf demselben erlebt und beobachtet sein will, kurzweg auf Täuschung und Erfindung zurückführen wollte. Da man nicht beweisen kann, daß Geistererscheinungen unmöglich seien, wird man auch die zahllosen Zeugen, die dergleichen gesehen haben wollen, nicht ohne Weiteres Lügen strafen dürfen, und noch weniger wird man die Erscheinungen des Hellsehens u. s. w. einfach für Betrug erklären können.  Wenn es indessen weiter auf die Würdigung und Verwerthung dieser Beobachtungen ankommt, so wollen wir zwar kein Gewicht darauf legen, daß sich Manches auf diesen Gebieten sichtlich sehr nahe mit dem Dämonischen, mit dem Reich der Finsterniß berührt, wo nicht die Wahrheit, sondern Irrthum und Lüge zu Hause, und selbst dem Beobachter gefährlich sind.

Aber das wird man behaupten dürfen und festhalten müssen, daß die Beobachtung es auf diesen Gebieten noch zu gar keinen einiger Maaßen gesicherten Ergebnissen der Erkenntniß gebracht habe. Alle die vielen behaupteten Wiedererscheinungen Verstorbener sind doch so unsicher, haltlos und nebelhaft, daß auf ihrem Grunde nicht einmal die Frage, ob die Geister der Verstorbenen fortexistiren, auszumachen steht. Eben so wenig haben die Beobachtungen der Zustände Hellsehender bisher irgend welche sichere Resultate geliefert. Dazu kommt. was man nie überschen sollte. daß diese somnambülen und damit verwandten Zustände sichtlich krankhafte Zustände der totalsten Zerrüttung und Verkehrung des Natürlichen sind, die also gar nicht einmal berechtigen, aus ihnen auf das zu schließen, was natürlich und…

Kliefoth, Christliche Eschatologie.

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…gesund ist. Das Einzige auf diesem ganzen Gebiete, dem eine Beachtung zukommt, sind die psychologischen und physiologischen Beobachtungen des Schlafens und Wachens, des Schlafwachens, des Traums und der verwandten natürlichen Zustände, denen aber doch auch eine Bedeutung nur für eine Frage zukommt, welche für die Eschatologie nur eine Vorfrage ist, nämlich die Frage: ob der Seele des Menschen ein selbständiges Leben gegenüber seinem leiblichen Leben zukomme?c So wird das Weiteste, was man zugeben kann, das sein, daß die Eschatologie die Beobachtungen auf diesen Gebieten erst dann, wenn sie es zu irgend sicheren Resultaten gebracht haben werden, zu verwerthen haben, bis dahin aber sich ihrer besser entschlagen werde, um nicht durch sie zu irrigen Annahmen verleitet zu werden. Wie denn die Kirchen- und Dogmengeschichte beweist, daß, wo man für die Eschatologie aus den in Rede stehenden trüben Quellen zu schöpfen versucht hat, nur empfindliche Trübung der christlichen Lehre die Folge gewesen ist.

_ Noch weiter hat man namentlich da, wo die Eschatologie von einer endlichen Vernichtung dieser Welt und Erde redet, Aushülfe bei den Ergebnissen der in neuerer Zeit allerdings sehr gepflegten naturwissenschaftlichen, kosmologischen, geologischen Forschungen gesucht.  Man hat herausgebracht, wie es in der dermaligen Beschaffenheit des Erdkörpers gegeben sei, daß derselbe mit der Zeit entweder in Feuer verbrennen oder im Wasser ersaufen oder in Kälte vereisen oder in Hize verdorren oder durch Erdbeben zersprengt werden müsse 1);  man hat sogar die Zahl der Jahre berechnet, in welchen, wenn das Leben der Erde in seinem jetzigen Laufe bleibe, das Eine oder das Andere eintreten und der Erde ein Ende machen müsse, Aber es liegt auf der Hand, daß das Alles für die Frage der Eschatologie nicht das Mindeste austrägt.  Angenommen, selbst daß alle jene Annahmen und Berechnungen zweifellos richtig wären, folgt denn irgendwie, daß Alles so verlaufen und sich vollenden müsse, wie es im dermaligen Laufe der Natur der Erde angelegt erscheint?  Kann nicht Gott, wenn er die Erde vorher vernichten will, ein Anderes und Unvorhergesehenes zwischen eintreten lassen, was der Erde ein plötzliches Ende macht, ehe noch der angelegte Proceß des Verbrennens oder Ertrinkens zu Ende gediehen ist? Oder könnte nicht Gott umgekehrt, wenn er die Erde länger und für immer erhalten wollte, zu seiner Zeit bisher unbekannte entgegengesetzte Factoren wirksam werden lassen, die den Proceß des Vereisens oder Verdorrens aufhalten? Gewiß eben so gut als er diesen Mann, dessen starke Constitution auf noch fünfzig weitere Jahre angelegt ist, durch einen Blitzschlag plötzlich töten und jenen Mann, der vermöge seines Herzübels jede Minute sterben könnte, doch noch fünfzig Jahre erhalten kann. Diese naturwissenschaftlichen Speculationen über Dauer und Ende der Erde beruhen auf einer Grundanschauung, die den lebendigen Gott und sein freies Walten außer Rechnung setzt und annimmt, daß die Natur sich lediglich aus den ihr innewohnenden Gesetzen heraus bewege, und diese nicht christliche Grundanschauung führt man in die Eschatologie ein, wenn man solche Ergebnisse der Kosmologie u. s. w. für sie auch nur aushülfsweise herbeizieht.

_ Endlich hat man auch die Sagen und Mythen der heidnischen Völker, namentlich der alten Völker, der Zendvölker*), Inder, Egypter, Griechen, Germanen herbeigezogen. Ausgehend von dem Gedanken, daß in diesen Sagen die gebrochenen Strahlen des Lichts einer reineren Uroffenbarung erschienen, hat man darauf hingewiesen, daß, wenn die heilige Schrift vom Hades, von Himmel und Hölle, von einer Auferstehung und einem Weltgericht, von einem Ende dieser Welt und einer neuen Welt zu sagen weiß, auch diese Mythen und Sagen von ähnlichen Dingen zu berichten wissen, und so sehr hat man sich von der vermeintlich hier bestehenden Uebereinstimmung hinnehmen lassen, daß man in mehr als einer Richtung die betreffenden Völkersagen geradezu benutzt hat, um daraus die betreffenden Aussagen der heiligen Schrift zu erklären. Es ist bekannt, daß der Rationalismus bis auf den heutigen Tag die Weissagung der heiligen Schrift von einer…

1)  Vgl. Clausius über den zweiten Satz der mechanischen Wärmetheorie. Braunschw. 1867; Helmholtz: populäre wissenschaftliche Vorträge, II. 116ff.; Carneri: Sittlichkeit und Darwinismus, S. 383ff; Bratkel: Seele, Unsterblichkeit, Weltansang und Weltende, S. 29ff; Spiller, populäre Kosmogonie, S. 503; Quenstedt: Klar und Wahr, S. 279. Und Andere.
*) Zend-Völker: die Bewohner der Landschaft Persis im südl. Iran mit den Hauptstädten Pasargadai (Grabmal des Kyros) und Persepolis (in der Nähe Felsengrabmal des Dareios); im weiteren Sinne alle, die dem großen Perserreiche angehören. (n. Prof. A. Fritsch: Herodotus, Buch I-IV)

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…demnächstigen Auferstehung aus der Parsisage herleitet; und in umgekehrter Richtung möchte z. B. Lütkemüller 1) aus der nordischen Edda beweisen, daß die heilige Schrift ein Fegefeuer lehre. Man wird aber hierin nur eine schwere Verirrung erkennen können. Einen solchen Gebrauch von den betreffenden Volkssagen zu machen, wäre selbst dann unstatthaft, wenn die Annahme richtig wäre, daß in denselben die gebrochenen Strahlen einer Uroffenbarung erschienen, deren volles Licht uns aus der heiligen Schrift entgegen strahlte.  Denn selbst dann würde es doch immer so stehen, daß das Gebrochene aus dem Vollen, daß die mythologischen Elemente jener Völkersagen aus den Weissagungen der heiligen Schrift bestätigt und erklärt werden könnten und müßten, aber nicht umgekehrt. Jene Völkersagen könnten dann wohl allerlei Stoff zu interessanten Vergleichungen darbieten, aber nimmermehr für die Aufhellung und Bestätigung der Schriftaussagen verwerthet werden. Aber nicht einmal jene Annahme ist richtig. Jene heidnischen Mythen und Sagen sind integrirende Bestandtheile der heidnischen, durchweg auf pantheistischer Grundlage beruhenden Naturreligionen, und die Aehnlichkeit zwischen dem, was in ihnen und zwischen dem, was in der heiligen Schrift über die letzten Dinge ausgesagt wird, ist nur eine scheinbare, besteht mehr in den Worten als in den Sachen. Was z. B. die Parsisage unter Auferstehung versteht, ist näher besehen etwas ganz Anderes, als was die heilige Schrift darüber weissagt. Wäre man mit mehr Kritik, mit mehr Einsicht in das Wesen der Naturreligionen verfahren, so würde man zu solcher Vergleichung ihrer eschatologischen Mythen mit den Weissagungen der heiligen Schrift über die letzten Dinge gar nicht gekommen sein; und daß man durch Unkritik und Mangel an Verständniß doch dazu gekommen ist, hat die Einsicht in die Weissagungen der Schrift von den letzten Dingen nicht gefördert, vielmehr dazu beigetragen, den Sinn derselben der Mißdeutung und sie selbst den Angriffen des Unglaubens preiszugeben.

Es liegt überhaupt zu Tage, daß aus allen diesen anderweitigen Quellen für die Erkenntniß der letzten Dinge Nichts gewonnen werden kann. Bei ihnen allen liegt schließlich die Annahme im Hintergrunde, daß man aus dem. was jetzt und hier ist, schließen könne auf das, was drüben und künftig sein wird; und diese Annahme trifft nicht zu. Die Eschatologie hat es mit Dingen zu thun, die zu einem Theil (wie Auferstehung, Weltgericht, Weltende, neue Welt) in der Zukunft, in dem Jenseits der Zeit liegen, und die zum anderen Theil (wie Todeszustand, Zwischenzustand) zwar schon jetzt sind, aber einer anderen Welt, dem Jenseits des Raumes angehören.  Und zwischen dem Diesseits und Jenseits besteht kein solches Verhältniß, daß man ohne Weiteres aus dem Diesseits auf das Jenseits schließen, dieses aus jenem verstehen und erklären könnte. Was bis jetzt hier war und ist, ist in den Bereich der menschlichen Erfahrung gegeben, nicht aber das, was drüben ist und künftig sein wird. Philosophie, Psychologie, Naturwissenschaften, geschichtliche Forschung mögen verstehen, was hier war und ist. Aber wenn wir auf Grund solcher Erkenntniß des Diesseits uns eine der diesseitigen analoge jenseitige Welt vorstellig machen wollen, so würde doch dafür, daß eine solche jenseitige Welt existire, jede Gewähr, weil jede erfahrungsmäßige Kunde fehlen, da, wie wir gesehen haben, die Erscheinungen und Zeugnisse Verstorbener keine Sicherheit bieten. Oder wenn wir, die wir in keiner Beziehung das Morgen kennen, aus dem, was Welt und Gottes Reich bis heute waren und sind, den Schluß ziehen wollten, daß Welt und Gottes Reich vermöge ihres bisherigen Verlaufes und vermöge der in diesem Verlaufe bisher wirksam gewesenen Gesetze so und so fortgehen und endigen und zu ihrer Vollendung kommen müßten, so würde doch diesem Schlusse alle Beweiskraft fehlen, da nicht ohne Weiteres feststeht, ob Gott dieselben in dem bisher eingehaltenen Gange und nach den bisher in ihnen wirksam gewesenen Gesehen der Entwickelung zu Ende führen will, ob er nicht neue Factoren in ihre Entwickelung einzuführenm ob er nicht durch neue eingreifende Thaten ihr Ende herbei zu führen vorhat. Ob Gott für uns, wenn wir scheiden, eine jenseitige Welt in Bereit schaft hat und wie diese Welt beschaffen sein wird? ob und wie und wozu und durch…

1) Ludwig Paul Wieland Lütkemüller, Unser Zustand von dem Tode bis zur Auferstehung, Leipzig 1852. [online lesen]

[wird fortgesetzt]

Quelle:

Christliche Eschatologie. Von Dr. Th. Kliefoth, Geheimem Oberkirchenrath in Schwerin. Leipzig, Verlag von Dörffling & Franke. 1886. S. 6-8. (Digitalisat)

Übersicht: EinleitungInhaltsverzeichnis
Weiter mit § 3: Zur Geschichte der Eschatologie

Überblick über einige Ereignisse, die wir erwarten dürfen. Von Helmut Mehringer.
(Poster im pdf-Format – Lizenzierung: CC-BY-NC-SA 3.0)

Überblick: Auferstehung und Gerichte. Von Helmut Mehringer.
(Poster im pdf-Format – Lizenzierung: CC-BY-NC-SA 3.0)

Stichworte: EschatologieDie letzten DingeWeltgerichtZeichen der Zeit


Eingestellt am 13. Dezember 2025 – Letzte Überarbeitung am 15. Januar 2026