2. Der Antichrist und sein Prophet (Offb. 12, 18 – 13, 18)

(12, 18) Und ich stellte 20) mich an den Sand (d. h. Strand) des Meeres (13, 1), und ich sah aus dem Meere eine Bestie, auf steigen welche 10 Hörner und 7 Köpfe hatte und an den Hörnern 10 Diademe und an seinen Köpfen lästerliche Namen 21) (angeschrieben). (v. 2) Und die Bestie, die ich sah, war einem Panther ähnlich, und ihre Füße waren wie die eines Bären, und ihr Maul wie das Maul eines Löwen 21a). Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht (v. 3) und einen seiner Köpfe 22)

Wer Verstand hat, der zähle die Zahl der Bestie; denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist 666. (Offenbarung 13, 18)

Die ziemlich verbreitete LA ἐστάθη in c. 12, 18 (s. oben S. 445 A 20), neben welcher Hort (1881) I, 522; II, 138 die gut genug bezeugte LA ἐστάθην nicht einmal einer Erwähnung wert fand, wäre eine sonderbare Einleitung der c. 13, 1 (καὶ εἶδον) beginnenden und ununterbrochen bis 13, 10 fortlaufenden Beschreibung eines neuen visionären Erlebnisses des Jo[hannes].  Denn in dieser ganzen Scene werden zwar verschiedene Handlungen des Drachen erwähnt, wie die Übertragung seiner Herrschergewalt auf das aus dem Meere emporsteigende andere Tier, die Verähnlichung desselben mit dem geschlachteten Lamm Christus, welches von einer tödlichen Wunde getroffen wird, die nicht hindert daß es wieder lebendig wird (v. 2 ff. 11 ff.).  Aber schlechterdings nichts wird erwähnt, was den Drachen hätte veranlassen können, an den Strand des Meeres sich zu stellen, um es zu sehen oder überhaupt etwas von ihm zu erfahren, da er ja selbst dies alles geplant und ins Werk gesetzt hat oder setzen wird.  Um so nötiger war es für Jo; denn bei aller Anknüpfung an die Weissagung des Buches Daniel und an die darauf aufgebaute Weissagung Jesu und die gemeinapostolische Weissagung vom Antichrist erfuhr er in ekstatischem Zustand und durch ihn die Christenheit bei Lesung der Ap. sehr viel Neues und Wichtiges. Zugleich aber brachte Jo dadurch zu anschaulicher Darstellung, durch welche Mittel und auf welchem Wege Satan seinen dritten und letzten Kriegsplan gegen die Gemeinde der Heiligen (c. 12, 17) zur Ausführung bringen werde. Bis dahin war geschildert, was Satan in eigener Person verübt; von c. 12, 18 13, 18 wird geschildert, daß und wie er sich menschlicher Werkzeuge zur Erreichung seiner Zwecke bedienen wird, um humaner zu erscheinen und dadurch alles, was Mensch heißt, um so leichter zu betrügen. Das ἐστάθην ἐπὶ τὴν ἄμμον τῆς θαλάσσης 12, 18 ist nicht anders zu verstehen wie das c. 8, 3 von einem Engel gesagte ἦλθεν καὶ ἐστάθη ἐπὶ τὸ θυσιαστήριον (ν. l. τοῦ θυσιαστηρίου).

Während Jo bis dahin den am Himmel und auf der Erde und zwischen Himmel und Erde seinem Auge sich darbietenden Gegenständen und Vorgängen zugewendet gestanden hat, erblickt er nun zum ersten Mal ein Stück Meer und tritt an den Strand desselben heran 27). Unter dem Sand des Meeres ist selbstverständlich nicht der mehr oder weniger tief unter dem Wasserspiegel des Meeres liegende Sand zu verstehen, welchen ein Taucher oder ein Ertrinkender erreichen mag, sondern der sandige Strand, auf welchem stehend oder auf- und abgehend der Städter oder Landbewohner den Ausblick auf das freie Meer genießt 28). Daß das Meer hier wie von alters her 29) ein Bild der auf die Vernichtung der Gemeinde Gottes bedachten heidnischen Völkerwelt ist, beweist schon die in 13, 1─8 immer deutlicher zu Tage tretende Anlehnung an die Vision von den auf einander folgenden vier Weltreichen und deren letztem Angriff auf die Gemeinde Gottes in Dan. 7, 1─8 samt der weiteren Ausführung und Deutung in Dan 7, 9─27. Denn nach Dan. 7, 2ff. sieht der dort redende Prophet in einer nächtlichen Vision aus dem großen Meere, d. h. aus dem die von Menschen bewohnte Erde umgebenden Weltmeere, welches durch die aus den vier Himmelsrichtungen gleichzeitig losbrechenden und gegen ein ander anstürmenden Winde aufgepeitscht wird, nach einander vier von einander verschiedene Tiere heraufsteigen. Dies sind vier in der Weltherrschaft auf einander folgende heidnische Völker und Staaten. Das erste gleicht einem Löwen, hat aber Flügel wie ein Adler 30), die ihm jedoch wieder weggenommen werden, so daß es wie ein Mensch auf seinen Füßen steht und überhaupt in seinem Dichten und Trachten ein menschliches Wesen annimmt (cf Gen. 6, 4; 8, 21).  Das zweite Tier gleicht einem Bären, der mit seinem großen Gebiß Knochen der geraubten Tiere zermalmt und ihr Fleisch frißt, das dritte einem Leoparden oder Panther 31). Das vierte Tier ist ein so greuliches Wesen, daß es mit keiner einzelnen Tiergattung verglichen werden kann. Das ebenso wie diese vier Tiere der danielischen Vision aus dem Meere, also der heidnischen Völkerwelt aufsteigende erste Tier (Ap 13, 1─10) gleicht nach dem Gesamteindruck, den es auf Jo macht, einem Leoparden oder Panther, entspricht also dem dritten danielischen Tier.

Quelle:

Kommentar zum Neuen Testament, unter Mitwirkung von Prof. D. Ph. Bachmann in Erlangen, Prof. D. Dr. P. Ewald in Erlangen, Studienrat Lic. Fr. Hauck in Erlangen, Prof. D. E. Riggenbach in Basel, Prof. D. G. Wohlenberg in Erlangen, herausgegeben von D. Dr. Theodor Zahn, Professor der Theologie in Erlangen.
Band XVIII: Die Offenbarung des Johannes, ausgelegt von Theodor Zahn. Erste bis dritte Auflage. Leipzig und Erlangen. A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl, 1926. [Zweite Hälfte, Kap. 6-22, S. 445+448; Digitalisat]


Eingestellt am 4. März 2026